-
S
231
haus Großfalze bei Schönebeck an der Elbe, nachdem man ihm in Magdeburg beim„ Dalfen" erwischt hatte. Die Höllenpein der Winde" hat den armen Kerl völlig auf den Hund gebracht. Seit feiner Entlassung von dort war er total nervös. Das zeigt auch die Schilderung seines Abganges von Großfalze. Er schreibt darüber: " Frei! Endlich war ich frei! Das erste war, diese Schmach hinunterzuspülen. Ich foff den ersten Fusel den zweiten den dritten und foff noch mehr. Dann ging ich die Straße nach Magdeburg . Einen Haß im Herzen gegen die verfluchte Polizei, einen Haß gegen die Menschheit und gegen mich selbst." Wieder unternahm er seine Wanderfahrten. Sein Weg führte ihn nach Bayern , Württemberg , Baden , die Rheinpfalz, Hessen , Thüringen , Sachsen und Desterreich. In Wien kehrte er um und wandte sich nach München .
In Berlin schrieb Schuchardt einen Teil seiner Erlebnisse nieder. Der Metallarbeiterverband, Hans Ostwald und der Frank furter Professor Philipp Stein vom Institut für Gemeinwohl" haben ihn während jener Zeit über Wasser gehalten. Es waren vielleicht die schönsten Tage seines Lebens. Doch auch sie konnte er nicht mehr aushalten. Er wurde durch die geistige Tätigkeit noch aufgeregter.
Jahrelang hatte er den Wunsch gehegt, in einem GewerkschaftsHause als Hausdiener sein Leben zu fristen. In Dortmund wurde ihm dieser Wunsch erfüllt. Die dortigen Genossen stellten ihn als selchen ein. Doch auch dieser Versuch schlug fehl. Nach einem Monat schon zog er von dannen. Im November 1909 erhielt ich in Lübeck Schuchardts letzten Besuch. Um die Jahreswende kam noch eine Neujahrskarte aus Berlin . Das war sein letztes Lebenszeichen. Später hörte ich von Bekannten, daß sie ihn am 18. März noch auf dem Friedhofe der Märzgefallenen im Friedrichshain gesehen hatten. Seitdem blieb Schuchardt verschollen. Ich vermutete ihn in einer Jrrenanstalt. Erst vor wenigen Tagen habe ich er fahren, daß er am 31. März 1910 gestorben ist. Wie er endete, ist mir.indes nicht bekannt geworden. Ob er hinter einem Zaun an der Vergiftung durch Methylalkohol seinen letzten Seufzer aushauchte, oder ob man seine Leiche aus dem Landwehrkanal fischte, wer weiß es? Nur so viel erfuhr ich, daß vom Metallarbeiterverband 75 M. Sterbegeld ausgezahlt worden sind.
Schuchardts Briefe an dieser Stelle zu veröffentlichen, ist unmöglich. Sie würden ein Buch füllen. Ich muß mich auf einige Auszüge und Sentenzen beschränken.
**
.. Ein Glück, daß ich das Fichtelgebirge hinter mir habe. Nichts als verschneite Wege. Dazu Tauwetter. Meine Füße kommen mir vor wie ein in einer Siste gefangener Walfisch. Seit drei Tagen laufe ich permanent im Wasser. Es ist zum Verzweifeln. Alles Bruch, Talles u. Comp...
... In dieser herrlichen Gegend herrscht das größte Proletarierelend. Den armen Leuten liest man die heilige Not von der Stirn ab. Für die paßt das ultramontane Kochrezept a la Size: Man taufe einen Schinkenknochen und Botaden( Kartoffeln), das gibt eine Mahlzeit. Frühstück und Abendbrot denkt man sich. Die Miete wohnt man ab. Bier braucht der Arbeiter nicht zu trinken. Dte Ochsen saufen auch Wasser und werden groß und start davon. Zigarren find Lurus. Die Herren von der Braupfanne sind hier elend daran, und die Tabatarbeiter müssen hier zugrunde gehen. Und da sagen die Moralphilosophen, es gibt keine Berelendungstheorie. Nun dann gibt es eben eine Verelendungspraxis.
Das widerliche Gespenst der Eristenzlosigkeit grinft in diesem Winter in Leipzig aus allen Ecken und Enden. Scharenweise durchziehen Arbeitslose die Stadt. Dabei herrscht Hundefälte. Mir wird manchmal vor mir selbst übel. Nur mein Humor hält mich noch am Leben. Derjenige Mensch, der sich für schlechter hält als er ist, befitt Selbsterkenntnis; der kann sich immer noch bessern. Bei mir wird das die höchste Zeit. Wenn ich nicht alles versoffen hätte, brauchte ich nicht fechten zu gehen." Solche und ähnliche Nedensarten hört man von den gemietlichen sächsischen Spießern. Die Arbeiter in Leipzig sind gut. Wer etwas von ihnen hat, gibt etwas. Wer nichts hat, kann nichts geben. Gestern gab mir eine Frau statt einen Pfennig ein Zehnmarkstüd. Ich gab es ihr zurüd und erhielt als Lohn sieben Pfennige...
-
-
-
... Mit der Kaninchenzucht fängt das Glend an. Tann braucht man Hunde und Kazen aur Wolfsernährung. Und Kartoffeln in der Früh, des Mittags in der Brüh, des bends mit samt dem Kleid, Kartoffeln in alle Ewigkeit. Amen! ... Ich hatte unterlassen, der Fabriffrankenkasse( Ansbach )] mitzuteilen, daß ich noch der Hamburger Tischlerfrankentasse an gehöre. Dafür hat sie mich mit 20 M. bestraft. Das schlägt dem Faß den Boden aus. Ich habe gekündigt und den Herren meine Meinung gesagt. Wenn ich Chef gewesen wäre, so hätte ich mich nobel gezeigt, dem Schuchardt 38,60 m. für 14 Tage Lohn auf den Tisch gelegt und den gemeingefährlichen Menschen zum ZuchtHaus- pardon Tempel hinausgeworfen. Dann hätte ich trob meines schweren Dalles gesagt: Alle Achtung, der Herr Chef ist ein charaktervoller Mensch. So aber ist er ein Egoist, der mich noch 14 Tage auspressen will. Ja, jal Gescheite Leute sind das beste Konversationslexikon. Ohne Egoismus fann die Welt nicht exis stieren. Auch das Solidaritätsgefühl ist Egoismus. Dafür ein Beispiel: Du arbeitest in einer Fabrik für guten Lohn. Da wird Deinem Kollegen ein Abzug gemacht. Du wirst nicht betroffen. Was denkst Du da? Dein erster Gedanke wird sein: Meinent Kollegen wird der Lohn gekürzt. Was man ihm heute tut, trifft morgen mich. Als praktischer Mensch trittst Du für Deinen Kol legen ein, um Dich nicht selbst zu prellen. Ergo ist Solidarität auch ein Stück Egoismus.
Der Kapitalismus gleicht dem Schneeball, der sich von dem Gletscher loslöst, durch das Rollen zur Lawine wird, um schließlich alles im Tale und sich selbst zu vernichten..
Was ist ethische Kultur? Die Anerkennung, daß alle Individuen gleichberechtigt sind die Freuden dieser Erde zu teilen und zu genießen. Was ist ein Vagabund? Ein ausgestoßenes Mitglied der menschlichen Gesellschaft, dem wirklich Arbeitsscheue nachsagen, der Lump will nicht arbeiten...
.. Was ist Wohltat? Wenn jemand das Lezte teilt und dann selbst entbehrt. Von Rechts wegen gibt es keine Wohltat. Wenn jedermann sein Recht auf Existenz forderte, könnte von Wohltat feine Rede sein. Ich habe ein Recht zu leben und fordere alle Arbeitsbrüder auf, dieses Recht zum Gesetz zu machen...
... In der Schule wird gelehrt: Du sollst Vater und Mutter ehren. Und dann muß der Lehrer sagen: Sozialdemokraten sind böse Menschen. Gar mancher Millionär betet: Herr, erlöse uns von dem lebell Der gute Mann scheint nicht daran zu denken, daß ex selbst zu den Uebeln gehört.
Wer war der größte Räuber im letzten Viertel des 19. Jahr. hunderts? Morgan. Der Mann stahl in diesen Jahren mehr als 1000 Millionen Dollar auf indirektem Wege.
.: Die Magerfeit des Plebejers ist der Gradmesser, an dem der Patrizier sein Kapital mißt.... Das allergrößte Uebel ist die Dummheit, und jeder Vers nichtungskampf ist fast erfolglos, denn die Dummheit scheint una sterbiich zu sein. Die Profitrate läßt kein Mitleid mit den Menschen auf
fommen. Das Geld, der Himmel und die Hölle auf Erden bricht selbst in den gewütvollsten Charakteren jedes menschliche Gefühl... Jm Gothaer Schloßpark stand ein kleines Häuschen, in dem Ernst II. viele glückliche Stunden mit einer Tochter des Volkes erlebte. Jetzt ist aus diesem Liebestempel eine Kapelle geworden. Es geht also auch manchem Haus wie den Menschen. Junges Freudenmädchen, alte Betschwester.
Die Hoffnung ist ein Seil, an dem sich mancher zu Tode zieht, viel langsamer als durch eine einfache Strangulation Charakter
Auf Alligatorenreue pfeife ich. Der Schuchardt hat
Jetzt habe ich 24 Augelschleifmühlen zu bedienen. Alle 15 Minuten muß jede Mühle mit Schmirgelschlamm gefüllt wer den, damit die Kugeln nicht trocken laufen. Der Delmorast und Gestank ist nicht zu beschreiben. Ich schäme mich, meine Wäsche zur Waschfrau zu bringen. Die Arbeit ist so hastig, daß ich nervös bin bis zur fleinen Zehenspize. Dantes Hölle ist das reine Paradies dagegen. Lieber den Todesritt auf Schusters Rappen... Mir ist das ganze Jammerleben hier in Schweinfurt ein In anderen Briefen zeigte sich Schuchardt als guter Literaturriesiger Efel. Arbeiten und fein Heim haben. Lieber verrecken. und Musikkenner. Der Raum ist zu beschränkt, um hier darauf Man hat nur das Wirtschaftsleben. Saufen Saufen und noch weiter einzugehen. Vor allem fchwärmte er für Richard Wagner . mals Saufen. Das ist aber auch alles. Ich habe es fatt. Die Ergreifend lieft sich ein Brief, in dem Schuchardt schildert, wie er Arbeitsverhältnisse sind hier unter dem Hund. Die verfluchte in Bayreuth vor dem Wagner Festspielhause steht, die Künstler Affordschinafelei hat mich ganz verrückt gemacht. Ich mache hier und die Musikenthusiasten dreier Erdteile vorfahren sieht, während Schluß. Das ist mein fester Vorjah. er mit knurrendem Magen sich auf einer Bank in eine
-
-
... Der Tisch wadelt. Die Säge ist stumpf. Das Holz reißt weihevolle Stimmung zu bringen sucht, ohne den„ Parzival" hören fie mehr auseinander, als daß sie es schneidet. Ich muß höllisch zu können. Auch Gedichte hat unser Freund gemacht. Aber jedes aufpassen. An dem Racker haben schon mehrere Kollegen ihre mal verwünschte er die verfluchte Metrit, weil ihm das„ Ellenmaß" Knochen gelassen. Ich forderte den Vorarbeiter auf, die Säge zu nicht richtig geglüdt war. schränken und feilen zu lassen. Der antwortete: Da wird die Säge fleiner, und der Mensch muß auch seine Blage haben, damit ihm das Sterben leichter wird. Schade, daß diese Kraft mur Zwischenmeister ist...
In unserer Fabrik grassiert die Krähe. Kein Wunder, die Aborts sind seit 12 Jahren nicht gereinigt worden. Man scheint hier zu glauben, der Arbeiter sei ein Schwein. Sodom und Gomorrah! Und das ist eine Kreisstadt....
In einem Briefe fchrieb mir Schuchardt, er befürchte, feine Tage einstmals im Armenhause beschließen zu müssen. Das Schicksal ist mitleidiger mit ihm gewesen. Er hat geendet, bevor er der öffentlichen Wohlfahrtspflege überantwortet werden mußte. Sein Lebensweg war mit Disteln und Dornen bestreut. Mögen nur Blumen auf seinem Grabe blühen.