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Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 210.

Dienstag, den 28. Oktober.

9 Helge Bendels Luftfchlöffer.

1913

Er wies, sicher zum tausendstenmal, die doppeltgekapselte, mit Brillanten beseßte goldene Uhr mit eingravierter Inschrift Ein Chikago- Roman von Henning Berger. berum, die er für dreißigjährige" Dienste von seiner Gesell­schaft empfangen hatte, am Tag, eh man ihn an die Luft setzte. Helge dachte an das Telegramm. Aber es war ja nicht und darauf ergoß sich ein Strom von Verwünschungen über möglich, es aus der Tasche zu stibißen. An der Tür machte Ranch und Swanson, die er den spanischen Affen und die Roth aufs neue fehrt, zerrte den Mantel herunter und warf Stinkratte" getauft hatte. Aber mit echt schwedischer, naiver ihn auf den Bultfessel. Es war ihm eingefallen, sich die Loyalität äußerte er nie ein hartes Wort über The Com­Hände zu waschen. Helge bolte tief Altem. Das jah fast aus wie Gedanken- pany", in deren Dienst er seine drei besten Jahrzehnte ver­hatte. übertragung. Kaum war Herrn Roths dunkler Kopf auf der Wendeltreppe verschwunden, als Bendel seinen Kneifer fester grünen Schirm verstedt saß und an seinem Portwein nippte. Daran dachte Helge, während er hinter einem schimmel­auf die Nase drückte und, die Augen auf das Bassagierkontor Sämtliche Einzelheiten und Phasen der Revolution famen geheftet, blißschnell den Rock ergriff, das Telegramm heraus- ihm wieder zurück. Die unheimliche Spannung über ein zog und es las. Die wenigen Worte lauteten: halbes Jahr lang, die vergeblichen Versuche, sich eine neue Stellung zu verschaffen, die Intrigen und die Heimlichtuerei, die Furcht in der Erinnerung an ein früber durch­gekämpftes arbeitsloses Jahr, alles froch wieder hervor, gleich giftigen Kröten aus einem Morast. Und als dann das Ganze vorüber und er aus reinem Zufall gerettet war wie er da sich selber heilig und teuer geschworen hatte, es nächstes Mal zu machen wie die anderen: sich selbst der Nächste zu sein, nur an seine eigene Haut zu denken, mit denselben Brutalität, und vor allem den Zwed die Mittel heiligen zu Waffen zu kämpfen wie die Einheimischen, mit List, Heuchelei, Brutalität, und vor allem den Zweck die Mittel heiligen zu fallen. Aber tief in seinem Innern mußte er zugeben, daß er bloß eine schlechte Imitation geworden war; die Umwandlung war bloß eine halbe. Zähne und Krallen waren da; aber er war im Lauf der Jahre nicht festgewachsen im Milieu, sondern im Gegenteil davon weg. Die innere Unbefriedigtheit war größer als vor zehn Jahren. Meine Nerven sind faputt! sagte er oft.

Wolsey segelt morgen S. S. Campania. Toppin. Das war alles, aber eine bedeutungsvolle Mitteilung. Der kommende Mann des großen Geschäftsbetriebes benüßte nicht einmal die eigenen Dampfer der Linie zu dieser Spriz tour. Unvorbereitet wollte er kommen und einschlagen wie der Blik. Darum nahm er das neue Schiff der Cunard­linie, wie ein gewöhnlicher, uninteressierter Gentleman. Morgen war Sonnabend: nächsten Sonnabend würde er also in New York sein.

Roth fam. Er pfiff leise und roch stark nach französischer Seife. Sicher war er der einzige, der sich unberührt fühlen durfte von diesen Wolsey - Plänen. Vielleicht erwartete er fogar eine Beförderung? Vielleicht den Chefposten in New York ? Und bei dieser neuen Gedankenverbindung flammten alle die hart zu Boden getretenen Hoffnungen dieser neun Sabre zu hellem Brand empor. Nichts war erloschen, alles glühte noch unter der grauen Asche ein günstiger Luftzug mur und neuer Brennstoff, und das Feuer brannte wieder hell und klar. Mit Roths Vorrücken kam sicher auch das feine vielleicht ein Wechsel, auz Chikago fort, dem Often zu, dem Atlantischen Ozean , hinter dessen Weiten Europa

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lag. Fast dankbar blidt er Roth nach, der langsam durch die

Hotelhalle davonging.

Ein Schatten fiel über den Tisch. Vor der nächsten Gas­flamme stand Forsman.

Ein paar Minuten vorher hatte Bendel gedacht:

Jeder trage seine eigene Last! Sebe jeder, wie er's treibe! Was Teufels geht mich eigentlich Forsman an?

Und dies Gefühl spornte seine Kräfte an. In einem Als er jetzt das todesblasse Gesicht des andern sah, das Hui war alles getan, was getan werden mußte. Während frisch rasiert war und da, wo der Bart gesessen hatte, bläulich die anderen, mit ernsthaften oder sorgenvollen Mienen, ichimmerte, verspiirte er ein seltsames, zusammenschnürendez stumm und widerwillig, die Arbeit der Tagesroutine Gefühl im Hals, denselben plöglichen Ingrimm und Druck, vollendeten, wanderte Helge strahlend und leise summend wie den Gewalttaten des Morgens gegenüber. Was haben sie umber. Träume in der Nacht bedeuten wenig Träume ihm getan? dachte er. Mit welchen infamen Torturen haben am Tag haben doch irgendwelchen realen Boden. Und man sie ihn diese zehn Jahre durch gemartert? Und mit diesent fann nie wissen nein, man kann nie wissen ..sie" meinte er das ganze Land, die Nasse, das Leben und die Lebensideen des Landes und der Nasse.

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gerührt.

Sep' Dich, set' Dich, alter Junge! murmelte er

Forsman sette sich und lächelte schtvach:

Wie Du siehst ich bin unten. Sa, ganz verdammt

Rechts vom nördlichen Flußtunnel lag eine kleine fali­fornische Weinkneipe, to es, wie Helge einmal entdeckt hatte, Snäckebröd und schwedischen Anchovis zum reilunch gab. Dorthin hatte er Forsman mit einem Dollar geschickt, damit er auf ihn warten solle, und dorthin eilte er mun selbst. Ich habe mich rasieren lassen. Ich hatte solch schred­Wildens Weinkeller war unterirdisch. Eine Messing- liches Verlangen danach. treppe führte vom Trottoir aus hinunter, und drunten Blößlich wurde sein Ton hart: brannte das Gas den ganzen Tag. Zwei große geschnitte Weintrauben aus Holz, eine blaue und eine gelbe, bildeten drunten! das Schild, und die Gläser, in denen der Wein serviert wurde, Und ohne eine Aufforderung abzuwarten, berichtete er waren fingerdick und hatten viereckige Füße. Sägespäne be- in einem Zug. deckten den Fußboden, und ein Gang führte bis hinab nach Helge kannte die Geschichte im voraus. Er mußte, es war der Water Street, wo man auf der einen Seite das Brausen die Erfahrung von Tausenden von Einwanderern. Dies unbe­der Kabelzüge, die den Tunnel passierten, auf der andern das schreibliche Auf und Nieder, das nirgends sonst seinesgleichen Gurgeln des Flusses unter dem Pfahldamm hören konnte. m hat. Eine immerwährende Folge von Wogenbergen und Sommer famen Seeleute von den Buffalobooten hin, die durch Wogentälern; nur nie ruhig und geschützt. Die übernatür­die fünf Seen fegelten, und tranfen da Wein und stachen ein- liche Anstrengung, von der man denen daheim niemals erzählt, ander mit den Messern. Aber im Winter saßen um die kleinen, denen daheim, die nur den Lohn sehen, aber nicht ahnen braunen Tische alle die heimatlosen Existenzen, die dereinst sollen, was er foftet. Dann und wann hörte er wieder zu: Anstellungen gehabt hatten im Geschäftsviertel und jetzt von ihren gegenseitigen Hoffnungen und den Almosen ehemaliger Kameraden lebten, während sie Rotwein und Missouri , der nach Tinte roch, schwarz wie Tinte und so sauer war, daß er wie Messer im Magen schnitt, und alten Frisco- Portwein tranten.

-Aber dann kam der Streif und alles wurde geschlossen. Und damit natürlich das Trachten nach Rache. Das ging ebenso schief. Alle wurden entlassen. Schließlich kam ich doch bis nach Minneapolis und fand zuletzt eine wirklich gute An­stellung. Fünf Jahre war ich dort. Heiratete, wir hatten ein Kind. Da wurde die Firma umgeändert. Alle wurden Forsman war nicht da. Das war beinab eine Erleichte- entlassen. Aufs neue dies höllische Gesuche. Eine schlechtere rung. Helge durchspähte alle Räume, fand aber von Be- Anstellung. Neue Unsicherheit. Eines Tags Entlassung, fannten bloß Andersson, seinen ehemaligen Chef, der halb weil ein Berwandter des Staffiers meine Stelle haben sollte. betrunken in einer Ecke einem Zechgelage von Auswürflingen Schlimmer und schlimmer. Dann starb das Kind. Dann von seinem Billetthandel in früheren Tagen vorfchwadronierte. Bendla. Schwach auf der Brust und unterernährt. Zu­