Nr. 128 BEILAGE HcüccUorMrfg 24. November 193� Der Herren eigner Geisri »Der Herren eigner Geist« ist ein Buch von einem Hans Günther . Der Verfasser gibt vor,»wissenschaftlich« verfahren und »die Ideologie des Nationalsozialismus « untersuchen zu wollen. Der Vorsatz ist gut, aber die Ausführung miserabel. Der Mar xismus wird nicht nur in Deutschland totgeschlagen und verhöhnt, er hat auch stumpfsinnige Feinde im Lager seiner vermeintlichen Freunde. Das Buch Günthers ist ein eindeutiger Beweis dafür. Wie Götter sieht Günther»die Monopolkapitalisten« hoch oben im siebenten Kümmel thronen, die jeden Politiker an der Strippe halten und selbstverständlich niemals das Heft aus der Hand geben müssen. Die gerissenen Hunde! In der Republik haben sie die Sozialdemokraten an der Strippe gehabt, na, und dann haben sie ihre Marionetten spaßhalber mal ausgewechselt und sind vom;> Sozialf aschismus« zum richtigen Nationalf aschismus herübergewechselt. Mit Denkerfalten in der Stirn stellt dieser»Theoretiker« Günther(nicht Dinter) fest: (Demokratie in der Organisation F. W.) und schon damals traten seine besonderen Charaktereigenschaften und aeäne besondere Denkweise in Erscheinung: die Ueberzeugung von der Richtigkeit seiner Ansicht einerseits und der Glaube an die revolutionär theoretische Unfehlbarkeit der sich selbst ergänzenden Gruppe der Berufsrevolutionäre... andererseits. Lenin war gegen jede selbständige Arbeiterorganisation als solche, er war dagegen, daß man den Arbeitern irgendein besonderes Kontrollrecht einräume usw. Er sagte:»Wenn ihr klassenbewußte vertrauenswürdige einzelne Arbeiter habt, dann nehmt sie in die zentrale Gruppe auf, das ist alles. Darüber hinaus ist eine besondere Arbeiterpolitik nicht notwendig.« Das ist in der großen Gesamtausgabe»Le nin «, im IV. Band, 2. Halbband, S. 402, nachzulesen. Nun, diese Auffassung Proletariats erscheint dem Bolschewismus daher als die»Arbeiteraristokratie«, die korrumpiert wurde und— im Gegensatz zum modernen Arbeitersozialismus,— wo sie entscheidend ist, für den Kampf verloren ist. Der Nationalsozialismus ist über diesen Teil des Proletariats ebenfalls am meisten erbost, denn diese Schicht hat sich von der früheren Konzeption, deren erster Repräsentant in Deutschland Lasalle war, und die darauf hinauslief, Arbeiter, Kleinbürger und Bauern im Bunde mit anderen konservativen Schichten gegen das aufkommende Bürgertum zu führen, notwendigerweise immer mehr loslösen müssen. Die entwickelten Industriearbeiter schlössen sich dann der Perspektive von Marx und Engels an und machten im Gegenteil mit dem Bürgertum gemeinsame Sache gegen Konservativismus und Kleinbürgerei. Der Nationalsozialismus sieht hier den An- »Daß sich SPD und NSDAP nicht gleich waren, damit ist noch zu wenig behauptet Sie durften sich nicht gleichen, sie mußten sich in den Haaren liegen, wenn anders sie die gleichen klassenmäßigen Missionen erfüllen konnten. Der Schein ihrer prinzipiellen Gegnerschaft-war für die Bourgeoisie im Grunde das Wertvollste am ganzen Geschäft.« Das ist so intensiv gedacht, daß man förmlich das Gehirn schwellen sieht. Und das nennt sich»Marxismus!« Selbstverständlich kann Günther gar nicht in der Lage sein, weder den Nationalsozialismus, noch die Sozialdemokratie, noch den Kapitalismus zu begreifen. Günther stellt in bezug auf die sozialistische Arbeiterbewegung einen»grundsätzlichen Gegensatz« zwischen dem Parteiapparat und den Massen fest»Aber nicht, weil es ein Parteiapparat ist, soudexn dieser Parteiapparat, weil er zum Träger von Klasseninteressen geworden ist, die nicht die Interessen des Proletariats, sondern der Bourgeoisie sind.«(27) Wer hört hier nicht die Empfehlung, unser eigener Parteiapparat wird das anders machen? Da haben wir die Ideologie des Nationalsozialismus: Apparate machen die Geschichte. Sie thronen souverän über den Dingen, sie können Wege gehen, die ihnen richtig erscheinen und können sich soweit wie sie wollen, von ihrem sozialen Mutterboden entfernen. Die »Parteiapparate« sind nicht an die Gesetzmäßigkeiten der ihm entwachsenen Bewegimg gebunden, die Apparate können verraten und sonstwas tun, die Bewegung kümmert sich nicht darum, denn die Anhänger sind ja ohne Bewußtsein. So können dann freilich Apparate den Sieg des Nationalsozialismus verschuldet haben. Und das behauptet Günther auch, nur läßt er offen, warum denn der»geniale« kommunistische Apparat das nicht verhindert hat Offenbar gehört doch etwas mehr dazu. Der»Leninismus« muß wohl doch»die Fortsetzung des Marxismus « sein, denn der von Engels in seiner Analyse über die Revolution von 1848 ausgesprochene Gedanke, daß die Aussichten> einer politischen Partei, die solchermaßen denkt, recht klägüch sind, weil»kein vernünftiger Mensch je glauben wird, daß diese elf Männer von meist sehr mittelmäßiger Begabung im Guten wie im Bösen imstande gewesen wären,« die Katastrophe heraufzubeschwören, ist längst durch die»neue«»Erkenntnis« ersetzt, daß ein roter Hitler auch Sozialismus hätte machen können. Die Gegenüberstellung von Masse und Führer ist ja keine Neuigkeit, die Nazis sprechen ja auch von der »armen verführten Masse«. Der Bolschewismus muß bei diesem Problem absolut versagen, denn er steht selbst auf dem Boden des Führerprinzips, was die vorkapitalistischen Daseinsformen seines Ursprungslandes hinreichend erklären. Le nins Theorie wäre hier zu erörtern, doch begnügen wir uns mit einem Zitat aus B. I. Gorew, der im offiziellen Moskauer Staatsverlag 1924»Erinnerungen aus den Jahren 1895—1905« veröffentlichte und dort schrieb: »Lenin , der Hauptredner der»Alten« wandte sich aufs schärfste gegen die Neuerungen kann man haben, aber dann muß man gegen das Führerprinzip Zumindestens anders polemisieren als so: »Sie(die Nazis) bekennen sich zu der nicht weniger romantischen und undialektischen Antithese von Masse und Führer. Kurz, sie verhelfen auch der heroischen Geschichtsauffassung zu einer Renaissance.« Es bestehen selbstverständlich fundamentale Unterschiede zwischen dem Bolschewismus und dem Nationalsozialismus, aber modern proletarisch ist der Inhalt beider Strömungen nicht und aus diesem Grunde kann der Bolschewismus niemals eine gründliche Analyse des Kleinbürgertums geben, ohne sich selbst zu analysieren. Darum ist Günthers Buch so schwach. Die im Osten heraufsteigenden Bauernvölker müssen zunächst notwendigerweise — wenn das marxistische Gesetz vom gebundenen Sein noch in Kraft ist— eine Ideologie produzieren, die jener unserer eigenen Vergangenheit entspricht. Infolgedessen trägt der Bolschewismus eine Ideologie ins Land, die zwar von gewissen Schichten akzeptiert wird, von den entwickeltsten Proletariern aber nicht mehr angenommen werden kann. Dieser Teil des fang des Unglücks. So lange sich die Arbeiter im Schlepptau des Kleinbürgertums befanden, hielten sie die Arbeiterbewegung »für einen ganz gesunden Protest«. Im Bolschewismus sehen wir manches von der Lasalleanischen Konzeption neu auferstehen, doch ist der Tragödie die Farce gefolgt. Nicht nur in den Kolonien, auch im entwickelten Europa . Das selbst noch fast kleinbürgerliche, unreife Proletariat läßt sich weitaus günstiger beherrschen als der moderne Teil. Das mußte schon Lassalle erleben, als er seine Organisationsdiktatur durchzufechten suchte. Die große Industrie hat diese Kleingeisterei zerstört, die Elisen- acher besiegten die Lassalleaner. Und weil die moderne Arbeiterbewegung ihrem Wesen nach, solange sie allein nicht siegen kann, mit dem modernsten Teil des Bürgertums marschierte, sind die Kleinbürger mit Recht der Meinung, daß Marxismus und Liberalismus Geschwister sind. Sie sind das in der Tat gegenüber Zünftlerei und Kleinbürgerei. Der Bolschewismus bezieht mit seiner»Kritik« an der Sozialdemokratie und durch deren Gleichsetzimg mit der Bourgeoisie( Sozialf aschismus) die Position der kleinbürgerlichen Lassalleaner. Unter diesem Gesichtspunkt, der zugleich jener des kleinbürgerlichen Nationalsozialismus ist, verflucht er die genannte Bündnispolitik. Es verbirgt sich bei ihm dahinter auch die Furcht, durch den Sieg des reinen Arbeitersozialismus in Europa vom fortschrittlichen Westen erdrosselt zu werden, wie das in einer Reihe von russischen Theorien sehr klar zum Ausdruck kommt. Der Bolschewismus hegte den Wunsch, in Deutschland eine»Volksrevolution« machen und Arbeiter und Kleinbürger in einer Front sammeln zu können. Und weil er seinen Bankrott nicht eingestehen kann, muß er sowohl die sozialistischen Arbeiter, die schon zu weit waren, um dieser Illusion nachzujagen, wie andererseits den Kleinbürgern, die ihrerseits besser gemerkt haben als Günther und Genossen, daß das Industrieproletariat ganz etwas anderes anstreben muß als das versinkende Kleinbürgertum, grenzenlose Dummheit zum Vorwurf machen. Aber der Dumme ist ein ganz anderer! Günther redet sich ein, die Sozialdemokraten wurden von ihren Führern und die Kleinbürger von den Nazis »verraten«. Warum sie sich»verraten« ließen und nicht jenen folgten, die ständig »Verrat« geschrien haben, weise doch das eigentliche Problem, das Günther natürlich nicht behandelt. Das ist für ihn— dazu hat er die»Analyse« gemacht— ein Welträtsel.»Opfer, die sich selbst den Henkern übergaben! Sklaven, die freiwillig die Ketten schmiedeten. Ein Widerspruch, so unerhört, phantastisch und grotesk, daß er ohne Beispiel in der Geschichte ist. Wirklich ein Welträtsel.«(S. 53.) Vor diesem Buch wußten wir schon etwas mehr, besonders durch das Kommunistische Manifest, aber das ist ja nur Marxismus und nicht»Marxismus- Leninismus- Stalinismus«. In Günthers Buch sind nicht weniger Mythen enthalten als in Büchern, die er polemisch zitiert. Zuweilen weist er selbst darauf hin, wo er einzureihen ist. So wenn er gegen Spengler polemisierend sagt: »Vor dem Blickfeld der feudalen Ordnung werden die Parteien und Gewerkschaften des Proletariats— bitte nicht erschrecken!—■ mit der Hochfinanz identisch.« Warum sollen wir da erschrecken, wir kennen doch die»Theorie« vom Sozialfaschismus und es liegt doch wohl nun klar, daß ihr Ursprung ein ausgesprochen reaktionärer ist, denn auch vom Standpunkt des Kleinbürgers(nicht nur des Feudalen) sind moderner Industrialismus und modernes Industrieproletariat, also Bourgeoisie und Sozialdemokratie, eine Einheit, darum konnten sich diese beiden Kräfte ja auch stets verbünden, wie sich andererseits Kleinbürgertum und Feudale gegen die bürgerliche Erneuerung vereinigt haben. Diese Theorie— und dieses Buch— das ist eben»der Herren eigener Geist«. Das alles sieht Günther nicht, darum herrschen seiner Meinung nach heute auch noch dieselben»Monopolkapitalisten«, die gestern tonangebend waren. Da es außer dem modernen Industrialismus noch die Schwerindustrie, den Großgrundbesitz gibt usw. und in Deutschland stets scharfe Kämpfe zwischen diesen Gruppierungen geführt wurden und daß das Dritte Reich der Sieg ganz bestimmter sozialer Kräfte ist, das sieht Günther nicht. Wenn dies Buch Marxismus wäre, dann dürfte man allerdings sagen: er hat bankrott gemacht. Fred War. - ijmi Geistbetrieb Ein gewisser Karl Thiede aus Berlin hat unlängst Rundschreiben an deutsche Verlage gesandt. Es ist interessant und lautet im Auszug;»Ich habe die Absicht..., die Vertretung einiger Verlage zu übernehmen, die ihren Sitz nicht in Berlin haben. Der dauernde Wechsel auf manchen Gebieten, das Kommen und Gehen der Persönlichkeiten in maßgebenden Stellen macht eine dauernde Verbindung mit Berlin nötig... Auskünfte über Reichsstellen, über deren Absichten, über unerwünschte Autoren, Buchverbotswesen, Beschaffung von Empfehlungen, Fühlung mit der Reichspropaganda usw., können am besten von Berlin aus erledigt werden... Zu den maßgebenden Stellen habe ich gute Beziehungen. Auskunft... in der Reichs- Schrifttumskammer... Heil Hitler!«
Ausgabe
3 (24.11.1935) 128
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