Unterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 194.

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Sonnabend, den 4. Oktober.

Rittmeister Brand.

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Erzählung von Marie von Ebner- Eschenbach . ,, Sie sind gut und teilnehmend gewesen, haben mir Hilfe bringen wollen und ich nicht, daß ich ablehnte, das würde ich wieder tun, aber die Art, in der ich's tat, reut mich, und nicht erst jeßt, sie hat mich sogleich gereut, und ich bitte... Bitten Sie nicht," rief er aus, beschämen Sie mich

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zu nehmen, ohne einen Lohn, ja ohne Dank zu erwarten, da entschloß ich mich, ihn nicht allein ziehen zu lassen, für den berarmten, kränklichen Mann zu arbeiten, ihm eine treue Pflegerin und Frau zu sein."

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Sie haben Ihren Entschluß redlich ausgeführt," sprach Brand nach einer langen Pause, und nichts, nicht das ge­ringste zu bereuen. Wohl Ihnen."

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Er empfahl sich und ging heim und hatte ein sehr schweres Herz. 13.

nicht zu tief. Erweisen Sie mir lieber eine Gnade, würdigen Zu Hause fand er ein nach Veilchen duftendes Billett Sie mich Ihres Vertrauens. Sagen Sie mir, ob Sie in von Madame Amélie. Sie bat ihn für den selben Abend zum diesem Augenblick doch so ziemlich, doch halbwegs sorgen- Tee, im tête à trois" mit ihr und ihrem Gatten. Es frei. Meine drückendste Sorge," erwiderte sie rasch, ist jetzt handle sich um eine wichtige, Frau von Müller betreffende die um Georg. Was soll aus ihm werden? Er ist zu schwäch- Angelegenheit, die sie mit ihm besprechen wollten. lich, um die Schule regelmäßig besuchen zu können; seine des Salons, an einem elegant gedeckten Tischchen. Das beste Die Eheleute empfingen Brand in einer traulichen Ecke wohlwollendsten Lehrer raten mir, ihn zu Hause unterrichten

zu lassen. Ich habe das bisher selbst besorgt, und er hat es Einvernehmen herrschte heute zwischen ihnen; sie waren wie mir leicht gemacht. Aber wie lange werden meine Kenntnisse Liebende, die nach kurzem Zerwürfnis ein großartiges Ber­ausreichen, um einen Knaben zu unterrichten? Und den Um- söhnungsfest gefeiert haben. Amélie strahlte vor Hingebung, gang mit anderen Kindern völlig entbehren müssen wie Wonne, Zärtlichkeit; Eduard neigte sich ihr gütig und milde nachteilig iſt das für ihn, er wird immer mehr in sich gekehrt zu. Er hatte Unrecht erfahren und verschmerzt, und ließ und weltfremd." nun das Licht seiner Huld leuchten über der reuigen, wieder in Gnaden aufgenommenen Sünderin.

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,, Gnädige Frau," sprach Brand nach kurzem Besinnen, Sie werden sich vielleicht noch erinnern, daß Erziehen von jeher mein Beruf war. Ich habe ihn nicht aufgegeben, ich übe ihn wieder aus in etwas veränderter Form. Ich habe mich der Kindererziehung gewidmet und finde darin eine hohe Befriedigung. Ich erlaubte mir, Sie um Ihr Ver­trauen zu bitten

" Lieber Herr Rittmeister, Sie bitten um etwas, das Sie

haben."

Dann, gnädige Frau, überlassen Sie mir die Erziehung Ihres Sohnes," sagte Brand resolut, und dabei war seine Miene so ernst, so inständig bittend, und aus seiner Stimme flang ein so warmer Herzenston, daß Sophie trotz der bein­lichen Ueberraschung, in die sein unerwartetes Anerbieten sie versezte, nur Dankbarkeit empfand.

" Ich werde Ihr braves Kind zu einem braven Mann heranbilden," fuhr Brand fort. Uebergeben Sie ihn mir; er ist in dem Alter, in dem ein Junge nicht mehr ausschließlich unter weiblicher Zucht stehen soll."

,, Unmöglich, unmöglich," sagte Sophie. Ein Kind in Ihrem Hause, bei Ihrer Ordnungsliebe!" Sie hielt inne, der schmerzliche Ausdruck, den seine Züge angenommen hatten, tat ihr weh.

Er glaubte einen Anflug von Fronie in ihren Worten zu entdecken. Seine Ordnungsliebe war es ja im Grunde gewesen, die den Sieg davon getragen hatte über seine Liebe zu ihr; wollte sie ihn daran mahnen?

Sch dränge Sie nicht zur Entscheidung," begann er von weisen Sie bitte nur, erwägen Sie meinen Vorschlag, er­gerührt an, seufzte fief in ieder blickte er sie lange und einst ganz dicht am Glück vorbeigegangen sa, ja, ich bin ,, An dem, was uns damals als Glück erschien," berichtig fie. Wir wollen offenherzig miteinander reden offen­herzig ist mehr als aufrichtig, einmal und nicht wieder, da sich's ja um Unwiderrufliches, Unwiederbringliches handelt. Ich habe in jener fernen Zeit sehr gelitten, Sie auch bitter angeklagt, später jedoch mich gefreut für Sie, daß alles ge­tommen ist, wie es fam, und daß Sie nicht bereingezogen wurden in unser Elend. Es handelte sich bald nicht mehr um Armut und Not, sondern um Schande, um öffentliche Schande. Im geheimen war sie längst da, troß allem, was Müller tat, trop der übergroßen Opfer, die er brachte, hoffnungsfreudig im Anfang in der Folge hoffnungslos. Ich täuschte ihn nie, aber er ließ sich nicht entmutigen. Bei ganz edlen Menschen dachte er wohl, verwandelt sich die Dankbarkeit end­lich in Liebe. Ich war so edel nicht er mußte es zuletzt einsehen, erwartete nichts mehr, und verließ uns doch nicht, gab alles für uns hin. Daß uns das ergste erspart blieb, daß die Schmach vom Sterbebette meines Vaters ferngehalten wurde, war sein Werk. Als er sich dann anschickte, Abschied

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Meine Frau und ich," begann er nach dem ersten Aus­tausch von Höflichkeiten, kennen das väterliche Interesse, das Sie an Frau von Müller nehmen, Herr Rittmeister..." Ich bin nicht mehr Rittmeister." ,, Das Sie, Herr von Brand

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Ich bin nicht Herr von und kann Ihnen das Recht nicht zugestehen, mich zu adeln."

Ein Ausdruck des Unmuts verzog die schönen Lippen Eduards; er war aber entschlossen, sich dieses Mal durch den bärbeißigen Pedanten nicht aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. Herr Brand also," fuhr er mit erhöhter Bazigkeit fort, wir zweifeln auch nicht, daß Sie, als der beste Freund des verstorbenen Majors, Einfluß auf seine Witwe haben, und wollen Sie ersuchen, ihn zugunsten der Propositionen Er wollte sagen: anzuwenden, die wir dieser Dame machen wollen," das schien ihm aber zu gewöhnlich, und so fagte er proponieren wollen."

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Er hatte aus zuverlässiger Quelle erfahren, daß das Haus Bauer, das sich schon seit längerer Zeit bemühte, Madame Amélie Konkurrenz zu machen Konkurrenz dieser Frau, dieser genialen Frau, lächerlich, nicht wahr?- Frau von Müller durch glänzende Anerbietungen für sich zu gewinnen suche. Die Dame ist natürlich viel zu fein, um uns gegenüber ein Wort darüber zu verlieren. Wir aber wollen ihre Noblesse nicht mißbrauchen. Wir gedenken viel­mehr sie so zu stellen, daß sie sich zu ihrem eigenen Vorteil für immer an uns fesseln lasse."

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Propositionen proponieren sie so zu stellen, daß sie sich fesseln lasse? Merkwürdig," murmelte Brand und war voll Mißtrauen. Wenn die Unbildung Phrasen drechselte, war sie ihm vollends ein Greuel. ihr" onflje nickte ihrem Manne beifällig zu, und er sprach Alid seine Anerkennung ihrer An­erkennung aus. Dann entwickelte das Ehepaar ven sam ,, berfaßt" hatte, wie Eduard sich gewählt ausdh.nemeins Geschäft sollte in zwei Ressorts geteilt werden, Konfektion und Buzzwaren. An der Spitze des ersten blieb Fräulein Julie, an die Spitze des zweiten sollte Frau von Müller treten. Von eigentlicher Arbeit wurde sie entlastet, sie hatte die der anderen zu überwachen und hier und da un coup de main" zu geben. Ihre Erfindungsgabe, ihr Geschmack fönnen sich in viel höherm Maße betätigen, indem sie ihren Glanz über das große Ganze verbreiten, statt zur Herstellung einzelner bijoux" zu dienen. Als Besoldung wurden zwei­tausend Gulden geboten, bei außerordentlichen Gelegenheiten, zu Beginn der Herbst- und Frühjahrssaison zum Beispiel, wenn die Bestellungen sich häufen, auch außerordentliche Re­munerationen. Die Atelierstunden waren die zwischen acht Uhr morgens und acht Uhr abends mit entsprechenden Ruhe­

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