Nr. 167 BEILAGE 23. August 1936 das buk du deuistim Die Thesen der braunen Sdiolastlk >Auch' in der Wissenschaft hat der völkische Staat ein Hilfsmittel zu erblicken zur Förderung des National- atolzes.« »Mein Kampf «, S. 473. Der Stabschef des Führers hat den Rektor der Universität Hei­ delberg , SA -Obertruppführer Groh, mit Wirkung vom 28. Juni 1936 zum SA -Sturmführer befördert. Amtliche Meldung. In den Tagen der Reichspropaganda-Olym­piade, wo sich der Genius des Bizeps entfal­tet und viel Tausende von Gästen aus aller Welt die gutge�trichenen Fassaden Hitler- Deutschlands arglos bestaunen, erscheint es nicht recht aktuell, von der deutschen Wis­senschaft zu sprechen. Ihre jüngste Manife- sation das Heidelberger Universitäts-Jubi­läum, ist im Zuge der neuesten Werbeveran­staltungen schon längst vergessen worden. Aber sehr zu unrecht. Jeder Chronist und jeder Geschichtsschreiber, der die Katastrophe des deutschen Geistes unter der Diktatur des absoluten Staates in ihren Etappen verfolgen will, wird diesen Heidelberger Tagen ein be­sonderes Kapitel zu widmen haben. Hier wurde der erste Versuch unternommen, die Erstickung der geistigen Freiheit und die Um­wandlung der deutschen Hochschulen in Fach­schaften des Nationalsozialismus nicht bloß als politische und»weltanschauliche« Macht­position zu begründen. Hier erfolgte vielmehr vor den Augen zahlreicher Ehrengäste, Ge­lehrten aus vielen Ländern, die feierliche Proklamation einer nationalso­zialistischen»W issenschafts- lehre« in der Gestalt eines fest­geschlossenen Systems, das seine Entdecker als die neue spezielle und deutsche Erkenntnistheorie präsentieren. In Heidel­ berg wurde parteiamtlich ausgetilgt, was in Jahrhunderten der Humanismus, die Renais- sance, die Reformation, der klassische Idealis­mus und endlich der Liberalismus an deut­ schen Bildungselementen geformt, was für Generationen deutscher Gelehrter und Hoch­schullehrer als Fundament aller Forschung und aller Lehre angesehen wurde. Es war das feierliche Staatsbegräbnis der deutschen Wis­senschaft. Auf ihrem Grabstein steht der Satz des Professors Krieck aus seinem Fest­vortrag eingemeißelt:»Wir erkennen und anerkennen keine Wahrheit um der Wahrheit, keine Wissen­de' ft um der Wissenschaft wil­len« r r Programmatiker war der Reichsmini- stcr U u s t. Der einstige»Heldenvater«, der den Oberlehrerdienst frühzeitig auf Grund einer ärztlich bescheinigten psychisch-hyste­rischen Zerrüttung quittieren mußte, verlas ein sorgfältig niedergeschriebenes Manuskript, über»Nationalismus und Wissenschaft«, ver­mutlich eine von Rosenberg überarbeitete Re­ferentenarbeit seines Ministeriums. Bei der Verteidigungsposition wegen der im Auslande erhobenen Vorwürfe über die Bedrückung der Wissenschaft durch das Regime hielt sich Rust nicht lange auf. Man habe eben die Vertreter des politischen Systems, das man gestürzt habe, von den Universitäten ent­fernen müssen Vertreter, des»Umstur­zes aller Ordnungen«, sagte Rust wörtlich. Daß die Zahl der verjagten Nichtarier um ein Vielfaches größer war als diejenige der Mar­xisten oder unentwegten Demokraten, wurde im Olympiajahre sorgfältig verschwiegen. Dann kam das sozusagen»Positive«. VVir heben aus dem langen Referat die Kernsätze heraus; 1. Wertfreiheit und Voran s- setzungslosigkelt, Objektivität und Autonomie sind keine We­sensmerkmale der Wls s e n- schaft. Würde man solche Prinzipien weiter frei dulden, so wären sie ein voll­kommener Schutz für die Gegner des Na­tionalsozialismus zur Fortsetzung ihrer Vi®"®- 2. Wissenschaft ohne wertmäßige Grundlage ist überhaupt nicht möglich. Alle großen wissenschaftlichen Probleme waren getragen vom Glauben an den Sinn der Welt und die Bestimmung des Menschen in ihr. 3. Für den Nationalsozialismus ist der Mensch Glied einer natürlichen und ge­schichtlichen Ordnung, beruhend auf der Bindung an die Gemeinschaft des Blutes und der Geschichte. Damit hat die Wissenschaft einen einheitli­chen Mntterboden gewonnen. Der Nationalsozialismus bekämpft darum not­wendig die zum Grundsatz erhobene Welt- anschauungslosigkeit, jene Haltung des Al- les-Verstehens, welche die Kraft der Ent­scheidung lähmt. 4. Die Wissenschaft kann jetzt aus der Kraft einer S e 1 b s t g e w i ß h e i t schöpfen, weil ihr der Nationalsozialismus I den verlorenen Einheitspunkt wiedergege­ben hat. Auf dieser sicheren Grundlage kann sie in Freiheit ein vollkommen neues Gebäude errichten. 5. Jetzt erst kann die deutsche Wissenschaft der wahren Ob­jektivität nach den Bedingun­gen ihres Eigenlebens dienen. Der Nationalsozialismus ist»felsenfest« von der Richtigkeit seiner elementaren Entdek- kungen auf allen Gebieten des geistigen Le­bens überzeugt. Hier besitzt die Wissen­schaft volle Autonomie und Freiheit, denn sie ist nach nationalsozialistischer Auffas­sung das geistige Organ der im Volke leben­digen Kräfte, um unser geschichtliches Schicksal im Gehorsam gegenüber dem Gesetz der Wahrheit darzu­stellen. Das also sind die neuen Heidelberger The­sen.»Diese Rede ist ein Dokument«: so hallt es durch die braune Presse. Man darf ihr zu- stige Auseinandersetzung über die Möglich­keiten und die Grenzen der Wissenschaft durch die Groß-Inquisition erledigt. Die mo­derne weltanschauliche Diktatur beruht auf der Voraussetzung, daß Geist und geistiges Leben nach den Maximen der Politik auto­ritär durch den Staat reglementiert werden. Es ist die Lehre von der Eindimensionalität des menschlichen Daseins, das durch den Staat vollkommen determiniert ist und neben ihm kein selbständiger geistiger Bezirk mehr besitzt. Diese Verleugnung der Ursprünglich­keit einer freien geistigen Sphäre wird mit der einmaligen und absoluten Wahrheit iden­tifiziert. Aber glaube niemand, daß sich im Zeichen dieser»Wissenschaftslehre« die Situation für die deutschen Hochschullehrer vereinfacht habe! Im Gegenteil, gerade für die Allerf olg­samsten haben sich die Gefahren vermehrt. Seinen totalen Uebergriff führt zwar der Na­tionalsozialismus mit fanatischer Konsequenz durch, aber zugleich ist er in der Praxis, in der Anpassung an die jeweils gegebenen poli­tischen und sozialen Erfordernisse und Span- Dle Neutralität des braunen Systems stimmen, denn nun sind die letzten verhüllen­den Schleier gefallen und legen das nackte Gerippe des braunen Wissenschaftgespenstes bloß, das auf dem Friedhofe der geistigen Freiheit spukt. Nur die Form der wissen­schaftlichen Arbeit, die Methodik, ist an den deutschen Universitäten noch freigegeben. Aber um so eherner sind die Ausgangs­punkte der Forschung und Lehre dekretiert, die nach den nationalsoziali­stischen Prinzipien gebildete»Ganzheit« mit den rassischen Untergründen, wie Professor Krieck bei einem späteren Anlaß sagte. Prä­destiniert sind selbstverständlich auch alle Resultate, soweit es sich nicht um rein naturwissenschaftlich-technische Dinge ohne gefährliche geistige Explosivstoffe handelt. Münden diese Resultate nicht in der»Beja­hung der völkischen Lebensordnung« des neuen Deutschlands , so sind sie»unfruchtbar, unwirksam, sinnlos«... Wer also heute noch an deutschen Univer­sitäten lehren darf, hat das Recht der freien Gewissensentscheidung und der selbstverant­wortlichen Wahrheitsforschung eingebüßt. Seine wissenschaftliche Bedeutung wird in den sogenannten geistigen Fakultäten nach den fixierten Wertmaßstäben des Regimes gemes­sen. Es wird von seinen Hochschullehrern nicht mehr die»Unterscheidung«, sondern die Entscheidung gefordert, wo­bei es a priori nur eine einzige gibt. Heidelberg war einmal der Ausgangs­ort einer großen Diskussion über Wertfreiheit und Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft. Damals, als Max Weber hier wirkte, des­sen Andenken durch feierliche Erwähnung die braunen Festredner zu beschmutzen sich keineswegs scheuten. Für Weber standen die Wertordnungen der Weltanschauungen in einem ewigen, nicht auflösbaren Kampf. Fünf­zehn Jahre nach seinem Tode wird jede gei­nungen, von äußerster Inkonse­quenz. Es wird für die neudeutschen Ge­lehrten nicht so einfach sein, mit der»Wahr­heit« über den»Einheitspunkt« zu balancie­ren, wenn dieser im Strome der politischen Machtbedürfnisse und der sozialen Kontraste hin und her geschleudert wird. Und daneben der gefährliche Wühler und Tunichtgut, der unter den Blitzstrahlen Rusts immer noch lebendige»abstrakte Intellekt«, der an den »Wurzelgründen« von Blut, Charakter und Geschichte zu nagen nicht aufhören will! Diese Fakten wurden in Heidelberg in der sublimen Form verkündet, die das Regime bei solch festlichen Anlässen unter Beobachtung des Auslandes beliebt.»Die Wissen­schaft ist sowohl frei wie gebun­den. Sie ist gebunden in der Sub­stanz an etwas, was nicht selbst Wissenschaft ist. Sie ist frei in der Form, in der Begegnung mit der Wirklichkeit«: die deutschen Ge­lehrten dürfen also den Habitus abendlän­discher Wissenschaft äußerlich beibehalten. Sie dürfen und sie sollen sich so benehmen, als könnten sie wie die Hochschullehrer des Auslandes noch nach den Verantwortungen ihres Gewissens forschen und lehren. Es ist für sie nur»selbstverständlich«, daß Staat und Wissenschaft die gleichen Grundwahrhel­ten, jener gebietend, diese»erkennend«, be­sitzen müssen, wie Rust sagte. Kurz, die Grenzen des Gewissens und des Erkennens sind von SS -Leuten besetzt. Das ist der »Durchbruch der Wirklichkeit«... Dieses»absolut Neue,« das nach dem Er­suchen der Heidelberger Festredner fruchtbar auf die Wissenschaft der ganzen Welt aus­strahlen soll, ist freilich schon etliche Jahr­hunderte alt. Bei Thomas von Aquin und Albertus Magnus steht es bereits, daß es Vernunftwahrheiten außerhalb der Glaubenswahrheiten nicht gibt und für nie­manden geben darf. Schon damals war der Inhalt alles Denkens fest und unverrückbar: alle Wissenschaft war Theologie oder Magd der Theologie. Aber diese geistige Tyrannis hatte, was um der Gerechtigkeit willen fest­gestellt werden muß, ein gewaltiges Plus ge­genüber dem weltanschaulichen Totalitäts­anspruch des Nationalsozialismus. Die mittel­alterlichen Scholastiker waren echte Gläu­bige. Ihr Weltbild war mit der religiösen Ueberzeugung identisch, zumal es andere Weltbilder im damaligen Abendlande über­haupt nicht gab und lebendiges gesell­schaftliches Freiheitsbewußtsein nicht exi­stierte. Die weltanschauliche Diktatur der braunen Despotie von heute aber ist ein in Eile zusammengehauenes Gerüst von umstrit­tenen Thesen, Symbolen und Mythen, deren »Sinngebung« dazu dient, mit allen modernen technischen Gewaltmitteln und durch demago­gische Beherrschung der Massen den Erobe­rern des Staates die Beute zu sichern. Die alten Scholastiker besaßen nur einen einzigen Ausgangspunkt ihrer Erkenntnis: die Testa­mente. Ihre theoretische Auffassungsrich­tung war platonisierend und aristotelisch. In Heldelberg aber lag Anno 1936 als Zeugnis neudeutscher Geistesleistung zur allgemeinen Besichtigung aus: Hitlers »Mein Kampf «, in kostbar niedergeschriebenen Pergamentblät­tern, das Hohelied des Haßes und der Gewalt, das Blutzeugnis für die»Schwelle des Zeit­alters«, wo Wissenschaft und For­schung nach Krieck wieder an den »Anfang« gestellt worden sind, nämlich an die Schwelle der primitiven Bar­barei, die sich hinter der dämonischen Phan- tastik moderner Propaganda und vollendeter materialistischer Technik verbirgt. Aber täuschen wir uns dabei nicht! Aus den geistigen und politischen Schwächezu­ständen des europäischen Freiheitsbewußt­seins und der Mutlosigkeit zur Verantwortung entstehen Vorteile für die Diktatur. Die pseu­doheroische Geste und die Selbstgerechtigkeit »absoluter« Wahrheitsfindung, womit die mo­derne Tyrannis ihre unaufhörliche geheime Angst vor dem eigenen Volke drapiert, sind Attraktionen in der Krise. Die un­politischen und gedankenlosen Weltkulturbür­ger vergessen die braunen Blutgerüste, ver­stopfen die Ohren vor den Hilferufen aus den Kerkern und fangen an, die Verleugnung der geistigen Freiheit als interessante Gegeben­heiten hinzunehmen. Sie kommen zur Olym­piade, zu internationalen Kongressen, nach Heidelberg zum Begräbnis aller Grundsätze der Wissenschaft, die in Jahrhunderten von der Menschheit erkämpft wurden. Sie erlie­gen der Faszination, bis schließlich hinter dem Sportkleid oder dem Frack auch das Herz langsam im Hitlertakt zu klopfen be­ginnt. Das wollen, das organisieren, das be­zahlen die braunen Diktatoren mit unwahr­scheinlich hohen Summen aus ihren Beute­fonds. wobei sie leider nicht vergeblich auf eine gewisse Rentabilität in der düpierten Welt rechnen. Die Flhrengäste klatschten beifällig bei der Verleihung von Dutzenden von Ehrenpromo­tionen an ausländische Gelehrte. Sie dachten nicht an den Galgen, errichtet für Hun­derte von deutschen Fachkollegen mit höchsten wissenschaftlichen Verdiensten, die ihrer Gesinnung oder ihrer Rasse wegen aus ihren Aemtem gejagt worden waren. Sie fanden es»wunderschön«, sie sangen, wie die braune Presse vermerkt,»Alt-Heidel­berg, du feine«, sie waren bezaubert von Landschaft und Kulisse, hinter der das wahre Gesicht des Dritten Reiches verborgen wurde. Vor Jahrzehnten wurde bei Heidelberg ein vermorschter menschlicher Unterkiefer aus der ältesten Diluvialzeit gefunden. Von ihm leitet seither die anthropologische Wissen­schaft den homo Heidelbergiensis ab. Es kommt, so gewiß, wie die Freiheit und das unveräußerliche Recht deutsches Land von der braunen Raubrltterei wieder reinigen werden die Stunde, wo im Kuriositätenkabi­nett der Weltgeschichte ein zweiter vor­sintflutlicher homo Heidelbergiensis verzeich­net wird: ein Universitätsrektor mit den fri­schen Jubiläumssternen des SA -Sturmführers, die heiter in der Sonne der Geistessklaverei blitzen. Andras Howald.