s.t 238-m Unterhaltungsblatt öes vorwärts
geleitet, kunstgerecht einen Quadratmeter Erde in die Wagen, die kaum schnell genug heranfahren können. Da drüben soll eine gepflasterte Straße aufgerissen werden. Ein Dampfmeißel kommt heran, beißt sich in das harte Gestein ein und setzt sich in Bewegung. Er pflügt das Pflaster auf, als sei es weiche Krume. Mechanisch und von der Arbeitsleistung dieses Ungeheuers überwältigt, bedient der Mann aus dem dunkel- sten Europa die unheimliche Hexenmaschine. Sie hocken meist dicht zusammen, die Fremdlinge. Jeder Volksstamm hat sein eigenes Stadt- oder Straßenviertel. Das macht den Prozeß im Schmclztiegel zu einem sehr langwierigen. Denn da sie stets beieinander hocken, sprechen sie auch meist ihre Muttersprache und. halten an den Sitten und Bräuchen der alten Heimat fest. Die in fremden Zungen in New Dort erscheinenden Tageblätter sind fast so zahlreich wie die einheimischen täglich er- scheinenden Zeitungen. Ta gibt es Tageblätter in Sprachen, von deren Existenz gewöhnlich nur die Philologen Kenntnis haben. Viele Kuriositäten weist der New Uorker Blätterwald auf. Wozu braucht der Schmelztiegel zwei arabische Tageblätter? Die sozialistische Presse ist hier stärker vertreten als in irgend- einer anderen Stadt der Welt. In New Jork erscheint das ver- breitetste sozialistische Tageblatt, der jüdische„Vorwärts", der gegen 220 000 Leser hat; dann kommt die deutsche„Volkszeitung", der englische„Call" und der ungarische„Elöre". Auch unter den Sozialisten herrscht die nationale Abschlicßung. Da haben wir die alte Garde des Sozialismus, die deutschen Ar- beiter, die vor und während des Sozialistengesetzes einwanderten; der Haufe schmilzt zusammen, aber er hält zueinander und ist beute noch ebenso deutsch wie vor dreißig Jahren. Ein anderes Beispiel. Drüben in Brooklyn hat man eine starke Sektion der finnischen Sozialisten. Sie wohnen dicht um ihr Vercinshaus. Ein prächtiges Gebäude ist die Finnsh Hall. Die Genossen haben sie in ihren Mußestunden selbst errichtet. Wer sich die Arbeit draußen und drinnen ansieht, der muß sich sagen: Dies ist keine kapitalistische Arbeit, dies ist nicht der Ramsch, der in diesem Lande der kapitalistischen Schwindelarbeit im Kapital wie in der letzten Hütte anzutreffen ist; hier haben Arbeiter mit Lust und Liebe ge- schafft. Dies ist ein Meisterstück, und wenn man es betrachtet, lacht einem das Herz dabei im Leibe. In Uncle Sams Schmelz- tiegel sind die Finnen Finnen geblieben. Wer nach der Finnish Hall hinauspilgert, wird nur mit Schwierigkeit einen Genossen finden, mit dem er sich notdürftig auf englisch verständigen kann. Tie Hauptursache der nationalen Abschließung ist die Schwie- rigkeit, die Landessprache zu erlernen. Man kann einem alten Hunde keine neuen Sprünge beibringen, sagt der englische Volts- mund. Die Einwanderer sind meist schon zu alt, um die eng- lische Sprache schnell und gut genug erlernen zu können. Aber die zweite Generation ist schon echt amerikanisch. Der Amerikanisierungsprozeß geht nichtsdestoweniger. auch bei der ersten Generation schon vor sich. Besonders ausfällig ist der Einfluß des Englischen aus die Muttersprache der Fremden. Das mit zahlreichen englischen Ausdrücken gespickte Italienische und Französische, das man in New Jork hört und liest, ist einfach reizend in der Leichtigkeit, mit der es alle Wort- und Satzschwierig- keiten durch englische Notbehelfe überwindet. Und erst das Deutsche I Wenn man das oft ergötzlich klingende Deutsch der dcutsch-amerikanischcn Presse liest, kann man dem germanischen Bäuerlcin in Pennsylvanien schon verzeihen, wenn er erregt aus- ruft:„Der Pig ist durch das Window gejumpt und hat die ganzen Potatös verhamatscht." Damit will er sagen, daß das Schwein durch das Fenster gesprungen ist und die ganzen Kartoffeln ver- dorben hat. So loirkt die Landessprache auf die Sprache der Einge- wanderten. Aber die Landessprache selbst nimmt ihrerseits Aus- drücke aus den fremden Sprachen, namentlich dem Deutschen auf. „Dcrn't de frech 1"(sei nicht frech), ruft ein beleidigtes Mädchen einem Jungen zu, indem sie das„frech" wie fresch ausspricht. Und der Junge erwidert höhnisch:„Vau ere toc> ctumm!"(du bist zu dumm). Es klingt sehr drollig, derartiges aus dem Munde von Kindern zu hören, deren Eltern vielleicht Portugiesen oder Neger sind. Sitten und Gebräuche im Schmelztiegel weisen ebenfalls starken deutschen Einfluß auf. Das VoUsgeträn! ist das nach deutscher Art gebraute Bier, und deutsche Gerichte sind die beliebtesten Speisen des Volkes. Zu nennen sind besonders Kartoffelsalat, Sauerkraut, Leberwurst und vor allen anderen die allgegcnloärtigen Frankfurter Würstchen, die inan kurz„Franksurters" nennt. Die alte deutsche Äaiscrstadt hat sich mit ihren wohlschmeckenden Fleischröllchen in Amerika einen unvergänglichen Ruhm erworben.
kleines Feuilleton. prischtina, öer neue serbische Regierungssitz. Daß die serbische Regierung den Durchbruch der deutsch -öster- reichischen Heere behufs Vereinigung mit den Türken sür be- vorstehend hält, beweist die Flucht der Behörden von Nisch nach Prischtina . Prischtina liegt in ganz weltverlorener Ge- gend: südwestlich des früher viel genannten Sandschak Nowi- pasar. Dort allerdings kann die serbische Regierung sicher sein, daß es weder den österreichischen noch den deutschen Heeren einfallen wird, sie aufzuscheuchen. Selbst wenn es nötig werden sollte, von Nisch üher Skoplje nach Saloniki zu stoßen, würde Prischtina als ganz abseits und strategisch unwichtig, unbeachtet bleiben. Dies ist der einzige Vorzug der Stadt, denn diese selbst hat noch keine 20 000 Ein- wohner und bietet nichts Sehenswertes, außer der ehemaligen Burg des serbischen Königs Milutin , die zur Türkenzeit als Regierungsgebäude benutzt wurde, einem Uhrturm und einem Dutzend Moscheen. Von den Einwohnern waren bei der Eroberung durch die Serben(1S12) 14 000 mohammedanische und nur 2000 christliche Serben. 1500 Türken. 600 Zigeuner, je 400 Albanesen und Juden, 200 Tscherlessen und 100 Zinzaren. Die Stadt be- findet sich fast 11 Kilometer vom Bahnhof der Sackbahn Mitro- witza-Saloniki entfernt und liegt auf dem berühmten Kosso- wopolje l.Amselfeld"), auf dem im Jahre 138g das serbische Kaiserreich den Osmanen erlag. Die Erinnerung daran wird durch ein „Tnrbö"(Grabdenkmal) des Sultans Muräd festgehalten, das sich acht Kilometer nordwestlich der Stadt auf dem Wege nach Wutschitrn be- findet und auf der Stelle errichtet ist, wo der Sultan vom serbischen Helden Milosch Obilitsch getötet wurde. Dieser hat geglaubt, da- durch den Sieg sichern zu können: aber sein Opfer war umsonst, denn der sterbende Sultan hatte noch Zeit, nicht nur die Vernichtung des serbischen Heeres mitanzusehen, sondern auch noch Befehl zu geben, daß der gefangene serbische Kaiser Lasar hingerichtet werde. Die ganze Umgebung von Prischtina ist übrigens trostlos öde und auf der Bahn verlehrte zur Türkenzeit nur ein Zug alle zwei Tage! Zwar wäre die Ebene fruchtbar, aber es fehlt an Bevölkerung.
Die Tat eines üeutfchamerikanijchen Chemikers. Einer der bekannten deutschamerikanischen Chemiker, Dr. Hugo Schweitzer(New Dork), war, wie die„Zeitschrift für angewandt Chemie" berichtet, ob seiner wirklich neutralen Haltung Gegenstand gehässiger Angriffe. Dem hart Angegriffenen ist in der New Jorler „Evening Post" vom 20. August ein Verteidiger erstanden, der an den Herausgeber wie folgt schreibt:„Als altes Mitglied des „Chemists Club" möchte ich mich gegen die Unbesonnenen wenden, die unseren lieben allen Freund, den ehemaligen Vorsitzenden des Klubs, Dr. Hugo Schweitzer, verleumdet haben. Welche Todsünde hat dieser hervorragende Chemiker verbrochen? Er entzieht den geldgierigen MuuitionSfabrikanten 1 500 000 Pfund Phenol (Karbolsäure), unser gebräuchlichstes, wirksamstes und billigstes Des- infektionsmiltel, das gleichzeitig leider das Ausgangsmaterial für die Herstellung von Pikrinsäure ist und das heute einen unserer wert- vollsten Stoffe darstellt, da es vor dem europäischen Kriege mit 9 Eis. das Pfund verkauft wurde, während jetzt das Pfund 1,50 Dollar kostet. Unser guter Freund wollte nicht, daß dies Phenol von den Menschenschlächtern benutzt würde, obwohl, wenn er es ihnen aus- geliefert hätte, ein Geschäft von annähernd einer halben Million Dollar zu machen gewesen' wäre. Er machte Natriumsverbindungen daraus, indem er selbstlos auf diese hohe Summe verzichtete und der wahren Stimme eines edlen und gütigen Herzens gehorchte. Ich verstehe es, daß Edison diesen deutschen Chemiker umarmte und erfreut an sich drückte, als er hörte, was geschehen war. Die Lockung des Geldes ist unter unseren Landsleuten so stark ge- worden, daß man beim Anblick eines Mannes, der tapfer im Interesse der Humanität Geldgewinn von sich weift, rufen muß: „Hut ab, Leute, vor diesem prächtigen Mitglied des geachtetsten Standes unserer Tage. Ich fordere alle Mitglieder unserer chemischen Körperschaften auf, hervorzutreten und ihm Beifall zu klatschen."_
Notizen. — Theaterchronik. Im Kleinen Theater findet Sonntag nachmittag 3Vz Uhr die Erstaufführung von Ernst von Wol- zogens Komödie„Das Lumpengesindel " stakt.
Der Schmelztiegel öer neuen Welt. Von I. K o e t t g e n. Den Schmelztiegel nennt der Amerikaner die Stadt New Jork, das zusammen mit den umherliegenden Städten und Dörfern nicht weniger als iVt Millionen Menschen beherbergt. In diesem großen Tiegel präpariert sich Uncle Sam den homunculus arnericanus aus den hundert Völkern der Welt, die der Reichtum seines Landes angelockt hat. Leicht ist es nicht, aus der verschiedenartigen Masse ein Volk zu schassen, das die Sitten, Gewohnheiten, Traditionen und Ideale der Eingesessenen annimmt. Namentlich ist dies heute nicht leicht, wo der Weltkrieg den Volkervermischer manchmal zur Verzweiflung bringen kann. Unter dem Drange alter nationaler Leidenschaften drohen Völkersplitter sich immer wieder von der Masse trennen zu wollen. Es gibt kaum eine andere Stadt in der Welt, die bei der ersten Berührung auf den Fremden so abstoßend wirkt wie das lärmende, tosende New Jork. Man hat den Eindruck, als ob die Menschen hier an dem ohrenbetäubenden Geräusch wie ausgelassene Kinder den größten Gefallen fänden. Jedermann bemüht sich im Schweiße seines Angesichts, den möglich größten Lärm zu produ- zieren. � Dabei jagen unaufhörlich die Züge der Hochbahnen polternd und dröhnend über die Straßen dahin, so daß es den Fußgängern unten nicht möglich ist, sich zu verständigen. Man wird schließlich von Grimm erfüllt gegen all diese rücksichtslosen Ruhestörer. Doch wie sich der Kesselschmied an den Donner seines Hand- Werks gewöhnt, so gewöhnt sich auch der Fremdling im Hauptein- gang Amerikas bald an die Musik der Sphären der neuen Welt. Hat er sich einmal damit versöhnt, so kann er in Neu-Babel manch interessante Völkerstudie machen. New Jork, das früher Neu-Amsterdam hieß, sollte eigentlich noch einmal umgetauft werden und Neu-Babel heißen. Denn hier lausen die Völkerströme wieder zusammen, die nach dem verpfuschten großen Turmbau in alle Winde zerstreut wurden. Den Turm hat man heute glücklich fertiggestellt. Das Woolworthgebäude nennt man den Koloß, der, 54 Stockwerke hoch, kühn und edel in den Himmel hineinragt und ruhig jeden Vergleich mit den Baudenk- mälern der alten Welt aushalten kann. Ein junger Pole soll ihn erdacht und sein Herzblut dafür gegeben haben. Der Name des kühnen Künstlers wird wenig genannt. Im Lcmde des krassen Geldstolzes trägt der großartigste Bau den Namen des größten billigen Jakobs der Welt. An den Kindern auf der Straße merkt man am besten, daß man es hier nicht mit einem Volke, sondern mit einem bunten Völkergemisch zu tun hat. Da raufen sich milchweiße, flachshaarige Ranges, aus dem Norden Europas mit dem dunkelhäutigen, kraus- köpfigen Gekrabbel, dessen Altvordern mindestens teilweise aus dem Innern Afrikas kamen. Und zwischen diesen Extremen findet sich jede Schattierung in der Menge der Kleinen, die vor der Qbstbude des Syriers spielen, der noch vor etlichen Jahren sein Kamel am Halsterband führte. Wie soll dieser Völkerbrei bearbeitet werden, um daraus gut«, brauchbare amerikanische Bürger kneten zu können? Namentlich die Volksschule steht hier vor einem schwierigen Problem. Um es zu lösen, hat man eine neue Religion erfunden: die Religion der Flagge, deren erstes Gebot lautet: Es gibt nur einen Gott und sein Name ist Qld Glory, das Sternenbanner. Ihn müssen die Kinder beständig begrüßen, ihm beständig Hochachtung erweisen. Wenigstens einmal in der Woche wird im Schulsaale eine Zeremonie abgehalten. Die Kinder begrüßen die Flagge, strecken ihr die Hände entgegen und rufen aus: Ich gelobe Treue meiner Flagge und der Republik , deren Sinnbild sie ist: eine unteilbare Nation mit Frei- heit und Gerechtigkeit sür alle. Neu-Babel ist ein großer Erzieher. Es öffnet den zuwandern- den Völkern die Augen. Es spottet nicht nur der alten Götter, indem es mit seinen Wolkenkratzern in ihre Wohnungen hinein- schaut, sondern macht sich auch über ihre Gebote lustig. Im Schwerßc seines Angesichts soll der Mensch sein Brot essen, hieß einst der unerbittliche Befehl. Demütig beugten sich vor ihm die süd- und osteuropäischen Sklaven des Landes, die mit schwerer Schaufel und primitivem Pflugs der Erde ein kärgliches Leben abgewannen. Jetzt bedienen dieselben Landarbeiter in New Jork eine Dampf- schausel. Berge von Erde und Gestein müssen von der Straße hin- weggerafft werden. Bei der Verwendung der alten Werkzeuge bätte ein Regiment ungelernter Arbeiter tagelang daran zu tun. Aber wie eine Riesenhand spielt die Dampsschausel mit den losen Eingeweiden der Erde. Alle paar Sekunden beißt sie sich mit ihren Stahlzähnen ein und wirft, von dem Hirne des Maschinisten
Rotes vlamenblut. Von Vt-etcc Broodcoorens. 10. Die große Macht Aryn Klips bestand in einer außer- ordentlichen Selbstbeherrschung. Es lvar wahrhaft erstaunlich, wie er seine Leidenschaften in der Gewalt hatte. So hatte er sich diesen Abend vorgenommen, keinen Branntwein zu trinken und nur eine Pfeife seines Petit-Gramont-Tabaks zu rauchen und nicht nach Ribeke zu gehen, wie er sich zuvor vorgenommen hatte, um zu Ehren des Epiphaniasfestes einen süßen Punsch mit den Sauves zu trinken und mit ihnen vier, fünf Partien„Klaver-jas" zu spielen. Aus welchem Grunde er sich an diesem Tage, an dem ganz Flandern von Zeebrugge bis Marie-Louise betrunken war, freiwillig zur Enthaltsamkeit verurteilte? Er wußte es nicht. Bielleicht aber mußte er sich von Zeit zu Zeit klug benehmen. Seit acht Tagen zeigte er sich übrigens nicht mehr. Man hätte glauben können, er läge mit einer Nehpostenladung tcü in der Tiefe einer Schlucht, wenn die Bauern, die Dünger auf ihre Aeckcr hinaus karrten, nicht daS Schnarchen der Säge und des Hobels in seiner Werkstatt gehört hätten. Stets gingen solche Anwandlungen von Menschenscheu seinen großen Streichen vorauf. Er über- legte sie in Muße und schläferte die Aufmerksamkeit der Wächter ein, deren geringstes Gehen und Kommen ihm über- dies genau berichtet wurde. An diesem Abend hatte er sehr spät noch an der Fertig- stellung von einem Dutzend kannelierter Stühle gearbeitet, die der Gerichtsaktuar von Hoornbeke-Saint-Marie ihm in Auftrag gegeben hatte, dem er in Zeiten, wo die Jagd verboten ist, Wildpret lieferte. Dann hatte er seinen Hund Baartje losgekettet, und von den: treuen Geschöpf gefolgt, der mit dem Schweif wedelnd vor Freude geschrien hatte, war er, die Revcille des Regiments der Jäger zu Pferde, bei dem er früher gedient hatte, vor sich hinpfeifend, in die Küche zurückgekehrt. Mensse kam gerade aus dem Stalle, die Gitterlaterne zwischen den Zähnen und über ihre beiden Eimer gebeugt, in denen eine dicke Milch schäumte. Er hatte ihr die Milch abrahmen helfen, und dann hatte er, während sie auf dem Ofen ein paar Waffeln für das Abendbrot wärmte und Wasser auf den Kaffeesatz goß, von seiner Tabakrolle die nötige Portion Tabak abgeschnitten, um sich eine Pfeife zu stopfen; und die Brille auf der Nase, Baartje auf seinem Schoß zu einem Knäuel zusammengekrin-
gelt, hatte er es sich in seinem Weidcnlehnstuhl bequem ge- macht, um eine Seite oder zwei des Lütticher Almanachs zu lesen. Es hatte kaum ein Viertel nach elf geschlagen, als Mensse das Feuer ausmachte und ihrem Mann ins Schlafzimmer folgte. JSährend sie sich auskleidete, erging sie sich, durch Aryns Schweigen ermutigt, in ein Jammer- geschrei auf Kosten ihrer Töchter. Obgleich sie beide in Ant- werpen bei guten Herrschaften dienten, kosteten sie fast so viel, als sie„mitbrachten". Sie brauchten bald dies, bald das. Und obeneiu wurde Ursula krank. Man mußte sie nach Hause nehmen, für Eisenbahnbilletts die er- schreckliche Summe von 10 Frank ausgeben, die sie ihren Eltern endlich hatte schicken können usw. usw. Aryn gab mit gereizter Lebhaftigkeit zurück: Wenn irgendwer daran schuld war, Gott im Himmel, so tvar doch sie es. Sie hatte für ihre Zierpuppen von Töchtern doch bloß bessere Stellungen ausfindig zu machen. Was ihn anbeträfe, so wäre ihm das ganz gleichgülsig, er könnte dabei nichts tun usw. usw. Mensse befürchtete, zu viel gesagt zu haben. Aber der Wilderer dachte schon gar nicht mehr an die Sache. Er ließ im stillen die verschiedenen Jagdgründe der Landschaft Revue passieren, fragte sich, ob es nicht vorteilhaft wäre, nächsten Tag um Mitternacht den Jagdschätzen des Gerichtsschreibers Snock in Deftinge eine kleine Visite zu machen. Da, als die lange, hagere Mensse sich an die Seite ihres Mannes unter dem Deckbett schmiegte, schlug etwas dumpf an den Fensterladen. Klip wandte sich jäh herum. „Merkwürdig, Baartje bellt nicht. Hast Du was gehört?" „Ich glaube, vor'm Fenster waren Schritte." „Wie? Meinst Du? Vielleicht ist's ein Bekannter?" „Es war doch wohl ein Stein, der gegen den Laden geworfen wurde." In die Stille, in der sie lauschend den Atem anhielten, traf ein zweiter Schlag, und dann fiel ein schwerer Gegen- stand auf den Boden. „Gehst Du nachsehen. Mann?" „Warum nicht?" Plötzlich ging ein stilles Lachen über sein schönes, volles, listiges Gesicht. „Sind wir dumm! Die drei Könige gehn vorbei. Es ist die Bande von Coin-des-Tisserands, die sich ein bißchen vcrlustiert, eh' sie nach Ribeke zurückkehrt. Gleich!" Er zündete die Kerze an, ergriff eine Runkelrübe, die beim Backtrog auf dem Fußboden umherlag und ging dann auf den strumpfen zum Fenster, das er leise öffnete.
Er entfernte den Stab vor den Fensterläden, deren Flügel sich geräuschlos öffneten. Aber er erlebte eine Ueberraschung. Die Rübe, die er, gutbercchnet, sofort in die Finsternis hineingeworfen hatte, verfehlte ihr Ziel. Ein Schatten, der auf dem Weg vorm Fenster auf und abgegangen war, machte einen Seitensprung und wandte sich erschreckt um. Im Mond - schein erkannte ihn Aryn. „Heilige Dreifaltigkeit!" rief er. „Was denn?" fragte Mensse, die halb in die Höhe fuhr. Aryn war schon vom Fenster herabgestiegen. „Na, mein Freund," sagte er, indem er die Tür öffnete und Souhe Flohil hereinließ.„Du bist gut entwischt. Ich nahm Dich für ein Gespenst, die ja jetzt im Freien'rum- gehen." Schweren Schrittes war der Mann eingetreten, ohne ein Wort zu sagen, die Gurgel wie zugeschnürt. Baartyn sprang sehr zufrieden vor ihm herum und versuchte an seine Hände zu springen und sie zu lecken. „Du siehst nicht vergnügt aus, Souhe. Bist Du ge- kommen, um Dreikönigstag zu seiern?" „Mensse!" rief er, indem er sich gegen sie herumwandte. ohne Flohils Antwort abzuwarten. Es gab ein Strohgerassel, und zwei nackte Füße plumpten auf dem Fußboden. „Laß sie doch," brachte Souhe endlich mit unnatürlicher Stimme hervor.„Was ich Dir zu sagen habe, ist nichts für Weiber." „Lohnt sich nicht aufzustehen, Stute. Geschäfte." „Gut, gut. Ich habe ihn trotzdem erkannt. Es ist dieser Bursch von Souhe. Guten Abend, Souhe. Gott mit Dir, Junge." „Genug geschwatzt, Mutter. Weiberreden, Oueckensamen." „Guten Abend, Mensse," sagte Flohil. .Setz' Dich an den Ofen, Bursch. Ich wärme Dir ein paar Waffeln." „Nicht nötig. Ich bin nicht hungrig." „Ta, ta, ta. Wer weit gegangen ist, dem hängt der Magen tief. Wann predigt der Kapuziner am besten gegen das Fleisch? Nach einem guten Mittagessen, Lämmchen." Souhe ließ sich in den Lehnstuhl fallen, die Ellen- bogen auf den Knien, und nahm den Kopf zwischen die Hände. „Die Hunde vom Meierhof haben mich auch wieder er- karatt, als ich vorbeikam", dachte er laut, indem er, ohne sich an jemand zu wenden, gerade vor sich hinstarrte. (Forts, folgt.)