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Nr. 254.

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Vorwärts

Berliner Volksblatt.

17. Jahrg.

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Centralorgan der socialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2. Fernsprecher: Aut I, Nr. 1508.

Eine Hochburg.

Die Socialdemokratie des sechsten Berliner Reichstags­Wahlkreises hat sich und der Partei einen neuen Chrentag erfochten. Der Wahlkreis Wilhelm Liebknechts hat im Geiste Liebknechts die Wahlschlacht geschlagen, er hat mit gewaltiger Wucht von

53896 Stimmen

weithin wirkenden Protest gegen alle Schändlichkeiten und alle Unsauberkeiten der gegenwärtigen politischen Zustände er­hoben. Es war nicht zu erwarten, daß unsre Partei die volle Stimmenzahl von 1898 erreichen könnte. Jst bei Nachwahlen das politische Interesse der Wähler schon fast stets minder erregt, so vermehrte die Sicherheit des Wahlerfolgs im sechsten Wahlkreise die Schwierigkeiten in der Aufrüttelung der Wähler­massen. Trotz der Ungunst dieser Umstände hat unsre Partei eine Armee von Wählern aufgebracht, während die Gegner jämmerlich zusammenbrachen.

Das Wahlresultat ist folgendes:

9

Socialdemokratie 53 896 Stimmen. Konservative.. 10 490 Stimmen. 1116 Stimmen. 12 Stimmen. 127 Stimmen. 167 Stimmen.

Centrum Deutschfreisinnige

Bersplittert

Ungültig

Mittwoch, den 31. Oftober 1900.

schon seit langem der größte des Deutschen Reichs ist, noch be­

Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3. Fernsprecher: Amt I, Nr. 5121.

Doppeltarif und Meistbegünstigung.

trächtlich gewachsen. In der Schönhauser Vorstadt , in der Gegend Doppeltarif

des Weddings und in Moabit sind ganze Straßenzüge dazu­gewachsen, so daß die Zahl der eingeschriebenen Wähler seit 1898 Betrachtet man die Art und Weise, in welcher der neue um 12 700 gewachsen ist und bei der gestrigen Wahl beinahe 155 000 Bolltarif vorbereitet wird, mit welcher pflichtbewußten Un­betrug. ermüdlichkeit trok nicht fehlender brüster Antworten das Da der sechste Wahlkreis, der die Stadtbezirke im hohen Norden, Reichsamt des Innern bei allen möglichen agrarischen und Nordosten und Nordwesten umschließt, neben dem vierten die eigent industriellen Interessentenvereinigungen Auskünfte einzieht, liche Arbeiter- Hochburg Berlins ist, so ist dort natürlich der Sieg diese immer wieder zu neuen schönen Vorschlägen verarbeitet ohne weiteres der Socialdemokratie gesichert. Und die Konservativen und im bunten Wechsel zwischen dem wirtschaftlichen Ausschuß, hätten nicht siegen können, auch wenn sie noch so wackere Kämpfer ge- Reichsschaamt, den Einzel- Regierungen der Bundes habt und noch so tapfgeftritten hätten. Aber sie haben nicht staaten usw. cirkulieren läßt, dann kann man dem Reichsamt tapfer gestritten, sondern sie haben sich feige gedrückt und auf das des Innern nicht die Anerkennung versagen für die selbstlose Schlachtfeld der öffentlichen Diskussion gar nicht hinaufgetraut. Das Hingebung, mit der es sich im Geiste jener Unparteilichkeit, eine mal aber, wo wir nach Liebknechts Parole:" Immer in der die durch die 12000 Mart- Affaire so treffend beleuchtet wird, Offensive!" dem Gegner in seiner eigenen Versammlung auf den um den Schutz der nationalen Arbeit" bemüht. Nicht eib rücken konnten, hat der konservativ- antisemitische Kandidat durch immer sind Gesegesvorlagen mit solcher Posadowskyschen seine das übliche Maß noch weit überschreitenden reaktionären An- Gründlichkeit vorbereitet worden. schauungen alles gethan, was in seinen Sträften stand, um alle Leute, die etwa noch an die Arbeiterfreundlichkeit der Konservativen glaubten, in die Mysterien der Wanderung Eingeweihten schwer zu ent­Wo augenblicklich der neue Zolltarif steckt, ist für die nicht in das socialdemokratische Lager zu treiben. scheiden. Wahrscheinlich im Reichs Schazamt, möglicher­

tommen.

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"

So war der Wahlkreis unsrer Partei in doppelter Weise gesichert, weise aber ist er auch von dort schon wieder unter­und grade darauf, daß jedermann wußte: der 6. Berliner Reichs- wegs nach einem andren Ressort. Nach einer tags- Wahlkreis gehört unentreißbar der Socialdemokratie", ist offiziösen Mitteilung der Kölnischen Zeitung " soll, nachdem es vielleicht mit zurückzuführen, wenn die Wahlbeteiligung diesmal der Wirtschaftliche Ausschuß die Vorzüge und Nachteile des nicht so stark gewesen ist, wie man wohl hätte erivarten dürfen. Doppeltarif Systems erörtert hat, zunächst die strittige Frage, Bu erwähnen ist allerdings auch, daß bei der diesmaligen Wahl ob der neue Zolltarif als einheitlicher oder als ganz auffallend häufig Leute von den Urnen Doppeltarif dem Bundesrat vorzulegen ist, dem Reichs­zurüdgewiesen worden sind, weil sie nicht in den Listen tanzler zur Entscheidung unterbreitet werden. Dagegen er­itanden. Können diese Leute selbst auch nicht von Schuld frei- klären die Berliner Politischen Nachrichten", der Tarif gelange gesprochen werden, da ja die Listen öffentlich zur Einsicht aufgelegt vorerst mit dem Gutachten des Wirtschaftlichen Ausschusses waren, so trifft die städtische Behörde, von der die Listen zur borläufig endgültigen Feststellung der aufgestellt wurden, doch der größere Teil der Schuld; diese Vorlage" an die beteiligten Ressorts, zunächst an das für Die bolle Bedeutung dieses glänzenden Siegs der Behörde hat dafür zu sorgen, daß die Listen ordnungsmäßig zu die Ausarbeitung des Entwurfs zuständige Reichs- Schazamt. Berliner Arbeiterschaft zeigt erst der Vergleich mit dem Er- fammengestellt werden und daß so massenhafte Irrtümer nicht vor- Erst wenn dieses unter Mitwirkung der andren Ressorts die gebnis der 98er Wahl. Arbeit erledigt hätte, könne die Vorlage durch den Reichs­Wohl war die Wahlbeteiligung am heutigen Wahl- treifes, die während des ganzen Wahlfeldzugs ihre Schuldig eingereicht werden. Volles Lob gebührt dagegen den Genoffen des Wahl- fanzler, der zugleich die letzte Instanz bilde, dem Bundesrat tage erheblich geringer als 1898, wo von 142 226 Wahl- feit gethan haben und, trotzdem der Wahlkreis unverlierbar war, Ob so oder so, ist nebensächlich. Die Bereitwilligkeit des berechtigten 87 300 ihr Wahlrecht ausübten. Jetzt wurden nur in der Agitation nicht erlahmt sind. Eine große Bahl immer über- Reichsamts des Innern, den Wünschen der Agrarier und 65 832 Stimmen abgegeben, während die Zahl der Wahl- füllter Versammlungen hat stattgefunden, in denen unser Kandidat industriellen Hochschutzöllner so weit wie möglich entgegen­berechtigten sich auf 154 921 vermehrt hatte. Doch diese Ver- Ledebour und andre bekannte Genossen gegen die gerade jetzt wieder zukommen, ist bekannt, daher auch die Erscheinung, daß die­minderung der Wahlbeteiligung traf die Socialdemokratie nur überwuchernde Reaktion und Korruption zu Felde zogen. Mehrmals selbe Presse, die früher nicht genug über den Kleber" in geringem Maße. Wir blieben nicht weit zurück hinter der find im Wahlkreise in Massenauflagen Flugblätter verbreitet worden, Bötticher zu spotten wußte, sich nun so eingehend für das 98er Stimmenzahl von 58 778. um dadurch auch in die unsrer Bewegung noch fernstehenden Kreise Klebenbleiben ihres Posadowsky interessiert. Und das­zu bringen. ſelbe gilt vom Reichs- Schazamt. Bevorzugt dieses Noch am Morgen des Wahltags, in der fünften und sechsten auch aus gewissen handels- und finanzpolitischen Stunde, wurden an den Bahnhöfen Handzettel an die mit den Früh- Gründen einen einheitlichen Generaltarif, so befigt es zügen nach außerhalb fahrenden Arbeiterscharen verteilt, um sie doch andrerseits nicht minder tiefes Verständnis aufzufordern, der Wahlpflicht nicht zu vergessen und im Laufe des für die Notwendigkeit weitgehender Zollerhöhungen, als das Tags an die Urnen zurückzukehren. Das ist denn auch in großen Reichsamt des Innern. Um so wichtiger ist, daß aus dem Massen geschehen. Kreise der industriellen Schutzöllner selbst sich die Stimmen

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ein

Vernichtend dagegen ist der Wahlausfall für die Gegner unsrer Partei. Obschon die Freifinnige Volkspartei, die 1898 noch 10 603 Stimmen im Wahlkreise gezählt hatte, auf die selbständige Beteiligung an der Wahl furchtsam verzichteten, gelang es der einzigen bürgerlichen Partei, die ernsthaft in den Kampf eingetreten war, nicht, ihre frühere An­hängerschaft wiederum zu sammeln. Von 15554 Stimmen fant Interessant ist, daß mehrere Fabriken am gestrigen Wahltag mehren, die sich gegen die ganze bisherige Art der Vor­die konservativ antisemitische Partei auf 10 490 Stimmen. überhaupt geschlossen hatten, so beispielsweise die Gießerei von bereitung des Zoltarifs und eine Ueberspannung der Zoll­Ein volles Drittel der konservativ- anti- Schöning in Reinickendorf , während die meisten der größeren im forderungen aussprechen, nicht aus Besorgtheit um das Wohl semitischen Wählerschaft versagte der Partei alter Wahlkreis gelegenen Fabrikanlagen nachmittags den Betrieb ein- der deutschen Konsumenten, sondern aus eignem Profit­Volksbetrugskünfte diesmal die Gefolgschaft. Auch das stellten. So wurde in der Allgemeinen Elektricitäts- Gesellschaft, bei interesse. Was nügt dem Eisenindustriellen eine Erhöhung Centrum, das den Ehrgeiz hatte, eine wachsende katholische Schwarzkopff. bei Hoppe 2c. nachmittags um 2 Uhr geschlossen. Bei der Schutzölle gegen amerikanische Eisen- und Stahl­Centrum, das den Ehrgeiz hatte, eine wachsende katholische Borsig in Tegel arbeiteten die wahlberechtigten Arbeiter nur bis produkte, er diese Ronzessionen mit einer Arbeiterbewegung, um die es sich seit Jahren hartnäckig be­Und in ähnlicher Weise wurde in einer ganzen Reihe der Hinaufschraubung der Getreidezölle auf 6, 7, 8 Mark müht, in Berlin nachzuweisen, erlitt bemitleidenswertes Fiasko; im Wahlkreise selbst oder in Pankow , Reinickendorf , Tegel 2c. ge- erfaufen muß: ein Zoll, der von vornherein eine Erneuerung es erlebte eine Verminderung feiner Stimmenzahl von 1748 legenen Unternehmungen verfahren. des Handelsvertrags mit Rußland ausschließt und ihm dessen auf 1116 Stimmen. wichtige Absazmärkte entzieht.

1898 erzielten die bürgerlichen Parteien ins­gesammt: 27 905 Stimmen.

1900 erzielen sie nur 11 618 Stimmen.

1898 vereinigten die bürgerlichen Parteien noch fast halb so viel Stimmen auf ihre Standidaten als der socialdemo­kratische Kandidat erhielt. Jetzt beträgt die bürgerliche Stimmen­zahl fast nur den vierten Teil der socialdemokratischen Stimmenzahl.

mittag.

wenn

Gewählt wurde in etwa 130 Wahllokalen, die sich über die ganze Schönhauser Vorstadt, Rosenthaler Vorstadt, den Geſund- Nachdem erst fürzlich der Generalsekretär des Central­brunnen, den Wedding und den ganzen Stadtteil Moabit verteilten. verbands deutscher Industrieller" sich mit einer scharfen Kritik Das machte natürlich eine große Menge von Wahlhilfskräften er gegen die fortgesezten Zollerhöhungs- Agitationen gewendet forderlich. Aber bei der Begeisterung für die gute Sache, die in hat, macht nun auch das Specialorgan Krupps, die" Berl. den Reihen unsrer Genossen herrscht, war schon vom frühen Morgen Neuesten Nachrichten", gegen diese Treibereien die Posten der Listenführer und Zettelverteiler reichlich besetzt. ab an Arbeitskräften kein Mangel und in allen Wahllokalen wurden Front. Die Eiſenindustrie, so behauptet es, verlange für ihre Massenartikel gar teine Erhöhung der

Die konservativen Völkerbeglücker können uns das natürlich nicht 1879 festgestellten Zölle, sondern nur für gewisse Specialitäten. nachmachen. Sie hatten notdürftig für ihr gutes Geld so viel Leute Besonders aber für Maschinen müßten die Zölle anders nor­Der schöne Erfolg, den unsre Parteigenossen im sechsten zusammenbekommen, um vor jedes Wahllokal einen Bettelverteiler miert werden, da der bisherige Tarif in seinen Bezeichnungen Streise erkämpften, wird durch das ganze Reich lauten Wieder- postieren zu können; auf eine Kontrolle und Liftenführung im Innern und Unterscheidungen sich als durchaus unrationell erwiesen" hall erwecken. War auch der Sieg sicher, so bedeutet doch die hatten sie verzichtet. Davon aber, daß auch ein Centrumsmann habe. Auch die Baumwollspinnerei verlange nur die Wieder­Größe des Siegs eine politische That. als Kandidat aufgestellt worden war, erfuhr man, wenn man es herstellung des Tarifs von 1879, während die Wollenweberei Nicht auf Bollerhöhungen irgend welcher Art" verzichte usw. nicht etwa im Vorwärts" gelesen hatte, überhaupt nichts. ultramontanen geleistet. einmal den Lurus von Stimmzetteln hatten sich die Berliner Es kommt nicht darauf an, inwieweit diese Angaben zu­treffen; Hauptfache ist, daß nachgerade selbst einem Organ von der hochschutzölnerischen Güte der Berl. Neuest. Nachr." die Rolltreibereien und die famose Vorbereitung des Bolltarifs im Reichsamt des Innern zu bunt werden. Es steht denn auch nicht an, einfach die ganze mühevolle Posadowskysche Enquete mit folgenden Worten für absolut wertlos zu erklären:

Die China - und Weltpolitik sollte die Massen der nahen Leiden vergessen machen und zu phantastisch- fernen Hoffnungen verführen. Doch vor dem sittlichen Ernst, der die Im allgemeinen verlief der Wahltag ziemlich ruhig. Schon das im Befreiungskampf streitende Arbeiterklasse beseelt, zerstob trübe, schmutzige Wetter sorgte dafür, daß sich kein lebhafteres das Gaukelspiel und die Frazze der Unkultur und Straßenbild entfalten konnte. Die Wahlbeteiligung ließ in den Volksfeindlichkeit ward entlarvt. Das arbeitende Volt hat Vormittagsstunden zu wünschen übrig, um sich dann mittags etwas ein vernichtendes Urteil gefällt wider die Selbstfucht der zu heben. Aber erst nachmittags, als die Fabriken geschlossen hatten, herrschenden Klassen und die Wahnvorstellungen einer ruhm- und gegen Abend sah man jene charakteristischen Arbeitergruppen süchtigen Abenteurerpolitik. durch die Straßen eilen, die man au Wahltagen in den Proletarier­vierteln zu sehen gewohnt ist.

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Am Wahltag.

Um des toten Liebknechts Wahlkreis wurde am Diens­tag gestritten, und wie es von niemandem anders erwartet wurde, ist auch diesmal der Sieg in unserm Lager geblieben. Der Wahlkreis ist alter socialdemokratischer Besitz; früher von dem un­glüdlichen Hasenclever vertreten, war mit dessen Tode Liebknecht sein Abgeordneter, bis auch diesen der Tod aus den Reihen der Kämpfer rief. Seit der letzten Wahl im Jahre 1898 war der Kreis, der

Abends fanden fünf socialdemokratische Versammlungen statt, in denen der Sieg verkündet wurde. Sie waren von einer er­wartungsvollen Menge überfüllt. Und die Genossen hatten auch guten Grund, sich ihres Siegs zu freuen und ihn zu feiern. Hatten fie doch einem voltsverräterischen Gegner die verdiente flägliche Niederlage verschafft.

Auf dem bisher eingeschlagenen Wege und mit allen dent sorgfältigen Vorbereitungen für die Aufstellung des Tarifs ist die Regierung gar nicht zur Kenntnis der Minimaltarife im wirk­lichen Sinne des Worts gelangt. Diese Kenntnis tann sie erst erhalten während Verhandlungen über den Abschluß von Handelsverträgen durch fortgesezten Verkehr mit den Interessenten. Das werden auch die andren Staaten ganz genau wissen, sie werden daher den vom Reichstag festgestellten Minimaltarif durch­aus nicht als solchen so unbedingt hinnehmen und anerkennen, wie man jetzt anzunehmen scheint. Wenn dann, nach der Ansicht der unbedingten Vertreter des Doppeltarif Systems, an dem Minimaltarif unbedingt festgehalten werden sollte, so würde es mit dem Abschluß von Handelsverträgen gute Wege haben. Dann

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