Beilage des neuen Vorwärts" Nr. 21

Das neue Deutschland

Oben rechts: Der ,, Führer" auf der Festtribüne.

Unten rechts: Röhm und der Exkronprinz

fühlen sich.

Unten links: Gefangene Marxisten müssen sel­ber das Lager von Dachau befestigen.

Der 9. November in Berlin

Von Otto Wels

Schon am 8. November liegt Unruhe über| men. Sie berichten dem Parteivorstand über| Es sei Blut genug geflossen, sie könnten und der ganzen Stadt. Gerüchte gehen von Mund die Stimmung der Massen. Ebert und dürften zu Mund. Alle in Berlin anwesenden Offiziere Scheidemann erklären, daß sie bis zum nicht auf ihre Brüder und Schwestern seien bewaffnet und zu besonderen Formatio- 9. November vormittags 9 Uhr den Entscheid schießen.

der Republik , die nach den dort gemachten Mitteilungen am Sonntag, dem 10. November, nachmittags 5 Uhr, im Zirkus Busch zusammen­treten und die provisorische Regierung wählen würde. Durch Zufall kam auch ich in diese Veranstaltung. Und so hörte ich denn, daß je 1000 Arbeiter der Berliner Betriebe oder Sol­daten der Berliner Garnisonen am Sonntag­vormittag je einen Delegierten zu wählen hät­ten, die dann am Nachmittag die ihnen zuge­dachte historische Aufgabe der Regierungsbil­dung übernehmen sollten. Es war klar. daß für die Wahl von Delegierten keinerlei Vorkehrung getroffen war. Man ließ auch keine Zweifel darüber, daß die Mehrheitssozialisten über­haupt keine, und die Unabhängigen nur sehr geringe Aussicht hätten, an der Regierung be­teiligt zu werden.

Beim Verlassen des Reichstags traf ich mit Hermann Müller zusammen, der soeben mit Hugo Haase aus Kiel nach Berlin zurückge­kehrt war. Ich unterrichtete ihn und meine in der Reichskanzlei weilenden Parteifreunde, von dem, was ich soeben gehört hatte und schrieb noch in der Nacht ein kurzes Flugblatt an ,, die Soldaten der Berliner Garnison , die auf dem Standpunkt der Politik stehen, wie sie der Vorwärts vertritt", d. h. die für die Wahl einer Nationalversammlung durch das Volk einzutreten bereit waren und forderte sie auf, ihrerseits Delegierte zu wählen. In den ersten Morgenstunden kam das Flugblatt zur Verteilung. Um 12 Uhr mittags traten die Abgesandten von 57.000 Angehörigen der Ber­ liner Garnison zusammen. Eine kurze Schilde­rung der Situation zeigte, daß sie geschlossen bereit waren, für eine

paritätische Zusammensetzung der Regie­rung aus Mehrheitssozialisten und Unab­hängigen

und für die Wahl der Nationalversammlung einzutreten. Auf keinen Fall wollten sie sich bei einer kommenden Gestaltung der Dinge ausschalten lassen. So wählten sie denn auf dem Hofe des ,, Vorwärts"-Grundstückes einen Soldatenrat, informierten ihre Kameraden in den Kasernen und begaben sich geschlossen zu der Versammlung im Zirkus Busch.

Hier platzten die Gegensätze hart auf­einander. Was der Bruderkampf in der Ar­beiterschaft an Schwerem in der Zukunft alles bringen würde, zeigte bereits diese erste Ver­sammlung. In stundenlangen Debatten ver­

Einigung auf der Grundlage der Parität, wer sich nicht fügt, scheidet aus.

nen zusammengestellt worden. In München ist des Prinzen Max von Baden erwarteten. Die Der Friede sei das Ziel und der Krieg dürfe schärften sich die Gegensätze mehr und mehr, die Republik ausgerufen. Auch in Hannover Vertrauensmänner ließen keinen Zweifel, daß nicht nach viereinhalb Jahren gegen die eige- bis die Vertreter der Soldaten, auch in diesem und Magdeburg befindet sich die Gewalt in es in keines Menschen Macht stände, die Ar- nen Volksgenossen fortgesetzt werden. Man Falle als die eventuellen Träger der Gewalt, den Händen des Volkes. Worauf wartet man beiter von dem Verlassen der Betriebe zu solle in Ruhe Soldatenräte bilden und weiter die kategorische Forderung an die Versamm­bei uns noch?- Die Lebensmittelrationen sol- rückzuhalten. Sie würden aber dennoch am in Verbindung mit der Partei bleiben. In ein lung stellten: len noch weiter herabgesetzt werden. Dabei nächsten Tage früh noch einmal in die Betrie- Hoch auf den Frieden und einen freien Volks­gab es schon wochenlang nur noch drei Pfund be gehen, um dann sofort Bericht zu erstatten. staat stimmten Mannschaften und Offiziere mit Kartoffeln und 40 Gramm Margarine pro Kopf. Der Morgen des 9. November dämmert her- ein. Ein Leben ist doch dabei nicht möglich. Stun- auf. Schon früh um 7 Uhr aber sind die Ver­denlang haben die Frauen wieder vor den trauensleute wieder in der Lindenstraße ver­Läden nach Lebensmitteln angestanden. Mit sammelt und erklären übereinstimmend, daß leeren Körben gingen viele wieder heim zu die Zeit des Wartens zu Ende sei. Um 9 Uhr ihren hungernden und frierenden Kindern, Ver- würden zweiflung in den abgehärmten und vergrämten Gesichtern. In den Fabriken der Rüstungs­

Schluß!

-

die Betriebe zum Stillstand kommen

Indessen war im Reichstag

die Fraktion zusammengetreten.

Die militärischen Befehls­

Wir aber sollen aus der Geschichte lernen!

Nanu?

Die Bayerische Zeitung " veröffentlicht folgende Warnung:

So wurde dürftig die erste Notbrücke ge­schlagen, die aus dem Zusammenbruch des Vertreter aus den Betrieben kamen hinzu. Die demokratischen Republik führte. Die Einigung Kaiserreichs zur Nationalversammlung und zur Straßen füllten sich mit den Massen der Ar- der Arbeiterbewegung brachte sie nicht. Dar­beiter. Ebert, Braun und Vertreter der Ar- um triumphiert jetzt nach 15 Jahren wieder die beiter gingen zum Reichskanzler, um ihm klar Gewalt, die Reaktion von damals und die von industrie herrscht Hochspannnung. Jetzt aber und die Arbeiter auf die Straße gehen. Ich zu machen, welche Wendung die Dinge ge- heute dazu. hatte die Nacht in meinem Büro zugebracht nommen hatten. und war in der frühen Morgenstunde das ein- haber Berlins , vor allem der Gouverneur Ge­Die Oberste Heeresleitung hat den Krieg zige Mitglied des Parteivorstandes, der alle neral von Linsingen, dessen jüdische Groß­ja selbst für verloren erklärt. die Meldungen entgegennahm. Zeit war nicht mutter damals noch nicht entdeckt war, hat­Der Waffenstillstand muß abgeschlossen wer- zu verlieren. So gab ich den Genossen den ten indessen bereits im Einvernehmen mit dem den. Um jeden Preis. Die Front halte keine Rat, sofort in die Betriebe zurückzukehren und Kriegsminister von Scheuch die Anweisung 24 Stunden mehr stand. Die Regierung müsse sich an die Spitze der Arbeiter zu stellen. Un- gegeben, auf keinen Fall von der Frieden schließen, sonst sei alles verloren. Das gewiß lag der Tag vor uns. Gab es Kampf? Waffe Gebrauch zu machen. habe die Heeresleitung gefordert, die Würde das Pflaster Berlins sich röten von Um die Mittagsstunde hatten die Mann­Regierung aber versuche immer noch Zeit zu dem Blut der Männer und Frauen, die in der schaften in allen Kasernen Soldatenräte ge­gewinnen. Dabei komme sie doch nicht vor- Heimat Granaten gedreht, gehungert und ge- wählt und sandten diese zum Teil in den wärts. Das war der allgemeine Gesprächsstoff, litten, und den Väter, Söhne und Brüder im Reichstag, zumeist aber in das ,, V or wärts"- wo überall Menschen sich fanden. Die Entente Felde zu Millionen ihr Leben und ihre Ge- Haus, um sowohl Informationen zu erhalten lehnte Verhandlungen mit aufzuziehen. den bisherigen sundheit gelassen hatten? Ein banges Gefühl als Vorschläge für die Sicherung der Stadt Machthabern kategorisch ab. Das sei doch deut- herrschte, daß Furchtbares, Unheilschwange- gegen Ueberraschungen zu machen, die sie lich genug, um zu erkennen, die Hohenzollern , res im Anzuge war, das unaufhaltsam wie ein angesichts der unerwarteten kampflosen Ka­Vor allem der Kaiser, sind das Hindernis für Verhängnis mit der Gewalt eines Elementar- pitulation für möglich hielten. den Frieden. Diese Erkenntnis war allgemein ereignisses sich über die Stadt wälze. geworden. Im Heer, im Volk, oben und unten, Die Vertrauensleute waren noch nicht alle selbst bei einem großen Teil der Bundesfürsten, fort, da melden sich dringend drei Feldgraue, bei ihnen sogar am stärksten, denn sie hatten

ja auch die weitaus besten Informationen. Jetzt wollte alles den Frieden. Dazu aber war vor allem eine Regierung notwendig, mit der der Gegner bereit war, den Frieden zu

schließen.

Es ist bekannt, wie der Tag verlief. Leider machte sich aber jetzt schon

Keine wilden Veranstaltungen.

Es machen sich in den letzten Tagen von den verschiedensten Seiten Bestrebun­gen bemerkbar, anläßlich der Feierlich­keiten am 8. und 9. November in München private Sonderveranstaltungen Die Gauleitung München­Oberbayern weist deshalb darauf hin, daß ausschließlich die in dem von der Gau­leitung herausgegebenen Programm aufge­nommenen Veranstaltungen in Zusammen­hang mit den offiziellen Feierlichkeiten stehen. Mit allen anderen Veranstaltungen hat die Gauleitung nicht das geringste zu tun und lehnt jede Verantwortung dafür ab. Gauleitung München - Oberbayern , gez. Wenzl, Gaupropagandaleiter. Nanu? War denn der Bürgerbräuputsch, den

die Spaltung der Arbeit klasse ein Hauptmann, ein Gefreiter und ein auf das schwerste bemerkbar. f der Mittags­Mann des Naumburger Jägerbataillons stunde versuchte ein Trupp Bewaffneter, die und verlangen, ein Mitglied des Parteivorstan- mit einem Lastauto anrückten, das ,, Vorwärts"- des solle sofort mit ihnen zur Kaserne fahren. Haus und die Druckerei zu besetzen, sowie Das Bataillon hätte gehört, daß es gegen die andere Gruppen es mit bürgerlichen Druckerei- Adolf Hitler mit dem berühmten Revolverschuẞ Bevölkerung marschieren solle. Jetzt wolle es unternehmungen getan hatten. Nur der Um- in die Kellerdecke eröffnete und der mit einem Die Sozialdemokratie hatte am 1. November wissen, wie die Partei die Dinge ansehe. Ihr stand, daß eine starke Abteilung der Naum- großen Davonlaufen endete, nicht auch eine den Rücktritt des Kaisers gefordert. Wagen stände im Hof. Mir blieb keine Wahl. burger Jäger zur Sicherung des Vorwärts"- ..wilde Veranstaltung"? Nach acht Tagen würden sie ihre Vertreter Mit mir fuhren zwei Vertrauensmänner der Gebäudes abkommandiert war, veranlaßte sie, aus der Regierung zurückziehen, wenn dies Arbeiter in die Alexanderkaserne. Der zweite ohne Gewaltanwendung wieder umzukehren. Hindernis für den Frieden bis dahin nicht be- Hof war dicht mit Soldaten gefüllt. Nicht nur Wichtiger aber war ein anderer Vorgang. seitigt wäre. Das Volk hatte Opfer genug ge- das Jägerbataillon, auch Angehörige anderer Am Abend gegen neun Uhr versammelten sich bracht, es sei am Ende seiner Kraft. Jetzt Truppenteile seien andere an der Reihe.

-

Max, nicht Marx !

,, Das Vorbild, 1851-1933. Von Karl Max" waren anwesend. Auf einem im Sitzungssaal des Reichstags Vertreter der so sollte die Ueberschrift des Artikels über Krümperwagen stehend gab ich eine Darstel- ,, revolutionären Obmänner" der Munitionsbe- Napoleon III. heißen, der in der Beilage von Die acht Tage sind um. Am Abend des lung der politischen Situation und schilderte triebe und Männer des Spartakusbundes. Sie Nr. 20 d. Bl. erschien. Der Druckfehlerteufel 8. November treten die Vertrauensmänner der vor allem die Lage, wie sie sich in den näch- etablierten sich dort als vorbereitende Körper- hatte den Karl Max" in einen Karl Marx " Partei in den Berliner Großbetrieben zusam- sten Stunden in Berlin selbst entwickeln könne. schaft für die Konstituierende Versammlung verwandelt.

-