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9t. 87. 21. lajiramig. Z f fjlöP Kant. n. Mit gelinder Ueverspannung läßt sich sagen, das; Kant die gigantische Gedankenarbeit seiner Kritik aller wissenschaftlichen Er- kenntnis in elf langen mühseligen Jahren vollkommenen litterarischen Verstummens durchdacht, dann, als jäh die Sorge sich erhob, der Tod könnte den Ertrag vor der Geburt ins Grab nehmen, an der Schwelle des Greisenalters hastend in wenigen Monaten nieder- geschrieben datz Kant die Kritik der reinen Vernunft entwarf, nicht sowohl um die Gewißheit und die Bedingungen der Mathematik und der mathematischen Naturwissenschast zu erklären, sondern um die Waffe zu schmieden, mittels derer die theologische Meta- Physik für alle Zeiten aus dem Reich der Wissenschaft verjagt werden möchte. Bis Kant war es das Hauptstück der Philosophen, die Ueberlieferungen der jüdisch-christlichen Mythe und Mystik mit den äußeren Mitteln leer formaler Wissenschaftlichkeit zu erhärten. Indem Kant nun bewies, daß eS in Zeit und Raum keinerlei wissenschaftliche Erkenntnis außerhalb der Erfahrung geben könne, vertrieb er die theologische Metaphysik aus Zeit und Raum, er entkleidete die ersonnenen überirdischen Mächte somit aller Möglichkeit in der Natur der Kausalität durch Eingriffe, in der Menschheit durch Offenbarungen zu wirken, und wandelte sie in bloße Ideen dafür setzte er auch das so schlimm mißverstandene .Ding an sich", über die sich nichts beweisen lasse. Aber damit nicht genug. Von der sittlichen Seite angreifend, zerstörte er auch den Geltungswert der theologischen Ideen als Pfadweiserinnen im Bezirk der Vernunft. Er nahm ihnen nicht nur ihren naturwissenschaftlichen, sondern auch ihren moralischen Kredit. DieHeteronomie" der Sittlichkeit, d. h. die von einer übermenschlichen Macht offenbarten und diktierten Gebote durchaus ablehnend, verkündete er die Autonomie der Moral, in der die Menschheit, die freie Menschheit aus eigner Vernunft und eignem Recht sich die Gesetze ihres Handelns erfindet und über sich stellt. So wurden die metaphysischen Gespinnste ihrem ganzen Inhalt nach in Nichts aufgelöst. Aber Kant ließ, zum Schaden der klaren Einheit seines Systems, hier und da die leeren Hülsen liegen, mit denen dann bis in unsre Zeit ein nachhaltiger Unfug getrieben worden ist. Dennoch kann über die wirkliche Meinung und Absicht Kants kein Zweifel sein. Nur muß man seine Sprache zu lesen verstehen. Jede unfteie Zell schafft sich ihren eigentümlichen Stil. in der die lautere Wahrhaftigkeit der Ueberzeugung init der durch die Zwangsgebote einer unüberwindlichen Gewalt auferlegten Vor- ficht ehrlichen Ausgleich sucht. Kant schrieb unter der C e n s u r! Wenn er überhaupt zum Worte kommen wollte, mutzte er, un- beschadet aller Auftichttgkeit, gewisse stilistische Kautelen gebrauchen, die in der Folge dann zur Ersttckung seiner eigentlichen Meinung gern benutzt wurden. Kant hat zu den größten schöpferischen Ketzern gehört, der vor keiner Konsequenz seines vorwärts stürmenden Denkens zurückbebte. Im verttauten Kreise pflegte er über Welt und Dinge mit äußerster RückHaltlosigkeit zu sprechen. Sein Tisch - fteund Hippel, der Bürgermeister von Königsberg und Verfasser genialischer Einfälle in humoristtscher Romanform, hat diese Gespräche Kants ohne dessen Wissen aufgezeichnet. Als aberHippel starb und seine Erben diese Blätter entdeckten, erschraken sie so sehr über die ver- messene gottlose Kühnheit dieses Revolutionärs der trotz seines zurückgezogenen Lebens auch ein geistteicher Weltmann. Ivie nur irgend ein Pariser Encyklopädist war daß sie die Papiere ver- brannten, damit wohl die wichtigste Quelle zur Erkenntnis Kanttschen Wesens zerstörend. Dennoch hat er auch in seinen Schriften die theologische Metaphysik mit einer Rücksichtslosigkeit bekämpft, die noch heute. wo kein Staatsmann als ein Wöllner und kein Fürst als ein Friedrich Wilhelm II gelten möchte, dem Autor leicht Unannehmlich- leiten zuziehen könnte. Was Kant mit gellendem Witz und mit dem ergreifenden tiefen Pathos seiner reinen ivissenschaftlichen und sitt- lichen Weltanschauung über den gleichen Unwert aller Kirchen, vom Fetischismus und Schamancndienst bis zum Papstkult, was er über die Dogmen,Statuten und Observanzen" der offenbarten Pfaffen- religionen, über Gebet und Wunder geschrieben, macht ihn nicht nur zum bedeutsamsten geistigen Ueberwinder, sondern auch zum wirk- samsten Agitator gegen allen Klerikalismus, in welcher Form er sich immer zeigt. Hundert Jahre nach seinem Tode aber herrscht der Klerikalismus in seinem Vaterland mächttger, denn je zuvor. Seine Bücher sind von der alleinseligmachenden Kirche noch immer verboten. Und Kant wäre ein Herrscher ohne Land, wenn nicht in der proletarischen Be- wegung auch der geistige Befteiungskampf sich zum Siege durch- ringen würde. «« » Die Ethik, durch die Kant der theologischen Metaphysik ihre letzte Zuflucht nahm, ist die dritte That seiner Weltwirksamkeit. Noch ist über sie Streit, und es ist hier nicht möglich, die Fragen irgendwie tiefer zu erörtern. Die Ethik erhebt den Anspruch, nachArt von Naturgesetzen" einen obersten Grundsatz sittlichen Handelns von unverbrüchlicher Geltung aufzustellen. Er konnte sie deshalb nicht begründen in dem Chaos menschlicher Psychologie, auch nicht in der schwebenden Unsicherheit individueller Glückseligkeit, sondern nur in der festen Form eines letzten Zweckes, eines Endzieles. Kants Sittengesetz der Freiheit ist eine Richtung gebende Aufgabe der Menschheit, es wurzelt in der Humanitätsidee und es hat in nichts seinen Beweis wie in seiner Möglichkeit und Fruchtbarkeit, zum Menschheitsideal zu weisen. Es ist ein Mißverständnis, wenn man Kant gegenüber der Ewigkeit seines Sittengesetzes auf die ewig in Zeiten und Ländern wandelnden Sitten aufmerksam macht. Das wußte Kant auch und in seinem Lieblingsstudium, der Geographie, wies er scharfsimüg auf die Zusammenhänge der Sitten und der physischen Bedingungen hin, unter denen die Völker leben. Die Sittenlehre aber, die in ihrer kausalen Abhängigkeit zu durchforschen ist, nannte er Anthropologie, nicht Ethik. Die Ethik tritt als Gesetzgeber auf. Wie die Menschheit Naturgesetze entdeckt, um die Natur zu bändigen und zu gestalten, so giebt sich die Menschheit für ihr gesellschaftliches Zusammenwirken aus eigner Schöpferkraft eine letzte, oberste Norm. Die Ethik erzeugt das Wert- und ErttwicklungS- gesetz der Gesellschaft nicht aus blauen Wolkenhöhen und auch nicht aus der finnlichen Erfahrung, sondern aus der Vernunft, welche die Tiere zu Menschen macht, indem sie ihnen die Fähigkeit verleiht, sich selbst Knlturzwccke zu setzen. DaS Sittengesctz Kants lautet in seiner fruchtbarsten Formulierimg:Handle so. daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden andren, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst." Dieses Gesetz übersteigt jenen einfachen Moralsatz der Reziprozität, den schon die chinesische Weisheit des Confutse als goldene Moralregel aufftellte: Handle so. wie du willst, daß man dir handle. Das ist Moral zum individuellen Privatgebrauch. Kants Satz dagegen legt die Ks.Fimörts" Menschheitsidee zum Grunde, er will der Kulttirentwicklung der Menschheit die Richtung weisen. Die Ethik Kants ist nur Gesetz, nurForm" menschlichen Handelns. Lediglich in dieser Beschränkung liegt die Geltung, das Recht und die Fruchtbarkeit des sittlichen Priucips. Verlebe ndige Inhalt, der die Form erfüllt, steht durchaus im F l u ß d e r Geschichte. Und hier weitet sich das Reich der kausalen Er- klärung, hier waltet der Mechanismus der Wirtschaft, hier erweist die gefchichtsmaterialistische Methode ihre unabweisliche Kraft. Die Ethik der Form besagt nichts weiter: Wenn denn die Menschheit eine Kultur will, wenn sie ein Wertmaß der gesellschaftlichen Organisatton braucht, so kann das richtende und sichere Princip nur jener Moralgrundsatz sein. Er verbürgt den Slufstieg der Mensch- heit. Diese Ethik ist also kein Fremdenführer, der moralische Sehens- Würdigkeiten erläutert: sie ist" auch kein Pfaffe, der ewige Gebote inhaltlich und materiell bestimmt, unwandelbar im Namen Gottes befiehlt; sie ist ein Baumeister, der gleichsam die technischen Vor- bedingungen, die Mathematik der Gesellschaft lehrt das Bauen selbst unterliegt der Kausalität der Geschichte, der Arbeit der Menschheit. Und wäre dies Princip, weil sie nur Form ist, auch leer? Man prüfe jenen Satz an den wirtschaftlich bedingten Klassenkämpfen der Geschichte. Hat nicht stets jede revoluttonäre Klaffe in irgend einer Formel jenes sittliche Programm als Recht und Ziel ihrer Empörung auf ihre Fahne geschrieben? Begrenzt und versteht man den systematischen Wert von Kants Ethik so, dann ist sofort der Irrtum jener Kantianer offenbar, die den Philosophen wegen seiner Ehtik zum Begründer des Socialis- mus machen wollen. Als ewiger Grundsatz aller Sittlichkeit gedacht, kann er logischerweise gar nicht sich in einer bestimmten, zeitlich bedingten Gesellschaftsordnung manifestieren underschöpfen. DieseEthik steht über allen konkreten Gesellschaftsordnungen und sie bedingt an sich keine bestimmte Ordnung. Nur mutz sich jedes Gemeinschaftswesen, wenn anders es sein Kulturrecht erweisen will, an jenem sittlichen Ideal messen. Und so wahr es ist. daß auf der heuttgen Stufe der wirtschaftlich- politischen Entwicklung Kants Ethik nur im Socialismus sich zu ver- wirklichen vermag, so fest steht es, daß Kant keine socialistischcn, sondern liberale Folgerungen aus seiner Ethik zog. Er lebte durchaus in der Weltanschauung der französischen Revolution, welche die Weltanschauung deö Liberalismus, des freien Spiels der Kräfte war, dessen das Bürgerttim bedurfte, um die Fesseln des Feudalis- mus zu sprengen. (Schluß folgt.) lokales. Der Klassen-Erste. Das Messer-Attentat eines Schulknaben gegen seinen Lehrer, über das wir am Freitag berichteten, sollte den Pädagogen zu denken geben. Die erste, nächste Erklärung, nach der in solchem Falle gegriffen zu werden pflegt, ist die, daß man es hier mit einem verwahrlosten Bengel zu thun habe. Doch der elf- jährige Junge stammt aus geordneten Verhältnissen, ist Sohn einer Beamtenwitwe, gilt als fleißig und hat in seiner Klasse den ersten Platz. ES ist wirklich ein Glück, daß er nicht eines Arbeiters Sohn ist. Wäre er's, wie würde man da schreien über die Verwilderung und Verrohung der Jugend, über die Schwächung, die systemattsche Unter- grabung jeder Autorität, über die wilde Zügellosigkeit socialdemo- kratischer Agitatton, deren Wirkung und Frucht in solcher Unthat zu Tage trete. Aber mit diesem Phrasenschatz kommt die Enttüstung der Gutgesinnten diemal nicht ans. Und es ist gut, daß es so ist: denn so kann wenigstens das Urteil über den traurigen Fall nicht gcttübt werden. Wie war es möglich, daß der Junge zum Messer griff und fast ein Totschläger an seinem Lehrer wurde? Anscheinend schlummert in ihm ein Hang zur Gewaltthätigkeit. Eine zweckmäßige, vielleicht unbewußt zweckmäßige Erziehung ließ diese Anlage nicht auf- kommen; und der Hang zur Gewaltthätigkeit blieb verborgen, so lange es am äußern Anlaß fehlte, der ihn wecken konnte. So läuft mancher, der zum Verbrecherbestimmt" lvar, als korrekter Mensch durch die Welt, weil seiner Verbrechernatur zufällig die Entwicklungsbedingungen gemangelt haben. Auch der bösen Anlage. die in dem elffährigen Gemeindeschüler schlummerte, waren bis dahin durch die geordneten Verhältnisse seiner Familie die Eni- Wicklungsbedingungen entzogen geblieben. Auch bei ihm wäre der Trieb zur Gewaltthätigkeit wohl nie zum Ausbruch gekommen, wenn es dauernd am Anlaß und an der Gelegenheit gefehlt hätte. Aber die Gelegenheit kam, und der Anlaß wurde gegeben und der ihn gab, war fein eigner Lehrer. Stach den vorliegenden Berichten war der Junge wegen wieder- holt unruhigen Betragens von seinem Lehrer nach erfolgloser Er- Mahnung auf die vorderste Bank gesetzt worden, wo die schlechtesten Schüler sitzen. Der Lehrer versichert, das sei nur geschehen, um ihn besser überwachen zu können. Hat er sich die Frage vorgelegt, wie diese Maßregel auf den Jungen wirken konnte? Es ist immer ein bedenkliches Ding, den Klaffen-Ersten plötzlich zum Klassen-Letzten zu machen, und jeder erfahrene Lehrer muß sich sagen, daß ein solcher Platzwechsel den Ehrgeiz verletzt den Ehrgeiz, den erst die Schule durch den verwerflichen Brauch, die Kinder nach ihren Leistungen usw. zu rangieren, künstlich entlvickelt und zur Leiden- schaff entfacht. In dem Fall, um den es sich hier handelt, sind die schädlichen Wirkungen eines höchst unpädagogischen Systems durch eine ebenso unpädagogische Einzelhandlung noch gesteigert worden. Man darf geradezu sagen, daß der Junge durch die Schuld der Schule zumVerbrecher" geworden ist. Die Schule sollte aus mehreren Gründen sich den alten Zopf des Rangierens endlich abschneiden. Es giebt Schulen, die das bereits gethan haben, und sie stehen sich gut dabei. Es geht eben auch so. und sogar besser so! Der Ehrgeiz darf kein Erziehungs- mittel sein. Wir vermögen nicht einzusehen, wie man in unsrer Jugend mit Erfolg da» Pflichtgefühl wecken und bilden will, wenn man alles Denken des Kindes sich auf dasRauf- oder Runterkommen" richten läßt. Ganz zu schweigen von der Schädigung des kameradschaftlichen Empfindens, von der Förderung unsocialer Triebe, die mit dem Rangieren verknüpft ist! Diese alte schlechte Sitte trägt im übrigen dazu bei, das Verttauen der Kinder zu ihren Lehrern zu mindern und so das Ansehen der Schule zu untergraben, weil sie notwendig Ungerechtigkeiten zur Folge hat. Auch eines Kindes Leistung ist ja aus so vielen und verschiedenen Faktoren zusammengesetzt, daß es oft schwer ist, zu sagen, welche Leistung besser und welche schlechter ist. Eins ist weniger als zwei, das ist wahr: aber soll deshalb die pädagogische Weisheit sich darin erschöpfen, daß ein Junge, der in seiner Arbeit nur einen Fehler macht. Tüchtigeres leistet als ein andrer, dem zwei Fehler der Feder entschlüpfen? Mancher brave Junge, wanches wackere Mädel reibt sich aus in erfolglosem Kampf um den ersten Platz, den ein Sonnabend, 13. Febrvnr IM. andres, glücklicher beanlagtes und in günstigeren Verhältnissen lebendes Kind mühelos und verdienstlos erwirbt. Die ganze Gefahr des Rangierunfugs zeigt sich dann, wenn ein Klassen-Erster dieser Ehre verlustig geht. In der Vorstellung der Kinder besteht zwischen dem Ersten und dem Zweiten keineswegs dasselbe Verhältnis, wie etwa zwischen dem Zweiten und dem Dritten. Für sie handelt es sich um keinen Gradunterschied, sondern um einen Wesensunterschied. Erster oder nicht Erster, das ist hier die Frage. Ein Klassen-Erster, derruntergekommen" istI Der elfjährige Gemeindeschüler Hübner griff bei diesem unerttäglichen Gedanken zum Messer. Welcher Abgrund thut hier sich jäh vor unsren Augen auf! Wird der Schule dieser Vorfall, der so ver- hängnisvoll in die Laufbahn eines iverdendcn Menschen eingreift, ein Fingerzeig und eine Warnung sein? Der Magistrat hat beschlossen, zur Erbauung eines Kranken« h a u s e s der hiesigen jüdischen Gemeinde ein Terrain von 28 00V Quadratmetern zum Preise von 35 M. pro Quadratmeter an der Exercier- und Schulstraße, gegenüber dem jüdischen Siechenhause zu überlassen. Einem Antrage der städtischen Werke, für die Erweitc- rung des Röhrensystems in der Stadt 300 000 M. und zur Reparatur-c. 525 000 M. zu bewilligen, hat der Magisttat zu« gestimmt. Der Stadtverordneten-Bersammlung wird hierüber eine besondere Vorlage zugehen. Der Geburtenüberschuß ist in Berlin im Jahre 1903 geringer gewesen als im vorhergehenden Jahre. Im Jahre 1902 hatte er sZMV betragen, im Jahre 1903 war er nur 15 885, das ist um ziemlich 2800 weniger. Dieser Rückgang erklärt sich daraus, daß im letzten Jahre�die Geburten sich um fast 1700 vermindert und gleichzeitig die Sterbefülle sich um ziemlich 1100 vermehrt haben. Im vorletzten Jahre waren hier 51 202 Kinder geboren worden, aber nur 32 509 Personen gestorben, im letzten Jahre wurden nur 49 511 Kinder geboren und eS starben 33 626 Per­sonen(Totgeborene mitgezählt bei den Geborenen und bei den Gestorbenen). Der Geburtenüberschuß schwankt überhaupt sehr. In den letzten zehn Jahren(18941903) war er 16 983, 13 577, 17 730. 18 711, 18 936, 15 174, 14 423, 16 357, 18 633, 15 885. Die Jahre, die in dieser Reihe durch einen hohen Geburten- Überschuß auffallen, hatten eine mäßige Sterblichkeit gehabt, in den Jahren mit geringem Geburtenübcrfchuß waren ungewöhnlich viele Personen gestorben. Nur in 1903 ist für die Verminderung des Geburtenüberschusses die Verminderung der Geburten noch stärker als die Vermehrung der Sterbefälle ins Gewicht gefallen. Da« sociale Elend in agrarischer Beleuchtung. DieDeutsche Tageszeitung" bindet ihren Lesern folgende Räubergeschichte auf: Ein Leser unfter Zeitung in der Provinz Posen hatte sich von einem Berliner Verein zur Unterbringung Arbeitsloser einen Kutscher schicken lassen. Dieser Herr, der sogenannte Kutscher nämlich, sich so schreibt unser Leser den ersten und den zweiten Tag erst mal ordentlich satt und sah sich die Welt an. Am dritten. vierten und fünften Tag blieb er liegen und ließ sich füttern. Den sechsten Tag stand er auf und ging seiner Wege. Die Freude mit' dem Berliner Kutscher hatte nicht lange gedauert, meint unser Gewährsniann. DaS glauben wir. Und wir meinen, daß der Vorfall zur Warnung dienen sollte. Denn Arbeeten is nich: det iS für die Dummen", sagen unsre Berliner Arbeitslosen ". Wir finden es nicht besonders geschmackvoll, die Not der Land» Wirtschaft, um diesen vulgären Ausdruck einmal zu gebrauchen, mit dem Hinweis auf die s e'k t s ch w e l g e n d e n Junker abzuthun. Aber zehnmal eher läßt sich eine derartige Oberflächlichkeit ent- schuldigen als der infame Blödsinn, mit dem das Agrarierblatt feinen Lesern offenbar eine Freude zu bereiten vermeint. Selbst eine so agrarierfreundliche Zeitung wie dieTägliche Rundschau" lehnt diese Leistung mit dem Hinweis ab, daß es unter den Arbeitslosen viele giebt, die gern arbeiten möchten, aber keine Beschäftigung bekommen. Und dieDeutsche Tageszeitung" weiß selber gut genug, daß eS eine grundlose Verhöhnung des Großstadt-Elends ist, wenn sie den Berliner Arbeitslosen die Sentenz in den Mund legt, daß Arbeiten für die Dummen sei. Vor einiger Zeit brachte das Blatt zum Beispiel einen Lokalartikel, der mit folgenden Worten begann: Schlimme Zeiten stehen in Berlin den Zehn« taufenden von Arbeitslosen und ihren bedauernswerten Familien noch bevor, wenn, was sehr wahrscheinlich ist, wir einen strengen Winter bekommen und die Arbeitsverhältnisse sich nicht bald wieder bessern. Schon jetzt ist der Notstand bei weitem erheblicher, als es sich äußerlich bemerkbar macht." Dieser Einleitung folgt eine ausführliche Schilderung deS Treibens der Pfandleiher und eine Erklärung für den Hausbettcl, und der Artikel schließt mit den Worten:In vielen Familien wird es ein trauriges Wcihnachtsfest werden." Wenn der Verfasser dieser Darstellung die Albernheit von vorhin liest, mag er mit dem seligen Sttimm denken: Welch ein Esel hat das nur geschrieben! Moderne Litteratur in der Kaserne. Am gestrigen Freitag hatte sich der Infanterist Waldemar M o w a t i u s wegen Beleidigung eines Vorgesetzten und Gehorsamsverweigerung vor versammelter Mannschaft vor dem hiesigen Kriegsgericht zu verantworten. Der Angeklagte, der früher an einem katholischen Blatte Redakteur war, ist 1902 in die Armee eingetreten. Die Anklage beschuldigt ihn, er habe Sonntag, den 17. Januar, als er einige Minuten zu spät zum Dienst gekommen war, als Grund hierfür loahrheitswidrig an« gegeben, daß er beim Kohlenempfang zugegen gewesen sei. Ferner soll er seinem Vorgesetzten, dem Gefreiten Herrmann, als dieser ihm befahl, ein Klosett zu reinigen, geantwortet haben:Das t h u e ich nicht am Sonntag". Bei der Wiederholung des Befehls soll er gesagt haben, er werde erst den Lieutenant fragen, ob er verpflichtet sei. diese Arbeit am Sonntag zu verrichten. Die Verhandlung gestaltete sich sehr interessant, da der Angeklagte, Ivas vor Kriegsgerichten bei angeklagten Soldaten wohl äußerst selten vorkommt, sich in lebhafter Weise verteidigte. Auf Befragen des Verhandlungssührers erklärte er. daß ein Dienst für den erwähnten Sonntag nicht angesetzt war. Als der Angeklagte darauf hinwies, daß der Gefreite kein Recht hatte, ihm den Befehl zur Reinigung deö Abortes zu erteilen, ent- gegnete der Verhandlungsführer:Sie beanspruchen wohl für sich das Recht, über die Berechtigung eines Ihnen vom Vorgesetzten er- teilten Befehls Kritik zu üben? Das giebt es heutzutage nicht und wird es auch nie geben!" Der Feldwebel der Compagnie sagte zu Ungunsten des Angeklagten ails, daß dieser seinen Dienst wider- willig verrichte: auch habe er moderne Litteratur gelesen, die ihm wohl den Kopf verdreht habe.' In seinen Muße­stunden habe der Angeklagte geschriftstellert und sich dabei in gehässiger Weise über seine Vorgesetzten geäußert; da aber von diesen Arbeiten nichts veröffentlicht sei, habe man kein Gewicht darauf gelegt. Als der Feldwebel sich anschickte, über die schrift- siellerischen Arbeiten des Angeklagten im einzelnen sein Urteil ab- zugeben, wurde ihm vom Richterttsche aus bedeutet, dies zu lassen. Der Pertreter der Anklage betonte, daß der Angeklagte keine Milde verdiene und beanttagte, insgesamt aufzlvei Monate drei Wochen Gefängnis zu erkennen. DaS Urteil ging weit über diesen Antrag hinaus und lautete auf vier Monate drei Tage Gefängnis. Der Angeklagte wurde auf der Stelle in Haft genommen. Zum Kapitel Mädchenhandel. Vor einiger Zeit teilten wir mit. daß eine Agentin K. aus der Mariendorfersttaße minderjährige weibliche Personen als Sängerinnen engagierte unter Umständen, die der Polizei zum Einschreiten Veranlassung gaben. Frau K.. welche in Haft genommen worden war, mußte wieder auf freien Fuß gesetzt werden, weil die bestehenden Gesetze keine Handhabe zum Vorgeheit gegen die Agentin boten. Den UntersilchnngSaktcn