Neuer Vorwärts

Sozialdemokratisches Wochenblatt

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Freiheitskampf an der Saar

Saarbrücken, Ende Mai.

Während drüben im Reiche allmählich auch die Denkfaulsten und ehemals Berauschtesten den Kontrast zwischen Worten und Werken spüren, geht der Aufklärungsprozeß an der Saar viel langsamer vor sich. Hier ist die Stimmung bei den Nationalsozialisten und

Nr. 50

SONNTAG, 27. Mai 1934

Aus dem Inhalt:

Deutschland in wirtschaftlicher Lebensgefahr

Kurswechsel in Frankreich Wo Göring gnädig ist...!

Die Horen auf dem Scheiter­haufen

Lynchjustiz gegen Juden

Für ,, Schändung" den Strick- Oberpräsident hetzt zum Pogrom

Aufforderung zum Lynch ihren Mitläufern jetzt etwa so, wie sie im Im ,, Stürmer" wird zweispaltig in Fettdruck Reiche vor einem Jahre gewesen sein mag. ,, ein Vorschlag zur Behandlung von Artver­Für des Tages Not und Sorgen macht man die gessenen", also jener deutschen Mädchen und Regierungskommission des Völkerbundes ver- Frauen gemacht, die sich ,, der jüdischen antwortlich und verspricht sich wer weiß Wollust hingeben". Nachdem das, Hals­welche Wunder an Besserung, wenn man im eisen und der Schandpfahl" vorgeschlagen Jahre 1935 nach einer siegreichen Abstimmung worden sind, heißt es wörtlich: in das deutsche Vaterland zurückkehren wird. Dabei ist soviel

gewiß, daß es den Arbeitern und den Bauern, den Angestellten und den Be­amten, den Handwerkern und den Ge­schäftsleuten an der Saar viel besser geht als im Reiche,

und zudem leben sie unter Rechtsgarantien, die im Deutschland der Diktatur nicht mehr vorhanden sind.

,, Dann wäre zu empfehlen, die USA . nachzuahmen. In Hermando( Missis­ sippi

) wurden drei junge Neger nach gericht­licher Verurteilung wegen Schändung junger weißer Frauen gehängt. Das wäre das rich­tige Rezept für einen Juden, welcher ein deutsches Mädchen oder eine deutsche Frau

schändet... Lieber Stürmer! Ruhe

und raste nicht, bis die deutschen

betreibt. Der Oberpräsident der Mark Bran­

,, Was

Gift,

und

nichts besagt!

-

Das offizielle Deutschland wagt nicht, der ent­blutigsten Pogromhetze denburg, Kube, schreibt in der Westfäli- gröbsten und schen Landeszeitung": gegenzutreten denn Hitler ist auf dem Nährboden des Streicherschen Antisemitismus Schwindsucht Syphilis für die Menschheit gesundheitlich groß geworden! Es macht eine Geste, die bedeuten, das bedeutet das Judentum sitt­Diese Geste ist um so lächerlicher, als sie lich für die weißen Völker... Juden und Frei­maurer haben den Weltkrieg herbeigeführt. erst nachträglich erfolgt! Seit vielen Wochen Auch die heutigen Krisen, welche die Ruhe ist in der gröbsten Form für diese Nummer der Welt immer wieder erschüttern, sind eben- Propaganda gemacht worden, über den Inhalt falls ein Werk des Judentums. Der Kampf war von vornherein kein Zweifel. Die gesamte wie heißt, gegen das Judentum muß mit rücksichts- Auflage dieser Nummer loser Brutalität geführt werden. Ob ihn 130.000 Exemplare ist verkauft worden. Die Hetze ist erfolgt. Streicher hat damit ein Privatgeschäft gemacht. Die von Göbbels inszenierte Judenhetze hat neue Anstöße er­halten. Daran ändert diese Geste nichts!

er­unsere Generation schon beenden wird, scheint mir sehr zweifelhaft. Unsere Kinder und Kindeskinder brauchen ja schließlich auch einen Lebensinhalt und der Kampf gegen die Juden bis zur Vernichtung soll ein Teil unseres

stolzen Vermächtnisses sein!"

Mädchen und Frauen wieder emen vollstän­digen Schutz vor der Wollust der Juden haben und nach amerikanischer Art und Eine Geste Hitlers nach kurzer Gerichtsverhandlung nur noch gehenkt werden."

-

»> Judenfrei«

es

,, Wie in Ansbach mitgeteilt wurde, ist der Das freilich glauben die wenigsten. Sie Kreis Hersbruck jetzt vollständig frei von empfinden die Völkerbundsregierung, die aus Die Ritualmordnummer des Stürmer" hat Juden, was nicht zuletzt ein Verdienst des einem Briten , einem Franzosen, einem Finnen, Das ist eine offene Aufforderung, Lynchakte in der ganzen Welt größte Entrüstung hervor- dortigen Bürgermeisters Sperber ist, der einer einem Jugoslawen und einem Saarländer be­von allen Seiten Pro- der verdientesten Mitkämpfer Julius Streichers steht, als eine Fremdherrschaft, und es zeigt aus Rassenhaß zu begehen! Sie hat bereits da- gerufen. Nachdem es einem seit Jahren ist."( Nürnberger 8- Uhr- Abend­sich an der Saar , wie leicht es für die natio- zu geführt, daß in Mainz bei einer standesamt- teste hagelte, entschloß man sich zu lichen Trauung eines Juden mit einem arischen Rückzug. Auf Grund eines ausdrücklichen Be- blatt".) nale Propaganda ist, die Empfindungen gegen das zeigt die Stärke von ein solches Regime aufzuwühlen. Die Mehrzahl Mädchen nationalsozialistische Banden das fehls Hitlers wurde die Num­der Bevölkerung von 828.000 Seelen fühlt sich Standesamt stürmten und das Brautpaar in Streicher in Deutschland ,, Schutzhaft" genommen wurde. mer beschlagnahmt. Aber dieser Schritt be­national entrechtet und bedrückt, obwohl für deutet keine Abschüttlung, denn er wird be­alle politischen und kulturellen Richtungen gründet mit einer Beleidigung des eine fast unbegrenzte Betätigungsfreiheit be­Die neue Judenhetze ist in vollem Gange. christlichen Abendmahls in die­steht. In einem Maße jedenfalls, das sich die Deutschen im Reiche kaum noch zu erträumen Es ist das offizielle Deutschland , das sie ser Nummer!

wagen.

Die Einwohner des Saargebietes hätten

Offizielle Pogromhetze

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God mut uns

Gelegenheit, über das Dritte Reich und sein daß viele Tausende ihren Namen in die Listen| rialismus glauben entdeckt zu haben. Die innerlich gleichgeschaltet und schon aus Rück­Wirken sich nicht nur von Freunden, sondern gesetzt haben, um schweren geschäftlichen Volksabstimmung im Jahre 1935 läßt zwar sicht auf ihren Posten nach dem Jahre 1935 auch von Gegnern des Regimes unterrichten Schädigungen oder dem Verlust der Arbeits- neben der Rückkehr nach Deutschland und der nicht leich zu einem Einschreiten gegen An­zu lassen. Erscheinen doch im Saargebiet stelle und schließlich Gefahren für Leib und Aufrechterhaltung des status quo auch die hänger der Deutschen Front" 211 bringen neben den gleichgeschalteten Zeitungen: das Leben im Jahre 1935 zu entgehen. Denn Entscheidung für Frankreich zu, aber es gibt sind. Die Regierungskommission des Völker­sehr tapfere und von seinen nationalsozialisti­niemanden, gar niemanden an der Saar , der bundeş hat also in diesem politischen Vulkan­schen Gegnern leidenschaftlich gehaẞte sozial­für diese Lösung eintritt. gebiet keine zuverlässige Exekutive. demokratische Blatt, die Volksstimme", die ,, Deutsche Freiheit, die katholische Neue Saarpost", der autonomistische General- Anzeiger ", die sehr material­

reiche

Wochenschrift Westland", die kommunistische Arbeiter- Zeitung " und einige kleinere Zeitschriften. Wenn diese Organe einstweilen nicht tief genug ins Volk

be­

wer nicht in den Mitgliederlisten der ,, Deutschen Front" steht, ist als Staats­

feind gekennzeichnet.

Es ist bewundernswert, daß dennoch die Kerntruppe der Freien Gewerkschaften und der Sozialdemokratie, der Sportler und der Jugend dem Terror der Nationalsozialisten, hinter dem die ganze Reichsgewalt zähen Widerstand leistet, immer wieder zum

steht,

Bis die Machtergreifung Hitlers die Front an der Saar zerriẞ, bestand bei niemandem ein Zweifel, daß das Saar­gebiet durch eine überwältigende deut­ Sche Abstimmung in das Reich zu­rückkehren werde. Jetzt freilich ist das anders.

die proklamieren: Für

Was die Sicherungen für die hitlergegne­rische Minderheit betrifft, so wird man nur bitter lächeln können. Wer wird das Dritte Reich für die Interessen von Privatleuten zwingen, wenn es ungehindert von Europa durch die Aufrüstung den Friedensvertrag verletzen darf?

Man muß die Minderheit der ,, Freiheits­

Front machen. Das ist die einzige Sicherung,

Angriff vorstößt und einen starken sozialisti- Unzweifelhaft wächst von Tag zu Tag die front" zu einer Mehrheit über die Deutsche schen Glauben entwickelt. Die Wut der einst- Zahl derjenigen, Weilen übermächtigen Gegner und die Liebe Deutschland , ja! Für Hitler, nein! die es für das Saargebiet gibt. Es wäre das der Getreuen um die rote Fahne mit den drei Diese Losung bedeutet die Vertagung der leichter, wenn mindestens eine taktische Eini­Pfeilen und dem Freiheitsgruße konzentrieren Abstimmung, bis in Deutschland wieder eine gung zwischen den Gegnern des Dritten Reichs sich auf einen Mann, an dem sich die Geister zivilisierte Staatsführung vorhanden ist, oder zu erzielen wäre. Die Kommunisten aber wol­im Saargebiet scheiden, und dessen Name ein die Aufrechterhaltung des status quo durch die len ausgerechnet auf dem auf dem Splitterchen Abstimmung, solange drüben die Hitlerdiktatur Europa an oder eine ähnliche Barbarei besteht.

Kampfruf geworden ist: Max Braun . Er ist der Führer der fast rein proletarischen Frei­heitsfront. Sein Gegenspieler im Saargebiet

der Saar die ,, revolutionäre Lösung", eine revolutionäre Macht Sowjet­Im Januar 1935 erreicht das durch den Saarland zwischen Deutschland und Frank­bescheidenen

dringen, so weil sie und ihre Bezieher in einem Maße öffentlich und geheim geächtet werden, wie dies außerhalb des Saargebietes kaum vorstellbar sein dürfte. Kein Kiosk, keine Buchhandlung wagt eine der nicht gleichge­schalteten Zeitungen auszulegen. Wo man zu ihrem Verkauf verpflichtet ist, wie am Bahn­hof, werden sie geradezu versteckt und der hartnäckig danach verlangende Käufer kommt sie wie einen gefährlichen Explosiv-| stoff gereicht. Kein Gasthof und keine Wirt­schaft legen, solche Zeitungen" aus. Kaum ein und auf dem Parkett des Völkerbundes ist der Vertrag von Versailles eingesetzte Völker- reich. Es hieße den noch so Geschäftsmann, auch kein jüdischer, wagt dar- saarländische Industriekapitän Röchling, bundsregime sein Ende. Nicht lange danach Intellekt der kommunistischen Führer beleidi­in zu inserieren. Die wenigen in den Straßen der eigentliche Führer der Deutschen Front muß die Abstimmung stattfinden. Man spricht gen, wenn man annehmen wollte, daß sie thre sich zeigenden Verkäufen, auch eine mutige So- auch wenn er unter dem weithin unbekannten von Mai 1935. Einen genauen Abstimmungs- Forderung ernst meinen. Um des Götzen Agi­zialdemokratin, werden belästigt, manchmal termin hat auch die letzte Tagung des Völker- tation willen muß aber eine Kluft zwischen auch photographiert; wie man annehmen darf, Die Röchlingwerke lassen sich übrigens bundsrats noch nicht festgelegt. Bei den Vor- den beiden Arbeiterparteien aufgerissen wer­um die Bilder als Unterlagen für die große durch den deutschen Heldenkampf ihres Chefs verhandlungen, an denen insbesondere Frank- den, auch wenn nicht der geringste sachliche Abrechnung im Jahre 1935 aufzubewahren. nicht hindern, mit dem französischen Militär- reich, Italien und England beteiligt sind, wäh- Grund dafür vorhanden ist. So wirkt sich der stille Terror der Deut- fiskus recht lohnende Geschäfte zu machen. rend das aus dem Völkerbund ausgeschiedene dürfen. Die ,, Freiheitsfront" an der schen Front" aus, dem Gebilde, in dem alle In Geldsachen läßt sich der Nationalist Röch- Deutschland von Berlin her schmollt, geht es lassen um die Sicherung eines freien Ab- Saar ist so jungfrisch und militant, daß sie gleichgeschalteten Organisationen des Saar­stimmungskampfes, keine Ermüdung zeigt. Bis zur Entscheidung gebietes vereint sind. Unter den Augen der Völkerbundsregierung internationale Polizei- geht noch ein langes Jahr in die Geschichte Front" eine Generalprobe für die im Jahre Saargebiet nennen sich, Deutsche Front". Das truppe, und um Garantien für die Bevölke- ein. 1935 bevorstehende Volksabstimmung vor- ist eine Irreführung, denn es gibt im Saarge- rungsteile, die sich gegen Hitlerdeutschland nehmen dürfen. Sie hat Listen für die Auf- biet nur deutsche Fronten. Auch die Frei- erklärt haben.

hat

die

Namen Pirro sich einen ,, Landesführer" hält.

Internationalismus

von

niemandem

ling an übertreffen. Die Verfechter des Dritten Reiches im vielleicht durch Deutsche

eine

Man wird sich dadurch nicht entmutigen

Diese zwölf Monate mit ihren wach­senden Enttäuschungen arbeiten nicht für Hitler, sondern für uns.

nahme in die ,, Deutsche Front" aufgelegt, in heitsfront" ist ganz und gar deutsch . Nicht Bei dem Verlangen nach einer internatio­die sich angeblich 93 v. H. der wahlberehtig- minder sind es die Kommunisten, die sogar nalen Polizei, die gewiß kein Ideal ist, muß ten Einwohner eingetragen haben sollen. Man mit starker Betonung rügen, wenn sie irgend- man bedenken, daß die große Mehrheit der Hinter den Schallwellen der Propaganda wird mag diese Zahl anzweifeln, sicher aber ist, wo eine Hinneigung zum französischen Impe- Beamten und vor allem

auch der Polizei allmählich die Wahrheit über die Reichs­