892 hatte er nicht erreichen können, er hat sein kleines Leben bis auf den Grund geleert. Und während der klein« Mensch, durch die Todeökrankheit an da» Bett gefcssell, langsam dahinsiechte, erwachte der längst der- aessene, vcrstvszene grabe Mensch, hob den Kopf und überdachte mit Bedenken sein pcrflosseneö Leben. Wenn sich der kleine Mensch quälte, weil er sterben muhte, so grämte sich der große Mensch, weil er fast gar nicht gelebt hatte. Den kleinen Menschen hatte man erzogen, ernährt, gebildet, belohnt, ermutigt; man hatte ihm alles aus dem Wege geräumt. Den großen hatte man wie einen Sklaven gehalten, wie ein ivildeS Tier, das im Hause etwas Nutz- koseS war, er lvuchS unbeholfen, ungehobelt auf... und konnte sich keinen Platz im Leben schaffen. Und gerade jetzt, als er auf die Vergangenheit zurückblickte, erinnerte er sich nur an die Momente, wo das Leben in dem großen Menschen pulsiert und gezittert hatte. Dagegen erschien ihm alles, wa» der kleine Mensch erlebt hatte, alS eine einförmige, ganz flache Ebene, farblos, gleichförmig.... Und als er sich die Frage stellte: ,WaS ist dieses Leben, das ich so ungern verlassen'?'', gab er sich die Antwort:Wahrscheinlich ist es die brennende Sehniucht»ach dem Ideal, dieses tiefe, unbewußte Gefühl, groß und unruhig, das mir ehemals die Seele zerriß und den Haß gegen den kleinen Menschen entzündete, der mich und mein Leben zu einer Karikatur machte." Dann erinnerte er sich an die längst vergangenen Zeiten, als auf ihn aus den Augen seiner Frau die große Frau geblickt hatte, von demselben großen, heimlichen Gefühl ersüllt, das auch ihn bewegte; damals war ein großer Gedanke in ihnen entstanden, sie hatten sich abgequält, weil sie ihn nicht beherrschen konnten, ja, sie hatten nicht einmal die Wort« gefunden, die diesen Gedanken aus- drücken können. Er erinnerte sich, wie dieses mächtige Gefühl, einer Riesenwelle gleich, sie beide ergriffen und hoch über ihr kleines Leben erhoben halte.... Und wie sie auf dieser Höhe zu bleiben dürsteten.... Und wie dann diese Welle in kleine Tropfen zerstieb, und wie sie auf der Oberfläche zerfloß.... So schmerzlich nagte es in ihm bei diesen Erinnerungen, und so sehr quälte ihn die unablässige Frage: Warum hatten sie ihr Leben laug Gold auf Silber, Silber auf Kupfer ausgewechselt? auf lauter kleine kupferne Münzen..." Er sprach mit Bitterkeit darüber zu seiner Frau, die traurig an seinem Kopfende saß, und die Worte entrangen sich ihm wie ein Stöhnen: Nicht recht haben wir gelebt... nicht so hätten wir leben sollen... Ach, nicht recht, nicht recht I" Aber sie hörte nicht auf die Worte des kleinen Menschen. Vom Kummer niedergedrückt, blickte sie mit von Tränen geschwollenen Lugen auf ihn und sah auf dem Totenbett den kleinen Menschen, so abgezehrt, leidend und mit Wunden bedeckt. Er flößte ihr unendliches Mitleid ein, und sie lucinte Jjei dem Gedanken, daß er sterben müsse, ohne Enkel erlebt zu haben... Als sie nach der Beerdigung im verwaisten Zimmer ihres Mannes saß, wurde ihr der Sinn seiner vor dem Tode gesprochenen Worte plötzlich klar, und sie betrauerte nicht den kleinen Menschen, den man heute eingesegnet, ins Grab versenkt und mit Erde verschüttet hatte, sondern den großen, den man sein Leben lang zu begraben und verschütten sich bemüht hatte, nur den großen, der sich durch lange Jahre irgendwo in der Tiefe geregt und leben wollte, und der jetzt aus dem Leben scheiden mußte, Unverstanden, unbefriedigt.... Und sie erinnerte sich an die Augen- blicke, wo sie sich dem großen Menschen zu nähern pflegte, und sie selbst das Gefühl eines neuen Lebens durchzuckt hatte, so schön, hell und frei. Und es schien ihr, als sei der große Mensch nicht gestorben, sondern fortgezogen, um das große Leben zu suchen, das er bisher auf Erden nicht hatte finden können. Wohin ist er gegangen? Wohin?.. Sie wußte es nicht. Aus dem Russischen von Frida Stock. kleines feuilleton. Literarisches. Die deutsche Ballade. Eine' Auslese in zwei Bänden von Hans B e n z m a n n(Leipzig , Hesse n. Becker Verlag 1S13. Gebunden 7 M.). Jene Gruppe der Jüngstdeutschen, die' einst den linken Flügel der konsequcntmoderncn Richtung bildete, verpönte alles, was nicht aus der unmittelbaren Gegenwart geschöpft war oder als Ausfluß einer freien künstlerischen Persönlichkeit bewertet wurde. So einseitig dies Gebaren anmutete das eS berechtigt war, ließ sich nicht wegleugnen; die epigonistische Epoche hatte zu viel gesündigt; ihr mußte und wenn mit Dreschflegeln der Garaus gemacht werden. Die Abkehr von Vcrgangenhcitsstoffen führte auch zur Ab- kehr von der Ballade der alten'' Art. Es dauerte geraume Zeit, bis man sich wieder zu ihr bekannte. Allmählich sind dann verschiedene Sammlungen von älteren und neueren Balladen entstanden. Zu den «rsten geHorte Wilhelm v. Scholz'Deutsches Balladenbuch", das tedoch nur die letzten zwei Jahrhunderts berücksichtigt. Die jetzt «schienen« Auslese bock Benzmann umfaßt hingegen die gesamte deutsch « Balladen-, Romanzen- und Legendendichtung mit Einschluß de» Bo MW Der Herausgeber ist als ein gründlicher Kenner dieser spezifischen Literatur anzusprechen. In einer umfänglichen Einleitung verbreitet er sich über Wesen, Typen, Stilarten und EntWickelung der Ballade. Ihr Namedalla.1-»" besagt schon, daß dieS Gebilde volkstümlicher Poesie in seinen ersten Ursprüngen einTanzlied" und als solche? lyrisch war. Italien ist wohl seine Heimat. Von da kam das Tanz- lied wie auch sein Name nach Frankreich und England. Hier entstand die eigentliche Ballade; das sind jene mystisch-heroischcn VolkSgesänge, die seit dein 16. Jahrhundert aufkamen und die dann mit der 1703 erschienenen Percyichen Sammlung auch in Deutschland bekannt wurden. Dieser Liedersammlung verdanken wir die Eni« stehung der deutschen Kunstballade. August Bürger wurde der erste Balladenschöpfer. Seitdem uns aber die altgcrmanische Heldendichtung und in ihrer Folge die deutschen Volkslieder aus dem Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert hinein erschienen waren, zeigte sich doch, daß die Ballade, wenn auch in anderen Fornien, recht eigentlich ein Gewächs nordischgermanischen Geistes und weit älter war, als die fchottisch-englische Volksballade. In der altdeutschen Helden- und Märchenpoesie mit Einschluß des Volksgesauges liegt sowohl das Wesen, wie der reiche TypuS der Ballade entwicklungS« fähig im Keim verborgen. Es läßt sich nun auch ziemlich klar der Weg verfolgen, den diese Dichtgattung vom ursprünglichen Tanzlied bis zur Ballade genommen hat. Jedenfalls ist die Ballade der Vorläufer deS Dramas, mit dem sie auffällige Verwandt- schaft hat, nur init dem linterschiede, daß sie rascher zum Ziel ihrer Entwicklung gelangte. Während aber daS Drama noch bis heute nicht das Ende seiner Eni- Wicklung erreicht hat, ist die Ballade, einmal ausgebildet, stehen geblieben, als ein in sich abgeschlossenes Gebilde. Daran ändert auch die m o d e r n c Ballade nichts, weil sie stofflich inmitten deS alten mystisch-heroischen Kreises sich bewegt und nur in stilistischer Beziehung einige neue Variationen verheißt. ES wäre denn, daß die soziale Ballade bei intensiver Pflege eine besondere Bedeutung gewänne. Diese Hoffnung erscheint vorderhand als aus- geschlossen. WaS nun die Benzmannsche Sammlung angeht, so darf sie ohne Frage als llebersichtswerk als die vollkommenste bezeichnet werden. Namentlich stoßen wir im ersten Buche, das den gewaltigen Zeit- räum von vielleicht Jahrtausenden bis zu Beginn der Romantik überbrückt, auf eine ebenso fremdartige als kostbare Beute. Reich ist die Auslese deutscher Volksballaden. Von außerdeutscher Volks- dichtung ist die schottisch-englische, die dänische, schwedische, norwegische und isländische Volksballade, das französische Volkslied, die bretonische, italienische, neugriechische Volksballade sowie spanische, rumänische, serbische, bulgarische und slawische Volkspoesie(Tschechen, Russen, Litauer, Finnen, Esthcn, Lappen) vertreten. Das polnische Volkslied fehlt merkwürdigerweise; und doch fände sich hier, soweit mir die masurisch-polnischen Volkslieder bekannt sind, manches Schöne. Eine besondere Sparte bildet das deutsche Volkslied historischen Gepräges fast ausnahmslos Kriegs- und Sieges« gesänge, zum Teil von satirischer Art. Interessant, ziemlich Neuland dar- stellend, sind die vorklafsischen Balladen, um Bürger herum. Die klassische Ballade fand ihre wenigen Vertreter in Bürger, Herder , Goethe und Schiller. Aus den Kreisen der Romantiker wird inancher Dichter wieder lebendig, der längst verschollen war. Das Gleiche gilt von der Abteilung:Neben- und nachklasstsche und romantische Ballade(Ballade der Biedermeierzeit) und Dichter der Befreiungskriege." Das zweite Buch bringt Balladen von der Romantik ab bis zur Gegenwart. Die schwäbische Gruppe Ivar wohl maßgebend für die weitere Einteilung aller anderen Dichter in bayrische, badische und des iveiteren in Balladendichtcr Elsaß-Lothringens , Thüringens und Sachsens , des Rhein - und Hessenlandes. Westfalens, Hannovers und Braunschweigs, SchleSwig-Holsteins, Oldenburgs und der Hansa- städte, Brandenburgs , Pommerns , Mecklenburg « und Altpreußens. Die landsmannschaftlichen linterschiede sind kaum von Belang; ledig- lich im Jntrresse einer besseren Uebersichtlichkeit vermögen wir uns mit dieser etwaS schablonenhaften Rubrizierung abzufinden. Die moderne Ballade wird, nach Benzmann, durch Wilden« bruch eingeleitet. Dieser könnte jedoch besser der Gruppe älterer Dichter des Epigonenzeitalters beigesellt werden. Hier ist ja nun eine respektvolle Namentafel zusammengebracht, llns will aber scheinen, als sei sie ebenso willkürlich als lückenhaft. Es ließen sich hier noch weit mehr Poeten aufzählen, denen so manches bedeutende Stück auf dem Gebiet der Ballade gelungen ist. Paul Fritsche, Mackah, Conradi, Nietzsche, Julius Brand, Lissauer, um nur einige wenige zu nennen, sollten nicht fehlen. Der sozialen Ballade ist der Herausgeber bis auf ein paar Stücke ephemeren Charakters ganz aus dem Wege gegangen. Ge- wiß: er bringt einiges von Dehme!, Henckell, Saar u. a. Aber die Produktion sozialistischer Dichter nach Balladen von wirklich sozialem Gehalt einmal ernstlich durchzumustern, ist ihm, scheint es, nicht beigefallen. Im übrigen befleißigte er sich der Unborcin- genommenheit bei der Auslese. Die sogenannte patriotisch- byzantinische Ballade blieb unberücksichtigt. Als ein mit kritischem Verständnis und literarischem Spürsinn zusammengebrachtes Balladen- buch mag uns das Benzmannsche Werk immerhin willkommen sein. o. kr. tw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln, Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LcCo.,BerlinSW,