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Nr. 55.

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Vorwärts

9. Jahrg.

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Fern fpred- Anschlußt: Amt 1, Nr. 4186.

Berliner Bolksblatt.

Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: Beuth- Straße 2.

Ungesunde Bustände.

Ende der vorigen Woche fanden in Berlin Menschen­Ansammlungen statt, wie solche in Paris , London und anderen Großstädten häufig und mit einer gewissen Regel­mäßigkeit vorkommen, ohne daß irgend Jemand irgend etwas Bedrohliches für die Staats- und Gesellschaftsordnung darin erblickt. Die Polizei sorgt dafür, daß der Straßenverkehr nicht unterbrochen wird, daß keine Gewaltthätigkeiten verübt werden und läßt sonst den Dingen ihren Lauf. Sie schreitet erst ein bei Begehung von Ungeseglichkeiten. Vor mehreren Jahren kam es in London bei einer solchen Menschen- Ansammlung zu häßlichen Exzessen. Das Diebsgesindel machte sich die Sache zu Nuß, und

Sonnabend, den 5. März 1892.

waren die Schreckbilder, die plötzlich auftauchten- Millionen und Millionen mit Angst und Sorge erfüllend. Und waren die Schreckbilder etwa blos Gaukeleien der Phantasie? Nein! Und darin liegt das Beschämende, liegt die Gefahr.

Wir haben in Deutschland keine festen Grundlagen des öffentlichen Lebens, wie die Engländer, die Amerikaner, ja die Franzosen sie haben. Bei uns ist alles im Schwanken und in Ungewißheit. Unten das allgemeine Stimmrecht, der Ausfluß der Volkssouveränität, oben das persönliche Regiment, unvermittelt nebeneinder, in beständigem Wider­streit miteinander, in beständiger Reibung.

Expedition: Beuth- Straße 3.

Vorige Woche hob der Vorhang, welcher die Wahrheit verhüllt, sich für einen Augenblick und das Volk sah, was dahinter ist, und was darunteres sah in den Abgrund brodelnder, gährender Elementarkräfte, und es sah, wie dünn und zerbrechlich die Lavakruste, auf welcher der Bau der sogenannten Rechtsordnung sich erhebt.

Die Wahrheit blitzte hinter und unter der Trughülle hervor.

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viele Läden wurden geplündert. Kurz es gab Szenen, verglichen Die Arbeitermaſſen ſozialdemokratisch, das Bürgerthum, Politische Uebersicht.

Und damit vergleiche man die Aufregung, in welcher Berlin und Deutschland am Schluß der vorigen Woche bis zum Anfange dieser war!

Berlin , den 4. März.

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Zum Nothstand. Bezeichnend für den herrschenden Nothstand ist eine Bekanntmachung, in welcher der Vorstand der in Bremen domizilirenden Zentralfranken­Kein Wunder, daß bei solcher Lage die Gemüther und Sterbekasse der Böttcher die Einberufung der Generalversammlung dieser Kasse auf den 17. April nach Bremen begründet:

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mit welchen das in Berlin Geschehene, was die Größe sowohl zum Theil wenigstens, liberal und demokratisch, und in der Menschen- Ansammlungen als der Exzesse betrifft, das den leitenden Kreisen ein Geist, der im schroffsten Gegensatz reine Kinderspiel war, und die Polizei sab sich genöthigt, zu der modern- bürgerlichen wie zu der proletarischen Welt­scharf einzuschreiten. Allein Niemand in London und England anschauung steht. dachte auch nur für einen Moment, daß es sich um ein Vorkommniß von irgend welcher politischen Bedeutung nicht zur Ruhe gelangen, daß Niemand festen Boden unter handele. Man wartete in größter Gemüthsruhe ab, bis den Füßen fühlt, daß der geringste Anlaß die schlimmsten der Tumult vorüber war, und wäre die Polizei des Spitz- Befürchtungen wachruft. buben- Gesindels nicht Herr geworden, so würde man ihr die Den Klassengegensatz haben wir überall überall ist nöthige Unterstützung gewährt haben, wie das in freien die kapitalistische Gesellschaft zerklüftet, und überall spizt Ländern selbstverständlich erscheint. der Klassenkampf sich mehr und mehr zu. Allein in Eng­land, in Frankreich , in Amerika vollzieht sich dies im Rahmen eines festbegründeten Staatswesens, dns wohl durch cine Revolution umgestürzt, nimmermehr aber durch einen Daß die Schaaren, welche durch einige Straßen der Straßentrawall bedroht werden kann. Mit Recht höhnt Stadt zogen, keine Revolution machen wollten, das wußte die" Times":" Als vor 6 Jahren( 1886) der Trafalgar­Jedermann; daß der Janhagel, der sich anschloß, mochten square- Spektakel bei uns vorkam, da sagten viele deutsche die Absichten Einzelner sein, welche sie wollten, ganz un- Beitungen den Untergang Englands voraus wir in Eng­gefährlich war und durch die Polizei spielend im Baum land aber lachten. Jetzt ist ein tetner Straßentrawall in gehalten werden konnte, auch das wußte Jedermann und Berlin , und ganz Deutschland ist in hysterischer Aufregung. der herrschende Nothstand ließ die ganzen Vorkommnisse Ist das ein Beweis von Vertrauen und Festigkeit?" psychologisch natürlich erscheinen, gab ihnen dem Ur- Gewiß nicht. sprunge nach in den Augen jedes menschlich Fühlenden eine Die Engländer lachten zu den Trafalgar Square- Stan­menschliche Berechtigung. Ein Wunder, daß wir nicht schon dalen denn sie wissen, daß die verfassungsmäßigen Zu­früher Hungerkrawalle gehabt. Nur ein Blinder konnte stände Englands durch keinen Straßenskandal erschüttert, überrascht sein. ja nur berührt werden." Und trotzdem Anders bei uns. bemächtigte sich Unzähliger eine wahre Banit; und nicht blos in Berlin , sondern Kein Zweifel die Menschenansammlungen in den in ganz Deutschland man lese nur die Be- letzten Tagen der vorigen Woche waren an sich unbedeutend, trachtungen der verschiedenen Blätter gab es wohl hatten als solche gar teine politische Bedeutung. nur Wenige, die nicht die Möglichkeit ins Auge gefaßt Aber Deutschland ist kein Verfassungsstaat hätten: daß diese an sich politisch absolut bedeutungslosen meinen fein lebendiger Verfassungsstaat von Fleisch und Menschen- Ansammlungen die schwerstwiegenden politischen Bein. Wir haben eine Reichsverfassung und Landes- Ver­Folgen nach sich ziehen könnten. fassungen allein sie sind nur Verzierung und Umhüllung Eine Straßenmezelei, bei der die Acht- Millimeter des selbstherrlichen Regiments. Wunder thun würden, Verkündigung des Belagerungs- Hinter diesem stehen etliche Millionen Soldaten. zustandes und zwar des großen" in Berlin und anderen Und wer steht hinter den Verfassungen? Das deutsche Städten mit einer zahlreichen Arbeiter und Arbeitslosen- Bürgerthum vielleicht mit dem Wunde, sicher nicht mit Bevölkerung und dann eine Aera der nackten, auf den der That. Knauf des Schwertes sich stützenden Gewalt, mit den Und welchen Grund haben die Arbeiter, sich für das die Reichs- und Landesverfassungen zu begeistern? Kanonen als letztem Grund" und oberstem Gesetz"

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Feuilleton.

Machbruc verboten.)

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155

Am Webstuhl der Zeit. Beitgenössischer Roman in 3 Büchern

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wir

Unsere Rassenverhältnisse haben sich infolge der erschreckens den Arbeitslosigkeit sowie durch die mangelhafte Ernährung vieler Kaffenmitglieder, durch enorme Theuerung hervorgerufen, derartig verschlechtert, daß eine längere Hinausschiebung der Generalversammlung unmöglich ist, da in fast allen Filialen eine solche Zahl an Kranken vorhanden ist, daß für das Weiterbestehen der Kasse die ernstesten Besorgnisse vorhanden find. Infolge dieses Zustandes kann die Kasse auch nicht einen Pfennig zu den Unkosten der Generalversammlung verwenden, weshalb der Vorstand sich genöthigt sah, die General- Versamm lung in Bremen stattfinden zu lassen. Die eine Thatsache möge genügen, daß vom 10. Januar bis 24. Februar 7000. aus der Hauptkasse an die örtlichen Verwaltungen als Zuschuß gesandt werden mußten, ungerechnet diejenigen Kranken, welche bei der Hauptkasse gemeldet sind, indem allein 42 auf der Reise erkranti und in Krankenhäusern untergebracht worden sind. Nach den hier eingegangenen Berichten, sowie nach von uns eingezogenen Erkundigungen ist an eine Besse rung des Krankenzustandes vorläufig nicht zu denken, weshalb sich der Vorstand veranlaßt sah, die Generalversammlung so­fort einzuberufen, um die Schließung der Kasse zu verhindern. Ebenso hat aus diesem Grunde der Vorstand mit Zustimmung des Ausschusses beschlossen, daß jeder Wahlkreis die Kosten feines Delegirten felbst zu tragen hat, da eine solche Aus­gabe von 2000 Mart, welche die Generalversammlung kosten würde, die Liquidation der Kasse sofort herbeiführen würde." Es wäre nüglich, wenn auch dieser Zeitungsaus schnitt an maßgebender Stelle vorgelegt würde. begreifliche Optimismus, welchem man sich in den Regie­rungskreisen bei der Beurtheilung der jetzigen wirthschaft­lichen Verhältnisse hingiebt, wird vielleicht dadurch einiger maßen herabgestimmt.

Der uns

Zum Kapitel der Soldatenmißhandlungen. Als wir den Erlaß des Prinzen Georg von Sachsen zum ersten Male besprachen, sagten wir sofort: der Erlaß werde seinen Zweck verfehlen, weil er Unmögliches erstrebe: das Uebel

wohl keiner besonderer Erwähnung, daß diefer warm empfun­denen, patriotischen und schwungvollen Rede ein nicht enden wollender Beifallssturm zu Theil wurde.

tünden.

einigen Einklang bringen könnte. Welch' schwieriges Werk! der Leser mag selbst beurtheilen, wie schwierig es ist, denn wir halten es für unsere Pflicht, ihm den Bericht über jene letzte, von ihm selbst besuchte Volksversammlung, wie er in Nur einem so außerordentlich beredten, herzen­der Allgemeinen Beitung" kurz und bündig stand, hier bestechenden Odysseus, wie Herr Dr. Lutz, konnte es ge vorzulegen. Der Artikel lautete wörtlich folgendermaßen: lingen, das Publikum überzeugend zu benachrichtigen, daß Die geftrige Volksversammlung, zu welcher, wie bekannt, nicht ein Mangel an Pflichteifer und Freiheitsdrang, son­dieselben Führer der großen Partei eingeladen hatten, dern einfach die einleuchtendsten praktischen Nützlichkeits­welche die erste Versammlung veranstaltet, war fast noch gründe für diesmal die liberale Partei hätten veranlassen von A. Otto Walster. zahlreicher besucht, als jene erste, ein schöner Beweis dafür, fönnen, ihr Programm in etwas knapperer Fassung zu ver Zuweilen nun allerdings haben dergleichen Berichti- wie sehr es unseren verehrten Vorkämpfern für Freiheit und Natürlich erhob sich beim Schluß der Rede dieses all­gungen etwas sehr unangenehmes, und das ist besonders Fortschritt gelungen, die Bevölkerung unserer Stadt zum dann der Fall, wenn der Hauptredakteur sebst zugegen ge- regen politischen Leben zu erwecken. Herr Kaufmann Roll- beliebten Volksredners der Beifallssturm in noch lebendigerer wesen, als das Berichtete geschehen, und man allgemein mann, als Präsident der letzten Versammlung, hielt eine Weise. Derselbe galt jedoch, wenn wir recht gefühlt, annehmen muß, daß er schon aus eigenem Intereffe, wenn furze, fernige Ansprache an das Publikum und schlug am weniger den beredten Worten, als vielmehr wesentlich den nicht aus Pflichtgefühl, den Bericht gelesen. Es findet sich Schluffe derselben Herrn Dr. Raffmaus als Vorsitzenden Gesinnungen des Redners. Es waren einige Züge aus dem freilich auch hier der Entschuldigungsgründe keine geringe vor. ein ergreifender Augenblick, feit Leben der alten Römer, welche aus der Handlungsweise Bahl, aber unangenehm ist und bleibt die Sache doch im zwei Jahren hatte dieser unermüdliche Streiter für dieser Männer hervortraten; mußte man bei Dr. Benjamin höchsten Grade, und wir dürfen uns darum nicht wundern, Wahrheit und Freiheit keinen solchen Ehrenposten den Freimuth anerkennen, mit dem er aus Begeisterung für daß wir bei unserem Besuche den Herrn Professor Birne- angenommen, und unbeschreiblich war der Enthusias Freiheit und Fortschritt kein Bedenken trug, auch die alten mann in nicht besonders guter Stimmung antreffen, wenn mus der Versammelten, als dieser bewährte Führer, Freunde und Kampfgenossen öffentlich an ihre Pflicht zu er­wir bedenken oder erfahren, daß er foeben eine von dieser wahre Volkstönig sich zeigte und mit mahnen, so konnte man nicht umhin, die Zartheit des Herrn vierhundert Unterschriften bedeckte Berichtigung des einigen schlichten Dankesworten die Wahl annahm. Den Dr. Lutz zu bewundern, mit welcher er den zeitweiligen Berichtes über die letzte Volksversammlung erhalten Reigen der Debatte eröffnete Herr Dr. Benjamin, der Gegner zu gleicher Zeit widerlegte und versöhnte! hat. Die früheren Berichtigungen dieses selben Berichtes, Achilles der liberalen Partei; er warf sich mit Ungestüm Leider sollte der Abend in dieser würdigen Weise welche von Einzelnen ausgegangen waren, hatte er einfach auf einige Punkte, die, seiner Ansicht nach, zum Schaden nicht schließen, denn eine Rotte von Skandalmachern zurückgewiesen oder in den Papierkorb wandern der Freiheit und des Fortschrittes im Programm des Be- aus den niedrigsten Schichten der Bevölkerung, vom Lassen, aber vierhundert Unterschriften ignorirt man nicht richterstatters der letzten Versammlung vergessen worden, und Branntwein erhigt und ermuthigt, und aller Wahr so leicht, wie die von einzelnen, nicht einmal einflußreichen betonte namentlich als unumgängliche, immer im Auge zu scheinlichkeit nach von der Reaktion zu ihrem ruchlosen Persönlichkeiten. Deshalb sitzt jetzt der wahrheitsliebende behaltende Reformen: freiere Stellung der Gemeinden Treiben angestiftet, gefiel sich darin, mit allerlei Unfug und Mann da und überlegt, wie er den Bericht, den er hatte innerhalb des Staates, Erweiterung des Wahlgefezes, freiere Tumult die Ruhe zu stören. Willkommene Gelegenheit drucken lassen, mit der Darstellung der Berichtigung in Bestimmungen im Preß- und Vereinsgefeß. Es bedarf hierzu bot ein auf Dr. Luz folgender Redner, ein wenig

Es war