Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Nr. 156.

Erscheint täglich außer Montags. Preis pränumerando: Biertel­jährlich 3,30 Mart, monatlich

1,10 mt, wöchentlich 28 Pfg. frei in's Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- Nummer mit illuftr. Sonntags- Beilage Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 3,30 Mt.pro Quartal. Unter Kreuz band: Deutschland u. Desterreich­Ungarn 2 Mt., für das übrige Ausland 3 Mt.pr.Monat. Gingetr. In der Post- Zeitungs- Preisliste für 1892 unter Nr. 6652.

Vorwärts

9. Jahrg.

Infertions- Gebühr beträgt für die fünfgespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pfg., für Vereins- und Versammlungs- Anzeigen 20 Pfg Inserate für die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen­tagen bis 7 Uhr Abends, an Sonn­und Festtagen bis 9 Uhr Vor­mittags geöffnet.

tern sprech- Anschluß: Amt 1, Nr. 4186.

Berliner Bolksblatt.

Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2.

Kapitalistische Soldschreiberei. Gine Spezialität der rheinisch- westfälischen Gruben- und Gisenbarone scheint das Studium" der englischen Arbeiter verhältnisse werden zu sollen. Erst war die bekannte In­dustriellenkommission drüben, die mit ihren Berichten ſo furchtbar hereingefallen ist. Neuerdings aber hat sich, wie schon mehrfach in unserem Blatte erwähnt, der Sekretär des bergbaulichen Vereins für Dortmund nach Durham zum Studium" des Streits begeben gehabt. Der noch sehr junge Herr reiste am 10. Mai ab und war am 18. Juni schon wieder in einer Generalversammlung seines Vereins anwesend. Rechnet man die Reise und den Zeitverlust bei Aufsuchung seiner Beobachtungsstationen" ein, so dürfte der Mann höchstens einen Monat studirt" haben. Das hinderte ihn freilich nicht, seine neu gewonnene Weis­heit sofort in jener Generalversammlung mündlich, und nunmehr auch gleich in einem Buche kundzugeben, das von der Kölnischen Zeitung " bereits mit langen Auszügen und großem Wortschwall angekündigt wird. Vermuthlich ist der Buchschreiber Dr. Reismann sogar der Verfasser seiner eigenen Reklame in der Kölnischen Zeitung ". Die Reklame mußte nämlich so schnell gemacht werden, daß an manchen Stellen die Rede in der ersten Person stehen blieb und Herr Dr. Reismann über sein überaus Lesenswerthes Buch" selbst schreibt:: soviel ich beobachten konnte" u. f. w. Das über­ans lefenswerthe Buch" muß mit affenartiger Geschwindig­feit fabrizirt und gedruckt worden sein; es soll schon demnächst" bei Kohlenbädeker in Essen erscheinen.*) Das ift auch die richtige Stelle. Außerdem hat nun noch der Generalsekretär des Zentralverbandes deutscher Industrieller, Bued in Berlin , bei Bagel in Düsseldorf schnell vor seinem

Donnerstag, den 7. Juli 1892.

"

Expedition: SW. 19, Benth- Straße 3.

"

weisen, daß die Organisation der Arbeiter den sozialen Frieden Kongreß in London und über die oben erwähnte Bued sche Schrift unter dem Titel: Der soziale Friede im Lichte bedeutete." des Verhaltens englischer" Arbeiterorganisationen." Der Das nennt sich doch Konsequenz! Heute sind die Artikel über den internationalen Bergarbeiter- Kongreß schloß englischen Arbeiter gemäßigt", verfassungsmäßig" und mit wörtlich wie folgt( Nummer vom 28. Juni): einem start ausgeprägten gefeßlichen Sinn" begabt und Die englischen Arbeitervertreter haben es unter werden von einem kapitalistischen Soldschreiber gegen die lassen, sich in wilden, revolutionären Redensarten zu er internationale Vereinigung mit den festländischen ,, Maul­gehen; sie überließen es den deutschen und französischen, fich helden" ausgespielt. Morgen sind dieselben englischen Arbeiter vollfaftiger Kraftworte zu bedienen, die selbstverständlich auf früher wohl vernünftige Leute gewesen, jetzt aber, bornirt", voll den ernsten Menschen, der da weiß, daß die Worte eben Worte bösen Willens"," gewaltthätig" und aufrührerisch" und sind, nur den Eindruck des Lächerlichen machen können. Es werden von einem anderen kapitalistischen Soldschreiber gegen ist auch dem englischen Einflusse zuzuschreiben, daß die Ber - die Strömung in Deutschland ausgespielt, welche den Ar­handlungen des Kongresses im ganzen einen gemäßigten Charakter hatten und man den Beschluß faßte, den Erlaß beitern wenigstens eine nationale Organisation gönnen gefeßlicher Bestimmungen für die Bergarbeiter in den ver- möchte. Daß Beides in demselben Blatte geschieht, erhöht schiedenen Ländern nur mit verfassungsmäßigen natürlich den Humor der Sache sehr wesentlich. Mitteln herbeizuführen. Den radikalen Maulhelden Und solche kapitalistische Soldschreiber bilden sich ein, des Festlandes war natürlich die Beschränkung auf die ver- mit ihrem mündlichen und schriftlichen Gefasel den Gang fassungsmäßigen Mittel nicht nach Wunsch; der gesunde der Arbeiterbewegung in Deutschland aufhalten zu können. und durchaus gesegliche Sinn der Engländer Eitle Narren! Betrüger und Betrogene, Kapitalisten und erwies sich jedoch start genug, um die Anwendung solcher Generalsekretäre, alle werden sie vergessen sein, wenn die Mittel auszuschließen, die auf die Bezeichnung verfassungs Arbeiterbewegung ihre letten Triumphe feiert! mäßig" feinen Anspruch erheben können. Wir gehören nicht

zu Denen, die an der bekannten Krankheit der Anglomanie leiden und in der Nachahmung englischer Einrichtungen das untrügliche Mittel für die Heilung sozialer Schäden sehen, aber das müssen wir allerdings anerkennen, daß die utopischen Ge­danken des Sozialismus den englischen Arbeitern doch weit weniger gefährlich sind, als den festländischen und daß der start ausgeprägte Sinn für Geseglichkeit und die genaue Beobachtung des durch Ver fassung und Gefeß vorgeschriebenen Weges den englischen Arbeiter vor manchen Verirrungen be­wahren, denen der festländische Arbeiter leicht anheimfällt." So hieß es am 28. Juni, und wir sehen nun neben

identifizirt:

Politische Leberlicht.

Berlin , den 6. Juli.

Weltausstellung in Berlin . Die gemischte Deput tation, welche von dem Magistrat und der Stadtverordneten­Versammlung zur Förderung des Projekts der Welt­ausstellung in Berlin eingesetzt ist, hat am 6. Juli im Rath­

Paris eine Weltausstellung stattfinden zu lassen.

diese Säge, deren hohle Phrasenhaftigkeit wir hier nicht haus eine zahlreich besuchte Sizung abgehalten. in England war. Man sieht, daß die Herren auf der ganzen Blattes vom 29. Juni, also von einem Tage später, einen energischer Weise die Meinung, daß kein Grund vorliegt, Linie in. Arbeit sind, und zwar nach einer bestimmten Erguß, in welchem sich das rheinische Goffenblatt vollständig um deswegen den Plan einer Weltausstellung in Berlin Barole. Daß sie nicht für Arbeiterinteressen oder für den mit dem Generalsekretär des deutschen Industriellenverbandes aufzugeben, weil Frankreich beabsichtigt, im Jahre 1900 in sozialen Frieden thätig sind, versteht sich von selbst. Viel leicht werden Fäden zwischen dem englischen und dem deutschen Unternehmerthum gesponnen. Jedenfalls will der Geldsack, der die Leute nach England schickt, seinen Profit davon haben und wird ihn wahrscheinlich u. A. im Ab Igucken der Unternehmerschliche finden, die gegen die Arbeiter in England auch schon etwas weiter ausgebildet

find.

"

Juzwischen ist nun der rheinisch- westfälischen Unternehmer­presse das neue Studium" noch zu neu", und ihr vor­nehmstes" Organ, die Köln . 3tg.", hat deshalb dieser Tage ein paar töstliche Purzelbäume über die euglische und die deutsche Arbeiterfrage geschlagen. Fast in demselben Athem brachte dieses Blatt für alle Ergüsse der kapitalistischen Gosse je

Schriftchen noch zurück. Es ist uns heute zugegangen. Wir kommen auf das

Feuilleton.

Madbrud verboten.)

Das schlagende Wetter.

Roman von Maurice Talmeyer. Uebersetzt von B. und A. G.

[ C

Aber was thun Sie denn?[ fragte Mr. Petit- Waudru. Entschuldigen Sie, ich trinke niemals Wein. Aber nicht doch! Das heißt ja nicht trinken, sondern nur einmal anstoßen. Meinen besten Dank! Sie danken, aber Sie nehmen einen Schluck, nicht

wahr?

Nicht einen Tropfen.

Sie sprechen nicht im Ernst!

Im vollsten Ernst!

"

Von der Bornirtheit und dem bösen Willen So wenig man Frankreich verhindern könne, etwa dies­der( englischen) Gewertvereinler legt dieser Borgang bezügliche Pläne auszuführen, ebenso wenig brauche die aber wohl das schlagendste Zeugniß ab, denn die Arbeiter deutsche Industrie und Berlin darauf zu verzichten, die müssen es doch besser als irgend ein Anderer wissen, daß, Völker der Erde zu dem Friedenswerk einer Ausstellung wenn sie geflisfentlich auf den theilweisen oder gänzlichen zu sich zu Gaste zu laden. Die Erörterung, welche Verfall der Gruben hinarbeiten, fie, auch nach beendetem sich über alle einschlägigen Punkte erstreckte, und in Streif, erst nach oder verhältnißmäßig längerer Zeit der ist welcher allseitig neben wärmsten Sympathie gar nicht wieder Arbeit finden dürften. Ferner das die Ausstellungswerk auch zuversichtliche bemerkenswerth, daß die Arbeiter bald nach dem für Ausbruch des Streiks( von Durham ) zu Gewalt Hoffnung auf ein Gelingen desselben zum Ausdruck kam, thätigkeiten und. aufrührerischen Handführte zu dem einstimmigen Beschluß, den Kommunal Iungen schritten, was Bueck an einer großen Reihe von behörden zu empfehlen, den Betrag von 10 Millionen Thatsachen nachweist, um dann den Durhamer Arbeiterausstand Mark für den Garantiefonds der Ausstellung zu be in knapper und durchaus zutreffender Weise zu willigen. fennzeichnen. Mit Recht meint Bueck, der ganze Verlauf der

es

Mit sehr großer Mehrheit wurde ferner beschlossen, letzten englischen Arbeiterausstände habe ein Verständniß dafür das Jahr 1898 für die Ausstellung in Aussicht zu nehmen

vermittelt, weshalb die große Mehrheit der Unternehmer und Arbeitgeber in Deutschland , besonders diejenigen, welche es und von den gefaßten Beschlüssen dem Reichskanzler, dem mit großen Arbeitermassen zu thun haben, die Lehre zurück- deutschen Handelstag und den Aeltesten der Kaufmannschaft

schwankende Licht des Herdes warf drei riesige Schatten auf die Wände und der des Lehrers reichte bis zur Mitte der Decke.

Draußen hatte sich der Nordwind wieder erhoben. Auf der Straße klapperte ein offener Fensterladen hin und her und man hörte nichts in der Stube, als das leise Prasseln der brennenden Kohlen.

Der Lehrer erhob sich, zündete ein Licht an, das in einem Kupfernen Leuchter steckte, führte Jaquemin in ein benach bartes Zimmer und zeigte ihm dort ein weiß überzogenes Fremdenbett.

Ihre Tochter kann hier schlafen, sagte er, aber ich habe nur dieses eine Bett. Wo werden Sie schlafen?

In der großen Stube, entgegnete der Fremde, auf dem Seffel. Der Schulmeister erwiderte auf dieje Worte nichts, schürte das Feuer noch einmal auf, wünschte seinen Gästen Gute Nacht und ging durch die Thüre im Hintergrunde Dann schüttelte der Reisende seine eingeschlafene Tochter leise und rief: Babette!

hinaus.

Das junge Mädchen öffnete, ganz roth vom Schlafe, die

Des Lehrers Gesicht röthete sich; er machte eine leichte Bewegung mit dem Kopf, füllte das Glas, daß er vor das Augen.

junge Mädchen gesezt hatte und stellte die Flasche auf das

Ach, sagte sie, der Herr ist nicht mehr da.

Buffet. Im Grunde hatte ihn dieser Widerstand verletzt. Dann richtete sie sich auf, ohne den Kopf zu erheben und

waren fest geschlossen, der Kopf hoch aufgerichtet. Im freien zu können und sagte:

Bimmer war es ganz still.

Das Abendessen war beendigt und der Mann versant

Es ist mir falt.

Sie setzte sich einen Augenblick in der großen Strohsessel

wieder in sein Grübeln. Das junge Mädchen, das ein paar und wärmte ihre Glieder. Darauf ging fie an den Schreibtisch|

schlafen zu legen, war bereits ihr Vater neben dem Feuer eingeschlummert.

III.

Er schlief schon seit mehreren Stunden einen unruhigen tiefen Schlaf, voller schreckhafter Träume, als er plöglich erwachte.

Das Feuer verbreitete ein ungewisses Licht im Zimmer, das ganz in röthliches Dämmerlicht getaucht war. Dieses geheimnißvolle Zwielicht würde abergläubische Gemüther geängstigt haben, umsomehr als der Fensterladen unauf­hörlich klapperte, weil der Wintersturm an ihm rüttelte, während die große Holzuhr keinen Laut mehr von sich gab, da sie Herr Petit Waudru aufzuziehen vergessen hatte, als er hinausging, und die nun stehen geblieben war, gleich als ob sie den Schlaf des Fremden nicht stören wollte.

Es war dem Reisenden im Schlafe so vorgekommen, als ob er Lärm gehört hätte. Nun hallten von der Straße her Schritte au sein Ohr, ein Durcheinanderschreien von Stimmen, von denen eine die andere übertönte. Diese schrie:

Das schlagende Wetter!

Der Schrei hallte im ganzen Hause wider. Den Reisenden erschütterten diese Worte furchtbar. Er richtete sich wie im Fieber empor.

Auf's Höchste bestürzt und zitternd trat er ans Fenster, preßte die Hand angstvoll an die Stirn, horchte hinaus und

murmelte:

Ich träume nicht, beim Himmel! Er horchte weiter und sagte:

Nein, das sind Berglente, die von der Arbeit zurück­

Mal vom Weine genippt hatte, schlummerte allgemach ein und betrachtete sich noch einmal neugierig das Bild, das fehren. Es ist 4 Uhr.

die Lampe die drei Leute, die sich nicht rührten. Das später, als sie im Nebenzimmer verschwunden war, um sich als er über seinem Kopf Schritte vernahm. Es war wahr