Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 199.
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Sonnabend, den 11. Oktober.
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Die Zeit, in der geschienen hatte, daß die Gesundheit Georgs sich stärke, kindliche Lebenslust in ihm erwache, war borbei. Er sank wieder zurück in die frühere, stille, wehmütige Niedergeschlagenheit. Schlaf- und ruhelos bei Nacht, stand er nach kurzem Morgenschlummer auf, um bald in ein traumseliges Hindämmern zu geraten, das ihm wohl tat, aus dem er sich aber oft gewaltsam aufraffte oder aufzuraffen suchte. Er litt nicht, er sprach nie einen Wunsch aus, er Lächelte, wenn jemand sagte, er sei frank. Ach nein, er war nicht frank, ihm fehlte nichts, er war auch ganz glücklich, er war nur müd, sehr müd.
Einige Male hatte Brand den Nachmittag mit ihm in Neuwaldegg zugebracht, zum Entzücken des kleinen Dietrich Peters. Wenn der hörte: Der Herr Nittmeister kommt, war er vom Gårtentor nicht fortzubringen, preßte sein Gesichtchen an die Eisenstäbe und schien durch die Kraft, mit der er's tat, die Kraft seiner Sehnsucht ausdrücken zu wollen. Sobald er Brand von weitem erblickte, schrie er auf und rief in allen Tönen der Zärtlichkeit jauchzend, jubelnd, in Rührung hinschmelzend:„ Mein Zittmeiste! Mein He Jittmeiste!"
Und dem einsamen Manne, der eine unerwiderte Liebe im Herzen trug, tat die anbetende und äußerungsbedürftige Liebe dieses Kindes wohl.
Auch der immer freundliche, immer nachgiebige Georg wurde von Peter Peters warmfühlenden Sprößling angebetet. Der große Georg war so gut mit ihm, tat alles, was er wollte, verwies ihm kaum je einen Ungehorsam, eine Unart, räumte ihm aber die Gelegenheit und die Versuchung zu Ungehorsam und Unart sorglich und unauffällig aus dem Wege. Hören Sie, Frau Peters," sagte Brand zu Magdalena, ,, der Umgang mit meinem Pflegesohn dürfte für meinen Täufling sehr ersprießlich werden. Mein Georg, der ist ein Erzieher!"
Magdalena empfand dies Lob als Tadel ihrer Erziehungskunst, was ihr nicht angenehm war und ihr den Gepriesenen nicht angenehm machte. Sie hatte für ihn viel Mitleid und wenig Zuneigung. Daß er stundenlang zeich nend, malend auf einem Flecke siten konnte, oder auch stundenlang nichts anderes tun, als Ameisen oder Vögel, oder die Wolken am Himmel beobachten, das ging ihr wider den Strich, war der rührigen Frau unbegreiflich und deshalb unsympathisch.
„ Und die Sanftmut von dem Buben, Herr Nittmeister! Diese ewigen Rücksichten auf andere Leut, und wie er so g'scheit spricht.' s is unnatürlich, Herr Nittmeister. Eine solche Brabheit, eine solche G'scheitheit kann gar nicht g'sund sein für einen Buben."
" Für einen Buben, so? Ein Mädchen dürfte natürlich, ohne Gefahr, daß ihr Wohlbefinden darunter leide, nach Belieben brab und gescheit sein," erwiderte Dietrich. Beim Manne, der sich ja doch nur zum zukünftigen Höllenbraten auswächst, fann es nicht zeitig genug brandeln", meinen Sie. Das sind Irrtümer, meine liebe Frau Peters, sehr gefährliche Irrtümer, die ihr Scherflein beitragen fönnen zu dem schändlichen Stampfe der Geschlechter, den die Weibmänner und die Mannweiber der Moderne" in die Welt gesetzt haben."
Frau Peters war verdußt:„ Kampf der Geschlechter?" Die Moderne?" Sie abnte nicht, was das zu bedeuten hatte, und wollte doch den Herrn Rittmeister nicht fragen, aus Furcht, ungebildet zu erscheinen. So beschloß sie, zu warten und von ihrem Manne Aufklärung über die Sache zu erlangen.
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Brand hatte seinen Besuch bei Madame Amélie bis zur letzten Stunde vor ihrer Abreise verschoben. Da bedurfte die Scheidende am notwendigsten seines stärkenden
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Zuspruches. Er wollte noch einmal an ihren Stolz appellieren und die Hoffnung aussprechen, daß sie im Bewußtsein ihrer geretteten Würde Ersatz finden werde für ihr zweifelhaftes und immer bedrohtes Glück.
Als er sich um halb acht Uhr morgens dem Hause näherte, sah er einen mit Koffern beladenen Landauer davor stehen. Sollte das der für Madame Vernon bestellte Wagen sein? nicht zu denken! Der Pariser Zug geht erst wenige Minuten vor Neun ab, sie wird doch nicht eine geschlagene Stunde im Wartezimmer sizen wollen. Indessen erschien aber ihr Stubenmädchen und reichte dem Kutscher eine umfängliche Sutschachtel auf den Bock hinauf. Sein Zweifel mehrdie seelenstarke Fran hatte Gile, ihren heroischen Entschluß auszuführen und ihr häusliches Domizil, diese Brutstätte des Unheils für andere, des moralischen Unterganges für sie selbst, zu verlassen.
Brand trat unter das Haustor, und im selben Augenblick kam die große Modistin ihm aus dem Treppenhause entgegen. Sechs ihrer Damen geleiteten sie, einige vergossen Tränen, andere schienen mühsam, aber heldenmütig einen großen Schmerz niederzufämpfen. Amélie blieb stehen, ihr Gefolge umdrängte sie, ihre Hände wurden ehrfurchtsvoll gepreßt, stürmisch gefüßt. Sie dankte mit Rührung und Grandezza für jedes Liebeszeichen.
Ein Gymnasiast, der eben vorüberging, weidete sich ein Weilchen an dem Anblick und rief:„ Die reine Maria Stuart vom Burgtheater."
Brand schob den kecen Jüngling zur Seite, näherte sich Madame Amélie mit erhobenem Hute und beglückwünschte sie: Sie sind Ihrem Entschlusse treu geblieben, Madame, fehen Sie, es geht auch ohne Eid. Meine Hochachtung, Madame." Sie war merkwürdig verlegen, ja bestürzt: Ach, oh diese Liebenswürdigkeit! diese Güte!... Ich hätte wirklich nicht erwartet... daß Sie so früh ,, Nicht erwartet?- Da ich Ihnen doch versprochen hatte.. Ich glaube fast, ich komme Ihnen ungelegen," scherzte er.
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Sie protestierte, und er ergriff ihren Arm und half ihr in den Wagen steigen. Dabei tat er einen Blick in das Innere des Gefährts Alle Teufel! eine Ede war schon besetzt, sehr dick und breit durch einen schönen Mann mit weiß und rotem Gesicht mit schwellenden Lippen. Brand fannte das Lächeln, das höhnische und ängstliche Lächeln, zu dem sie sich in diesem Augenblick verzogen. Entrüstet warf er den Wagenschlag zu. Amélie, schamrot und verwirrt, beugte den Kopf und machte eine um Verzeihung flehende Gebärde. Der Kutscher trieb die Pferde an.
Glückliche Reise, Unglückliche! Sie nimmt den Elenden mit auf die Flucht vor ihm. O die Weiber, die Weiber!
Fast hätte Dietrich es laut ausgerufen. Die Damen unter dem Tor waren indessen von toller Lustigkeit ergriffen worden, schnatterten und lachten, daß es ein Bergnügen gewesen wäre, ihnen zuzuhören, wenn die Immoralität dieses Gelächters ein Vergnügen hätte aufkommen lassen. Unter der Anführung Fräulein Juliens, die im Bewußtsein ihrer Regentschaftswürde um zwei Zoll gewachsen schien, hüpften und tanzten die Frauenzimmer die Stiege wieder hinauf. Mißbilligend sah Brand ihnen nach.
Beim Abschied und nach dem Abschied muß man euch sehen, ihr falschen Ströten! dachte er. Alsbald aber regte sich sein Gerechtigkeitsbedürfnis und veranlaßte ihn zu allerlei Erwägungen und zu der Frage:" Machen wir Soldaten es nicht im Grunde ebenso? Mit Trauerflängen begleiten wir den entschlafenen Kameraden zur letzten Ruhestätte mit klingendem Spiele marschieren wir hinweg von seinem Grabe."
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Der Vergleich hinkt freilich wie jeder Vergleich. Uebrigens, sei es wie es wolle mit Weibererziehung gedachte Brand sich vorläufig wenigstens nicht mehr zu befassen.
Sophie war bei dem theatralischen Abschied der Prinzipalin nicht erschienen; Dietrich traf sie unterwegs, und sogleich fiel ihre Blässe und ihre sorgenvolle Miene ihm auf. Was ist Ihnen," sprach er sie an. Sie sehen bekümmert aus."