166
Der Kammerherr in eigener Person steht neben ihnen.[ nazi fuhr am ganzen Feldberg als der einzige unterm MannenDie schmutzigen, schwierigen Hände ziehen die Mützen, und der Kammerherr erwidert leicht den Gruß.
Der Kammerherr ist von hoher Gestalt, mit furzem Nacken, langem Hals, herabgezogenen Mundwinkeln und ein gezogenen Doppelfinn; er hat eine große, gebogene Nase und stark gewölbte, etwas hervorstehende Augen.
Der Kammerherr trägt einen englischen Anzug und ist forgfältig frisiert.
Eine Weile steht er da und beobachtet, wie das Ganze funktioniert. Die flappernde Maschine, die tief in der Erde steht, und die geschäftigen, grauen Männchen in dem halb dunklen Schennenraum, die an Zwerge in einem Staubberg erinnern, scheinen ihn zit amüsieren.
Per Holt, der wie ein Obmann der Zwerge leichthändig die schweren Säcke schwingt, erregt seine Aufmerksamkeit.
Mit Wohlbehagen ruben die Blice des Kammerherrn auf dem Kornstrom, der unaufhörlich dem Schacht entrinnt, und auf den Kornsäden, die in langen Reihen auf der Tenne stehen. Hundert in jeder Reihe.
Dann schreitet der Kammerherr mit strammen Waden, Yangsam und gravitätisch, hinaus in den hellen Schloßparf und in den stillen Wald. Genant so schweigsam, wie er geTommen.
Der Verwalter jedoch bleibt zurück bei den Arbeitern. Der Verwalter schwebt stets über ihnen, wie eine drohende Wolfe. Er folgt ihnen wie ein Schatten.
Während die Hände mechanisch ihre Arbeit verrichten, hängen die Gedanken sich an den Verwalter, wo er geht und wo er steht, wenn er den Platz wechselt, und wohin er die Augen wendet.
Die Maschine schnurrt und summt. Der Staub wird leicht emporgewirbelt und fällt dicht herab, und die Staubförnchen fochen und funkeln, wenn sie in dem von der Sonne gebildeten Lichtkegel, der durch das Fenster dringt und das Halbdunkel quer durchschneidet, auf und ab steigen.
Das einzige Lebenszeichen der Arbeiter scheint ständig mit dem Verwalter verknüpft zu sein. Man fühlt geradezu, wie er geniert. Die beiden Parteien stehen in demselben Berhältnis zueinander wie ein strenger Schulmeister zu den Kindern, die er in Zucht hält...
Endlich weicht der Verwalter von ihnen. Er schreitet die lange Tenne hinunter, und seine Gestalt wird kleiner und Kleiner, je mehr er sich dem Ausgang nähert.
Einer der jüngeren Häusler, Niels Rön, steht gerade vor einem Guckloch, durch das er, zwischen zwei Balken, den Rücken des Verwalters sehen kann. Und während er dasteht und schaut, blißt es in seinen Augen auf: ein Einfall, ein übermütiger Streich. ( Forts. folgt.)
Die Welt war ein Meer wirbelnder Flocken, und die Tannen seufzten schwer im Schneesturm. Auch der Ankensalomo seufzte und fluchte, wenn er troß seiner großen Schneercifen an den Füßen hin und wieder einmal bis an den Bauch in eine Schneewehe einbrach und der vierzigpfündige Anfenballen den er, wohl eingeschlagen in Tüchern, in seiner Hotte auf dem Rücken trug, ihn nicht mehr aus dem Loch kommen lassen wollte. Aber er fam jedesmal wieder oben auf im Kampf mit dem Sturm, dem Schnee und dem Anfenballen. Wenn er dann mit gespreizten Beinen, wie es die runden Schneeteller an den Füßen nicht anders zu ließen, wieder weiter schritt, dann setzte sich die Ankenmarei, die während des Salomos Ringen mit den weißen weichen Gewalten ruhig wie eine große Bildsäule stehen geblieben war, auch wieder in Bewegung, trat vorsichtig und fast behaglich in die von ihrem lebenden Schneepflug gemachten Spuren, bis das nächste Einbrechen des Salomo ihr wieder eine willkommene Gelegenheit zum Ausschnaufen gab. Sie selbst hatte nur zwanzig Pfund in der Hotte. Denn zehn von den ihren trug der Salomo, der sich wie eine fleine Lokomotive durch den Schnee von Hinterzarten den Feldberg hinauf bohrte, während die Merei gemächlich hinter ihm herfam. Als sie nach fünfstündigem Schneeivaten endlich an den Tür pfosten der Wirtsstube des Feldberger Hofes die Schuhe abflopften und sich aus zwei wandelnden Schneesäulen wieder in den Ankensalomo und die Ankenmarei verwandelt hatten, da fanden die Beiden, es jei genug für heute; die fünf bis sechs Stunden bei solchem Wetter bis hinao nach Lodinau konnien sie auch morgen machen.
Das war in der Zeit, wo die allerersten Schneeschuhläufer auf den Feldberg tamen, und wo im Winter von den zwanzig Betten des Feldberger Hofes selten einmal eins über Nacht einen Gast bekam. Die Marei wollte von dem neumodischen Kaibenzeug nichts wissen und infolgedessen der Salomo auch nicht. Nur der Jäger
volt auf den Tüfelsbrettern, und der saß natürlich affurat wieder in der Wirtsstube, als die Zwei Hereingetrampt tamen und nach Nachtquartier fragten, obwohl noch nicht vier Uhr war., bei solchem Weiter sei man doch am wohlsten unter einem Dach. Sa, warum nit?" sagte die Feldberger Hofwirtin, und meinte,
Wenn der Salomo Courage hätte, dann hätte er sich schon lang ein paar Brettli machen lassen und tät in einer Stunde nach Todtnan hinabflißen; aber natürli, wenn einer feine Courage
hat...!"
So spottete der Jägernazi, strich seinen semmelblonden, ver rupfien Schnauz und sah mit der ihm eigenen nichtssagenden Grimmigfeit im Gesicht so vertraulich als möglich zur Marei hinüber. Diese hatte indessen das Tuch vom Kopf genommen, den Rock mit der eingenähten Hüftenmulit ausgeschüttelt, die gescheitelten Saare zurechtgestrichen, das rote Geficht mit den kleinen Meuglein und dem ewigen Tropfen an der langen Nase abgetrocknet und sich dann in der ganzen Wucht ihrer Erscheinung auf die Bank am blauen Kachelofen gefeßt. Erst nach einer Weile ruhigen Wartens, während dessen der Salomo mit seinem breiten, an eine negerhafte Abstammung erinnernden Gesicht und den aufgeregten Locken aufgeregt bald zur Marei, bald zum Nazi schielte, erhob die Marei der sei ihr noch feiner vorausgewatet; es sei eine wahre Pläfier ihre Stimme und sang ein volles Lob auf den Salomo ; denn wie mit ihm 3' gau und auf den Salomo lasse sie nüt kommen.
Der Belobte tat einen triumphierenden Blick zum Jägernazi hinüber und bestellte sich dann mit nachlässiger Geberde ein Viertel Markgräfler. Dem Sterli wollte er es schon zeigen, was es heißt, ihn bei der Marei ausstechen zu wollen.
Aber als der Jägernazi gleich nachher hinaus vors Haus ging, um einmal nach dem Wind und dem Thermometer zu schauen, da interessierte es die Marei gerade auch, ob sich das Wetter nicht aufhellen wolle, und sie steckte bei der Gelegenheit dem Nazi eine neue Tabatspfeife zu und ein Pädli„ Blauer Ritter", die sie m der Neustadt für ihn gekramt hatte. Dann meinte sie leise zu ihm, wenn er warte, bis der Winter vorbei sei, wolle sie ihr Wort halten und auf den Herbst Hochzeit mit ihm machen; aber bis zum Frühjahr fönne sie den Salomo beim Vorauswaten nicht ents behren.
Währenddem die Anfenmarei den Jägernagi also beschwich tiate, ging der Schieber zwischen Wirtsstube und Küche häufiger auf als sonst einmal im Tag, und zwei fohlschwarze Augen sahen dergleichen tat, als ob er etwas merkte, fuhren nachher die Staffehinüber zu dem einsam sizzenden Salomo. Wenn der aber nicht rolen und Häfen so stürmisch in der Küche herum, daß die Feid= berger Hofwirtin es einmal für nötig fand, einen Blick durch die Türe zu tun und der rabiaten Köchin ihre Gegenwart warnend ins Gedächtnis zu rufen. Die Babette war ein schwarzes Wäldler= maidli, nicht mehr gerade im ersten Flaum, aber doch auch noch nicht in den bestandenen Jahren, in welchen die Warei sich befand. Schaffig und husig, freundlich und fröhlich geriet die Babett nur in einen Zustand unkontrollierbarer Aufwallungen, wenn der Salomo mit der Marei zusammen in die Wirtsstube fam. Der Salomo war das einzige Mannsbild im Wald, das auf sie Eindruck machte. Denn er war interessant. Die Babett war aber von jeher für das Interessante gewesen. Sie sah es ihm nach, daß er gern den Fiber spielte und gelegentlich unvermutete Lustreislein antrat, auf denen er sein Erspartes verklopfte, furz alles jah sie ihm nach, nur das nicht, daß er mit der Anfenmarei allwöchentlich einmal über den Feldberg und wieder zurückging, cr, der ihr das Heiraten schon vor acht Jahren versprochen hatte.
Dieses Viereck übers Kreuz fonnte nicht mehr lange gut tun. Das fah jedermann am Feldberg. Die Dinge waren in das Stadium der höchsten Spannung getreten, und man mußte über furz oder lang eine Katastrophe erwarten. Die zwei Hingehaltenen, der Jägernazi und die Babett sprachen sich wohl gelegentlich Trost zu und gerieten dabei selbst in ein flüchtiges Funkensprühen, aber bald stellte sich der alte Zustand der Gefühle wieder her, und ihre Reden über die beiden Abtrünnigen schwankten zwischen verhaltenen Lobeserhebungen und nicht zurückhaltenden Prisen Pfeffer und Salz. Indessen beherrschte die Marei die Situation vollständig, da sie wußte, daß alle beiden Mannenvölfer in erster Reihe auf ihr Büchlein auf der Todtnauer Sparkasse spizten. Solcherlei Freier ergeben sich immer ins Warten. Das feurige Herz der Babette aber drängte zu irgendeinem Abschluß.
Da tam ganz von selbst die Stunde der Tat.
Im Gefühl seines Sieges geriet der Salomo, während langsam die Nacht herabsant, ins Schwadronieren. Als die Lampe an gesteckt wurde, trug die Babette für die Feldberger Hofwirtin auf einem sauberen Brett in einem porzellanen Kännlein etwas hercin, was der Ankensalomo noch nicht fannte. Er sei alleweil schon weit in der Welt herumgekommen, bemerkie er, aber was die Herrelüt zum Vieri tränken, das hab er noch nicht herausgebracht. Was in dem Kännlein eigentlich sei, so fragte der die
Wirtin.