Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 134.
Sonnabend, den 12. Juli
39 Das entfeffelte Schickfal.
Noman von Edouard Nod.
Herr Nutor pflichtete bei: Sicher vom Standpunkt der absoluten Gerechtigkeit.
1913
Anne- Marie, zitternd über ihre Kühnheit, fügte hinzu: „ Großer Gott, folltest du feine Zweifel kennen?" Ich will noch weiter fuchen!" beschloß Herr Rutor. Er stand vom Tische auf und versenkte sich von neuem in das Studium der fürchterlichen Atten.
22. Sapitet.
biur
Dann erinnerte er sich der letzten Worte Herrn Rabins': „ Eine zu schüchterne Gerechtigkeit würde die Missetat ermutigen," und er führte dieses Thema jest aus und vari- feine Augen den Saal. Wie ant Tage vorher war er geierte es nur etwas.
..Aber eine absolute Gerechtigkeit gibt es nicht in dieser Welt. Wir verfügen nur über eine relative Gerechtigkeit. Diese hat als einziges Ziel die genaue Sühne durch Strafen. Wir erwarten auch, daß sie uns gegen das Verbrechen beschütt. Also muß man sich ihren Forderungen anpassen."
Das Mädchen war in dem reizenden Alter, in dem man glaubt, daß nichts unerreichbar ist und das großmütige Gewissen sich nicht mit solchen Theorien abfinden läßt.
Oh Bapa!" murmelte fie.
Herr Nutor sah seine Tochter mit gequältem, traurigem Blick an, als ob er das Böse nur zu gut kenne. Er litt darunter, den reinen Eifer dieser flaren Seele zu enttäuschen. Aber wie konnte man die menschlichen Angelegenheiten berühren, ohne auf ihr Niveau herabzusteigen..
Ich sage Dir noch einmal," fuhr er fort, daß die Missetäter außerordentlich schlau sind... Zwischen ihnen und der Justiz besteht eine Art Zweikampf, in dem sie gewisse Borteile haben, weil ihnen die schlimmsten Waffen gut genug find. Ihr Verbrechen ist nicht immer leicht zu fassen. An dem Tage, an dem wir materielle Gewißheit verlangen, entschlüpfen sie unserem Net, dessen Maschen gelockert find. Sie werden sich als die Stärkeren fühlen: Die Straflosigkeit würde ihre Kühnheit und ihre Zahl mehren. Nebmen wir an, Lermantes wäre schuldig und würde freigesprochen, es wäre wie eine Brämie der Ermutigung für die verstecktesten,
Als der Staatsanwalt seinen Blak einnahm, überflogen drängt voll. Aus der Menge der Gesichter kannte er Chaussy heraus, Jean Bogis, des Ehepaar Languard und Frau Aurora Windelmatten. Auf der Tribüne saß neben Frau Nudrit, die von Baronin Kharv begleitet war, Herr Nabius , den Kopf steif in die Höhe gestreckt.
..Was wird mein Kollege sagen, wenn er sicht, daß ich seinen Rat so außer acht taffe," fragte sich Rutor, der sich nicht hatte entschließen können, die Anklage in ihrer ganzen Seraft aufrecht zu erhalten, noch sie vollständig aufzugeben, Er war über diesen Kompromiß unzufrieden, weil er ein Feind von Halbheiten war. In diefem Moment begegnete er den Blicken des Herrn Nabius, fie grüßten sich mit leichtem Stopfnicken; der Endeffekt ihrer Unterhaltung vom Tage vorher fiel Herrn Rutor ein: Eine zu schüchterne Gerechtigkeit würde die Missetat ermutigen". Niemals war ihm dieses Brinzip so klar erschienen.
..Rabius hätte nicht wie ich gezögert," sagte er sich und ärgerte sich schon über seine Schwäche. Diese Gedanken fuhren ihm rasch durch den Sinn, während es im Saale still wurde. Bei Beginn seiner Reden war er immer erregt, und heute noch mehr als sonst. Seine Hände waren falt, sein Stopf brannte, mühsam rang er nach Atem. Er warf einen Blid auf die Aufzeichnungen seiner Nede und fühlte, daß seine Gedanken sich verwirrten. Aber der Präsident erteilte im das Wort. Er erhob sich automatisch, legte sein Barett neben sich und begann fast erstaunt die Worte und Säße wieder
ſchlaueſten Mörder. Nehmen wir an, er ist unschuldig zufinden, die er fich zurechtgelegt hatte. Sie
und wird verurteilt... oh, es wäre entfeßlich, ich bin eurer Meinung und ich schaudere bei diesem Gedanken. Doch 2. wenn er zu Unrecht freigesprochen würde, so wäre es eine vollkommene Ungerechtigkeit! Ein schrecklicher Zwiespalt! Es gibt vielleicht eine unsichtbare Wage, welche über unsere Köpfe hinweg die Ausgleichung zwischen Schuld und Strafe regelt Bielleicht sind wir mir die unbewußte Lentstange, vielleicht dienen selbst unsere Irrtümer den unergründlichen Absichten der Gerechtigkeit...
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..Welcher Gerechtigkeit, Bapa? Dieser Mann hat Rin der: für sie besonders müßte fie richtig sein und sich nicht irren
Nach einer furzen Einleitung, die sich in allgemein gehaltenen Betrachtungen bewegte, verurteilte er in einigen scharfen Worten d'Entraque: der die Justiz, um seinen Haß zu befriedigen, hatte irreleiten wollen, der so fühn gewesen war, ihr in ihren Schranken zu troben und sich das Recht der Strafe angemaßt hatte". Er gab zu, daß das plöbliche Busammenbrechen dieses falschen Zeugnisjes, das er bis zu legt für die Hauptstüße der Anklage gehalten hatte, feine Pflicht schwieriger gestalte. Von einem solchen Zwischenfall überrascht, hätte er einen Augenblick bei seiner Aufgabe gezögert. Aber wenn er sie nicht allein den Geschworenen unterstellte, so geschah es, weil er eine so bequeme Auffaffung, die ibn jeder Verantwortung enthoben hätte, vor sich selbst zurückwies.
Anne- Maries Worte leuchteten wie ein Blig in dunkler Nacht auf. Das Gerüst praktischer Gründe und sozialer Argumente, das Herr Rutor sich errichtet hatte, stürzte zu- Ohne auf den Entschluß der Schiedsrichter zu großen fammien. Ein Irrtum, den das Geset sanktionierte, trifft Einfluß; nehmen zu wollen, würde er sich bemühen, ihnen nicht das Opfer allein: er dauert bis ins Unendliche fort, er den Prozeß mit möglichster Unparteifichkeit auseinanders währt bis in die Zukunft hinein für die kommenden Gene- zuseßen, ohne der widersprechenden Ausjagen d'Eutraques, rationen. Schädlicher als das Verbrechen, mörderischer als die er auszumerzen versuchen wollte, als verwirrendes, un Gift oder Dolch hat er schrecklichere Folgen als die schlimmsten wahres Element". Frevel.
All dies stand vor der Seele Herrn Rutors, als ob der Schrei seiner Tochter die Klage der zu Unrecht Verurteilten ivachgerufen hätte, deren empörte Kinder sie vielleicht einst rächen würden.
Ach," murmelte er, die Kinder
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Dumpfes Schweigen berrichte am Tisch, das Frau Rutors friedliche Stimuie unterbrach.
Die Mäßigkeit der Einleitung wirfte sehr auf die Zubörer. In demselben maßvollen Tone ging Herr Rutor über die früheren Lebensumstände von Lermantes hinweg und erflärte, weshalb er es tot: Hier kam eine jener außergewöhnlichen Sandlungen in Betracht, von denen es nicht notwendig ist, daß sie mit den früheren verfettet sind. Es hatte sich eine Tatsache ereignet, deren Wirklichkeit man nicht durch Rechtsbeweise oder Bernunftgründe erklären konnte. Er fann „ Du hast mir manchmal gefagt, daß ihr eure Ueber- ft ein Angeklagter eines Verbrechens fähig? zeugung auf Tatsachen stüben müßtet, ohne etwas auderes es begangen haben, felbst wenn es nicht so scheint, oder umzu betrachten und daß, wenn man sich an diese feststehende gefehrt. Man kann die Frage, ob er es begangen hat, beautRegel hielte, man mehr Aussicht hätte, einen Irrtum zu ver- worten, wenn man das von der Untersuchung gegebene Mameiden. Jebt wäre es doch der Fall, diese Theorie in An- terial prift. Es waren feine Zeugenaussagen vorhanden, wendung zu bringen, nicht wahr. Ist es nicht gleich, was die auf eine Gewißheit schließen lieger. Die Erforschung dieser Lermantes bis zu dem Unfall war?... Satte er die der Beweggründe von Lermantes oder der Charakter seines Absicht, einen Mord zu begehen? Das ist die Frage! Habt Tuns brachte keinerlei Ausschluß. ihr feine bestimmten Tatsachen dafür gesunden, ist kein Beweis vorhanden. Und wenn bei Dir ein Zweifel besteht, fannst Du die Verurteilung verlangen?"
Die Berichte der Buchhalter ließen die Annahme zu, daß Lermantes ein augenscheinliches Intereffe am Tode des Generals hatte, sofern er nur die Existenz eines Testamentes