6i>|laldm�grajHfd)eg tttecfonfrta# Verlag; Karlsbad . HausGraphia" Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Nr. 200 SONNTAG, 11. Aprl! 1037 Aus dem Inhalt; Der Kampf um die Wilhelm­straße Hakenkreuz und Union-Jack Görings Galeere Ein böses Omen Ruf zur Befreiung Die»Frankfurter Zeitung « vom 4. April ist mit einem Leitartikel erschie­nen, auf den wir die allgemeine Auf­merksamkeit außerhalb von Deutsch­ land lenken möchten. Er behandelt die Tatsache, daß im Deutschen Theater in Berlin stürmischer Beifall erklingt, wenn Marquis Posa in Schillers»Don Carlos« in die Worte ausbricht:»Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!« In demo­kratischen, selbst in scheindemokrati­schen Ländern Europas wird man mit Verwunderung lesen, daß Schillers »Don Carlos« 150 Jahre nach seiner Vollendung in Deutschland wieder un­mittelbares politisches Leben gewinnt. Anders urteilt und fühlt über jene Stelle von der Gedankenfreiheit der Europäer, der im vollen und sicheren Besitz nicht nur der Gedankenfreiheit, sondern der politischen Freiheit lebt, anders der Deutsche , der die eine mit der anderen verloren hat! Was jenem abgeschlossene Erinnerung an einen vollendeten Kampf um eine große Idee ist, klingt diesem wie das Rauschen der Sturmflügel der Freiheit. Wenn diese Stelle Schillers in Deutschland im Theater wie in der Presse einen Auf­schrei aus tiefster Gewissensnot her­vorruft wer fühlt dann nicht er­schüttert, wie tief Deutschland gesun­ken ist? Wir wünschten, daß dieser Aufsatz der»Frankfurter Zeitung « in ganz Europa denkend und prüfend gelesen würde. Unsere Verachtimg für die gleichgeschaltete Presse ist bekannt. Wie sich hier der Geist unterwirft und demütigt vor der brutalen Gewalt des großen Verbrechertums und den­noch Zeugnis abzulegen sucht für den Glanz der großen Idee, wie sich Unter­werfung und Trotz mischen, so daß in dieser Mischung das ganze Unglück Deutschlands sichtbar wird das stellt notwendig neben diese Verach­tung das tiefste Mitgefühl mit einem Volke, dem eine Stimme aus einem vor­vergangenen Jahrhundert von der Schaubühne herab verkündet, was es verloren hat. Wem liegen nicht bitterste Entgeg­nungen auf der Zunge, wenn er in die­ser Zeitung, gerade in dieser Zeitung, das folgende liest: »Jeder mag sich vorstellen, wie wenig rühmlich die Figur eines Mitbürgers wäre, der die Gelegenheit einer solchen Auf­führung benutzt, um im Dunkel des Par­ketts und der Ränge seinen möglichen Bitterkeiten gegenüber den Zeitläuften durch heftiges Klatschen Luft zu machen. Bs ist das eine vermeintliche Art. Politik zu machen und läuft im Grunde auf eine Mischimg von Ressentiment und Feigheit hinaus, mit der man wenig zu tun haben möchte. Uebrigens dies sei nur angemerkt, es fehlt auch nicht an Leuten, die glauben, sie verhielten sich poll­tisch, wenn sie in vertrauter Zuhörerschaft politische Witze verbreiten. Ihr Ge­lächter klingt so schlecht In unseren Oh.en, wie der Beifall jener Dunkelmänner im Parkett... Aber die Zeit müßte gründlich vorUber sein, wo einer a n st a 1 1 Politik zu machen ins Theater geht.« Politik machen in Deutschland , an­statt seiner Bitternis im Theater Luft zu machen? Sprechen wir doch von Dingen, die brutaler und körperlicher sind als die Worte einer Dichtung und die moralischen Betrachtungen einer Zeitung, unmenschlicher als der Schuß, der die Stimme des Marquis Posa ver­stummen läßt! Sprechen wir von den Todesopfern, die im Lande Adolf Hit­ lers für die Gedankenfreiheit gefallen Demokratie and Arbelterscholt Die Lage der arbeitenden Klassen in der Hochkonjunktur Die Hochkonjunktur in der Welt nimmt ununterbrochen und in vielen Ländern in noch beschleunigterem Tempo ihren Fort­gang. Nach der Statistik des Völkerbundes haben alle Länder, für die man über die geeigneten Indices verfügt, ihre industrielle Tätigkeit 1936 gegenüber dem Vorjahr ge­steigert. Diese Vermehrung beträgt zum Beispiel in Rußland 30 und in den Ver­einigten Staaten 16 Prozent, aber auch in Frankreich , das bis zum Oktober am alten Goldstandard festgehalten hatte, 5 Pro­zent. In einem großen Teil der Länder hat die industrielle Beschäftigung bereits 1936 den früheren Höchststand von 1929 über­troffen; läßt man Rußland mit seinen be­sonderen Verhältnissen beiseite die russische Industrieproduktion soll sich seit 1928 verdreifacht haben, so verzeichnen Japan eine Vermehrung um 65 Prozent, Dänemark und Schweden von 31 bis 35 Prozent, England und Norwegen von 23 bis 30 Prozent und Deutschland um 10 Prozent. Die Vereinigten Staaten erreich­ten oder überflügelten im Dezember 1936 ebenfalls den Stand und seitdem hat sich ihr Aufstieg sehr rasch fort­gesetzt. Die amerikanische Eisen- und Stahlindustrie hat im ersten Quartal 1937 einen noch nie dagewesenen Rekord er­reicht, und Hundertdollarmillionenbeträge werden in die Erweiterung und Neuerrich­tung der Werke investiert. Noch vor wenigen Monaten ging die Lehre von der»letzten Krise des Kapi­ talismus « um oder wenigstens die An­schauung von der»Langen Welle der De­pression«, und die wenigen Gegner der Zu- sämmenbruchstheorie hatten einen schwe­ren Stand. Beschäftigten sich die Regie­rungen noch vor kurzem mit allen mög­lichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Krise, so werden heute in England, in Schweden und in den Vereinigten Staaten mit steigendem Eifer die Mittel beraten, die den Ueberschlag der Hochkonjunktur in den»Boom« und damit, wie man ver­meint, in die dann folgende Krise ver­hindern sollen. Ein völliger Umschlag der Psychologie ist eingetreten. Bis vor wenigen Monaten konnte noch die Ansicht vertreten werden, daß gewisse Industrien unheübar überexpandiert und auf Staatssubvention angewiesen seien, zum Beispiel die Eisen- und die Kohlenindustrie. Heute sind die in der Kriegs- und Nachkriegszeit entstande­nen Ueberkapazitäten nicht nur restlos re­sorbiert, sondern die Eisenknappheit wird immer stärker und droht in manchen Län­dern zu einer Hemmung des weiteren In­dustrieanstiegs zu werden. Gewaltig, wie nie zuvor, war der Rückgang der Industrie­beschäftigung in der letzten Wirtschafts­krise, aber auch besonders groß der Auf­stieg. Die Rohstofferzeugung der beiden größten europäischen Produzenten ist nach einer Angabe der»Frankfurter Zeitung « von dem Tiefpunkt im Jahre 1932 bis 1936 um nicht weniger als 147 Prozent ange­stiegen. Das ist eine Steigerung, die das Mehrfache der Schwankungen ausmacht, die in früheren Konjunkturzyklen aufge­treten sind. Blieb die Weltgewinnung an Roheisen mit 91.2 Mülionen Tonnen 1936 nur noch wenig.hinter der von 1929 mit 98.8 Millionen Tonnen zurück, und übertraf die Rohstahlproduktion mit 124 Millionen Tonnen schon die 122 Millionen des Jahres 1929 um ein Geringes, so wird in diesem Jahre der je erreichte Höchststand noch übergipfelt werden. Aber auch die Kohle, die infolge der Fortschritte der Wärmetechnik, des Uebergangs zur Oelfeuerung, der stärke­ren Ausnutzung der Wasserkräfte sehr lange zurückgeblieben war, ist im Begriff das Versäumte nachzuholen und den Stand von 1929 zu erreichen. Diese wenigen Angaben, auf die wir uns beschränken müssen, verdeutlichen bereits, wie groß die Ausschläge zwischen Depression und Hochkonjunktur in der gegenwärtigen Phase geworden sind. Wie sich die Tiefe der letzten Krise nur er­klären läßt, wenn man sie als Liqui­dationskrise des Krieges und seiner außer­ökonomischen Gewalt begreift, so ist auch der Aufstieg in seiner diesmaligen Eigen­art vielfach durch die außerökonomischen Eingriffe der Staatsgewalt und gegenwär­tig durch die Aufrüstung beeinflußt. Wie ist es nun in so wechselvoller Zeit dem Arbeiter ergangen? In der Krise litt die Arbeiterschaft furchtbar unter der Arbeitslosigkeit, ein schreckliches Geschick für die Betroffe­nen und eine deprimierende Drohung für die noch Beschäftigten. Auch daß die Ar­beiterschaft nach dem Kriege in den fort­geschrittenen Staaten zum erstenmal den Rechtsanspruch auf Unterstützung erstrit­ten hatte, ein Anspruch, der sich auch seit dem Amtsantritt Roosevelts in den Vor­einigten Staaten durchsetzte, konnte an der niederdrückenden psychologischen Wir­kung der anscheinend unhemmbaren Ar­beitslosigkeit nichts Wesentliches ändern. Wie gestaltete sich jedoch das Los der Be­schäftigten während der Krise? Wir wis­sen, daß frühere Depressionen verbunden waren mit starken Senkungen der No­minallöhne, die so weit gingen, daß sie auch Senkungen der Reallöhne trotz der gleichzeitig eingetretenen Preisrückgänge mit sich brachten. So unvollständig auch die Statistiken über Lebenshaltungskosten und namentlich über die Löhne sind, so besteht kaum ein Zweifel, daß in den wich­tigen Industrieländern, in Schweden , England und den Vereinigten Staaten , die Reallöhne trotz der schwe­ren Krise nicht gefallen, in England und Schweden sogar gestiegen sind. Das war zum Teil eine Folge des starken Preis­rückgangs für die wichtigsten Gebrauchs­artikel namentlich in England, zum ande­ren und entscheidendem Teil aber die Folge der Stärke der Organisationen und des po­litischen Einflusses der Arbeiterschaft in den demokratischen Ländern. Denn im sind, von ihren mißhandelten, zerschla­genen, geschändeten Körpern, von den Striemen, den Blutschwären, den Wun­den, von den aufgefleischten und den gebeugten Rücken, von den Knuten und den Knüppeln und den Messern der Mörder, von den Schreien der Ge­folterten. O, eine grauenhafte Wirk­lichkeit, schlimmer als ein höllischer Traum, von der sich Europa abwendet wie vor dem Haupt der Medusa! Das ist es, was ein ganzes Volk in die Feig­heit drängt. »Doch der Weg vom reinen Gefühl zur sauberen Tat«, so lesen wir wei­ter,»der Weg vom Ideal zur Wirk­lichkeit bleibt immer vom neuen zu ge­hen und ist immer von neuem voll Steine und Dornen.« Der Weg von der Forderung der Gedankenfreiheit zur Verwirklichung der Freiheit, so über­setzen wir, geht durch die Kerker des Systems. Und hier fragen wir: wem ziemt es, von der Feigheit der Dunkel­männer, von der Seichtigkeit und Würdelosigkeit des Politikersatzes in Deutschland zu reden? Ziemt es den Freunden der Mächtigen, ziemt es jenen, die Politik auch außerhalb des Theaters machen können, weü sie die befohlene Politik betreiben? Der Vorwurf der Feigheit erfordert eigenes mannhaftes Bekenntnis und dies Bekenntnis kann in Deutschland nur eines sein ein stürmischer Ruf zur Revolution. Aus diesem Aufsatz der gleichge­schalteten Zeitung, aus dem vorsichti­gen Tasten, Zurückhalten und wieder Verschleiern ringt sich ein Bekenntnis­satz hervor wie eine Besinnung auf eine edlere und reinere Geisterwelt in der Erinnerung an den Geist Schülers, den Geist der Aufklärung, an die Menschheitsideale des 18. Jahrhun­derts: »Aber daß dieser Geist am Himmel Deutschlands eine einzige ununterbrochene Linie sternenglelch gezogen hat, und daß in diesem Zeichen für immer die Würde des Menschen steht, auf Gewissen und Freiheit gleichermaßen sich gründend, auch daran kann niemand rütteln.« Das ist, wie die Dinge heute in Deutschland liegen, ein Satz, der eine revolutionäre Verpflichtung in sich birgt. Die Würde des Menschen, auf Gewissen und Freiheit sich gründend, muß in Deutschland wieder erobert werden im Kampfe gegen ein System, das sie mit Füßen getreten hat. Wer sich von der Würdelosigkeit des Poli­tikersatzes abwendet, muß die Revolu­tion bejahen. Denn in Deutschland echte Politik treiben, in Freiheit der Stimme des eigenen Gewissens und nicht dem Befehle der Mächtigen fol­gend, heißt gegen das Gesetz des Sy­stems handeln. Die freie politische Meinungsäußerung, sei sie mm positi­ves Bekenntnis oder Kritik an der Po­litik der Mächtigen, ist in Deutschland ein strafwürdiges, durch Gesetz und Polizei verfolgtes Verbrechen. Hier das Gesetz eines unsittlichen Systems dort Würde und Freiheit und Gewissen des Menschen: das ist der Gegensatz, der nur die Wahl läßt zwischen Unter­werfung und Revolution. Wenn der deutsche Idealismus nicht nur eine leere Erinnerung, eine literar­historische Angelegenheit sein will. muß er zum revolutionären Idealismus werden. Wer die Idee der Freiheit an­ruft, die ewigen Rechte, die droben hangen unveräußerlich und unzerbrechlich wie die Sterne selbst, wer sie anruft, ohne zugleich den Kampf, den unbedingten, kompromiß­losen Kampf tun sie zu beschließen, der lästert sie nur! Wie aus den Werken ihrer Klassi­ker weht den Deutschen das Flügel­rauschen der Freiheit entgegen, ihr besseres Selbst erhebt sich daran in der Ahnung kommender Befreiung, und eine Zeitung in Deutschland , eine gleichgeschaltete Zeitung, eine Zei­tung, auf die die Aufrechten mit Ver­achtung schauen, sollte ihnen Mangel an Unbedingtheit, Mangel an kämpfe­rischem Mut vorwerfen dürfen? Wer Freiheit in Deutschland sagt, sagt Kampf unbedingten, unver­söhnlichen Kampf, Kampf, wie wir ihn führen!