man Europa , das sich über den Habsburgischen Jammerstaat weid- lich lustig macht, mit einem gewaltigen Vorstoß des Militarismus imponieren wollte. Habsburg will zeigen, daß es noch immer Soldaten und Kanonen hat— es ist die reine Militärspielerei und die Forderungen wirklich frecher Uebermut. Interessant ist auch, wie man das Geld aufbringen will. Die Mittel sollen durch eine Anleihe beschafft werden(jeder Staat will sich seine Quote selber ausborgen), und die für die Verzinsung und Amortisierung nötigen Summen sollen alljährlich durch— es ist zum Lachen— durch Ersparunge» im Kriegsbudget auf- gebracht werden. Es soll folgender Modus eingehalten werden: Man bewilligt jetzt alles auf einmal, was die Heeres- und die Marineverwaltung in 25 Jahren brauchen werden. Trotzdem wird man aber jedes Jahr die nornrale Rate bewilligen, also dieselbe Sache zum zweitenmal. Aber diese bewilligte Summen wird die Heeres- Verwaltung nicht behalten, sondern sie den beiden Finanzministern zurückerstatten, welche mit ihr dann die Zinsen und die Amortisations- quote der Anleihe decken werden. Das Ganze ist ein kecker Schwindel? wenn wir ein, zwei Jahre„refundieren", und dann werden die be- willigten Mittel eben für andre Kriegsschiffe und irgend eine neue Morderfindung gebraucht werden. Aber davon abgesehen, stellt sich der Vorschlag geradezu als eine Verhöhnung des primitivsten Budgetrechtes dar, als eine Mogelei, wie sie nur verkrachte Staaten anfangen können. Aber wie die Delegationen schon geartet sind, werden sie alles bewilligen und allem zustimmen: der Kaiser wünscht es und den Besuchern der Hofdiners ist das das Gesetz ihres Handelns.— Dcutfcbcs Reich. Das russische Deutschland . Der Petersburger Korrespondent des Londoner „Daily Telegraph " hat seinem Blatte die folgende, dem Beobachter der europäischen Wandlungen mindestens sehr interessierende Mitteilung gemacht: Deutschland und Rußland seien zu einer Verständigung gelangt, wodurch die Hindernisse für einen deutsch -russischen Handelsvertrag beseitigt würden, da Rußland seine Ein- Wendungen gegen einen Vertrag auf der vom Grafen Bülow vor- geschlagenen Basis in Anerkenmuig der von Deutschland während der letzten sechs Monate Rußland geleisteten Dienste und der Ver- sprechung noch wichtigerer Beweise der Freundschaft für die nahe Zukunft aufgegeben habe. Es seien auch Verhandlungen wegen eines allgemeinen Abkommens über die politische» Interessen beider Staaten in der ganzen Welt im Gange, besonders bezüg- lich der russischen Stellung in Ostasien . Ob die englischen Auffassungen bereits fertige Thatsachen wiedergeben, mag zlvcifelhaft sein. Jedenfalls geben sie die russische Tendenz der deutschen Politik richtig wieder. Die weise Weltpolitik des Bülolv-Kurses hat dahin geführt, daß Deutsch - land nur noch einen Freund zu besitzen strebt,— das bankrotte und in seiner Großmachtstellung zusammenbrechende Reich des Zarismus.—_ Herr Dr. Mugdan antwortet bisher auf unfre präcis gestellten Fragen nicht. Statt dessen wiederholt die„Freie Deutsche Presse" — die natürlich unsre präcis gestellten Fragen unterschlägt— die gar nicht zur Sache gehörige, gänzlich gleichgültige Erzählung, daß der Oberarzt Dr. Baer, der früher wiederholt auf die Geistes- krankheit Grosses hingewiesen hat, sich neuerdings zu einer andren Ansicht bekehrt hat. Wenn mit diesem Ablenkungsversuch Herrn Dr. Mugdans Material gegen den„Vorwärts" erschöpft sein sollte, so müssen wir also unser gestern bedingt in Aussicht gestelltes Urteil nunmehr ab- geben, daß dieser freisinnige Arzt die Tribüne des Reichstages miß- braucht hat, um— ohne den Schatten eineSBeweises— „Ehrabschneidereien gemeinster Art" gegen den„Vorwärts" und die Socialdemokratie zu richten. Als öffentliche Persönlichkeit ist der Mann damit gerichtet. Beiläufig sei erwähnt, daß die„Freie deutsche Presse" natürlich die günstige Gelegenheit nicht vorübergehen läßt, um einen neuen Schwindel für den zukünftigen„Socialistcnspiegel" zu erfinden. Sie schreibt nämlich: „Schon im April 1903 ist im„Archiv für Kriminal- anthropologie" eine Studie über„jugendliche Mörder und Tot- schläger" erschienen, deren Verfasser der von den Socialdemo- kraten so schwer beschuldigte Oberarzt des Gefängnisses in Plötzensee Geheimrat Baer ist. In dieser Studie wird der Fall Grosse ausführlichst behandelt. Abg. Dr. Mugdan hat aus dieser Arbeit diejenigen Stellen verlesen, ans denen klipp und klar hervorgeht, daß Grosse nicht geisteskrank ist und daß er versucht hat, Geisteskrankheit zu simulieren, um eventuell aus dem Gefängnis herauszukommen. Diese Stelle der Mugdanschen Rede, welche das Kartenhaus des Gradnauerschen Materials sofort zu Falle brachte, wird natürlich im„Vorwärts" ver- schwiegen." Wir stellen einfach fest, daß unser Bericht diese erschütternde Entdeckung des Dr. Mugdan nicht verschwiegen, sondern mitgeteilt hat, einfach der Wahrheit gemäß, und nicht etwa deshalb, weil durch diese Enthüllung der offenbar nicht sehr helle Doktor Mugdan seinem Plötzenseer Kollegen, der von uns in keiner Weise. weder direkt noch indirekt, angegriffen war, den üblen Dienst erwiesen hat, daß er in der Oeffentlichkeit als ein Gelehrter erscheint, der in seinen Urteilen schwankt. Wir empfehlen der„Freien deutschen Presse", daß sie sich schleunigst bei ihrem Partei-Arzt in Behandlung oiebt, der ja dann wohl feststellen wird, ob Geistesschwäche oder Simulation diese hart- nackige Obstruktion gegen die Wahrheit verschuldet.— Normann-Schumann! Die neulich von uns gebrachte Mitteilung, daß das Anklageverfahren gegen den Polizei-Aaenten Normann- Schumann wegen Majestätsbeleidigung eingestellt sei, stellt sich als irrig heraus. Wenigstens erhielt diese Nachricht Genosse Bebel vor einigen Tagen von der Oberstaatsanwaltschast, als er diese auf Grund jener Notiz im„Vorwärts" ersuchte, ihm das seiner Zeit gelieferte Beweismaterial in dem Anklage- verfahren gegen Normann-Schumann wieder zuzustellen. Bebel hatte seiner Zeit das Beweismaterial für die von Normann-Schumann im „Memorial Diplomatique" begangenen Majestätsbeleidigungen der Staatsanwaltschaft überliefert. Welche Schritte aber thut die Staatsanwaltschaft, um dieses Rätselmannes, der ja für den General- feldmarschall Waldersee nach seiner Behauptung unschuldig leiden soll, habhast zu werden?— Die„Germania ", die noch immer nicht ihren Lesern reinen Wein über den Leo-Hospiz-Skandal eingeschenkt hat und die ftir die Schäden des Strasvollzngs nur sechs Lügen in drei Zeilen übrig hat, widmet den Urteilen unsrer Parteischiedsgerichte fast eine ganze Seite konfusen Gestammels, aus dem niemand klug werden kann. Zum Schluß spricht sie folgende Hoffnungen aus: „Als unparteiische Beobachter find wir jedoch, besonders nach dem Kompromisscln. das die socialdemokrattsche Parteileitung in der letzten Zeit wohl unter stillschweigender Verständigung über den Schiedsgerichtsspruch— betrieben hat, der Ansicht, daß die Revisionisten doch nicht so ganz„unten durch" sind, wie Bebel dies in Dresden in seiner„toleranten" und„vorurteilslosen" Weise sich gedacht haben mag. Andrerseits werden aber auch die„ziel- bewußten" Genossen und Partcihäuptlinge im Gefolge Bebels sich nicht„unterkriegen" lassen wollen. So kann denn der innere Parteikrieg im Lager der Socialdemokratie die un- unterbrochene Fortsetzung bis zum— nächsten Parteitage erfahren, so daß die Rubrik„Vom s o c i a l d e m o k r a t i s ch e n Kriegs- schauplatze" eigentlich gar nicht aus der Tagespresse verschwinden kann. Und diese Rubrik ist für die Aufklärung über die Socialdemokratie und damit zu deren Bekämpfung sehr viel wichttger und namentlich erfolgreicher als ge- wisse— Herrenhausreden. In dieser Beziehung ist doch Beweis genug, daß die Socialdemokratie diese Herrenhausreden als ein socialdemokratisches Agitationsmaterial benutzt. Die vorstehenden Ausführungen in der„Germania " wird der„Vorwärts" aber sicher nicht seinen Lesern voll- inhaltlich wiedergeben, sondern— wie andre unwiderlegte Thatsachen, z.B. bezüglich der Charlottenburger Socialdemokratie— totzuschweigen suchen. Wenn einst die Socialdemokraten die Wahrheit erfahren würden, die Wahrheit über die Principienlosigkeit und widerwärttge Heuchelei der Socialdemokratie, dann— brauchen im Herrenhmüe keine Reden gegen die Socialdemokratie, die im Erfolge Agitations- reden für dieselbe sind, mehr gehalten zu werden." Mau weiß nun wenigstens, warum die„Germania " ihren Ouark mit solcher Mühe breit tritt. Sie vermutet mit Recht, daß wir keinen Raum für so unersprießliches und leeres Gewäsch haben. Darum lädt sie gleich fuhrenweise den Blödsinn ab, um dann sagen zu können, daß wir furchtsam ihre erschrecklichen Angriffe tot- geschwiegen haben. Wenn die„Gerinania" ihre auseinanderfließenden Gedanken einmal sammeln sollte und uns klar mitteilt, was sie eigentlich will und welche Anklagen sie erhebt, dann können wir ihr auch anttvorten. Bis dahin mag sie den Vorteil davon haben, daß sich Gefasel nicht widerlegen läßt. Was sie vorbringt, hat in der That den Wert der —„Charlottenburger Korruption".— Berufs- und Gcwerbezählung. Amtlich wird mitgeteilt, daß die nächste Berufs- und Gewerbezählung nicht schon, wie beabsichtigt war, im nächsten Jahre, sondern erst 1907 stattfinden soll.— Bismarck und der Staatsstreich. Bei den jüngsten„Socialisten- Debatten" im Herrenhause hat Professor Gustav Schmoller sich ver- anlaßt gesehen, seinen Abgott Bismarck gegen den Verdacht zu ver- teidigen, als habe er nach dem 66er Kriege an einen gewaltsamen Umsturz der Verfassung gedacht. Voller Emphase erklärte der Manteuffel-begeisterte„Verteidiger der bürgerlichen Freiheit": „Auch Fürst Bismarck war Gegner des Staats- st r e i ch s. Niemand hätte in Preußen leichter einen Staatsstreich machen können als Bismarck im Jahre 1867. Viele Menschen haben das erwartet, aber er hat nicht nur den Staatsstreich nicht gemacht, sondern er hat auch Achtung vor der Verfassung bewiesen und Indemnität nachgesucht". Wir wollen den historischen Kenntnissen des Herrn Professors etwas zu Hilfe kommen, indem wir ihn auf eine Aeußerung Bis- marcks hinweisen, die recht deutlich erkennen läßt, was es in Wahrheit mit jener„Achtung vor der Verfassung" auf sich ge- habt hat. In seinen„Denkwürdigkeiten aus meinem Leben"(Nörd- lingen 1834) berichtet der bekannte Staatsrechtslehrer I. C. Bluntschli über ein Gespräch, das er Ende der 60er Jahre mit Bismarck ge- habt. Bei dieser Gelegenheit äußerte Bismarck wörtlich(Band III. Seite 203): „Als es sich nach dem Kriege um die Indemnität handelte, war auch die Frage nach Erneuerung des Absoluttsmus wieder hervor- getteten. Ich(Bismarck ) erklärte damals den Herren: „Man kann Preußen auch absolut regieren, und eS ist unter dem absoluten Regiment groß geworden. Aber eS geht nicht, daß man bald so, bald so regiere... Habt Ihr die Einwilligung des Kronprinzen zur Wiedereinführung des absoluten Regiments? Wenn nicht, so dürfen wir die Wege der Verfassung nicht ver- lassen und nicht zum Absolutismus zurückkehren: denn dieser würde doch nicht länger halten, als bis zur Thronbesteigung des Kronprinzen." Diese Erwägung hat durchgeschlagen, da man wußte, daß der Kronprinz nicht zustimmen würde." Ob nunmehr Herr Schmoller noch weiterhin Bismarck als Hort der konstitutionellen Freiheit preisen wird?— Der Tadel gegen den Magisttat. Ans Halle wird uns be- richtet: Dem Magistrat ist Ende März von den Stadtverordneten wegen Nichtachtung eines Gemeindebeschlusses ein T a d e l s v o t u m ausgesprochen worden. Der jetzige Geheimrat Pütter, Leiter einer Krankenanstalt in Berlin , hatte hier als früheres Stadtratsmitglied eigenniächtig gehandelt. Die juristischen Mitglieder des Sladt- Verordneten-Kollegiums waren mit der Prüfung der Frage bcauf- tragt: Sind Stadtverordnete berechtigt, den Magistrat zu tadeln? Die Herren, die in der heuttgen Stadtverordneten-Sitzung Bericht erstatteten, sagten: Es ist richttg, daß nur der Regierung das Aufsichtsrecht über den Magistrat zusteht. Stadt- verordnete und Magisttatsmitglieder sind gleiche Faktoren und die Stadtverordneten können allerdings nicht schlechthin dem Magistrat, wie ein Lehrer einem Schulknaben, eine Censur erteilen. Den Stadtverordneten stehe aber doch das Kontrollrecht und das Rügenrecht zu? die Stadtverordneten müssen doch wenigstens sagen können, wir sind mit dieser oder jener Maßnahme des Magisttats nicht einverstanden, also steht ihnen auch das Recht zu, einzelne Hand- lungen des Magistrats zu tadeln. Uebrigens wurde dem Magistrat heute ausnahmsweise einmal von den bürgerlichen Mitgliedern des Kollegiums wegen feines Vorgehens gegen den Genossen Stadtv. Thiele recht derb der Text gelesen. Der Magistrat ist nämlich. um, wie sich heute Bürgermeister v. Holly ausdrückte,„seine Würde" zu wahren, wegen einer in der vorliegenden Sache gcthanen Rede- Wendung des Genossen Thiele zum Kadi gelaufen und klagt. Der Stadtverordnete Rechtsanwalt Herzfeld erklärte, er mißbillige das Vorgehen des Magistrats gegen den Kollegen Thiele, und die Stadt- verordneten Baumeister Giese, Maurermeister Grote, sowie Landtags- tagsabgeordneter Schmidt erklärten, der Magisttat dürfe nicht etwa glauben, daß er durch Beschreitung des Klagewegs die Stadt- verordneten einschüchtern könne. Nach dem Vorgehen des Magistrats möchte man schönstens danken, Stadtverordneter zu sein. Die ganz trefflich heimgelenchteten Magistratsmitglieder erklärten sehr geknickt, daß sie von der Stellungnahme der juristischen Mitglieder der Ver- chmnrlung„nicht befriedigt" wären.— Sieben Jahre Zuchthaus wegen MajestätSbeleidignng, diese un- mögliche Strafe soll nach der„Freis. Ztg." ein Soldat des Infanterie- Regiments 112 erhalten haben. Nach der„N. Mülhauser Ztg." ist diese Nachricht falsch. Der angeschuldigte Soldat ist noch gar nicht abgeurteilt.— 500 S-ldatcnmißhaudlnngc». In T r i e r wurde wegen Soldaten- chinderei in fünfhundert Fällen der Unteroffizier Eckert vom 29. Jnfanterie-Regimeut zu l3/4 Jahren Gefängnis und Degradatton verurteilt. Ein schlimmer Fall von Soldatenmißhandlung wurde auch vor dem Kriegsgericht der 17. Division in Altona verhandelt. Dem auf der Unteroffizierschule ausgebildeten, kaum 20jährigen Unteroffizier Ruß vom 76. Infanterieregiments in Hamburg wurden 23 Fälle von Mißhandlung, 11 Fälle von vorschriftswidriger Behandlung und 4 Fälle von Beleidigung zur Last gelegt. Der Unteroffizier hatte ein sehr loses Handgelenk und war zu Ohrfeigen schnell bereit. Außerdem leistete er sich noch andre sogenannte„Scherze." Bei der Ausgabe deS Brotes jonglierte er mit den Broten und warf sie denLeuten durch die Luft zu, wobei ein Brot einmal in den Spucknapf, ein andres Mal in einen Eimer mit Seifenwasser fiel. Die Musketiere erhielten diese Brote ttotzdem zum Essen. Dem Musketier S., dessen Schnurrbart ihm nicht gefiel, bepinselte er den Bart mit Gummiarabikum, später bearbeitete er den Schnurrbart mit Gewehröl, während der Musketier stramm stehen mußte. Andren Musketieren versetzte er Tritte ins Gesäß und Schläge ins Genick. Wörtliche Beleidigungen der gemeinsten Art. die nicht wiederzugeben sind, gebrauchte er häufig und zwang seine Untergebenen, diese Schimpfworte mit Bezug auf ihre eigne Person zu wiederholen. Einen Musketier ließ er zur Strafe zwanzigmal die ganze Treppe der Kaserne hinauf- und hinablaufen, und ähnliche „Scherze", wie er dies bezeichnete, mehr. Der Unteroffizier wurde zu vier Monate« Gefängnis und Degradation verurteilt.— Staatsgefährliche Straßennamen. Die Volksbank in Kattowitz mit dem polnischen Namen Banle ludowy hat ihre Geschäftsräume in einem Eckhause. Der Eingang ist Andreasstt. 2. An der Seite, die nach der Beatenstraße liegt, befindet sich am Hause ein Ge- schäftsschild mit der Aufschrift„Bank" und darunter in etwas kleinerer Schrift:„ulica Anderceja Nummer 2", zu deutsch : Andreasstraße Nr. 2. Der Polizei behagte nicht die polnische Schreibart. Sie fuhr das Geschütz des Z 10 II 17 des Allgemeinen Landrechts auf und bedachte die Bank, eine Gesellschaft mit unbeschränkter Haftung, mit einer Verfügung, jene polnische Aufschrist zu beseitigen oder durch das deutsche Wort Andreasstraße zu ersetzen. Die polnische Schreib- weise gefährde die öffentliche Ordnung. Die Bank klagte im Lerwaltungsstreitverfahren auf Aufhebung der Verfügung. Der Bezirksausschuß wies indessen die Klage ab. Ohne einen Nachweis zu führen, erklärte der Bezirksausschuß die polnische Volksbank für ein Institut, das sich angelegen sein lasse, die großpolnischen Ideen in Oberschlesien zu fördern. Durch die großpolnischc Bewegung werde auch in Oberschlesien versucht, die polnisch sprechenden Preußen dem Vaterlande abtrünnig zu machen. Man brauche nur auf die Krawallprozesse in Laurahütte und Zabrze hinzuweisen. Die Bank habe dann mit der polnischen Schreibweise der„Andreasstraße" nur im großpolnischen Sinne demonstrieren wollen, denn selbst ihre polnisch sprechenden Kunden verständen beim Stande der heutigen Schulbildung die deutsche Schreibweise dieses Straßennamens. Die Bezeichnung„ulica Anderceja" sei geeignet, den Klassenhaß zu fördern, wodurch die öffentliche Sicherheit gefährdet werde. Sache der Polizei sei es, dem entgegen zu wirken. Die Verfügung sei gerechtfertigt. Die Bank legte Berufung ein und ihr Vertreter betonte mit Energie, daß sich die Bank wohl hüte, ins politische Leben ein- zugreifen. Sie kenne sehr tvohl die Bestimmungen des Genossen- schaftsgesetzes. Das fragliche Schild sei lediglich ein Wegweiser für diejenigen Kunden, die des Deutschen nicht gut mächtig seien. Das Ober-VerwaltungSgericht verivarf jedoch am 13. Mai die Berufung und billigte ebenfalls die polizeiliche Verfügung. Be- gründend wurde ausgeführt: Die Bezeichnung der Straße eines Ortes und die Bezeichnung eines Wohngebäudes mit einer Nummer erfolge im öffentlichen Interesse durch die örttiche Polizei und bilde einen Teil der von der Polizei aufrecht zu erhaltenden öffentlichen Ordnnng. Der öffentlichen Ordnung w i d e r st r e i t e es, wenn eine andre Bezeichnung einer Straße an einem Hanse angebracht werde, als wie ibr von zuständiger Stelle beigelegt sei. Deshalb sei hier die Polizei in ihrem Recht. Entscheidend sei nicht die Sprachenftage, sondern daß der Name ulica Anderceja ein andrer sei, als ihn die Straße führe. Der„Ordnung" würde es entsprechen, in polnisch sprechenden LandeSteilcn neben den deutschen auch die polnischen Bezeichnungen zuzulassen. Welchen Spektakel pflegen unsre Nationalen darüber zu erbeben, daß in Prag nur c z e ch i s ch e Straßennamen au« geschlagen sind. Bei uns aber?— Auch Württemberg will in der socialpolitischen Rück- st ä n d i g k e i t hervorragen. Die zuständige Kommission der dortigen Abgeordncten-Kammer hat am Mittwoch den Antrag ans Ein- fnhrnng des neunstündigen Arbeitstages in den Staatswerkstättc» mit allen Stimmen gegen die der Socialdcmokratc» ab- gelehnt.— HueUiid. Das internationale Wettrüsten. Am Dienstag hat im englischen Unterhause die Opposition unter Führung von Sir William Harcourt einen lebhaften Angriff gegen die imperialistische Politik der Regierung ge- richtet. Es war die letzte Rede, die der greise Harcourt hielt, und er wendet sich eindringlich gegen die Aufwendung iinmer ge- waltigerer Geldmittel für Heer und Flotte. Wir brachten diese Rede schon kurz iin gestrigen Depeschenteil. Die Regierungsverttcter ver- suchten ivre Politik zu rechtfertigen, es geschah mit den- selben Schcin-Gründen, die in allen kapitalistischen Staaten heut üblich sind. Premierminister B a l f o n r sagte u. a.: Was die im Vergleich zu ausländischen Flotten verbältnismäßig größeren Kosten für die englische Flotte angehe, so befinde sich die englische Flotte in einer andren Lage als die Flotten andrer Mächte. Deutschland z. B. halte seine Flotte in zwei Häfen: seine Schiffe seien für Kämpfe in der Nähe der heimatlichen Geloäss'er ge- baut, und es habe keinerlei Verantwortlichkeiten zur See von irgend größerer oder wichtigerer Art im Auge. Der Finanz- minister Austen Chamberlain verteidigt die Finanz» Politik der Regierung und stellt die Frage, ob' die Führer der Oppositton erklären wollen, daß der Gang der Ereignisse keinen Anlaß für eine Aenderung der Grundlagen der Militärpolitik gegeben habe und daß die Bedürfnisse der militärischen Verteidigung Indiens nicht verändert seien. Bezüglich der Ausgaben für die Marine fragt der Minister, ob das Hans wünsche, von der Norm der zwei Mächte abzuweichen, und fährt fort: Ich bin sicher, daß die große Mehrheit des Hauses entschlossen ist, diese Norm aufrecht zu erhalten. Wir haben die Norm nicht über- schritten: England hat 63 Panzerschiffe, Frankreich 35, Rußland . ebenso Deutschland je 28. Wenn der gegenwärtige Krieg beendet ist, muß England natürlich die neue Sachlage in Bettacht ziehen. Die Regierung schlägt vor, in diesem Jahre den Bau von zwei neuen Panzerschiffen zu beginnen, so daß wir einen Ucberschuß von zwei Panzerschiffen über die Flotten von zwei andren Mächten haben werden. Die Regierung ist völlig von dem Wunsche durchdrungen. Ersparnisse zu machen, sie darf aber nicht eine augenblickliche Popularität durch Vernachlässigung der Landes- Verteidigung erkaufen. Mehrere Mitglieder haben im Laufe der Debatte die Ansicht ausgesprochen, als ob eine der großen Flotten vernichtet sei. Da? ist nicht richtig. Mit Ausnahme der Petropaw- lowsk ist kein Panzerschiff der russischen Flotte so beschädigt, daß es nicht mit gehörigen Dockvorbereitungen repariert werden konnte. Das Amendement Campbell Bannennan, daß die Vermehrung der Staatsausgaben tadelt, wurde darauf mit 297 gegen 213 Stimmen abgelehnt.— Frankreich . Ende des nnternehmcrlichcn Streiks. — Oberst MarchandS Demission. PariS , 16. Mai. (Eig. Ber.) Der Stteik der Schiffskapitäne von Marseille hat mit einem Ausgleich geendet, der in der Sache den Werkzeugen der Schiffsreeder, in der Form der Matrosen-Ge- werkschaft Genugthuuna verschafft. Die drei Offiziere, die auf Ver- langen der Gewerkschaft entlassen worden waren, werden wieder angestellt. Aber in dem amtlich aufgenommenen Protokoll haben sie erklärt, die ihnen vorgeworfenen groben Aeutzerungen nicht gethan zu haben. Damit endet auch der Streik der Schiffskapitäne von Bordeaux . Havre und Dünkirchen , die sich mit den Marseiller Kollegen solidarisch erklärt haben. Man erfährt jetzt bestimmt, daß die„Streikenden " von den Schiffsreedern während der Dauer des Streiks nach wie vor bezahlt wurden! Das haben die Schiffsmechaniker von Dünkirchen bekannt gemacht, die sich aus diescm Grunde geweigert haben, den„Solidaritäts"-Streir der Schiffsleitung mitzumachen. Sonst klappte die arbeiterfeindliche Solidarität der Herren ganz vorzüglich. Unter den Nichtorganisierten Matrosen ist dagegen zuletzt die„Gelbsucht " aufgetreten, wie das Stteikbrechertum von den französischen Gewerkschaften genannt wird: eine angebliche Organisatton der„Gelben" protestierte gegen die Gewerkschaft und ihre Forderungen. Die organisierten Mattofeu kehren zur Arbeit zurück in ge- hobener Stimmung. In ihrer Generalversammlung, die von 4000 Mann besucht war, votierten sie einstimmig eine Resolutton, die von Kraftbewußtsein und Kampfbereitschaft beseelt ist. Es heißt darin
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