Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 173.

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Ein Mann.

Freitag, den 5. September.

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Von Camille Lemonnier. Endlich allein, warf sie sich in einen Stuhl. Also war alles bekanntgeworden! sie würde ihre Schande nach sich schleppen! Zu jeder Stunde würde ihr das zürnende Antlitz dieses zweiten Vaters, der gütiger als der erste war, vor Augen stehen. Er hatte ja recht: sie war's, die in das ehrbare Haus der Hulottes die Schmach ihres Fehltrittes gebracht hatte. Wäre noch der Mann einer von denen gewesen, die eine derartige Berirrung wieder gutmachen können! Aber der, solch ein Vagabund! Die Scham, die so lange in Selbst­vergessenheit geschlummert hatte, erwachte wieder in ihr. Nun sie seiner Liebkosungen satt war, schwand auch der Stolz da­hin, den sie ob der Liebe einer solch vollkommenen Kraft­natur empfunden hatte. Das Bild des rüstigen Greises, den fie in wildem Schmerze vor sich zusammenfniden gesehen, sein von den Jahren noch unberührter Geist, seine Verachtung, seine zürnende Haltung zog wieder an ihrem Auge vorbei. Wie sie so reglos in ihrem Lehnstuhl lag, glich sie einem leblosen Körper, aus dem die Seele entflohen; weitab irrte diese, in den fernen Regionen düsterer Grübeleien. Bisweilen stieg es wie Staunen in ihr auf, daß sie zu solcher Schmach herabsinken konnte, sie, die eine ehrbare Mutter gehabt hatte! Musterhafte Beispiele hatten ihre Kindheit umgeben, nie hatte sie andere als rechtschaffene Handlungen gesehen. Und all diese Ehrenhaftigkeit sollte von einem wollüstigen Frühlingslüftchen wie Staub verweht worden sein.

Infolge des fortwährenden Sinnens schwand ihr schließ­lich das Bewußtsein ihrer gegenwärtigen Situation, nur ein dumpfer, betäubender Schmerz hielt sie noch lähmend um­fangen. Im Hofe gaderte eine Henne, die eben ein Ei gelegt; hell, stoßweise stiegen die Töne empor. Bald hörte sie über­haupt nichts anderes mehr als das Gegacker und verlor sich gänzlich in diesem Triumphgeschrei.

Da rüttelte sie etwas aus ihrer Erstarrung auf: Hayots Brief, der den Händen des Pächters entglitten war. Das Papier lag noch immer auf dem Fußboden, ohne daß sie es früher beachtet hätte. Nun hob sie es auf und flog es mit den Blicken durch.

Hayot begann mit zweideutigen Anspielungen, seinem Bedauern über den Bruch ihrer guten Beziehungen Ausdruck gebend, ohne sich anfänglich über den Grund zu äußern. All­mählich ging er aber in Beleidigungen über und schloß mit den Worten:

,, Hulotte, ich bedaure den Vorfall; wir waren doch gute Kameraden und haben uns immer miteinander vertragen. Aber von heute ab seid Ihr, Du und Deine Jungen, mir nicht einmal mehr gut genug, den Mist meiner Pferde wegzu­schaffen, das laß Dir gesagt sein. Und Euer Mädel soll sich auf den Kirmessen mit seinesgleichen herumtreiben; man weiß Sie jetzt einzuschäßen, ebenso wie ihren Herrn Galan. Und ich kann Euch nur raten, in Zukunft nicht meine Wege zu freuzen. Künftighin wird man Euch so behandeln, wie es sich für Euch, Vater und Brüder eines solchen gemeinen Frauen­zimmers, geziemt. Ich brauch wohl nicht erst meinen Namen zu unterschreiben."

Und wirklich trug der mit plumper Hand geschriebene Brief keinerlei Unterschrift, doch verriet jeder Buchstabe die Urheberschaft Hayots. Die Nachschrift ließ vollends keinen 3weifel mehr walten:

P. S. Sage Deinem Fräulein Germaine, sie möge so liebenswürdig sein, und ein andermal, wenn sie wieder bei Freunden zu Gaste ist, ihnen vorher sagen, daß sie die Ge­liebte eines Spißbuben, Cachaprès mit Namen, ist, damit man sich nicht mit einer so unverschämten Person öffentlich kompromittiert."

Diese letten, unverblümten Worte sprachen deutlich für Huberts Anteil an dem Schmähbriefe. Wie sehr verachtete fie seine Feigheit! Nächt sich ein Mann auf diese Art? Aber das war ja gar kein Mann! und sie erinnerte sich wieder seiner süßlichen Manieren, seines schleichenden Pfaffen­schrittes.

Auf dem Vorplay wurde das Geräusch von Schritten laut.

1913

Mit einem Rud sprang sie auf und lief zum Kamin; der Brief verschwand im Feuer. Jedoch nicht rasch genug, als daß nicht der eintretende Warnant, ihr ältester Bruder, das Papier in den rötlichen Flammen nech verschwinden sah.

,, Mach', was Du willst," sagte er barsch, das Feuer wird's nicht mehr auslöschen. Es gibt gewisse Dinge, die sich nicht aus der Welt schaffen lassen. Man wird diese Schurken lehren, unseren armen Bater so grundlos zu beschimpfen... Aber was Dich anbelangt.

Er machte eine kleine Pause.

Wenn Du nicht unsere Schwester wärst, so wären wir bald fertig mit Dir."

Sie zuckte die Achseln und entgegnete trotzig:

Ich bin kein kleines Kind mehr, ich laß' mir das nicht bieten!"

In ihr empörte sich wieder das väterliche Blut; sie hatte einem Manne angehört was weiter? Sie war Herrin über ihre Handlungen, zum Kuckuck! Ein wilder Drang nach Un­abhängigkeit revoltierte in ihr.

Mit funkelnden Augen trat er auf sie sie: Du, ich rate Dir, laß' Dich nicht mit dem anderen zu­sammen sehen! Mein Gewehr ist geladen!" Nun trat der Vater mit finsterer Miene ein, die Brauen noch immerdar schmerzlich zusammengezogen. Ein wenig später folgte Mathieu, der zweite Sohn.

Alle drei seẞten sich um den Tisch herum. Hulotte wies Germaine mit dem Finger die Türe. Sie ging hinaus, blieb aber im Flur lauschend stehen... Zuerst ver­nahm sie die Stimme ihres ältesten Bruders, der erregt, mit leidenschaftlichen Ausfällen gegen die Hayots sprach; ver­worren drangen einzelne, abgerissene Worte zu ihr. Hierauf erhob sich die Stimme des Vaters voll Ernst und Würde.

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" Jungen," sprach er ,,, laßt mich jetzt reden. Ich bin durch Germaine noch schwerer als ihr gestraft. Ich hab' ihr so sehr vertraut. Aber ich will Euch etwas sagen. Vielleicht bin auch ich nicht ganz frei von Schuld. Ihre Mutter hat sie mir wie mein eigenes Kind ans Herz gelegt. Vielleicht wär's nicht so weit gekommen, wenn meine selige Frau noch lebte. Ich hab' mich zu sehr an die Idee geklammert, sie immer bei mir zu behalten. Manches Mal handelt man schlecht, ohne es zu wollen. Ich hätte eher daran denken sollen, daß ein Mäd­chen in ihren Jahren dazu da ist, zu heiraten und uns Alten zu Großeltern zu machen. Später werdet ihr mich schon be­greifen, Kinder. Aber wenn meine arme Selige noch lebte, hätt' sie ihr sicher einen braven Mann ausgesucht, der sie zu seiner Frau gemacht und auf seinen Hof genommen hätte. Eben erst sind mir die Augen aufgegangen, wie ich draußen, unter den Apfelbäumen, war. Jawohl, ich hab' gut nachge­dacht. Ich bin alt, ich jeh' jezt manche Dinge in ganz anderem Lichte als in jungen Jahren, ich bin auch weniger rasch im Urteil geworden. Na, also, hört: man darf sie nicht zu hart anfassen. Ich hab' ihr schon genügend gesagt."

Hulotte schwieg. Es trat eine Pause ein, dann erhob sich Warnants Stimme aufs neue:

Vater," sagte er, sie ist die Ursache, daß diese Schufte uns Schlimmes angetan haben, als wenn sie uns angespien hätten."

Schön, das ist Eure Sache. Ich weiß, was ich getan hätte, als ich mich noch rühren konnte: ich hätt' ihnen ihre verfluchten Zungen ausgerissen, dieſem verdammten Gesindel! Der Schuft, der Hayet, soll nur kommen, er wird mich kennen lernen! Wenn ihr aus meinem Holze seid, so weiß ich, was iegt kommen wird. Die Landstraße ist breit genug für eine Schlägerei!"

Dies alles wurde in eindringlichen Tönen vorgebracht, die im Herzen der Burschen ihren Widerhall fanden. Drohend flangen ihre Stimmen durcheinander, und Germaine fonnte die Worte vernehmen:

,, Gut gesprochen, Bater! Wir werden sie prügeln.". Ein Wagen rollte durchs Hoftor herein und verschlang mit seinem Geraffel den Rest der Unterredung. Sie zog fich auf ihr Zimmer zurück.

29.

Nun begannen trübe Tage für sie.

Man ließ sie aus- und eingehen, ohne von ihrer An­

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