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Br. 294. 17. Jabrgang. 1. Beilage des Vorwärts " Berliner Volksblatt. Dienstag, 18. Dezember 1900.

Der Sang an Bülow's.

Das deutsche Reichskanzlerpaar ist bereits in die Litteratur geraten. Adolf Wilbrandt , der Dichter, entwirft aus feiner persönlichen Freundschaft für Graf und Gräfin Bülow ein wundersam gefärbtes Diptychon( Doppelbild). Man lese:

Wunderbar verschiedene Menschen, wenn man nur auf den Stempel sah, den die Natur ihnen aufgedrüdt! Sie, die Italienerin, auf Sicilien geboren, an spanische Augen und Ge­fichter erinnernd, von höchster Beweglichkeit des Mienenspiels, der Glieder, zumal in der ersten Frauenjugend einer reizenden, welthungrigen Flamme gleich, aber

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auch ganz Musit, am Klavier echter rin; er bom

Musiksinn fast verlassen, sonst ein Deutscher, Arbeiter, Denter, Lerner, mit dem lebensfrohen Humor des Niedersachsen , aber auch mit der tiefen, verhaltenen Leidenschaft, die in den großen Deutschen wohnt. War in ihr, der Principessa di Camporeale, das Vaterlandsgefühl vor ihren seelischen und geistigen Trieben fo zurüdgetreten, daß ste, schon früh für Schiller und Wagner begeistert, sich von Jahr zu Jahr inniger zu uns gefellte und in deutscher Musik, deutscher Philosophie, Kunst und Dentart fast wie unsereins lebte, so brannte dagegen in ihm eine patriotische Flamme, die auch heute brennt: ein Ehrtrieb, ein Wesenstrieb, für die Erhöhung des deutschen Namens, die Ausbreitung der deutschen Kraft zu leben. Wie viel er auch von den andern Völkern lernen und sich in ihre Werte ver­tiefen mochte auch darin grunddeutsch ich glaube, ihm fonnte nie ein andrer Gedanke fommen, als so bereichert und er­weitert seinem Volt, seinem Staat zu dienen.

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Graf Bülow ist im stande, mit ernsthaftem Gesicht zu sagen, was in ihm Gutes fei, verdant' er seiner Frau; und die Gräfin, in der einft jener Welthunger brannte, die alles erfragen, alles erleben, alles enträtseln wollte, die sich als reizend ungeberbiges Jch in heißer, un­befriedigter Entwicklung zu verzehren schien, fie Tebt jezt für das eine, den einen, als fönnt es nicht anders fein; fie, die geborene Poefie", ist sein Finanzminister geworden, fein Unter- Staatssekretär, in ihrer Künstlerseele blüht feine Politit. Das wuchs so von Jahr zu Jahr, wie er an seinen Aufgaben wuchs. Als ich die beiden vor bald vier Jahren in Rom als Botschafter und Botschafterin sah, war Frau v. Bülow nur erst sein Finanzminister", mit Hilfe eines italienischen Gelehrten und alten Freundes das Haus im großen Stil ver waltend.

das Heim des Paars geführt, in seine große Bibliothek, wo die großen Cigarren brennen":

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" Dann blüht in diesem Sohn der Elbe die goldenste germanische Heiterfeit auf, die auch noch das ernsteste Gespräch verklärt, auch zwischen den sorgendsten Gedanken aufbligt. Dann wird sein Humor wohl plöglich zum Dichter: von einer politischen Tagesfrage sprechend, hält er auf einmal eine Rede gegen sich selbst ,, wenn ich der und der wäre, da würd ich dem Bülow und mit der ganzen Diefer grimmigen Beredsamkeit eines dieser scharfen Oppositions­männer schleudert er sich eine Philippika ins Geficht; jedes Wort lebendig. Oder er verläßt auch die Politik und sein leicht­geweckter Wiz flattert wie ein harmloser Schmetterling umber. Donna Maria" oder" Mariechen" hört stillglücklich zu; ich tenne teine Frau, die reizender zuhört als fie. Ich tenne auch keine Frau, von der ein so wunderbarer, zusammenfchmelzender Doppelduft ausginge: der Duft der vollkommensten Edeldame und der reinsten Menschengüte. Lassen Sie mich's nur sagen, Donna Maria. Ich kenne auch keine vornehmer und rührender unveränderliche, unfordernde, immer gleiche Freundin als Sie."

Um so innerlichst frei zu sein, muß man wohl auch eine Fülle von Gegensägen in sich haben, die sich unter derselben Schädel­dede wie unter einer unsichtbaren Oberlenkung vertragen, und die durch ihr Dasein stets daran erinnern, daß ebenso auch die Welt aus gottgewollten Gegensätzen besteht. Wie sich in ihm norddeutscher, phantasievoller Humor mit fast romantisch zu nennender Grazie zusammenfand, tiefgründiges und nach Menschenmöglichkeit objektives Denken mit selbstverständlich schneidiger Thatkraft, und die Härte des Thatmenschen mit der edlen Weichheit eines menschenfreundlichen Jdealismus, fo sah er außerhalb seines Ich die naturgeschaffenen feindlichen Elemente, die sich ewig bekämpfen, ewig einseitig und darum unzulänglich, und doch ewig berechtigt sind. Wer als Staats­mann auf fie einwirken, mit ihnen auskommen, fie leiten und führen will, muß sie also zuerst verstehen lernen; er muß ihren Daseinswert begreifen, muß sie aus der Vergangenheit hervorwachsen und in die Zukunft hinausdeuten sehen. Das wird oft dem Thatmenschen schwer, in dem der Wille das Mächtigste ift. Napoleon dachte alles durch Gewalt zu können, die unsichtbare Macht der deutschen Ideologen" begriff er nicht. Auch Bismarc hat mitunter zu wenig an die elementare Kraft der Imponderabilien So fingt Adolf Wilbrandt , der diesmal nicht etwa eine und zu viel an die Faust des Staats geglaubt. Von solchen Satire schreiben wollte. Und dieser Sang Irrtümern sich frei zu halten, ist dem Grafen aristophanische Bülow gleichsam das erste Gebot." tommt gerade recht. Wir werden sehend! In welcher furcht­Kaum Dann steigt Graf Bülow zum Träger der Weltpolitik auf: baren Täuschung haben wir uns doch befunden! Alles Kleine und Große in uns, unsre Kleinheimatsliebe, unsre jemals glaubten wir so viel Flachheit, so viel aufgeputzte Landsmannschaften, unser Fraktionsgeist, unfre ehrenhafte Sittlich Armut in dem Geist der verantwortlichen Politik zu teit, unser Gerechtigkeitssinn, alles widerspricht gern dem Ruf, den doch kennen, wie unter dem Grafen Bülow, dessen gespreizte höfliche die Weltgeschichte uns zuruft: Werdet, war Jhr werden sollt, unbedeutendheit auf jeden tieferen Menschen geradezu nieder­Heil, daß uns das in schönem Wahn­ein großes, ein welterleuchtendes Volt! Vielleicht das Volk aller brüdend; wirkte. Völker! Ich glaube, Graf Bülow hat diesen Ruf ganz sinn rollende Dichterauge richtig sehen lehrt! Wir wir leben und gedeihen unter der so start und so laut wie ich: mein vaterländisches Herz schlägt eine glückliche Nation, allemal beffer, wenn ich an ihn denke. Aber Entfagung!" oder verantwortlichen Regierung des edelsten höchsten Menschenpaars der Beschränkung!" steht gleichsam vor ihm auf die Luft ge- Weltgeschichte. Was für ein wundervoller Charakter ist doch dieser schrieben, wo er geht und steht. Wie viele Menschen Graf Bülow: eine Mischung von Goethe, Michel Angelo, Bismarck , mag er wohl in Deutschland temnen, die so feurig, Richard Wagner , Heine, Beethoven , Faust mit einer liebenswürdigen er ist von allem das Feinste, so ganz vom Herzen a m deutschen Weltberuf Dosis vom jüngsten Lieutenant

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hängen wie ich? oder wie die junge Dame, von ein märchenhafter Auszug der verschiedensten größten Menschenseelen. der ich dieser Tage die Worte hörte: ,, Ich möcht' Die Initialen Bernhard) v. B( low) deutete ja neulich schon Friz ein großes Panzer Kriegsschiff sein, damit ich meinem Friedmann berlinisch- französisch- amerikanisch- belgischen Angedenkens Vaterland nähen könnt In der heranreifenden als das Beste vom Besten". Jugend, hoff' ich, giebt es schon viel so warmes Blut; aber der Reichskanzler von heute muß mit den Deutschen von heute leben. Uferlose Pläne!" Er dürfte keine haben, auch wenn er wollte; sie stürben in der deutschen Luft. Wie oft mag er wohl, die Un geduld einer großen Seele bezähmend, sagen:" Nicht Trab! Im Schritt!"

Des weiteren preist Adolf Wilbrandt den Grafen Bülow als Von der Weltpolitif kommt dann Wilbrandt wieder zum Mensch­ einen der Freiesten". Einen vorurteilsloseren Menschen" hat er lichen, von der jungen Dame, die gern ein Panzerschiff sein nie gesehen. Dabei ist dieser merkwürdige Reichskanzler ein famoser möchte ob sie sich diesen Wunsch nicht bereits aus dem Korsett­Salat delikater Widersprüche: laden erfüllt hat?, zur Frau Reichskanzlerin: Wir werden in

Socialdemokratischer Wahlverein

für den 4. Berl. Reichstags- Wahlkreis( Südost).

Dienstag, den 18. Dezember, abends 8 Uhr,

ini Saale des Herrn Graumann, Naunyn- Straße Nr. 27:

244/3

Versammlung.

Tagesordnung:

1. Bortrag über: Aus dem Reiche des Eisenbahnministers Thielen." Referent: Reichstags- Abgeordneter Fritz Zubeil .

2. Diskussion. 3. Vereinsangelegenheiten.

Gäste haben Zutritt. Zahlreichen Besuch erwartet

-

Der Vorstand.

Deutscher Holzarbeiter- Verband.

Zahlstelle Berlin ,

Morgen, Mittwoch, den 19. Dezember, abends 84 Uhr, bet Keller, Koppenstrasse 29:

Vertrauensmänner- Versammlung sämtlicher Bezirke.

Tages- Ordnung: 1. Das Kontrollbuch und die schwarzen Listen der Tischler Jnnung und die Stellungnahme des Verbands hierzu. 2. Die augenblickliche Lage in unsrem Gewerbe. 3. Werkstatt- Differenzen.

Jede Werkstatt muß vertreten sein.

Nach dem seinerzeit gefaßten Beschluß sind Delegierte zu entfenden: für Werkstellen bis 10 Kollegen 1 Delegierter, von 10-20 2 Delegierte, von 20-30 3 Delegierte usw.

285/7

Mitgliedsbuch nebst Vertrauensmännerkarte legitimiert. Die Ortsverwaltung.

Verein der Bauanschläger.

Dienstag, abends 71/2 Uhr,

Außerordentliche Versammlung

im Gewerkschaftshaus", Engel- Ufer 15( Saal IV).

36/2

"

Tages Ordnung:

1. Antrag und Bericht der 21er Kommission. 2. Verschiedenes.

Der Vorstand.

Verband deutscher Schneider u. Schneiderinnen

( Filiale Berlin ).

Dienstag, den 18. November, abends 81/2 Uhr:

Mitglieder= Versammlung

in den Arminhallen, Rommandantenstr. 20. Tages Ordnung:

1. Vortrag des Kollegen Täterow über: Eindrücke von der Pariser Weltausstellung. 2. Diskussion. 3. Mitteilungen der Ortsverwaltung. Um zahlreiches Erscheinen der Mitglieder ersucht

Die Ortsverwaltung.

162/17

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Deutscher Textilarbeiter- Verband( Filiale Berlin ). Am Dienstag, den 25. Dezember( 1. Weihnachts- Feiertag): Großes Weihnachts- Vergnügen

unter geft. Mitwirkung des Gesangvereins ,, Textilia"( M. d. A-S.:B.) und der Gesellschaft Strzelewitz im Lofal Königsbank, Gr. Frankfurterstrasse 117.

Reichhaltiges Programm.

Anfang 5 Uhr. Nach 12 Uhr: TANZ. Um zahlreichen Besuch ersucht

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und Berufsgenossen Deutschlands, Filiale( 1) Berlin .

Mittwoch, den 19. Dezember, abends 8% Uhr:

Mitglieder- Versammlung

in Buskes Salon, Grenadierstraße 33. Tages Ordnung:

1. Geschäfiliches. 2. Bortrag über das Thema:" Der Mensch vor der Erfindung der Schrift." Referent: Herr Dr. Rudolf Steiner . 3. Diskussion. 4. Verschiedenes. Die Kollegen find gebeten, recht zahlreich und pünktlich zu erscheinen. Die Verwaltung. J. A.: C. Borisch.

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Mögen boshafte Nörgler in dem Sang des Dichters Wilbrandt die erlogenen Farben eines Morphiumrausches zu erkennen glauben, mögen fie nur eine Aehnlichkeit zwischen dem Modell und seiner die unvereinbaren Widersprüche poetischen Verklärung zugeben unter einer Schädeldecke nein, wir Politiker irren uns alle- das neue Reichsfanglerpaar wird uns nicht nur zum Volt aller Völker machen, wir sind durch diese beiden im Grunde schon das Volt aller Wölfer. Wir Glückseligen, wir Begnadeten!

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