Unterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 1.
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Donnerstag, den 1. Januar.
Im neuen Jahre Glück und Heil! Auf Web und Wunden gute Salbe! Auf groben Klos ein grober Keil! Auf einen Schelmen anderthalbe!
Goethe.
Das Menschlein Matthias.
Erzählung von Paul JTg.
1914
„ Den Sonntagsbraten, was sonst!" entgegnete jener unwirsch, unsäglich erhaben. Dann pfiff er in Vollgefühl glücklicher Losgebundenheit zuerst etlichemal schneidend, markerschütternd durch die Finger, wie um das Echo zu uzen und das bißchen Welt da unten auf sein Kommen vorzubereiten. Ferner mußte das für allerlei Einkäufe erhaltene Geld nachgezählt und ausgetiftelt werden, wo sich etwa ein Fünfer zu Eigenzwecken abzwacken lasse. Dazu brauchte er all seine Grüße. Die Mutter rechnete gut und scharf.
Der mißvergnügte Jäter hingegen spionierte behutsamt weiter: Hei, Du, so sag's doch: was gibt's denn morgen zu Mittag?" Er lauerte vergeblich, der Große ließ sich auf nichts weiter ein. Mit ciligen füllenhaften Säßen war er schon fort, frisch, sederleicht wie ein Pfeil von Schöpfers Bogen geschossen, und lachend kam der Bescheid zurück:„ Gebratene Mückenfüßle und Mailäfer am Spieß!"
1. Die Einkehr zum G upf. Die verwunschene Hütte unter dem bewimpelten Felsfegel, Gupf" genannt, lag schon im kühlen Abendschatten, Der Kleine verzog das Gesicht zu einer wüsten Grimasse; während jenseits des Ricentobels das Licht noch verlockend da jedoch nichts im Bereich seiner Nachsucht lag, überließ er auf allen Matten spielte und die niederen Berghäuschen mit sich bald wieder dem bitteren Gefühl der Verlassenheit. Wer den glühenden Scheiben aussahen wie trunken von Sonnen- ihn jetzt gesehen hätte, wäre gewiß erschroden vor diesem schein. Vor der Schwelle, nur mit Hemd und Hosen bekleidet, Spiegel findlicher Verzweiflung. Welcher Stachel saß in fauerte ein sauberer Stnabe, der ein rostbraunes schartiges der schmächtigen Brust, welcher Wurm nagte an der bläßMeffer zückte, womit er das Gras zwischen den klobigen lichen Blüte? Pflastersteinen abtat. Das gemeine, mühselige Geschäft Er fuhr aus seinem schmerzlichen Sinnen erst wieder auf, schien ihm fuchsteufelswild zu machen; er stocherte tiictisch als vom Loch her ein Stimmengemurmel an sein Ohr schlug. an dem Unkraut herum und wegte die Klinge am Gestein, Sm Nu war er an der Hausecke. Schreckhaft große Augen daß es knirschte. Die Augen mochte er bei dieser Arbeit schon starrten hinunter. Doch beim Anblick der Leute, die auf dem gar nicht brauchen. Er starrte und horchte lieber hinab in holperigen Fußweg hin und her schwankten, schien er schwer das„ Loch", wo der Bach unterm Blätterdickicht von Tag zu enttäuscht. Ein beleibter Mann in Hemdärmeln, dem die Tag mächtiger rauschte, oder hinüber auf die jenseitigen letten Schritte bis zum Rastort ordentlich sauer fielen, rief Weiden , auf das von langer Winterhaft rammlige Vieh, das Bürschlein an, was es da oben um gutes Geld zu trinken dessen tolle Sprünge bei abgerissenent, windverwehtem Ge- gebe. Antwort bekam der ebensowenig. Weder durch einen bimmel den Beschauer wider Willen ergötzten. Auch den Lant noch durch ein Zeichen verriet der Junge, ob er hören Hüterbuben konnte er erkennen. Der sprang und hüpfte wie und sprechen könne. Eine Weile gaffte er die Ankömmlinge cin Kobold zwischen den Kühen umber, schlug Purzelbäume feindselig an. Diese fetten Leute, die keuchend, schweißvor Uebermut, jodelte troß einem erwachsenen Senn oder triefend, mit aufgeknöpften Westen und Hemden da oben anließ seinen schnurrigen Lockruf erschallen:„ Choom wädli, langten, wie Fiebernde nach einem Trunk gierten und dann wädli, wädli- hoi, Bläß, hoi, hoi!" Von Zeit zu Zeit mit hüpfenden Halszäpfchen fürchterlich schluckten, mochte er schrie er aus Leibeskräften durch das Schallrohr der Hände: sowieso nicht leiden. Warum konnten solche nicht lieber unten Matthias Bö- bi,-a- bi- cho," worauf sich dann jedesmal bleiben? In seinem Zorn dachte er, den Berg müßte das über des Jäters Haupt ein kleiner Mädchenkopf am Fenster Fell jucken, daß er sie abschittle wie lästiges Ungeziefer. zeigte und mit ebenso durchdringender Stimme herrisch hinunterbot:„ Chä nöd cho!"
Der Gerufene selbst gab keine Antwort, er stieß nur eine ible Verwünschung über Frida, das Bäschen, aus, die seine Knechtschaft so schadenfroh in die Welt hinauskreischte. Beinah hätte er einen Rottlumpen aufgehoben, um die äffische Fraße zu zeichnen. Das wäre dann für ihn auch nicht gut abgelaufen. Er mußte den Zorn verbeißen. Bald blickte er nur noch durch Tränen hinüber, wo sich die vielen weißen und braunen Flecke der Herde im Goldiggrünen bewegten, oder hinunter ins Tal, wo die Häuser bis zum Giebel in ein Blütenmeer versunken schienen. Was mochte das für ein lieblicher Frühling sein unten im Trauben- und Kirschenland, zumal weiter vorn am See, von dem hinter Hügelrücken gerade noch ein flußbreites, alle Sehnsucht aufreizendes Band zu sehen war. Wenn dann gar noch ein Segelschiff drüber glitt, so hielt es das Herz in der Brust nicht mehr aus.
Matthias hauste wie ein Gefangener in dieser Bergeinsamkeit. Aber seine Gedanken konnten sie nicht in Ketten legen. Darum führte er, troß seiner Jugend, ein richtiges Doppelleben. Zehnmal am Tage schreckten ihn scheltende Stimmen von heimlichen Talfahrten auf oder seine Hüterin fuhr ihm ungestüm in die Haare, um den Zwiespalt zu schlichten, Leib und Seele wiederordentlich zu versammeln. Wozu mußte er jetzt Gras jäten, das doch gleich wieder nachwuchs? Er sollte bloß nicht in der Stube sein, nicht sehen und hören, was sie drinnen trieben und tuschelten. Alle waren sie wieder gegen ihn. Daraus konnte er am besten merken, daß ein Besonderes im Schwange war.
Als Konrad, ein weit übers Maß hinausgeschossener Zwölfer an der Schulgrenze, den alle den„ Großen" nannten, mit einem Rückentragforb, ebenfalls barfuß und nur um eine Flickenweste reicher als Matthias, aus dem Hause fam, stieß diesen die Neugier, daß er schüchtern fragte: Was mußt Du holen?"
I
Endlich verschwand er hurtig in dem kleinen, an der steilen Halde nur so klebenden Schindelhaus, vor dem zivar in Sommerszeiten mancher fragend stehenblieb:„ Was für ein Halbnarr hat Dich, elende Baracke, in diese Wildnis gestellt?" aber nicht ebensoviele verleitet wurden von dem bunten Schild, darauf ein üppiges Stilleben gemalt und zu lesen war:„ Einfehr zum Gupf." Drei schmale Fenster zogen Licht und Luft hinein, zwei Rucken belebten das niedere, branddürre Dach, das den brausenden Föhnstürmen, vor denen das Haus geschütt lag, schwerlich widerstanden hätte. Ein ängstlicher Betrachter mochte dann den Blick noch hundert Meter höher schicken, wo der Gupf mit brüchigen Steinmassen grimmig herunterdrohte, so beschlich ihn vollends ein Grauen vor dieser Ansiedlung. Vor der Hütte weitete sich der vom Dörflein Weihnachten ausgehende Weg, ähnlich einem Bachbecken, zu einem kleinen Rundplak, dessen obere Hälfte ein bemooster Bumpbrunnen beherrschte, während die untere mit einigen arg verwitterten spaltigen Tischen und Bänken besetzt war. Hinter diesen stürzte sich ein wackerer Krautgarten gleichsam fopfüber in die Tiefe, und ein selbstgefertigter Stab- und Lattenzaun schütte ihn vor dem gefräßigen Hasenvolf, dent die Vorsehung zum Glüid alle Kletterkünfte versagte. einem bescheidenen Hühnerstall und zwei derzeit an Pflöcken grasenden Ziegen war die ökonomische Seite des Anwesens vollkommen erschöpft. Das bißchen Wiesengrün rund herunt schien wie mit einer Schere aus Wald und Wildnis ausgeschnitten.
Mit
,, Basgotte Leute!" rief Matthias micrisch, fait als wolle er sagen:„ Schelme, Landstreicher!" in die Stube hinein, wobei er einen neugierigen Blick auf den Tisch warf, an dent Frau Angehr, die Wirtin, mit ihrem Töchtern Marie und Frida Vorbereitungen zum sonntäglichen Mittagsmahl traf. Die Mädchen schälten Kartoffeln, die Mutter verlas Kopfsalat. Daran ivar nun rein gar nichts Besonderes, und doch kami ihm die Sache verdächtig vor. Solche Schüsseln voll?