ist richttg. Die Verbrech» werden ja aus allen Gegenden nach Berlin geschickt, damit wir ste hier ernähren. Die meisten Wer- liner sind keine Berliner . Abg. von Eyncrn(ntl.): Der Zustand ist jetzt so, daß einige weuig» Städte diese Kosten tragen müssen. Die Beitrags- Pflicht für Berlin erscheint mir nicht zu hoch,»venu man bedenkt, daß einschließlich der Kosten des Nacht- wachtwesens Berlin nur 2 200 000 M. mehr bezahlen soll. Herr Langerhans weist darauf hin, daß die Städte, welche ein- zelne Zweige der Wohlfahrtspolizei übernehmen, eine Garantie haben mässen, daß ihnen die Kosten erstattet werden für den Eall des Widerrufes. Ich halte das für sehr beachtenswerth. m Uebrigen bin ich mit der Borlage einverstanden und be- gleite sie mit meinen besten Segenswünschen in die Kommission. Abg. Eberty(dfr.): Die Mehrleistungen, welche Berlin hergeben soll, betragen 2 241000 M., d. h. II pCt des Auf- kommens an Gemeindesteuern. Ist eine solche Mehrleistung wirtlich erforderlich? Berlin wird erheblich belastet und seine Wünsche werden doch nicht erfüllt. Berlin darf wohl kaum hoffen, daß ihm irgend welche Zweige der Polizciverwaltung selb- ständig übertragen werden. Man sollte gerade jetzt die Stadt Berlin nicht vorzugsweise belasten zuGunsten der übrigen Staatsangehörigen. Wenn die Vorlage Gesetz werden soll, muß sie auf eine ganz andere Grundlage gestellt werden. In diesem Sinne bitte ich die Kommission, die Vorlage zu prüfen. Minister Herrfnrth: Die Vorlage stimmt überein mit den Beschlüssen dieses Hauses. Die Sache wird einheitlich für alle Landestheile geregelt, die Kosten werden vom Staate getragen und die Städte müssen ihre Beiträge bezahlen nach d» Bevölkerung; bei der Berechnung des Beitrages sollen diejenigen Beträge ab- gezogen werden, welche erspart werden durch Uebertragung von Zweigen der Äohlfahrtspolizei auf die Städte. Aenderunaen gegen die frühere Vorlage sind: l. Die Uebertragung des Nachtwachtwesens aus den Staat, 2. Di« Möglichkeit, Zweige der Wohlfahrtspolizei auf die Städte auf ihren Antrag zu übertragen� 3. Di« Verwendung der mehrvereinnahmten Gelder zur Vermehrung der Gendarmie. Eine ganze Reihe von Städten hat erklärt, sie wünschten keine Polizeiverwaltung zu übernehmen. Namens der Staatsregierung kann ich erklären, wir sind bereit, denjenigen Städten, welche die Wohlfahrtspolizei übernehmen wollen, dieselbe zu übertragen, vorbehaltlich der Baupolizei in den Städten Berlin , Charlotten- dura und Potsdam . Die widerrufliche Uebertragung ist selbst- verständlich, denn im Falle sich Uebelstände herausstellen, muß der Staat wieder die Sache in die Hand nehmen können. Widerruflich hat die Stadt Berlin auch die Straßenpolizei übernommen, ohne daß daraus ein Mißstand entstanden ist. Die Stadt Berlin wird allerdings schlechter behandelt, es sollte früher ein Beitrag von 3 100 000 M. gezahlt werden; der Be- fchluß des Hauses lautete auf 2 300 000 M., die jetzige Borlage aber verlangt 3 400 000 M. Das ist gerechtfertigt, weil die An- forderungen an die Berliner Polizei sehr erheblich gewachsen sind. Namentlich hätte sich eine Umänderung des Nachtwacht- weseas nicht mehr aufschieben lassen, welches in auffälliger Weife in Berlin vernachlässigt war und überhaupt nur ausrecht er- halten werden konnte dadurch, daß auch die Schutz- mannschast in der Nacht Dienst hatte, weil sich sonst unhaltbare Zustände herausgestellt hätten. Der Beitrag beträgt für Berlin uch nur etwa Vs der Gesammtkosten. Die neue Einkommensteuer wird für Berlin einen erheblichen Mehrertrag geben, so daß die Stadt ihren bisherigen Steuersatz wird ermäßigen können. Di« Stadt ist in der Lage, von dieser Mehreinnahme Gebrauch zu mache» ohne Belastung der unteren Steuerstusen. Wenn die Ueberweisung der Grund- und Gebäude- steuer durchgefiihrt wird, kommt Berlin gut weg. Wenn das neue Schulgesetz unverändert angenommen wird, wird Berlin von den S Millionen Mark L— 700 000 M. erhalten. Also Berlin ist so gut gestellt, daß es nicht klagen kann. Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß dieses Gefetz, wie es zum dritten Mal vorgelegt ist, auch zum letzten Mal vorgelegt ist, daß es die Annahme des Hauses finden wird.(Beifall rechts.) Abg. Althaus(!.) hält die Vorlage für eine Verbesserung der früh»en Vorlage. Abg. Krause(ntl.): Nicht blos die 22 Städte haben einen Vortheil von der staatlichen Polizei, sondern auch das platte Land; denn die Kosten der Landgendarmerie trägt ebenfalls der Staat. Ueber die Mehreinnahmen aus den Beiträgen der Städte soll der Etat jährlich verfügen. Wozu dieser Vorbehalt? Soll das Haus festgelegt werden auf die Bewilligung dieser Summe für die Landgenvarinerie? Minister Herrfurth: Ueber diese Art der Verwendung ist «in Vorbehalt in das Gesetz aufgenommen; das war nothwendig, um die Absicht der Regierung ganz klar zu stellen. Abg. Barth(dfr.) erkennt die Vorzüge der Vorlage an und bezeichnet es als einen Akt der ausgleichende» Gerechtigkeit, daß die Gendarmerie in der Nähe der großen Städte veri.iehrt werden solle. Redner bittet nur den Minister, für die Gehälter und Wohnungsgelder der Gendarmen in den Vororten der Großstädte die Thenerungsverhältniss« derselben in Betracht zu ziehen. Abg. Tschocke(ntl.): Die Vortheile dieser Vorlage gegen- über der früheren sind durchaus nicht zu verkennen, aber bedenk- lich sind die höheren Entschädigungssätze, welche jetzt auf- gestellt sind., Abg.»on Eynern(ntl.): Wenn auch in Berlin eine kleine Unzufriedenheit bestehen bleibt, so wird die Vorlag« doch sonst überall Zufriedenheit verbreiten. Berlin genießt immer noch «inen Staatszuschuß zu seinen Polizeikosten von 3 Millionen Mark, abgesehen von allen anderen Bortheilen, die der Stadt Berlin als der Reichshauptstadt, als dem Sammelpunkt des Ver- kehrs zufallen. Damit schließt die erste Lesung. Die Vorlage wird einer Kommission von 21 Mitgliedern überwiesen. Daraus wird die zweite Berathung deS EtaatShauS- Halts-Etats fortgesetzt und zwar beim Etat der Berg-, Hütten- und Salinen-Verwaltung. Referent ist Abg. Stengel. Berm ersten Titel der Einnahmen: AuS»Bergwerken" bemerkt Abg. Schultz- Bochum , daß die Folgen deS Berg- arbeit»- Ausstandes sich noch immer bemerkbar machen, namentlich in dem Rückgang der Leistungen der Arbeiter. Dieser Ruckgang sei nur zum Theil»klärlich durch die Ver- kürzung der Arbeitszeit; denn im westfälischen Kohlengebiet« wäre «ine erheblich« Verkürzung der Arbeitszeit nicht«ingetreten. Die Löhne haben dagegen«ine steigende Tendenz angenommen, und zwar betrugen in den Jahren 1363—20 die Jahreslöhne in Ntederschlesien 630. 632. 735 M.. an der Ruhr 362. 241, 1067 M. und in Saarbrücken 342, 233, 1140 M. Diese Löhne lassen sich nur aufrecht erhalten, wenn der Preis d» kohlen nicht erheblich zurückgeht. Dazu ist aber nothwendig, daß zwei alte Forderungen erfüllt werden: die Reform der Bngwert-Steuer und die Er- Mäßigung der Eisenbahn-Tarife. Abg. Schmieding(natl.): Di« Lohnfrage ist noch nicht ge- «üaend geklärt, daß man sie hier in der Oeffentlichkeit schon bespreche» könnte. Ich halte es auch für wünschenswerth, daß «ine Reduktion nicht Platz greifen möge. Wenn die aus- wärtige Konkurrenz es zuläßt, ist der hohe Stand der Löhne«in Segen für daS Land, weil die Kaufkraft dadurch wächst. Di e hohen Löhne find immer noch der beste Schutz gegen die Sozialdemokratie. Freilich müssen auch die Kohlenpreise die bis- herige Höhe behalten. Redner wendet sich dagegen, daß die Budgetlommission den Fonds für unvorhergesehen« Ausgabe» von 280 000 M. auf 100 000 M. ermäßigt hat. Gerade beim Bergbau ist Sparsamkeit bei unvorhergesehenen Ausgaben am wenigsten am Platze. Rednn verlangt schließlich die Aufhebung d» aus alter Zeit stammenden Brutlo-Bergwerksieuer, deren Be- Jritigung schon vom Minister Maybach seit vielen Jahren in luSsicht gestellt sei. Minister v. Berlepsch: Eine Umänderung der Bruttosteu» wollte man nicht herbeiführen, weil man dadurch lästig hätte eindringen müssen in die Berg'verks-Verhältnisse und weil da- durch die kleinen Bergwerke mehr belastet würden, als die großen. Jetzt sind die Einkommen- und Gewerbe- steuer dahin reformirt, daß die kleineren entlastet sind. Ich werde das meinige versuchen, um mit dem Finanzminister zur Einigung zu kommen. Die Bergarbeiterausstände sind auch heute noch nicht überwunden. Im großen und ganzen ist aber das vergangene Jahr davon verschont geblieben, Ich glaube,' wir können nichts besseres thun als möglichst wenig in der Oeffentlichkeit über diese Frage zu verhandeln. Das braucht durchaus nicht die nöthige Vorsicht zu beeinträchtigen. Je weniger öffentlich davon verhandelt wird, desto weniger wird die künstliche Agitation, die heute allein noch vorliegt, unterstützt. Die Minderleistung ist nicht auf die Ausstände allein zurückzu- führen, sondern auch darauf, daß die Vorbereituiigsarbe-teu sich vermehrt haben, daß ferner die Zahl der ungeübten Arbeiter sich erheblich vermehrt hat, namentlich in Westfalen und auch Saar- brücken. Die Löhne sind etwas gestiegen, aber daß die Löhne zu hoch sind, kann ich nicht zugeben; das haben auch die Vorredner anerkannt. Wenn die Kohlenpreise die jetzige Höhe nicht mehr haben, werden die hohen Löhne auf die Dauer nicht aufrecht erhalten werden können. Denn wir halten uns nicht für befugt, aus dem Säckel der Steuerzahler Zuwendungen an hie Arbeiter zu machen über das hinaus, was sie verdienen. Die siskalischen Verwaltungen haben überhaupt die Ausgabe, ein gutes Beispiel zu geben. Ich hoffe, daß es möglich sein wird, die Löhne zu erhalten; eine Erhöhung derselben ist ja vorläufig ausgeschlossen. Seit Mitte vorigen Jahres ist ein Stillstand eingetreten. Abg. von Schalfcha(Z.): Die jetzigen Kohlenpreise sind von den früheren so verschieden, daß man wohl sagen kann: auch bei einer erheblichen Verringerung derselben wird es noch möglich sein, die jetzigen Löhne der Bergarbeiter zu bezahlen. Es fragt sich, ob wir nicht bei einer ungesunden Höhe der Kohlenpreise angekommen sind. Daß hohe Löhne ein Mittel gegen die Sozial- demokratie sind, möchte ich bestreite»; der Appetit kommt beim Essens; man will bald höhere Löhne haben. Es wird leicht gesagt, daß man nicht mehr auskommt, man verlangt höhere Löhne. Ab» die Kunst ist, auszukommen mit dem, was man hat.(Zustimmung rechts.) Die Kohlenproduzenten sind von Konjunkturen ab- hängig; man kann es diesen nicht verdenken, daß sie bei guten Zeiten etwas ersparen für die schlechteren Zeiten. unter den hohen Kohlenpreisen leiden alle Industrie», namentlich die Eisenindustrie. Bedenklich scheint es mir daher, wenn die fiskalischen Werke eine Erhöhung der Kohlenpreise anstreben, denn die fiskalischen Werke haben die allgemeinen Interessen wahrzu- nehmen, um so mehr, als die fiskalischen Gruben nur mit einem Händler ihre Produktion abgeschlossen haben, so daß ungezählte Millionen in diese zwei Hände stießen. Abg. Graf Strachwitz(Zentr.) weist darauf hin, daß die Selbstkosten der Bergwerke sich erheblich vermehrt haben, nament- lich durch die Unfall- und Invalidenversicherung. Di« Kohlen- preise sind noch nicht solche, daß man berechtigt wäre, einen Feldzug gegen die Kohlenproduzenten zu»öffnen. Den Klagen der Eisenindustrie würde abgeholfen werden, wenn die Eisenbahn- Verwaltung statt der ausländischen Holzschwellen inländische eiserne Schwellen verwenden wollte. Abg. Szmula(Z.Z: Es besteht ein Kohlenring. Die beiden großen Firmen Cäsar Wollheim und Friedländer haben die kleineren Zwischenhändler ausgekauft und hatten nun die Macht, die Kohlenpreise zu diktiren, um so mehr, da die Staatswerke ihnen auch ihren Verschleiß übertrugen. Die Kohlenwerke können sehr wohl einen Theil ihrer Produllion direkt verkaufen, wenn sie auch den größten Theil an Händler verschleißen. Die Eisen- industrie ist wichtiger als die Kohlenindustrie und man ülerlegt sich schon in Oberschlesien , ob man nicht einen Theil der Hoch- öfen demnächst ausblasen soll, weil die Absatzverhältnisse sich verschlechtern. Für die Eisenindustrie würde es angenehm sein, wenn die Regierung etwas für die Ermäßigung der Kohlenpreise thun würde. Dazu kommt noch, daß Oberschlesien keinen be- quemen Absatzmarkt hat. Nach Rußland ist der Absatz, außer zu Schleuderpreisen, verschlossen; nach Oesterreich hat der Handelsvertrag den Absatz nicht gerade erleichtert. Geh. Ober-Bergrath Bendemanu: Eine Erhöhung der reise der fiskalischen Bergwerke ist nicht angenommen; die tatsansätze bleiben noch zurück hinter den bisher schon erzielten Preisen. Das Bestreben wird allerdings dahin gehen müssen, die Preise uicht plötzlich allzu stark sinken zu lassen. Minist» von Berlepsch; Die oberschlesische Eisenindustrie befindet sich augenblicklich»n einer üblen s-ituation, weil die ßeographische Lag« eine ungünstige ist. So schlimm, daß bei den jetzigen Kohlenpreisen die Eisenmdnstrie zum Erliegen kommen müsse, liegt die Sache doch nicht. A» dl« fiskalischen Gruben- Verwaltungen sind Anträge auf eine Ermäßigung der Kohlen- preis« herangetreten, denen auch zum Theil Folge gegeben ist. Gegner dieser Ermäßigungen sind die Eisenwerke, welche selbst Kohlenbergwerke haben. Das soll uns ab» nicht abschrecken, den Werke», welche sich nicht in einer so günstigen Lage befinden, entgegenzukommen, soweit es möglich ist, denn die Staats-Finanz- Verwaltung spielt doch schließlich hierbei auch eine Rolle. Die Verhältnisse der Werke, welche eine Erleichterung verlangt haben, sind unterfucht worden. Das eine der Werke hat im vorigen Jahr« 14, im vorvorigen Jahre 10 pCt., das andere in den letzten drei Jahren 14, 12, 10pCt. Dividende gegeben. Wenn es ihnen anch jetzt schlecht geht, so liegt doch kein Anlaß vor, solche Werke zu unterstützen.(Zustimmung.) Abg. Szmnla bleibt dabei, daß die Kohlenpreise«in« Schädigung der Eisenindustrie herbeiführen. Abg. v. Schalfcha: Daß die Grubenbesitzer sich der Zwischenhändler dedienen müssen, sei anzuerkennen, aber es sei nur bedauerlich, daß für alle Gruben derselbe Zwischen- Händler fungire. Abg. Gras Strachwitz: Die Kohlenwerke könnten nicht gezwungen werden, für die Eisenindufirie billigere Preise zu machen. Als die Kohlenwerke Ryth gelitten hätten, habe die Eisenindustrie auch nicht geholfen. Darauf werben die Einnahmen und Ausgaben bewilligt mit der Ausnahme, daß für unvorhergesehene Bau-Ausführungen statt 280 000 M. nur 100 OOO M. bewilligt werden. Referent Stengel weist dabei den Vorwurf deS Herrn Schmieding zurück, daß dieser Abstrich ein bedenklicher sei. Der ?ro«ds betrug früher nur 42 000 M. und die Kommission at eine Erhöhung auf das siebenfache nicht für nothwendig gehalten. Minister Berlepsch: Eine Schädigung der Bergwerks- Verwaltung wird durch die Verminderung des Fonds nicht ein- treten, denn die nothwendigen Arbeiten werden gema' und eventuell zur nachträglichen Bewilligung gestellt werden. Im Uebrigen erfolgten die Bewilligungen ohne Debatte. Schluß 4'/« Uhr. Nächste Sitzung Dienstag 11 Uhr. (Etat der Justizverwaltung.) Doltetles. Zum Falle Peu«. Wir haben gestern in der Notiz über den Tod der unglücklichen Frau unseres Genossen Peus einer Zuschrift deS kgl. Staatsanwaltes in Magdeburg erwähnt, worin dieser daS Besuch der ihrer schweren Stunde entgegensehenden Frau um Freilassung ihres ManneS aus der Untersuchungshaft ablehnte. Dies» ablehnend« Bescheid hat folgenden charakteristischen Wortlaut: Der Königl. Erste Staatsanwalt Akt.-Z. V. I. Nr. 1000/21. Magdeburg . 22. Dezbr. 1391. T.-B. Nr. V. 12817 In dem Vorverfahren wider Ihren Ehemann den Schrift- steller Heinrich Pens wegen Vergehens gegen ß 95 St.-G.-B. er- halten Sie ans Ihre Eingabe vom 19. d. M. hierdurch zum Be- scheide, daß ich bei all» Anerkennung Ihrer traurigen Lage zu meinem Bedauern nicht in der Lage bin, die Haftentlassung Ihres Mannes, der eine schwere Strafe zu ge- w artigen hat, von AmtswegeN zu befürworten. M a i z i e r. An Frau Minna Pens, geb. Leina » zu Dessau . Dies» Bescheid der Staatsanwaltschaft spricht wohl für sich selbst. Wie die Leser aus demselben ersehen, soll sich Peus des Verbrechens einer Majestätsbeleidigung schuldig gemacht haben. Es handelt sich dabei nicht etwa um eine rohe Aeußerung über irgend ein gekröntes Haupt, sondern um eine ganz allgemeine Redewendung in einem Vortrag, welche in Rücksicht auf unsere strafgesetzlichen Zustände und die gerade in diesen Punkten sehr diffizile Praxis in der Rechtsprechung als unvorsichtig oder auch ungeschickt bezeichnet werden kann, sicherlich aber eines be- wüßt beleidigenden Charakters entbehrt. Unser Genosse ist eine durchaus ideal angelegte Natur, für dessen Unbefangenheit in strafgesetzlichen Tingen, wohl am besten die Thatsache spricht, daß» zu seiner Vertheidigung glaubte, sich mit Erfolg auf die Bibel und die Schriften des Grasen Tolstoi berufen zu können. — Wie nun bei solcher Art der Vergehen, wo auch jeder Ge- danke an das Vorhandensein ein» schlechten oder verbreche- rischen Gesinnung ausgeschlossen ist, sich die Untersuchungshaft— trotz Kautionsangebot in zeder Höhe und trotzdem die Frau des Jnhaflirten in das Wochenbett und schließlich auf das Sterbebett kam— rechtfertigen läßt, das würde unbegreiflich sein, wenn es sich nicht»in einen prenßisch-deutschen Gerichtshof resp. Staatsanwalt handelte, und der in Haft Behaltene nicht ein Sozialdeinokrat wäre.— Ob unser Genosse Peus jetzt nach dem Tode seiner Frau auf freien Fuß gelassen und damit in die Mög- lichkeit versetzt wird, für sein ktind, die wenige Wochen alle und der Mutter beraubte Waise zu sorgen, wissen wir zur Stunde, wo wir diese Zeilen niederschreibe», noch nicht, wollen es aber zur Ehre der Menschlichkeil annehmen.— Auf alle Fälle zeigt der Fall Peus wieder, wie bei uns die Untersuchungshaft unter Umstände» zu ein» Marter für den davon Betroffenen werden kann. Für diese Art der Hast dürfte die Bezeichnung als „trockene Folter" kaum zu viel sagen. Niemand wird bestreiten, daß es ein Mittel geben muß, um sich des Verbrechers zu ver- gewiss»«, bis ihm sein„Recht" gesprochen wird. Ob aber die An- wendung dieses Mittels, nämlich der Unters ichungshaft, auch „Verbrechern" gegenüber am Platze ist, deren angebliche Straf- lhat in nichts anderem besteht, als die eine von der jeweils herrschenden Richtung abweichende sozialpolitische oder religiöse Ueberzeugung zu haben, das ist eine Frage, die für einen Kultur- und Rechtsstaat eigentlich keine Frage mehr sein sollte. Es sollte dies auch bei uns in Deutschland um so wenig» der Fall sein, als wir nicht selten das Schauspiel er- leben, daß V»brecher an Eigenthum und L»en, sobald sie den begüterten Kreisen angehören und in der L'.ge sind, hohe Beträge an Kautionen zu stellen, während der Zeit d:r Untersuchung ans freiem Fuße bleiben. Soeben erfahren wir, daß'dem Vertheidiger des Genossen Peus, Rechtsanwalt Stadthagen , per Telegramm die Mittheilung wurde, daß gegen eine Kaulion von 5000 M. Pens aus freien Fuß gesetzt werde. Also endlich!— Die genannte Summe ist bereits angewiesen. Der Nothstand unt» der ärmeren Bevölkerung Berlins treibt dieselbe immer mehr dazu, die Mildthätigkeit ihrer besser gestellten Mitbürger in Anspruch zu nehmen. Da nun das „Betteln" aus das Strengste verboten ist, sucht der Proletarier auf alle mögliche Weise dieses Verbot zu umgehen,— es würde ihm ja nicht im Traume einfallen„betteln" zu gehen, wenn er am Morgen wissen würde, was er und leine Familie zu Mittag essen könnten. Das weiß er aber in den meisten Fällen nicht und deshalb bleibt ihm nichts übrig, als zu„betteln." Einen mitleiderregenden Anblick gewährte es z. B. dieser Tage, als aus dem vose des Hauses Barutherstraße 15 ein abgezehrter, gegen 40 Jahre alter Mann, in Begleitung dreier Kinder im Alt» von etwa 4—8 Jahr erschien. Der Mann, der sich kaum mehr ausrecht zu»halten vermochte, etablirte sich als„Hof- sänger" und sang mit bleichen Lippen und vor Frost schlottern- den Knien— lustige Lieder! Es war unendlich schmerzlich, das mit anzusehen. D:« Kinder in dürstigsten Kleidern lugten nach den Fenstern, ob nicht eine Spende herunter geworfen würde und der Bat» stößt sein:„Nur am Rhein , da möcht' ich leben" Das wäre fteilich besser, als in Berlin zu verhungern! Die in den Fabriken beschäftigten Arbeit» veranstalteten schleunigst eine Kolleite für die Aermsten, durch deren Ertrag dieselben wenigstens für die nächsten Tage der schlimmsten Sorge überhoben waren. Eben hatten wir die Notiz niedergeschrieben, da erschien ein Parteigenosse auf der Redaktion, der eben von ein» Reise zurück- gekehrt war und»zählte uns, daß in den westlichen Städten des schönen Deutschen Reiches der Nothstand fast ebenso groß sei wie in Berlin . Zum Beweis dafür brachte er uns einen Ans- schnitt eines m Elberfeld erscheinenden nationalliberalen Blattes mit, in welchem es heißt: Bei einem hiesigen Arzte erschien vor einigen Tagen ein ä l t e r e r A r b e i t e r, der über sehr große Körper- schwäche klagte. Durch die Untersuchung wurde fest- gestellt, daß der Kranke seit drei Tagen keinerlei Nahrung genossen hatte und auch unter dem Einfluß der Witterung litt. Der Arzt half sofort nach Kräften und vermittelte auch die Unterstützung seitens der Armen- kommisston. Dieselbe hat jetzt ermittelt, daß längere Arbeitslosigkeit die Lage des Mannes herbei- geführt hat. Elberfeld scheint somit in der Nothstandsstatistik Berlin nicht nachzustehen! Bom„verbesserten" Tuberkulin. Die„National-Ztg." erklärt aus Grund von Erkundigungen an kompetent» Stell« die Meldung der„Post", daß es Professor Koch gelungen wäre. abermals eine wesentliche Verbesserung seines Tuberkulins zu er- reichen, und daß die Veröffentlichung derselben schon in kürzest» Zeit erfolgen solle, für unrichtig. Die Arbeiten des Professor Koch seien»och nicht so weit gediehen, daß die Vnöffentlichnng schon in kürzester Zeil erfolgen könnte. Die Aufhebung der Sperre auf dem Zentral« Viehhof macht der Polizeipräsident unter vorgestrigem Datum wie folgt bekannt: Das am 25. v. Mts. von mir erlassene Verbot dkS Abtriebs von Vieh vom Zentral- Viehhose ist heute wieder auf- gehoben worden. Falsche Sv-Markscheine sind seit Kurzem wieder im Um- lauf. Sie sind dadurch kenntlich, daß zwei Blätter, zwischen welche Jute und Hanffascrn gelegt sind, zusammengevreßt sind. Die Linien sind mit Tinte gezogen und die Zahl 50 ist auf- t«tuscht. Ebenso sind falsche Fünf- und Einmarkstücke im Umlauf. Zieselben sind aus Zink und Blei hergestellt und galvanisch ver- silbert, fühlen sich fettig an, auch find die Einmarkstücke 1,5 Gr. leichter. Eiue Revolver-Affäre hat sich vorgestern Nachmittag in dem Hause Bernauer Straße 14 abgespielt. Daselbst wohnt im dritten Stock der 43 Jahre alte frühere Schlosser Wilhelm Bolle mit seiner Ehefrau und einer einzigen Tochter zusammen, welche
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