Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Donnerstag, den 22. Mai.
Nr. 97.
2
Das entfeffelte Schicksal.
2. Kapitel.
1918
Dem Staatsanwalt gegenüber saß Rechtsanwalt Brévine . Die Gegenwart dieses gefürchteten Gegners spornte seine etwas schläfrige Ueberzeugung an,
Die Stammgäste der Schwurgerichtssigungen fannten den jungen Advokaten schon. Brévine machte vor allem den Eindruck zäher Kraft. Sein scharfer, gerader Blick traf, wo er treffen wollte. Man erriet in ihm einen geborenen Kämpfer, stets bereit war. In dem Alter, in dem andere zu beginnen der nicht allein zur Verteidigung, sondern auch zum Angriff
Die Hauptpersonen der Gerichtsverhandlung entsprachen der Wichtigkeit des Dramas. Der Präsident, Herr Motiers de Fraisse, galt als einer der tüchtigsten Beamten des Appellationsgerichts. Er wirkte auch äußerlich imposant und besaß die hauptsächlichsten Eigenschaften, die sein Amt er- pflegen, war er schon berühmt; er hatte in den fünfzehn forderten: Autorität, Scharfblick, Logik, Saltblütigkeit und Jahren seiner Tätigkeit schon Freisprechungen vor allen Schlagfertigkeit. Als er eintrat, nahm er sein Barett ab, um Schwurgerichten Frankreichs erzielt. Er war modern und den Geschworenen für ihre Begrüßung zu danken. Mit leicht realistisch, lebhaft, geschickt, ironisch, präzis, hatte die früher einladender Bewegung forderte er sie auf, Platz zu nehmen. beliebte Rhetorik abgelegt und die Verteidigung gleichsam zut Streng gegen fich und andere, mißtraute er den Adepten sich dem Geist der Geschworenen einprägten, genügten manch einer neuen Kunst gemacht. Seine kurz gestellten Fragen, die weiter und lockerer Moralbegriffe. War ihre Vergangenheit unflar, lagen von früher Verdächtigung gegen sie vor, konnten mal, dem Prozeß eine Wendung zu geben und die Ueberzeufie feinen unbarmherzigeren Richter als ihn finden. Mit gungen zu verschieben. Wenn er dann sein Plaidoyer begann, einem hartnädigen unfreiwilligen Vorurteil war er nach waren die Hörer schon dermaßen vorbereitet, daß jeder Bersailles gekommen: das Studium der Aften hatte ihn zu Worte und dieselben Gründe gebrauchen. glaubte, er würde an Stelle des Rechtsanwaltes dieselben der Empfindung gebracht, daß der Angeklagte strafwürdig sei, wenn auch dieses Gefühl noch nicht zu innerer Gewißheit gereift war. Lermantes, den er ordnungsgemäß besucht hatte, machte auf ihn, ohne daß er sich über dieses Gefühl flar werden konnte, einen ungünstigen Eindruck. Vielleicht, weil er ihn ienen zweifelhaften Gesellschaftskreisen angehörig wußte, wo man sich bereichert, indem man zwischen dem Erlaubten und Verbotenen laviert, wo man Geschäft und Vergnügen durcheinander bringt und das Leben genießt, ohne sich unzeitige Strupel zu machen. Das Mysteriöse des Falles, das hier ja nicht nicht in der unleugbaren Tatsache, aber in den Empfindungen von Lermantes bestand, erschien durch die persönliche Auffassung des Präsidenten diesem schon von vorn herein fast aufgeklärt, und er zweifelte nicht, daß die Verhandlung auch noch die letzten Dunkelheiten verschwinden lassen würde.
ebenfalls ein fluger und talentierter Mann. Neben Brévine saß sein Sekretär, Rechtsanwalt Dully, ebenfalls ein kluger und talentierter Mann. Staatsanwalt und den Verteidiger, als Lermantes, von zwei Im Publikum diskutierte man über den Gerichtshof, den Wächtern geleitet, hereintrat.
3. Kapitel.
hatten, schien er durch die lange Haft kaum abgemagert. Sein Den meisten, die ihn in seinen besten Zeiten gekannt reiches, lodiges Haar war an den Schläfen ein wenig ergraut. Die linke Hälfte feines dichten Bartes war fast weiß. Einige Bodennarben waren auf dem gebräunten Geficht bemerkbar es war ein energisches, tatkräftiges Mannesantlig. aus dem feurige, dunkle, gebieterische Augen blitzten, ein leidenschaftliches, ausdrudsvolles Gesicht, das niemals ruhig für immer dem Gedächtnis einprägte. blieb, das aus einer Menge heraus zu erkennen war und sich
Als Beisiter des Präsidenten fungierten die Richter Rudrit und Perron. Der erstere war schon alt; man rühmte ihm feines Sachverständnis und sicheren Scharfblic nach. blieben eine Sefunde an seinen Kindern haften. Renée, als Seine Blicke flogen schnell über die Versammlung und Herr Perron, viel jünger als Rudrit, war ein eleganter Welt- ob er sie gerufen hätte, richtete sich mit vorgestreckten Händen mann, dem zweifellos eine glänzende Karriere bevorstand.
auf. Ein Schluchzen erstickend, hatte sie sich so schnell gesetzt, beiden Brüder hatten sich nicht gerührt. Herr Marner, die daß ihre Nachbarn die Bewegung kaum bemerkten. Ihre Hände auf den Stockknopf gestützt, duckte sich, und der Kopf versant noch tiefer zwischen den Schultern. Frau d'Entraque setzte sich etwas weiter zurück, zweifellos weil Herr Marner jetzt den Angeklagten verdeckte. Der Staatsanwalt hatte sich ein wenig vorgeneigt und versuchte den Angeklagten mit den Blicken zu durchringen; aber bald wandte er sich ab: was kann die Larve eines Menschengesichtes verraten?
Lermantes saß kaum, als die Menge sich halblaut Bemerkungen zurief. Chaussy, der nur durch einen Gendarm und Marius Gland, den berühmten Privatdetektiv, von dem Angeklagten getrennt war, rief Jean Bogis, einem juristischen Berichterstatter, zu:
Wie er sich aufspielt! Wir wollen das Ende abwarten!" Lermantes hatte diese Bemerkung vielleicht gehört, denn er richtete die Blicke nach der Seite seines Feindes.
Der Staatsanwalt, Herr Rutor, war aus ganz anderen Gesellschaftsschichten hervorgegangen als der Präsident. Er stammte aus einer kleinen Beamtenfamilie und hatte sich durch feine Tüchtigkeit emporgearbeitet. Fleißig, uneigennützig, liebte er diese Rechtswissenschaft, dieses herrlich geflochtene Gewebe, in dem der Geist der wunderbaren Verkettung von Ursachen und Wirkungen folgen fann. Aber nach und nach war in Rutors Seele durch sein Amt eine Wandlung vorge gangen: ein fleinlicher Rigorismus machte ihn dazu geneigt, nur den als rechtschaffen zu betrachten, der noch niemals verdächtigt wurde. Der Menschenhaß, der zweifellos durch den Umgang mit Verbrechern in ihm entstanden war, schärfte sein Mißtrauen und eine gewisse seelische Bitterfeit die Strenge seiner Urteile. Bor etwa zwei Jahren hatte er die Bekanntschaft Bermantes in einer Gesellschaft bei einem reichen KolLegen gemacht. Zermantes war damals durch den Bau der Hochbahn sehr im Vordergrund des Interesses und wurde von dem Hausherrn seinen Gästen als etwas ganz Besonderes borgestellt. Es war bei Tische viel von einem Verbrechen die Rede: ein Herr aus der Gesellschaft hatte seine Frau ermordet, weil sie ihn betrogen hatte. Und der glänzenden Verteidigung durch Rechtsanwalt Brévine war die Freisprechung des Mörders zu verdanken. Lermantes nahm bei dem Diner die Partei des Angeklagten und widersprach den eingeladenen Richtern, die gegen das Urteil protestierten. Die glänzende Rede von Lermantes hatte sich dem Gedächtnis Rutors ein- lich stampfen. geprägt, vielleicht weil sie gerade das Gegenteil von dem war, Lermantes saß da wie eine Bildsäule. Die Hände auf was er sonst über denselben Gegenstand sah und hörte. Bei die Knie gestüßt, die Angen gefent, so bemühte er sich, alle der Durcharbeitung der Aften Bermantes machte sich der diese Blicke, diese Köpfe, die wie ein brandendes Meer um Staatsanwalt klar, wie deffen Schicksal bald teilweise von ihm ihn herumwogten, nicht zu sehen. Die ihn eben noch ganz abhängen würde, und ein Eindruck sehr lebhafter, fast warmer Sympathie bemächtigte sich seiner. In ihm fämpften zwei entgegengesette Ueberzeugungen; die eine entsprang seinem Gefühl, die andere seiner Erfahrung oder seiner Vernunft.
In den Logen wurde es immer lebhafter. Die Leute lachten, lautes Sprechen ertönte, und der Lärm nahm so zu, daß der Präsident ärgerlich rief:
Ich verlange Ruhe, sonst lasse ich den Saal räumen. Die Türen haben geschlossen zu bleiben."
Das Publikum gehorchte nur halb, die Menge draußen wurde zurückgedrängt und man hörte sie im Veſtibüle ärger
unverändert gefunden hatten, begannen, mit ihren Lorgnetten und Operngläsern bewaffnet, die Verwüstungen in seinem Gesichte zu entdecken. Unzählige Falten durchfurchten seine Hohe Stirn, Schmerz, Seelenqual, vielleicht Gewissensbisse