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Königsberg ähnliche Gedanken vor. Aber abgesehen davon, dasj Köhncke schlicht und ohne agitatorisches Pathos sprach, als ob er fühlte, daß er einer verlornen Sache das Wort redete, vermochten sich auch augenscheilich die Lehrer auf die Höhe principieller und demo- kratischer Schulpolitik, Ivie sie Köhncke vertrat, nicht aufzuschwingen. Sie beruhigten sich bei einem lauen Kompromiß, ohne daran zu denken, daß sie gerade dadurch ihrer Forderung der Universitätsbildung für alle Volksschullehrer den Weg verrammelten. So lange ein Unterschied zwischen Elementarschulen für die Kinder der armen und höheren Schulen für die Kinder der Reichen besteht, so lange wird es auch zweierlei Lehrerbildung geben. Erst bei einheitlicher Schul- organisation ist auch eine einheitliche Lehrerbildung möglich. Halbheit und Rechnungsträgerei drückten auch der Verhandlung über die Schulaufsichts-Frage den Stempel auf. Der Referent führte aus, die Gegner der fachmännischen Schulaufsicht erklärten, dem Volke müsse die Religion erhalten bleiben, diese Notwendigkeit würde aber gefährdet durch Beseitigung der geistlichen Schulinspektion. Nichts sei falscher als das. Der bei weitem größte Teil der Lehrer wolle den Religionsunterricht in der Volksschule nicht missen. Bei diesen Worten wurde dem Redner lebhafter Beifall zu Teil. Dabei handelte es sich hierbei gerade um den wundesten Punkt. So lange die Lehrer nicht eine selbständige Stellung gegenüber der Religion erringen und den Mut zu der Forderung haben, daß die Religion sich selbst und ihren berufenen Hütern zu überlassen sei, so lange fehlt ihrer Forderung auf Beseitigung der geistlichen Schul- Aufsicht das wichtigste, die Zielklarheit, die prinzipielle Schärfe. Der Umstand, daß die diesjährige Lehrerversammlung in Königs- berg stattfand, veranlatzte mehrere Redner, in mehr oder weniger deutlichen Worten auf den gefährdeten Posten derOstmark" Deutschlands hinzuweisen. Die Schule habe mitzuarbeiten an der Abwehr der slavischen Feinde unsres Volkes. Diese hakatistische Erregung scheint uns sehr belanglos gegenüber einer andren. Wir meinen, die Reise zahlreicher Lehrer Deutschlands durch die Gefilde Ostelbieus, an den Feldern. Wäldern undgeflickten Strohdächern" unsrer Junker vorbei nach einer Stadt inmitten der ostelbischen Schulschande hätte eher Anlaß zu einer recht deutlichen Abrechnung mit den schlimmsten Feinden der preußischen Volksschule, mit dem preußischen Junkertum, geben können. Gegen diese Feinde ist auf der deutschen Lehrerversammlung ebensowenig ein Wort gefallen wie gegen die hinterlistigen Schul- gesetzpläne der vereinigten Konservativen. Centrumsmänner und Nationalliberalen. Freilich ist es schwer, gegen konservative Junker und nationalliberale Bürgermeister zu donnern, wenn derartige Herren direkt oder indirekt, mit und ohne Amtsketten, die Versamm- lung begrüßten. Die deutschen Volksschullehrer sollten lieber auf das viele dekorative Beiwerk der heutigen Lehrerversammlungen verzichten und dafür eine deutlichere und derbere Fraktur reden. politiscke Gcbcrficbt. Berlin , den 28. Mai. Das heilige Eigentum. Zu den Grunddogmen der kapitalistischen Ordnung gehört die Heiligkeit des Eigentums. Da nun diese selbe Ordnung die große Mehrzahl derfMenschen besitzlos macht, enteignet, so bedeutet dieser heilige Grundsatz natürlich nicht die Anerkennung eines allgemeinen Rechts auf Eigentuni, sondern vielmehr das Prineip der Enteignung der Schwachen durch die Starken. Nur das Eigentum der Be- sitzenden soll heilig sein, dagegen hat die Masse des Volkes keinerlei Anspruch auf Eigentum, sondern nur das Recht, für die Minderheit der herrschenden Klasse heiliges Eigentum zu erarbeiten. Mit der Heiligkeit des Eigentums steht es umgekehrt, wie mit der Heiligkeit der Religion. Die Religion soll lediglich dem Volke, das Eigen- tum aber ansschließlich den Herrschenden erhalten werden. In der neuen polnischen Ansiedelungsnovelle hat der Staat selbst, um eines nationalen Konkurrenzkampfes Witten , den Grundsatz des unverletzlichen Eigentums zu Ungunsten der Polen ausgeschaltet. Im privatrechtlichen Leben geschieht es alle Tage, daß das kleine Eigentum der Schwachen durch die Macht der Großen vernichtet, aufgesogen wird. Unser Breslauer Parteiblatt illustriert soeben an einem äußerst charakteristischen Beispiel die Art, wie die Großen des Eigentums die Heiligkeit des Eigentums der Kleinen respektieren. Die oberschlesischen Kohlenbarone wollen nämlich bei der preußischen Regierung und dem Landtag um eine Abänderung des Berggesetzes von 186S petitionieren. Danach soll ein Paragraph stSLa) eingefügt werden, der be- stimmt, daß die Bergwerksbesttzer berechtigt sein sollen, mit Grund- besitzern dahin übereinzukominen, eine Entschädigung für Berg- schäden entweder überhaupt nicht oder nur einmal zu leisten und solche Abmachungen grundbuchlich eintragen zu lassen. Man will durch diese Gesetzesänderung einen Zustand wieder herstellen, der zur Freude der Bergwerksbesitzer früher schon bestand, durch das neue bürgerliche Gesetzbuch aber beseitigt worden ist. Nach dem jetzigen Zustande, der durch ein Urteil des Kammergerichts feste rechtliche Grundlage gewonnen hat, können solche Abmachungen zwischen Bergwerks- und Grund- besitzern nicht in das Grundbuch eingetragen werden, also auch keine dauernden rechtlichen Wirkungen erlangen. Man hat damit die wirtschaftlich schwachen kleinen Grundbesitzer vor dem über- mächtigen Einfluß der Werksbesitzer etwas besser wie früher ge- schützt, ebenso auch vor Uebervorteilungen, die dem Grundbesitzer dadurch entstehen, daß im Laufe der Zeit die Schäden an seinem Besitz durch den Abbau tiefer gelegener, wertvoller Kohlenflötze erheblich größer werden, wie sie sich zur Zeit der Abmachungen mit dem Grubenbesitzer darstellten. Das Bekanntwerden des Planes hat bei den kleineren Grund- besitzern große Erregung hervorgerufen. Die Kohlenbarone ließen sofort ihre Presse bearbeiten, die teils die Absicht leugnete, teils sie als harmlos hinstellte. Trotzdem scheint der Plan keineswegs aufgegeben. Es ist ja die Eigentümlichkeit gerade der Reichsten, keine Schranken und keine Minderung ihrer Habsucht anzuerkennen. Niemand klagt ja auch so erbittert über dieunerträgliche" socialpolitische Belastung wie die Großgrundherren des Ostens. Hat doch erst neulich im Herrenhause der Staatsstreichgraf Mirbach gegen das Unfallgesetz sich gewendet, dessen Lasten nicht mehr zu tragen seien. Diese Lasten betragen nämlich in der Heimatprovinz des Grafen Mirbach, Ostpreußen , genau 2Vz M. jährlich auf den Kopf der Landarbeiter die ganze Entschädigung für das Heer von Toten und Krüppeln, die alljährlich im Dienste für den gnädigen Herrn geopfert werden. DaS Eigentum der Großen ist eben so heilig, daß es nicht einmal durch irgendwelche Haftpflicht an Heiligkeit einbüßen mag. Es ist zu befürchten, daß der Plan der oberschlesischen Magnaten schließlich doch gelingt. Wie ungeheuer ihr Einfluß ist, erkennt man aus folgenden Angaben unsres Parteiblattes. Die Hälfte des gesanuen Grundbesitzes der vier Kreise des oberschlesischen Jndustriebezirkcs sBeuthen, Tarnowitz , Kattowitz , Zabrze ) ist in den Händen von drei Magnaten, der beiden Grafen Hcnckel von DonnerSmarck und des Grafen v. Tiele-Winkler . Und mehr wie sieben Zehntel des gesamten Bodens des oberschlesischen Jndustriebezirkes ist im Besitze von etwa zwanzig Herren, während in die verbleibenden reich- lichen zwei Zehntel des Bodens sich etwa 700 000 Menschen teilen können. Danach kann man die Macht des oberschlesischen Grubenadels i ermessen. Daraus aber läßt sich nun auch die Heiligkeit des Eigen- tums aus der Unbestimmtheit der Phrase in ziffernmäßiger Klarheit erkennen. Heiligkeit deS Eigentums das ist die Unverletzlichkeit, Unbcschränktheit und Willkür von 20 Menschen und die Rechtlosigkeit von 700(XX) Menschen. Es ist eine-Heiligkeit! Staatsstreichler. Gottesfürchtig und dreist" treiben gerade die am meisten Frömmigkeit schwitzenden Blätter den Unfug gegen das Reichstags-Wahlrecht. Selbst im Herrenhaus beteuerte man noch:Staatsstreich" will niemand. Aber die konservative Presse verrät die Unehrlichkeit auch dieser Be- teuer ungen. DerReichsbote" beispielsweise, der zwar die Beseitigung des geheimen Wahlrechts verwirft undnur" Heraufsetzung des Wahlalters und Wahlpflicht fordert, fürchtet, daß im Reichstag eine Mehrheit für seine Wünsche nicht vorhanden sein werde, und so erklärt er ohne Zieren: Soll eine Reform stattfinden, so wird sie jetzt von de» Rcichsfiirstc» oktroyiert werden müsse». Aber dazu müßte ein geeigneter Zeitpunkt gewählt werden. Ein solcher Zeitpunkt war, wenigstens für eine Neuwahl, gegeben, als das Centrum sich gegen die militärischen Vorschläge der Negierung sperrte. Wäre die Regierung damals vor die Nation getreten und hätte erklärt, daß sie durch das Centrum und die Social- demokratie in eine Zwangslage gekommen sei, die ihr eine nationale Politik unmöglich mache, und hätte eine nationale Mehrheit verlangt, statt dem Centrum weitere Konzessionen durch die Aufhebung des Z 2 des Jesuitengesetzes und die Zu- lassung der Marianischen Kongregationen zu machen, so hätte sie sicherlich eine nationale Mehrheit bekommen." Dem Centrumjwird diese Plauderei desReichsboten" nicht uninteressant sein. Lehrreich ist es auch, einen Blick in die letzten Nummern des Deutschen Adelsblatts" zu werfen. Dies ist das Blatt der Frömmsten, der Auserlesensten der Nation. Die Herrenhausreden haben da christlichste, adligste Nachfolger gefunden. Erleichtert von schwerem Alp, das innerste Sehnen sorgsam bergen zu müssen, grüßen die Alleredelsten in ungestümem Freudenrausch die neu anbrechende bessere Zeit. Da schreibt ein Freiherr v. S.: Das Herrenhaus und die Socialdemokratie. Es ist noch nicht sehr lange her, da wurde jeder Angriff auf das Reichstags-Wahlrecht als Verrat an denheiligsten Volksrechten" gebrandmarkt.... Indes das sind Anschauungen, die nicht mehr von der Allgemeinheit geteilt werden. Die Erkenntnis von der Schädlichkeit des Reichstags-Wahlrechts hat sich weithin Bah» gebrochen, und die nationale Presse bekämpft es bereits mit Entschiedenheit.... Wir stimmen namentlich dem Grafen Mirbach, sowie Herrn von Wedel -Piesdorff und dem Freiherrn Lucius v. Ballhauscn zu, wenn sie ausführten, daß eine wirksame Bekämpfung der Social- demokratie mir möglich sei durch Aendcrnng des Wahlrechts. Daß liberale Politiker, zu deren Wortführer sich der Professor S ch m o l l e r gemacht hatte, nichts von der Sache wissen wollen, liegt auf der Hand.... Wir sollen die Socialdemokratie mit geistigen Waffen bezwingen, das ist der Kern der AnS- führungen, wenn auf die Gefahr des Anschwellens des Unisturzes hingewiesen wird. Dieser Gedanke bildete auch jetzt den Haupt- inhalt der Worte des liberalen Professors. Ist dieser 5tampf init geistigen Waffen denn wirklich neu? Führen wir ihn nicht seit mehreren Jahrzehnten, ohne das geringste erreicht zu haben?... Wir bedauern, daß ein angesehener Gelehrter sich im poli- tischen Kampfe so weit hinreißen ließ, ein Schreckgespenst an die Wand zu malen, das nur der Urteilslosigkeit furchtbar erscheint. Der Staatsstreich ist gewiß eine scharfe Waffe; aber Umstände können die Regierungen zwingen, sie gleichwohl in Anwendung zu bringen. Haben nicht zu allen Zeiten große Staatsmänner sich über die Verfassung hinweggesetzt, wenn es das Wohl des Ganzen erforderte? Ansnahmeziiständr erheischen Ausnahmemaßregeln... Wohin wir blicken, da sehen lvir entschlossene und klar blickende Politiker vor scheinbaren Versaffnngsverletzungen nicht zurückschrecken, wenn sich kein andrer Ausweg finden läßt.... Wir begrüßen es, daß der erste Reichsbeauite sich eigen t- lich nur aus Opportunitäts- Rücksichten weigerte, im gegenwärtigen Augenblick auf die Sache einzugehen..." Die Debatte im Herrenhanse ist das bedeutendste parlamen- tarische Ereignis der letzten Session..." Es ist gut, daß die Wahlrechtshasser ihre Umsturzphantasien gründlich ausplaudern. Das deutsche Volk erkennt die Vaterlands- eiftigen, die eher ihr Land in unübersehbare Wirrnis zu stürzen be- reit sind, als von der Fülle ihrer politischen und wirtschaftlichen Vorrechte jemals �daS mindeste aufzugeben. Dcutfcbes Reich. Besuch. Zum Besuch des englischen K ö n i g s ftir dieKieler Woche " werden bereits reichliche Vorbereitungen getroffen. König Eduard wird vom 25. bis 29. Juni Gast des deutschen Kaisers sein; seine JachtVictoria and Albert " wird von vier Kreuzern und sechs großen Torpedobooten begleitet werden. Der Kaiser hat hohe Offiziere zum Ehrendienst kommandiert; große Tafel auf der Hohenzollern " ist angekündigt, zu der sämtliche aktiven Staatsminister eingeladen werden sollen. Es wird nicht nur an Festesprunk nicht fehlen, sondern auck> nicht an T o a st e n der Freundschaft. Was aber n i ch. hindert, daß Deutschland und England im Bau riesenhafter Kriegskolosse wetteifern, als befürchte jeder der beiden Staaten jeden Tag den Ueberfall des andern! DieTimes" über die deutsche Diplomatie. London , 25. Mai. Mit Bezug auf die politischen Diskussionen der liberalen und s ociali st i scheu Presse Deutsch - lands über die diplomatische Lage sagen heute die Times", wenn auch zugegeben werden müsse, daß Bülows äußere Politik nicht sehr erfolgreich war, so könne er doch vernünftigerweise für die Folgen von Instruktionen, die er gewissenhaft auszuführen versuchte, nicht verantwortlich gemacht werden. Das Blatt giebt dann ein Resnins der in den genannten deutschen Blättern enthaltenen Kritik und fügt sanft hinzu:Daß das englisch -'französische Abkommen in Hohen: Grade friedlich ist und daß es die legitime Stellung Dentschlauds i» Europa nicht bedroht, ist sowohl in Eng- land wie in Frankreich bekannt, was ja auch ans den Kommentaren der französischen Presse über den konnnendcn Kieler Besuch des Königs von England hervorgebr. Wir bestreiten gar nicht, daß in der äußeren Politik Deutschlands schwere, sogar sehr schwere Fehler gemacht worden sind, aber wir haben keine Kenntnis davon, daß sie in erster Linie auf die Rechnung des Grafen Bülow zu setzen Ivären, obwohl er sie zweifelsohne durch seine nierkwürdige Gleichgültigkeit gegenüber den Einpsiiidkichkeiten andrer Mächte erschwert hat. Auf jeden Fall sind die Aendernngen in der Weltlage nicht ans jene Ursachen zurückzuführen, die von seinen Gegnern angegeben werden. Sogar ein politisches Genie wie Bismarck Hütte ihnen nicht vorbeugen können.... Graf Bülow ist kein politisches Genie und doch hat er eine Aufgabe zu erfüllen, mit der Bismarck , zun, Glücke seines Ruhmes, nie zu rechnen hatte. Er hat die Reichsgeschäfte in einem Parlament zu leiten, worin er nicht nur keine feste Mehrheit hat, sondern auch worin keine der Oppositionsparteien sich eine Zurückhaltung auferlegt, die nur von der Möglichkeit, auch einmal in die Regierung zu gelangen, erzengt werden kann. Es ist kaum nötig, praktische Politiker daran zu er- iiinern, welche Verlegenheiten eine.derartige Lage bereitet, besonders wo die stärkste Partei des Reiches permaiient unter Acht und Bann steht."- Ludde-Term. Es ist tägliche Uebung derStaatserhaltenden". die social« demokratischen Arbeiter zu beschuldigen, daß sie Koalitionszwang betreiben, und insbesondere die in staatlichen Betrieben beschäftigten Arbeiter sind von fürsorglichen Behörden vor diesem Zwang geschützt worden durch das Verbot, freiheitlichen Vereinigungen anzugehören. Jetzt wird bekannt, daß die Fürsorge der Eisenbahnbehörde«och weiter geht. Unfern, Parteiorgan in E r f u r t ist dieses inter - esfante Schriftstück bekannt geworden: Eisenbahnverein. Die nachstehend benannten Beamten nnd Arbeiter haben sich bis heute noch nicht zum Beitritt des Eiscnbahnvereins erklärt» dieselben werden gemäß Verfügung der Maschineninspektion vom 14./S. 04 aufgefordert» den Grund ihres Fernbleibens anzugeben. (Nun folgen die Namen der 54 Süuder, welche sich noch nicht freiwillig zum Beitritt erklärt haben.) gez. Schwabe. Terrorismus giebt es nur bei Socialdemokraten I Die Kanalvorlagen. Die Kommission des Abgeordneten« Hauses zur Vorberatung der wasserwirtschaftlichen Vorlagen wird am 31. Mai ihre dritte Sitzung abhalten und den Gesetzentwurf betreffend Maßnahmen zur Regelung der Hochwasser-, Deich- und Vorflutverhältuisse an der oberen und mittleren Oder der ersten Lesung unterziehen. Am 1., 3., 4. Juni werden die nächsten Sitzungen folgen. Zum Gesetzentwurf betr. die Herstellung und den Ausbau von Wasserstraßen(eigentliche Kanalvorlage) hat Abg. Zehn- hoff(C.) den Antrag gestellt,� die Staatsregierung zu ersuchen. für die Beratungen der Kommission beziehungsweise als Anlage zum Kommissionsbericht eine Karte anfertigen zu lassen, welche die preußischen Wasserstraßen angiebt, tvie sie nach Ausführung der zur Beratung stehenden Vorlage sein würden, wobei durch be- sondere Farbe kenntlich zu machen sind: a) die Wasserstraßen, die von 600 Tonnen- und mehr Tonnenschiffen befahren werden; b) die- jenigen, die von kleineren, nämlich 400 bis 450 Tonnenschiffen be- fahren werden können und zwar regelmäßig. In die Karte ist auch das Lippeprojekt einzutragen und die Lage der projektierten Stau- weiher zu markieren. Ferner soll die Regierung in Ergänzung der in der Denkschrift über die Kohlenförderung im Ruhrgebiete des Ober-Bergamtsbezirks Dortmund gegebenen Aufstellung Mitteilungen geben über die Entwicklung des Kohlenbergbaues in der ganzen Monarchie während der letzten zehn Jahre. Danach scheint man die Beratung über die Kanalborlage wieder sehr ausführlich gestalten zu wollen. Das ist aber beileibe keine Obstruktion! Freiheit» die sie meinen... Dr. Franz Oppenheimer . den jüngst liberale Blätter eifrig als Marxüberwinder priesen, schreibt dem Musterfreisinnsmann Dr. Mugdan imTag" diese Be- merkung: ... Der Wackere proklamierte die P r e ß fr e i h e i t. solange sie nicht in Preßftechheit ausartet, und findet sich mit dieser Forderung in der allerbesten Gesellschaft derallerbesten Gesellschaft".Gerade so sagt's der Herr Pfarrer" und der Herr Ritter auch und nicht ein- malmit ein bißchen andren Worten". Dr. Mugdan hat alle» Au- spruch auf cinen Ehrcnsesscl auf der Rechten, wo sie am rechtesten ist» denn das liberale Credo besagt, daß es nur ein sicheres Mittel gegen den Mißbrauch der Freiheit giebt und das ist die Freiheit selbst, die volle Freiheit! WasFreiheit" besagen will, darüber dürfte es eigentlich keine Meinungsverschiedenheit geben. Es giebt zwar sehr verschiedene Grade der Unfteiheit, aber nur eine Freiheit. Aber die Herren meinen eine andre Freiheit als die eine. Man ist versucht, wenn man sie hört, das definitorische Meisterwerk der Berliner Schlächter« innung zu citieren, das sie kürzlich zum besten gab. Wurst ist nicht, wie das Kammergericht irrtümlich annahm, ein Gemisch aus Fleisch, Fett und Gewürzen, sondernWurst ist sowohl ein Nahrungs- wie auch ein Genußmittel, dessen Zubereitung und Zusammensetzung je nach den Ansprüchen der Käufer, der Zeit, und wann sie hergestellt wird, der Landessitte, des Ortes der Feilbietung und der Zubereitung verschieden ist". Freiheit ist eine staatlich verliehene Befugnis, deren Aus- dehnung je nach der Landessitte, dem Orte der Darbietung und der allgemeinen Geschäftslage verschieden ist." Verschieden ist sie jedenfalls! Abgeschieden und mause« tot!Unter Blütenträumen ist ihr Aufenthalt." MassenanSweisung. DerGornoslazak" meldet, auS dem Kreise Kattowitz wurden 100 auf den dorsigen Gruben beschäftigte Arbeiter ausgewiesen. Gekränkte Antisemiten. AuS Kassel wird berichtet: Ein anti- semitisches Volksfest sollte am Sonntag auf dem Meißner ab- gehalten werden; verschiedene antisemitische Abgeordnete wollten dort Ansprachen halten. Nunmehr hat aber der Land rat des Kreises Witzenhausen bestimmt, datz'.die von dem betreffenden Bürger- meister bereits erteilte Genehmigung zurückzuziehen sei. Als Grund wird der zu erwartendeungewöhnliche Menschenandrang" genannt. Das ist freilich eine so komische Begründung eines ungerecht- fertigten Verbots, daß sie vom Grafen Pückler herrühren könnte. DieStaatsbürger-Zcitung" wütet über die ihren Parteileuten zu» gefügte Unbill ebenso laut, wie sie sich freut, wenn Socialdemokraten ebenso ungerecht behandelt werden. Antisemiten- Moral. Zur Nordlandfahrt der Ballin- Firma hat dieWirtschaftliche Vereinigung" des Reichtags die Ab- geordneten Krösell und v. Damm ausgelost. Man begreift nun, daß jüngst auch dieStaatsbürger-Zeitung" sich gegen die Annahme solcher Freifahrtkarten sittlich entrüstete: das Los hat die Staatsbürgersleute grausam von der Ballin-Bewirwng aus- geschaltet; wäre diesen das Los günstig gewesen, so hätte Krösell den Sittenheld gespielt. So ist man Schützer der Moral und darf zugleich bei Jud Ballin speisen. Mainz, 27. Mai. (Franks. Ztg.") Der auf Montag vor der ersten Sttafkammer angesetzte Beleidigungsprozeß gegen den Landtagsabgeordneten und Redakteur A b e l u n g und den Kauf« mann und Geschäftsführer Friedrich D ö l l e r von derMainzer Volkszeitung" wegen Beleidigung des Oberstlieutenants a. D. Balser in Darmstadt und des Majors a. D. Micke! in Rketz, ver- anlaßt durch Veröffentlichung der Briefe des verstorbenen Generals Kretschmann, wonach der französische Ort Sens im Kriege gegen Frankreich von der hessischen Division ausgeplündert worden sei, mußte wegen Erkrankung de§ Hauptzeugen Oberstlieutenant a. D. Balser, auf unbestimmte Zeit vertagt werden. FriedhofSschändung. Ans E l ken r o th im Kreise Alten- k i r ch e n geht derKöln . Ztg." die Nachricht zu, daß in einer der letzten Nächte auf dem dortigen Friedhofe, der von Protestanten und Katholiken gemeinsam benutzt wird, fast alle Grabdenkmäler und Grabhügel der Protestanten zerstört worden seien. Der konfessionelle Friede, dessen der Ort sich früher erfteute, sei durch die Gründung einer rein katholischen Arbeiterkolonie, die von Trappisten geleitet werde, nicht ungestört geblieben. Selbstmordversuch eines Soldaten. Als am Abend des Pfingst - sonntag in der badischen Garnisonstadt Offen bürg der Offizier der Runde die Zellen des Arresthauses revidierte, fand er einen Soldaten der 4. Compagnie des 170. Jnfanterie-Regiments erhängt. Die Wiederbelebungsversuche waren nicht erfolglos. Klerikaler Wahlkampf. Die Reichstags-Ersatzwahl in Straß- burg-Land wird ein gerichtliches Nachspiel haben. In einem klerikalen Wahlflugblatt war eine Aeußerung Stöckers wiedergegeben, wonachseit den Tagen des frechen Most noch keiner in so frecher Weise vom Christentum gesprochen habe, wie der Ab- geordnete Blumcnthal". Rechtsanwalt Dr. Blumenthal hat nun erklärt, daß er wegen der Wiedergabe dieser Aeußerung in dem Flugblatte Redakteur Hauß und das Wahllomitee der klerikalen Partei für den Kreis Straßburg -Land, welche das Flugblatt unter-