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Nr. 85 BEILAGE

Neuer Vorwärts

27. Januar 1935

Emil Ludwig über Hindenburg

burg und die Sage Republik.<<

Ein Unpolitischer über einen Unpolitischen

Im Querido- Verlag, Amsterdam , er- zeß. Es enthüllt den großen Volksbetrug,| Gleichberechtigung und sozialen Fort - schweigt Ludwig, daß der große Volks­schien soeben: Emil Ludwig :>> Hinden- der mit Kaisern und Königen, Helden und schritts in die Gesamtheit einer europäi- abstimmungskampf, der jenen von ihm von der Deutschen Rettern getrieben worden ist. Soweit das schen Kulturmenschheit einzugliedern. falsch dargestellten Vorgängen im Reichs­Buch dieser Aufgabe dient, wird es jeder- Hauptträger dieses Versuches war die tag voranging, von der Sozialdemokratie Wenn einer der meist gelesenen mann mit Nutzen lesen. Sozialdemokratische Partei. gemeinsam mit den Kommunisten geführt Schriftsteller der Gegenwart wie Emil Umso bedauerlicher ist es, daß Emil Es ist unmöglich, die bedenkenlose worden war. Ludwig über eine der meist ge- Ludwigs Werk in anderer Beziehung ge- Oberflächlichkeit außer acht zu lassen, mit Emil Ludwig , der Biograph, hat eine nannten Persönlichkeiten, wie Hinden- eignet ist, ungerechte Vorurteile nicht zu der Emil Ludwig über diese Tatsache hin- interessante Seelenanalyse eines Mannes burg ein großes Buch schreibt, kann der zerstören, sondern eher noch zu festigen. weggeht. Hier zeigt sich sein unpoliti- geliefert, der ohne eigenes Wollen durch Erfolg nicht ausbleiben. Das Buch, dem Ludwigs Spott über den unpolitischen scher Sinn. Was soll man dazu sagen, die Gunst des Schicksals Weltruhm er­einstweilen der Weg ins Deutsche Reich Sinn des deutschen Volkes ist sicher nicht wenn er eine Darstellung der dramatischen langte und dann im Glauben an sein eige­versperrt ist, wird von vielen der immer- unberechtigt, aber hätte der deutsche Auseinandersetzungen in der sozialdemo- nes preußisches Pflichtbewußtsein von hin 30 Millionen Auslandsdeutschen mit Schriftsteller Emil Ludwig einmal ganz kratischen Führung über den Eintritt in Verrat zu Verrat geschritten ist. Als Bio­Begierde gelesen, es wird in alle Welt- scharf in den Spiegel gesehen, so hätte er die Regierung des Prinzen Max mit den graphie ist sein Buch wertvoll, als Bei­sprachen übersetzt werden. Ein solches eben auch keinen Politiker entdeckt. Er Worten abschließt:» Es war ergreifend, trag zur allgemeinen deutschen Geschichte Buch ist nicht nur ein literarisches Er- ist es noch nicht einmal in dem Maße, wie es war dumm«. Ich selbst habe bei jener und zur Politik der Gegenwart läßt es den eignis, sondern auch ein politisches er es sein müßte, um als Historiker auf Auseinandersetzung mit leidenschaftlicher Sinn für Wirklichkeit und Gerechtigkeit Faktum. Sein Verfasser trägt als deut- der Höhe seiner Aufgabe zu sein. Ueberzeugung gegen Ebert gestanden, stark vermissen. Ludwigs Buch über Hin­scher Schriftsteller und Weltbürger po- Ludwig ist ungerecht gegen aber, wenn Ludwig in Eberts Verhalten denburg ist im Grunde das Buch eines Un­litische Verantwortung. das deutsche Volk. Daß dieses be- nichts anderes als eine Art von be- politischen über einen Unpolitischen.

Welt­

Emil Ludwig hat es unternommen, das psychologische Rätsel Hin­ denburg zu erklären. Wie kam es, daß dieser Mann, über dessen geistige Fähig­keiten sich kein nüchterner Beurteiler je­mals einer Täuschung hingegeben hat, an dessen solide Rechtschaffenheit aber alle bis auf ganz wenige Ausnahmen glaubten, am Ende eines nur scheinbaren großen, aber doch anständigen Lebens, in eines der schmutzigsten Abenteuer der geschichte verstrickt werden konnte? Han­delte es sich um eine Art von Greisen­wahnsinn oder Stumpfheit infolge von Altersschwäche? War er nur Werkzeug oder auch Spießgeselle? Gleichviel die grauenvolle Tatsache bleibt bestehen, daß dieser Mann, an der Spitze des deutschen Reiches stehend, tatenlos und gleichmütig| zusah, wie die von ihm beschworene, sei­nem Schutz anvertraute Rechtsordnung eines zivilisierten Staates zerbrochen, wie seine vertrauenden Anhänger in die Ker­ker geworfen, gefoltert und ermordet wur­den. Und das war der Mann, der mit dem ewig wiederholten Wort» Treue um Treue<< durch sein ganzes langes Leben gegangen

war?!

An diesem Problem sind viele Men­schen innerlich zerbrochen. Die Verwirrung, die am 20. Juli 1932 in so­zialdemokratischen Führerkreisen einzu­reißen begann, ist zu nicht geringem Teil auf den Umstand zurückzuführen, daß diese sozialdemokratischen Führer, wie Braun, Severing, Löbe, als

ständige Menschen fassungslos dem Ver­

rat gegenüberstanden, den Hindenburg be­gangen hatte.

Bringt uns Emil Ludwigs Buch eine

Lösung dieses psychologischen Rätsels? Ludwig zeigt uns, wie Hindenburg , ein

Mann von

durchschnittlicher Begabung

dann,

und beschränkter Auffassung durch die Gunst der Umstände und ohne Verdienst erst zum siegreichen Feldherrn, nachdem er den Krieg dennoch verloren, zum Staatsoberhaupt emporsteigt. Das ist allés, richtig gesehen, klar und einfach,

aus

sicheren

Quellen Quellen geschöpft. Zum

Schluß aber verdunkelt sich das Bild. An die Stelle einer offenen Rech­nungslegung, wie sie im Lande eines par-| lamentarischen Regimes und einer freien Presse selbstverständlich ist, tritt mit der Entlassung Brünings ein Gewirr von Hof­kabalen und Palastintrigen.

Politische

Schieber und Abenteurer, die im Dunkeln

Ihr Spielzeug

Friedrich Stampfer .

Rund um Dalldorf

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Der Vormarsch der Konservativen zeigt sich auch in der Deutschen Adelsgenos senschaft. Auf ihrer letzten Tagung miß­billigte ein beträchtlicher Teil der Blaublu­tigen, daß sich der organische Adel schnell auf den Boden des nationalsozialisti­schen Staates gestellt habe. Vorm 30. Juni hätten die Blaublütigen solche Worte nicht gewagt. Vor allem protestierte man gegen den leidigen Arierparagraphen und forderte eine Klärung der Frage,» wann man nichtarisches Blut als getilgt ansehen könne.< Teil der biologischen Wissenschaft erklärt be­kanntlich: Nie aber ganz einig ist sie sich darüber nicht. So bleibt die Sache also zunächst eine politische Machtfrage und man darf wohl prophezeien, daß die Karenzzeit des nichtarischen Blutes der Konservativen in demselben Tempo gemildert wird, in dem Hit­ler von Schacht und den Seinen aufgefressen wird zumal ja der Stehkragen auch nicht ganz ohne jüdische Verwandtschaft ist. Der deutsche Adel mag sich übrigens trösten, es kommen ihm bereits neue Rasse theoretiker zu Hilfe. Dem Göttinger Privat­dozenten Dr. Saller wurde die Lehrbefähi­gung entzogen, weil er, wie das Rassepoliti­sche Amt der NSDAP mitteilt, die Anwendung des Rassegedankens auf soziale Verhältnisse vertreten habe und» gleich anderen von ge­sellschaftlichen Rassen spricht.<

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Er lehrt, daß den heutigen Klassen ursprüng­lich Rassen zugrunde liegen, den unteren Klassen also untere Rassen. Er spricht sogar von einer Korbmacher- Rasse.

Diese Theorie ist vom Standpunkt des nationalsozialistischen Rassenwahns nicht so absurd, wie sie vom Standpunkt der Vernunft und der wirklichen Wissenschaft aussieht; der Mann denkt im Gegenteil nur gewissen Phra­sen der braunen Oberbonzen konsequent zu Ende. Denn wenn es ungünstige Rassen­mischung ist, die das deutsche Volk herunter gebracht hat und» schlechte Rasse gleich­zeitig verminderte Tüchtigkeit bedeutet, so ist die unterste Schicht eben deshalb unten, weil sie unterste Rasse ist, während Ober­klasse gleich Oberrasse zu deuten wäre. Von Leers bis Saller ist nur ein win­ziger Schritt und die Politik des national­sozialistischen Staates entspricht ja auch durchaus dieser Knechtstheorie. Aber der Mann Saller mußte vorläufig kaltgestellt werden, denn wenn es eine Korbmacher- Rasse

jener Oberschichten definieren.

arbeiten, gewinnen das Uebergewicht vor gabte, mit vielen ausgezeichneten Eigen-, schränktem Kleinbürgerpatriotismus den sich gibt, dann gibts auch eine Anstreicher­und die Kolossalfigur des alten Hinden- Welt verdiente aber durch Jahrhunderte nicht einmal die Mühe genommen hat, die Rasse. Und so aggressive Formulierungen burg ist nur noch eine Kulisse, die dieses zu Untertanensinn und Kadavergehorsam öffentlichen Reden, die Ebert über seine kann der Oberosaf nicht brauchen. Dr. Saller schändliche Treiben notdürftig verdeckt. erzogene Volk bei dem ersten Versuch, damalige Stellungnahme hielt, zu lesen. und sein Kreis lassen sich damit zu frech Für diese letzte Zeit von Hindenburgs Le- sich selber demokratisch zu regieren, Noch weniger hat er sich die Mühe ge- merken, daß sie braunen Rassequatsch bereits ben fließen die Quellen nur spärlich. Auch einen moralischen Zusammenbruch ohne- nommen, in den Sinn der vertraulichen im Interesse der herrschenden konservativen Ludwig ist in den letzten 60 Seiten seines gleichen erlitten hat, ist eines der großen Beratungen einzudringen, die zu Buches, die diesen Zeitabschnitt behan- tragischen Ereignisse der Weltgeschichte. Zeit geführt wurden. deln, auf Kombinationen angewiesen. Zu Diesen Versuch selbst aber wegen seiner zum Ausdruck zu brin- wird, so muß es von rassischem Verfolgungs­wahrscheinlich angenommen wurde, hat er keit zu verhöhnen, wie es heute die mei- gen, läßt sich Ludwig keine Gelegenheit und Minderwertigkeitswahn heim­wesentliches nicht mehr hinzufügen kön- sten Modeschriftsteller tun, ist ein Un- entgehen. Seine Darstellung des Kamp- gesucht werden. Sogar das deutsche Aerzte­recht und ein unverzeihlicher Fehler. Wer fes um die Fürsten vermögen blatt sieht sich genötigt, gegen die wa ch­Das Verdienst seiner Arbeit ist die Geschichte und > Erbhypochondrie< und nicht bloẞ Feuilleton ist so vollkommen schief und irreführend, sende Entblätterung der Hind en schreiben will, muß doch sehen, daß die daß es schwer hält, auch nur den guten kämpfen. Professor Luxenburger weist auf Verfassers anzunehmen. drohende Gefahren hin: Leute, die ihre Groß­

nen.

Wenn ein Volk von den Blut- und- Boden­Seine Voreingenommenheit gegen die Doktoren aller Schattierungen derart gedrückt

burg- Legende und nicht dieser al- 14 Jahre zwischen dem Ende der Monar- Glauben des

anzu­

lein. Ludwig macht der ganzen Kaste, der chie und dem Beginn des Dritten Reichs, Seine Behauptungen über die Behandlung mutter nicht in Ordnung haben, fangen an, kertums und Konservativismus den Pro- ein Reich geistiger Freiheit, politischer gehässige Unwahrheiten;

dabei

ver- als er bkrank abgestempelt ist, beginnen

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