Neuer Vorwärts

Sozialdemokratisches Wochenblakk

Verlag: Karlsbad , Haus Graphia" Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite

Nr. 129

SONNTAG, 1. Dez. 1935

Aus dem Inhalt:

Die wirtschaftliche

Mobilmachung

Menschen zwischen den Grenzen

Braune Todeszellen

Korrupte Justiz

Aus dem Sumpf der braunen Aufrüstung

Die Korruptionsgeschäfte eines Ministers als Erpresser Die Industrie als Geldgeber

Offiziere

Er selbst übernahm als Ge- erhält( Gasmaskenfilter). Mit ihm befreun-[ zunächst einige charakteristische Fälle her­Die Korruption in der Rüstungsindu-| einschaltete. ein Ver- aus. strie ist weltbekannt. Im Dritten Reich ist schäftsinhaber die Oberleitung, sein Bruder det sind ein Oberst Müller,

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Auer und Draeger

sie zum Regierungssystem geworden. Jede Georg Seldte wurde Verlagsdirektor. wandter des Reichsbischofs, Kapitän Ga 1. Der Angriff auf öffentliche Kontrolle fehlt, gewaltige Geld- Die wichtigste Rolle bei den nun beginnenden dow, und Major Foertsch, der ehe­mittel werden hin- und hergeschoben, eine korruptiven Geschäften spielte ein Major malige Pressechef der Reichswehr.( Nicht zu Zwischen dem Stahlhof, G. m. b. H., völlig unkontrollierte Fondswirtschaft ist a. D. Hans Wulkow, Inseratenwerber der verwechseln mit dem verstorbenen langjähri­der Typ gen Kreuzzeitungsredakteur Major Foertsch.) d. h. der Zeugmeisterei des Stahlhelms und eingerissen, die der Korruption Tür und» Kreuz- Zeitung . Dieser Major ehrenwerten älteren kaiser - Diese Männer bildeten einen geschlossenen der Firma Draeger in Lübeck , die Tor öffnet. Glücksritter, Abenteurer, Spe- des äußerlich verfügte über ausgezeich- Block von Geschäftemachern, die zu allem auch Gasmasken herstellte, bestanden seit kulanten drängen sich zwischen die Indu- lichen Offiziers Herr strie und die Verwalter der Fonds. Ge-| nete Beziehungen zur Reichswehr . Er war bereit sind, wenn es dabei zu verdienen gibt. langem geschäftliche Beziehungen, Eugen Seldte, ein Bruder Franz Seldtes, waltige Summen fließen als Schmier- ein ehemaliger Regimentskamerad und per­Diese Geschäftemacher aus der Reichs­war Generalvertreter der Firma Draeger für gelder in die Hände von privaten und sönlicher Freund eines Majors a wehr bedienten sich nun der Kreuz- Zeitung< beamteten Banditen. das Reich. Die Stahlhof- G. m. b. H. war im als eines Mittels für ihre persönliche Berei­wesentlichen ein Familienunternehmen der cherung, während sich anderseits Franz Familie Seldte. besaßen Die Hauptanteile Seldte als Geschäftsinhaber der Kreuz- Zei­

D. Schäfer, der in der Abwehr- Abteilung des Reichswehrministeriums als selbständiger Ab­teilungsleiter unmittelbar dem Chef unter­stellt war. Durch die Eigenart der Tätigkeit

und Subventionen zutreiben ließ. Die Technik, gegenüber Industriefirmen, war dabei im wesentlichen die folgende:

der Seldte, und Eugen Seldte.

Die Familie Seldte verdiente also an der Ausrüstung eines jeden einzelnen Stahl­helmmannes, die ja pflichtgemäß nur dort die vorschriftsmäßige Ausrüstung kaufen konnten.

Zu dieser Ausrüstung gehörten auch Gas­

Wir sind in der Lage, in diese stinkende Es handelt Korruption hineinzuleuchten. sich um eine Bande, die sich um die > Kreuz- Zeitung« gruppiert hat, die der Abwehrabteilung verfügte Schäfer über tung durch diese Männer Korruptionsgelder Margarete Seldte, das ist die Mutter der Brü­bis zum 1. November 1935 dem Reichs- die besten Beziehungen zur Indu­arbeitsminister Franz Seldte strie, namentlich zur Oel -, Rüstungs- und gehört hat. Diese Bande besteht außer Textilindustrie. Major Schäfer war befreun­Wulkow erhielt von seinen Reichswehr­dem früheren Besitzer der» Kreuz- Zeitung det mit dem Hauptmann im General­selber, aus aktiven und ehemaligen Offi- stab Johst. Dieser bearbeitete Fliegerei- freunden Empfehlungen für Industriefirmen. zieren, sogenannten Sachverständigen, Be- angelegenheiten. Er ist ein tüchtiger und ge- Gestützt darauf schnorrte er bei diesen Fir­wissenloser Geschäftemacher, er hat seine men um Inseratenaufträge oder Subventio­amten und Journalisten alle auf der Jagd nach dem Geld, alle sich skrupellos Hände in allen Industrieangelegenheiten, da- nen, wobei er auf die guten Beziehungen zwi- masken. Diese Gasmasken lieferte Draeger , bereichernd aus Mitteln, die sie der Indu- durch auch in Pressesachen, soweit er die schen Reichswehr und» Kreuz- Zeitung « poch- dessen Generalvertreter wieder Eugen Seldte strie abjagten, wie aus öffentlichen Mit- Presse braucht. Seinen hohen Lebensaufwand te. Fand er keine Gegenliebe, so drohte er mit war, so daß dieser dadurch doppelt verdiente, deckt er mit Zuwendungen, die er seinen mächtigen Freunden, und dann began- indem er einmal die Provision von Draeger dafür nen Betrug und Erpressung zu spielen. Aus für die Gasmasken erhielt, und ferner an Vor den Kulissen geben sich die Män- regelmäßig von JG- Farben ner des braunen Systems als die Reiniger bekommt, daß er ihnen das Filtergeschäft der Fülle dieser Sorte Geschäfte greifen wir jeder Gasmaske, die an einen Stahlhelmmann des öffentlichen Lebens, als die um Ehre und Größe des Vaterlands besorgten Pa­trioten, ihre dirigierte Presse spricht in schwülstigen Tönen vom deutschen Volk und seinen Lebensinteressen hinter den Kulissen pfeifen die höchsten Spitzen des Systems auf Ehre, Reinheit und Größe und kämpfen mit Gangstermethoden um den Anteil an der Beute. Das deutsche Volk ist Räubern in die Hände gefallen, die sich in der Kotlache einer unvorstellbaren Korruption wälzen.

teln.

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Wir beginnen heute unsere Veröffent­lichungen, die wir fortsetzen werden, mit einer kurzen Schilderung der beteiligten Personen und ihrer Methoden. Franz Seldte und die

Nationalsozialistische Hinrichtungsmethoden

in

Für seinen mutigen Ausspruch rächt rechten Verständigungsfeldzug gegen sich das Regime an seinem Opfer. Jeden Frankreich . Die Ziele des Manövers sind Nachmittag um 1/6 Uhr wird ihm das Es- klar: es soll die Ratifizierung des fran­sen in seine Zelle geschoben. Aber er darf zösisch- sowjetrussischen das Essen nicht sofort zu sich nehmen. Abkommens gestört, und damit den im Die Gefängniswärter müssen auf Anord- Bau befindlichen Sicherheitssystemen nung der Strafvollzugsbehörde dafür sor- Osteuropa die solide Grundlage entzogen gen, daß Kayser sein Essen bis 6 Uhr nicht werden. Ein weiteres Ziel ist die Abände­anrührt, denn zwischen 1/26 und 6 Uhr ist rung des Locarnovertrages, die Aufhebung die Besuchszeit des Staatsanwalts, der den der Bestimmungen über die ent milita­Vollstreckungsbefehl für die Hinrichtung risierte Rheinlandzone. Mit dem zu überbringen hat. So muß Kayser jeden Verständigungsmanöver sollen die offen­Tag eine halbe Stunde auf diesen Befehl kundigen Verletzungen des Locarno - Pak­warten, ehe er sein kaltgewordenes Essen tes im Rheinland legalisiert werden. verzehren darf. Jeden Tag wird er eine Die deutsch - französische Verständigung halbe Stunde auf die Folter gespannt, ob ist eine Notwendigkeit der Friedenspolitik nicht endlich Schluß ist mit dieser Qua- in Europa . Sie setzt die Achtung vor den

Die Bluturteile der Nationalsozialisten ge-| Er sitzt jetzt in einer der Tegeler Todes-| Adjutanten Rippentrops in Paris . Die di­und Kommunisten zellen und wartet auf die Vollstreckung. rigierte deutsche Presse führt einen regel­gen Sozialdemokraten häufen sich so, daß die Zeitungen des deut­ schen Diktaturregimes nicht ein Zehntel der Hinrichtungen mitteilen. In der Strafanstalt Tegel bei Berlin gab es vor der Errichtung der faschistischen Diktatur eine» Todeszelle<<, die abgesondert von den Zellen der anderen Gefangenen lag. Diese Zelle, in der die zum Tode Verurteilten bis zu ihrer Hinrichtung untergebracht wurden, stand in der Zeit des > Systems< meist leer. Im Laufe des Jahres » Kreuz- Zeitunga 1934 sind in Tegel zehn neue Todes­Herr Franz Seldte , derzeit deutscher zellen gebaut worden, die sogar meist Reichsarbeitsminister, und bis vor kurzem von mehreren Todeskandidaten besetzt sind. des Hinrich­Bundesführer des Stahlhelms, hat im Jahre Das unausgesetzte Arbeiten 1932 den Verlag der Kreuz- Zeitung vom tungsmechanismus geht sogar schon Natio­Grafen Westarp für 15.000 Mark als sein nalsozialisten selbst auf die Nerven. Der Ver­Privateigentum erworben, nachdem er schon treter der Staatsanwaltschaft Berlin , der den im Jahre 1931 die Aktienmehrheit der> Kreuz­Zeitungs<-Grundstücks- A.- G. an sich gebracht hatte. Mit Hilfe der Zeitung wollte Seldte seinen Einfluß im Stahlhelm gegenüber sei­Aber es gibt im faschistischen Deutsch­nem Konkurrenten Düsterberg stärken. mit stärkeren« Ner­wollte aber auch Geschäfte machen. Er war land noch Menschen der Meinung, daß der Hochadel und die ultra- ven. Die Strafvollstreckungsbehörden sind im konservativen Kreise, die bisher mit der Laufe dieses Jahres mit Nationalsozialisten > Kreuz- Zeitung durch dick und dünn ge- durchsetzt worden, um die verhängten Stra­würden. Darin täuschte er sich. Westarp geltungstheorie zu wirklichen Strafen«, das verweigert, weil man sie zwingen will, noch hatte beim Verkauf der> Kreuz- Zeitung« heißt zu barbarischen Quälereien der Geg- Aussagen über ihre politischen Freunde zu seinen Abonnenten ein Rundschreiben zuge- ner des Systems auszugestalten. Durch machen, bevor man sie vernichtet. So geht hen lassen, daß er die> Kreuz- Zeitung < ver- eine neue Verfügung der Berliner Hitlers zu! lasse, die nunmehr in die Hände des Stahl- Strafvollzugsbehörde wird auch helms als einer durchaus bürgerlichen Or- den zum Tode Verurteilten in der ganisation übergehe. Er glaube, diese Mit- kurzen Zeit, teilung seinen Freunden schuldig zu sein. Damit war Herr Franz Seldte hereingelegt, mit der Subventionierung durch den Adel war es nichts.

Er

Hinrichtungen stets beiwohnen muß, ein akti­ver Nationalsozialist, hat seinen Abschied ein­gereicht, weil er die ständigen Hinrichtungen nicht mehr aushält.

lerei des Wartens auf den Tod. Und das geht jetzt bereits zwei Wochen so. Den politischen Gegner will das Regime in Deutschland nicht nur vernichten, sondern auch noch bis zum Wahnsinn quälen. Täg­lich erlebt das Opfer seine Hinrichtung aufs Neue, und dann sehnt es sich selbst danach. >> Schluß zu machen<<.

Anderen Verurteilten wird vor der Hin­

Verträgen voraus. Sie kann nur erreicht werden zwischen Vertragspartnern, die beide von dem gleichen loyalen Willen zum Frieden erfüllt sind. Diese Voraussetzungen sind beim braunen System nicht gegeben. Es hat einen Beweis nach dem anderen dafür ge­liefert, daß es die Friedenssehnsucht der Völker miẞbraucht

zur

gangen waren, nun auch ihn subventionieren fen im Sinne der nationalsozialistischen Ver- richtung tagelang überhaupt jede Nahrung Kriegsrüstung unter Bruch

Verbindung mit

es

auf der» friedlichen Insel<

die ihnen zwischen Die alte Kriegslist

Urteil und Hinrichtungen bleibt, Hitler und die deutsch - französische Ver­ständigung. das Leben zur Hölle gemacht.

ungestörten bestehender

Verträge. Dennoch rechnet es damit, daß jedes neue Manöver mit Friedensreden ihm auch weiterhin Chancen zu neuen Ver­trotz der tragsbrüchen geben wird schreienden Widersprüche, die zwischen den Friedenbeteuerungen nach außen und der Kriegshetze und Rüstung im Inneren bestehen.

Dies neue sogenannte Verständigungs­An dem Kommunisten Albert Kayser, Das System benutzt die augenblickliche angebot ist eine Kriegslist- nichts ande­der Anfang November vom» Volksgerichts- europäische Lage, um im Trüben zu fi- res. Die notwendige wa hre Verständi­hof<< wegen Hochverrat zum Tode verurteilt schen. Es hat ein Verständigungsmanöver gung setzt voraus, daß an die Stelle des worden ist, hat man diese neuen Methoden großen Stils gegen Frankreich eingeleitet. Hitlersystems ein aufrichtiges und ehr­bay s Reichswehrhyänen als einem der ersten ausprobiert. Kayser rief Eine Rede Görings in Saarbrücken war die liches Regierungssystem tritt, dessen Seldte fand dafür Ersatz, indem er seine nach Verlesung des Urteils im Volksgerichts- Ouvertüre, es folgten Besprechungen zwi- Worte mit seinen Taten im Einklang ste­Zeitung in die nach dem Machtübergang an hof aus:» Ich war Kommunist, ich bin Kom- schen Hitler und dem französischen Bot- hen und das ein wirklicher Ausdruck des einsetzende Aufrüstungskonjunktur munist, und ich werde Kommunist bleiben!<< schafter in Berlin , Sondierungen durch den Volkswillens ist

Hitler

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