Neuer Vorwärts

Sozialdemokratisches Wochenblatt

Nr. 109 SONNTAG, 14. Juli 1935

Aus dem Inhalt:

Warnung vor Spitzeln

Die Verkafferung der Zivilisation Braune Blutjustiz

Hitlers geheime Goldreserve

Verlag: Karlsbad , Haus Graphia"

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Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite

Kulturkampf in vollem Gang

Der stille Kulturkampf in Deutschland

Nationalsozialistische Parteiführer in der Defensive

> Wenn uns heute die Kirchen zum Glau- gens

auch gegen den protestantischen| derstand gegen das System nicht auf rein ist plötzlich laut geworden. Die katholische ben mahnen, fragen wir sie, die ein Volk Grundgedanken von der unmittelbaren Be- religiöse Dinge beschränkt, sondern daß Kirche ist im offenen Kampfe mit der na- glaubenlos werden ließen, wo sie in dieser ziehung des Menschen zu Gott . Fragen der politischen und kulturellen Freiheit und des wirtschaftlichen Drucks tionalsozialistischen Partei, das heißt mit schweren Notzeit gewesen sind. Entscheidend Bei solchen klaffenden Gegensätzen auf den Rosenberg, Frick, Göring , ist nicht der Glaube zu diesem oder jenem dem Gebiete des Glaubens ist es nicht ein hineinspielen, und daß die katholische Baldur von Schirach . Führende Dogma, entscheidend ist, wie stark Zeichen der Stärke, sondern der Schwäche, ken fließenden Gesamtopposition gegen das Volksbewegung ein Teil der aus vielen Lük­Kleriker sind aus der Reserve hervorgetre- der Glaube an die Zukunft des Vol­ten und stellen sich an die Spitze der ka- kes ist. Dieser Glaube steht nicht im Wider- wenn der Stabschef der SA droht:> Wer wachsens der oppositionellen Stimmung tholischen Volksbewegung. Die Haltung spruch zu Gott, denn der Allmächtige hat die- uns bekämpft, den schlagen wir nieder, System im Volke ist. Angesichts des An­der Kirche ist selbstbewußter und entschie- ses Volk geschaffen, damit es hier auf dieser Wer uns provoziert, den greifen wir an!<< Ganz allgemein gesprochen; wie bei der zeigen sich Symptome der Unsicherheit im dener als zuvor. Für die Beurteilung der Erde seinen Platz hat. In dem ich an das Arbeiterschaft so sind die nationalsoziali- nalsozialisten empfinden das Problemati­System. Die ausgesprochenen Parteinatio­Lage im Kulturkampf ist jedoch entschei- Volk und an seine Zukunft glaube, dend, daß es sich um eine echte katholi- glaube ich an den Allmächtigen, sche Volksbewegung handelt. Das weil das seine beste Schöpfung auf Erden war. Laienelement drängt zum Gegenan- Wenn schon noch Wunder geschehen, so war griff gegen die nationalsozialistischen An- eines die Wiedergeburt des deutschen Volkes, griffe, und dies Drängen hat wesentlich das uns Adolf Hitler gegeben hat,<< dazu beigetragen, die Haltung der Kleriker so heißt das an die Stelle des katholischen Dogmas ein neues Dogma setzen mit dem

zu stärken.

als Mittler zwischen

sche ihrer Stellung und ihrer Parteimacht, teimacht im vollen Gange ist, daß sich sie fühlen, daß die Entzauberung der Par­

stischen Anbeter der reinen Gewalt und der rein organisatorischen Macht auch beim katholischen Volksteil auf eine geisti ge Schranke gestoßen, über die sie nicht hinwegkommen. Was hinter dem sie langsam aber sicher beiseite drängen. Bischof von Münster steht, ist nicht orga- Sie greifen deshalb zu den alten Mitteln, nisatorische Kraft, sondern eine Volksstim­

neben ihnen andere Mächte aufrichten, die

mung, die sich geistiger Gleichschaltung machende Kraft der reinen Organisation

widersetzt.

Kampfstimmung in Danzig

Die Opposition fordert Neuwahlen

Die Danziger Sozialdemokraten Wie lange die Nazis Wahrheiten ertragen haben am 5. Juli eine mächtige Protest­können, steht noch dahin. Schon für die erste kundgebung gegen die Politik des Senats Nummer nach dem Verbot hat die» Danziger in der großen Sporthalle veranstaltet. ohne Störung ver­Volksstimme« eine polizeiliche Ver- Massenkundgebung ist warnung erhalten wegen zweier

laufen.

Die

die alle auf dem Glauben an die alleinselig­Es hat manche Vorspiele gegeben, die Inhalt: der Weg zu Gott geht durch den beruhen. Aber sie kämpfen heute bereits die jetzige Zuspitzung der Lage ankündig- kriegerischen Nationalismus. An die Stelle Nach mehr als zwei Jahren des Macht- in der Defensive nicht mit der Volks­ten: die Vorstöße der Hitlerjugend und die von Jesus Christus Abwehr der katholischen Verbände, die Po- Gott und den Menschen tritt der national- monopols und des Terrors ist dies Ergeb- stimmung, sondern gegen eine Stimmung, lizeigesetze gegen die katholischen Organi - sozialistische Nationsbegriff. Das neue na- nis kläglich für das System. Es ist selbst- die sich langsam aber sicher immer mehr sationen, die Devisenprozesse gegen die tionalsozialistische Dogma verstößt übri- verständlich, daß sich der katholische Wi- gegen sie und gegen ihre Methoden wendet. Klöster und das Echo, das sie geweckt haben, das Vorgehen nationalsozialistischer Organe gegen die Fronleichnamsprozession und die Stärke der katholischen Protest­demonstrantionen. In diesem Zusammen­hang war die Tatsache interessant, daß an vielen Orten die Militärbehörden sich einer Politik der Verärgerung der katholischen Wir lesen nun wiederum die» Danziger aber in alter Kraft und unerschrockener Ver-, Unterschriften in zwei bis drei Tagen zu er­Bevölkerung widersetzt und den kirchlichen Volksstimme«, die die braunen Macht- bundenheit mit ihren Lesern ungeschwächt reichen. Feiern ihren aktiven Schutz gewährt haben. haber auf fünf Monate verboten, aber nach vor neuen Aufgaben, wiederum im Kampf. Jetzt zeigt das Duell zwischen dem Bi- drei Monaten wieder freigegeben haben. Schon schof von Münster und den natio- die umfassende erste Nummer zeigt eine un­nalsozialistischen Führern, erschrockene Haltung, die beweist, daß trotz daß der katholische Widerstand die Zone des Verbots der alte Kampfgeist lebt. des Schweigens durchbrochen hat. Ein Ver­Unsere Danziger Genossen können gerade such der deutschen Glaubensbewegung, in dort eingreifen, wo sie beim Verbot, aufge- Gerichtsberichte. Der Leidensweg der» Dan- Der nationalsozialistische Münster eine Demonstration mit dem Pro- hört haben; sie können auf die Verderblich- ziger Volksstimme« beginnt also aufs neue. fessor Hauer durchzuführen, ist auf akti- keit der Naziwirtschaft hinweisen, die zum Aber er geht zu Ende, so sicher wie die Nazi­Der nationalsozialistische Senat hat eine ven Widerstand der katholischen und Bankrott des Nazismus in Danzig führen muß. wirtschaft in Danzig ! Reihe von Beamten verhaften lassen, kirchlich- protestantischen Bevölkerung ge- Was die» Danziger Volksstimme<< während weil sie sich an einer gegen die Nationalsozia­stoßen. Als Antwort darauf wollte Rosen- der Wahlen zum Volkstage voraussagen konn- Die oppositionellen Parteien sammeln Un- listen gerichteten Versammlung des> Verban­berg in Münster sprechen. Der Bischof von te, die Gefahr für die Währung, ist terschriften für ein Volksbegeh- des nationaler Beamten beteiligt haben, der Münster wandte sich an den Oberpräsiden- inzwischen eingetroffen. Das Verbot sollte dieren für Auflösung des Volkstages und Neu- unter deutschnationalem Einfluß steht. Die ten der Provinz und warnte vor einem Auf-» Danziger Volksstimme« ruinieren, sie steht wahlen. Sie hoffen, die dafür nötigen 23.000 Verhafteten wurden des Hoch- und Landes­treten Rosenbergs. Darauf wurde eine Pa­rade der nationalsozialistischen organisato­rischen Macht in Münster veranstaltet, Rosenberg, Lutze und Frick hiel­ten Kampfreden gegen die Zentrumsprä­laten, den immer noch lebendigen Zen­trumsgeist<. Rosenberg rief aus:> Die Zen­trumsführer kämpfen mit Hilfe der nach Auflösung der politischen Partei noch ge­bliebenen Organisationen im unterir­dischen, aber auch schon offen gegen den neuen Staat!<

Aktive Opposition

se einen neues Zuchthaus- Urteil!

Terror

verrats beschuldigt. Wegen dieser offenkun­digen Verletzung der Verfassungsbestimmun­gen über die Organisationsfreiheit hat sich die Opposition an den Völkerbundskommissar gewandt. Unter dem Druck des Kommissars hat der Senatspräsident diese Verhafteten

Leipziger Sozialdemokraten wegen illegaler wieder freilassen müssen.

Arbeit verurteilt

verteilern an den Mann zu bringen versucht. Das Gericht verurteilte die am schwersten belasteten Angeklagten

Die Danziger SA versucht, die immer stärker werdende Opposition durch neuen

Der Juristenausschußb

Dem vom Völkerbundsrat in seiner Mai­tagung eingesetzten Juristenkomitee zur Prü­fung verschiedener Danziger Fragen werden, wie das Völkerbundssekretariat mitteilt, fol­

Die gleichgeschaltete Presse veröffent- und durch ein Netz von Verteilern und Unter- Straßenterror einzuschüchtern. licht folgenden Bericht über einen gehei­men Hochverratsprozeß, der am 30. Juni Die Zurschaustellung organisatorischen in Dresden zu Ende gegangen ist: Drills durch die Nationalsozialisten gegen Nach viertägiger geheimer Verhandlung die katholische Volksbewegung vermag die verkündete am Sonnabend- Abend der Zweite ideologische Schwäche der Nationalsozia- Strafsenat des Oberlandesgerichts das Urteil listen in diesem Kampfe nicht zu verdek- in einem Prozeß gegen 16 aus Leipzig und ken. Je stärker sie in ihren Kampfreden Umgebung stammende Angeklagte, die sich ihre Anschauungen herausarbeiten, um so der Verbreitung von Schriften hochverräteri­schärfer wird der Konflikt. Je schärfer schen Inhalts schuldig gemacht hatten. Unter das Evangelium des kriegerischen Natio- den Angeklagten befanden sich auch zwei nalismus betont wird, um so erbitterter ehemalige Redakteure der> Leipziger Volks­wird der katholische Widerstand. Lutze in Münster deklamiert:

Wenn

> Wir glauben an das Recht der Idee, wir glauben an die Gesetzmäßigkeit unseres Wol­lens, wir glauben an die Richtigkeit unserer Weltanschauung, wir glauben an unse ren Führer Adolf Hitler , wir glauben an die rassenmäßig bedingte Ewigkeit des deutschen Volkes und an ein tausendjähriges Deutsches Reich !<

zeitung, Kurt Günther und Albert Fichte. Auch bei den übrigen handelt es sich um frühere Angehörige der SPD .

Noch bis in den Juli 1934 hatten sie fort­

Günther zu 3 Jahren 6 Monaten Zuchthaus und 3 Jahren Ehrverlust, Utrott zu 4 Jahren Zuchthaus und gende Persönlichkeiten angehören: der Staats­rechtslehrer an der Universität Zürich , Prof. 3 Jahren Ehrverlust, Fritz Freiner, der Vizepräsident des Rothe zu 3 Jahren 3 Monaten Zucht- Obersten Gerichtshofes der Niederlande , Jan haus und 3 Jahren Ehrverlust,

Kosters, und der ehemalige Präsident des Gasch zu 3 Jahren Zuchthaus und Appellationsgerichts in Stockholm und ehe­3 Jahren Ehrverlust, malige schwedische Außenminister, Baron Max von Württemberg.

Fichte und Schönfeld zu je 2 Jahren 6 Monaten Zuchthaus und 2 Jahren Ehr­verlust.

Der Juristenausschuß wird bis zur näch­sten Sitzung des Rates des Völkerbundes, die Die übrigen Angeklagten erhielten Zucht- im September stattfinden wird, wichtige Ur­gesetzt in großer Zahl, zumeist in den tsche- haus-, bezw. Gefängnisstrafen von 1 Jahr 6 teile fällen müssen. Die Petitionen berühren choslowakischen Emigrantenzentralen herge- Monaten bis zu 2 Jahren 3 Monaten. Zwei die wichtigsten Gegenstände des innerdanzi­stellte Schmutz- und Schmähschriften gegen Angeklagte wurden freigesprochen, gegen gen politischen und Rechtslebens, die Fragen nationalsozialistische Deutschland , wie einen weiteren das wurde das Verfahren einge- der Rechtsgleichheit der Danziger Staatsbür­den» Neuen Vorwärts< und die>> Sozialistische stellt. ger, des Rechts der freien Meinungsäußerung. Aktion<, sowie mit irreführenden Titeln wie Kein Terrorurteil kann den Widerstand und hier besonders das Recht der Pressefrei­oder>> Die der Arbeiterschaft gegen das System bre- heit in Danzig , das die» Danziger Volksstim­So klingt das gläubigen Ohren schon wie Aristoteles <,>> Schopenhauer < eine Blasphemie. versehene Bro- chen! Der Kampf der illegalen Sozialdemo- me« zum Gegenstand einer an den Hohen Wenn aber Göring bei Kunst dem Frankenfest auf dem Hesselberge im schüren, in denen ganz unverhüllt zum Bür- kratie geht weiter, die Arbeit wird im Kommissar in Danzig gerichteten Petition gerkrieg aufgehetzt wurde, eingeschmuggelt Geiste ihrer Märtyrer fortgesetzt. gemacht hat. Beisein Streichers verkündet:

des Selbstrasierens<