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»»».»w» 4, Sfilajc»es Jpt»ätl8" Kerlim WÄM**»»>->« WttcraHfcbe Rundfchau. Radikalismus und Socialismus in franhreicb. Mehr und mehr wird die Geschichte der Staaten zu einer Geschichte ihrer politischen Parteien. Das Ausbleiben großer Kriegs- ereignisse auf dein europäischen Kontinent und das unanshaltsame Vordringen neuer Ideen auf dem Gebiete der inneren Politik zwei Erscheinungen, die niiteinander in innigem Zusainmenhange stehen lenkt die Aufmerksamkeit der Geschichtsschreiber auf die Entwicklung des politischen Parteiwesens, die alle Keime einer künftig möglichen Gestaltung der Staatswesen in sich birgt. Und Ivährend ein an der Oberfläche haftenderPatriotismus" sich über den inneren Parteihader beklagt, der das Land zerreiße, sieht tiefere Einsicht in der aufregenden Kette moderner Tageslämpfe den wahren Krieg nnsrer Tage, der die Geschichte der Böller und Staaten vor- bereitet. Die Geschichte der politischen Parteien ist weder für Deutschland noch für Frankreich geschrieben worden. Als zeitlich abgegrenzten Teil einer französischen Parteigeschichte aber möchten wir die umfang- reiche Vorrede betrachten, die Jean I a u r s s dem jüngst erschienenen ersten Bande seiner gesammelten Kammerreden vorausgeschickt hat.") Sie behandelt den Radikalismus und den Socialismus im Jahre 188ö, und giebt nicht nur wertvolle Aufschlüsse über die Entstehung jeuer Richtung des französischen Socialismus. die man jetzt diejaurssistische" heißt, sondern sie giebt dem deutschen Leser auch Gelegenheit, manches zu begreifen, was ihm unverständlich bleibt, wenn er die Voraussetzungen seiner eignen politischen Ver- Hältnisse aus französisches Land willkürlich überträgt. Es mag sich darum rechtfertigen, wenn wir in folgendem den Inhalt jener aus- führlichen 178 Druckseiten umfassenden Vorrede in kurzer Zusammen- sassung wiederzugeben versuchen. Im Jahre 1881 hatte diePartei der Konterrevolution" Monarchisten und Klerikale bei den Kammerwahlen eine schwere Niederlage erlitten. Der Hoffnung aber, daß die Herrschaft der gemäßigten Republikaner sOpportuuisienj nunmehr gesichert sei, bc- reiteten die Wahlen von 1885 ein schmähliches Ende. Danials, als Jaures zum erstenmal in die Kammer einzog, hatten die Reaktionäre mehr als ein Drittel der Kammersitze erobert. Nnr ein eilfertig geschlossenes Bündnis zwischen Opportunisten und Radikalen, die sich im Wahlkampfe heftig befehdeten, koinite ein weiteres Vordringen der Reaktion bei den Stichwahlen verhindern. Klerikal-monarchistisch-nattonalisttsche Konterrevolutton, oppor- tunistischer Republikanismns und bürgerlicher Radikalismus waren die drei großen politischen Faktoren der damaligen Zeit. Der Socia- lismus, m Gruppen gespalten, hatte keinen bedeutenden Wahlerfolg erzielt. In seiner Hauptburg, in Paris , hatte eine socialistische Koalitton(Revolutionäre und Posfibilisten) nur 15 000 Stimmen aufgebracht gegen 160 000 radikale, 60 000 ultra- radikale, IM 000 opportunisttsche und 00 000 nationalistische. So beherrschten die Kämpfe zwischen Opportunismus und Radikalismus, zwischen Republik und Reattion, das politische Feld nahezu ausschließlich. Was die Opportunisten unter Jules F e r r y S Führung und die Radikalen, die vornehmlich Clemenceau repräsentierte, von einander schied, waren hauptsächlich Fragen der Verfassung und der Kolonialpolitik. Die Opportunisten blieben bei der Verfassung von 1875 stehen und verteidigten vor allein die Erste Kammer, den Senat, gegen die Angriffe der Radikalen, die eine Umgestaltung der Verfassung zur möglichst vollkommenen Demokratie verlangten. Die opportunistischen Beherrscher der Republik , die Verteidiger des Bestehenden, suchten die Aufmerksamkeit auf auswärtige Fragen, namentlich auf die Fragen der Kolonialpolitik zu richten. Die Ein- verleibung Tongkings in den französischen Kolonialbereich bildete den Gegenstand ertntterter Kämpfe, in denen sowohl Clemenceau wie die Monarchisten gegen die Regierung standen: der erstere im Namen der großen Revolution und der von ihr proklamierten Menschenrechte, die keine Unterjochung fremder Rassen dulde: die letzteren, uin Mißerfolge und Enttäuschungen, wie sie sich im Verfolg dieser Weltponttk reichlich einstellten, zur Erschütterung der republikanischen Regierung auszunutzen. Seinen Gegensatz zu allen Programmen auswärtiger Machtentfalttmg und sein eignes Programm der inneren Entwicklung hatte Clemenceau in wenig Worte geprägt, als er 1885 in einer Versammlung zu Bordeaux auf den ZwischenrufUnd Elsaß- Lothringen ?" erwiderte:Es ist nicht unser Wunsch, den Krieg in Europa zu entfesseln. Wenn uns der Krieg erklärt wird, werden wir ihn zu führen wissen. Aber eine bessere Revanche als die militärische ist die Revanche der Republik , die durch ihre Wieder- erhebuna. ihre weise Regierung, die Entwicklung ihrer politischen, wirtschaftlichen, socialen Institutionen, durch die Entwicklungskraft, die in ihr steckt ohne daß sie einer andren Propaganda bedürfte als der ihres Beispiels... dafür sorgen wird, daß dem französischen Volke wieder sein Recht wird." Für Ferry und die Opportunisten war die Politik einfach die Frage der Erhaltung, der rein technischen Regierungskunst. Den Bestand eines socialen Probien, s vermochten sie durchaus nicht anzuerkennen, und alle Richtungen des Socialismus standen für ihre bürger- liche Eintagspolittk außer aller Debatte.WaS ist ihr Ideal?" fragt Jaurss eines Tages den führenden Politiker der regierenden Partei, und er erhält die Antwort:Lassen Sie das sein: eine Regierung ist keine Trompete der Zukunft I" Und erst allmählich enttingt er dem zähen Schweiger die Antwort:Mein Ziel ist eine Organisation der Menschheit ohne Gott und ohne König."Hätte er," bemerkt Jaurös,noch hinzugefügt:und ohne Kapitalisten", so hätte er die vollständige Fonnel des Socialismus gegeben". Ganz anders, wie schon gesagt, Clemenceau . Sein Radikalismus war nicht ohne weite Ziele. Während Ferry in der Revolution eine vollendete Erscheinung sah und den bestehenden Zustand der Republik als das erstarrte Produkt vulkanischer Kräfte betrachtete, nahm Clemenceau die Revolutton als eine fortwirkende Kraft, die Demokratie als unerschöpfliche Gebärerin immer»euer, besserer Formen, von denen ihm allerdings alle Vorstellungen fehlten. Den revoluttonären Socialismus JuleS G u e S d e s bekämpfte er sowohl in seinem Ziel wie in seinen Mitteln. In einer Versammlung im Cirkus Fernando<1884) bezeichnet er den socialistischen Staat als den Staat der Klöster und der Kasernen, und macht kein Hehl aus seiner principiellen Gegnerschaft gegen den Staat und aus seiner individualistischen Ueberzeugung. was ihn freilich nicht hindert, hin- wiederum den Socialisten gegenüber zu erklären:Unser Ziel ist dasselbe" und sie zu gememfamer Arbeit für gemeinsame Ideale aufzufordern. Er verwerft die Katastrophentheorie, die Idee einer gewaltsamen Erhebung und preist die Demokratie als den einzigen Hebel alles weiteren Fortschritts. Clemenceau , so entscheidet Jaurss diesen Streit, hatte den Weg. Guesde hatte das Ziel.Die Ueberlegenheit des revolutio- nären Socialismus ist ungeheuer groß. Er hat die klare Vor- stellung des Zieles, nach dem er strebt, der Eigentumsform, die er schaffen will, und er weiß mit vollkommenster Gewißheit, daß das bürgerliche und kapitalisttsche Eigentum sein geschichtlich begründetes Daseinsrecht verloren hat." Was aber die Wahl des Weges betrifft. so hatte Clemenceau recht auch vom Standpunkte deS Socialismus. Da war er der Erneuerer. Die Putsch-Socialisten, die Socialisten der Barrikade und der Flinte, sie waren die Anhänger der Ueber- lieferung. die bloß routtnemäßig die vergängliche Taktik vergangener Kämpfe in die neue Zeit hinüber schleppten." *) Jean Jaurss. Discours parlarnentaires. Tome premier. d'une introduction de l'auteur Sur le sooialisme et le radicalisme en 1885. Paris . Edouard Cornbly et Cie. 1904 Clemenceau, und darin giebt ihm Jaurös wieder Unrecht, be- kämpft die Theorie vom Klassenkampf, an deren Stelle bei ihm eine vage Vorstellung desGemeinwohls" tritt. Wie weit sich aber, trotz dieser oberflächlichen Aehnlichkeit, die Ansichten dieser bürgerlichen Radikalen Frankreichs von denen unsrer Liberalen und Freisinnigen unterscheidet, wird der deutsche Leser nicht ohne ein gewisses satanisches Vergnügen aus den folgenden Ausführungen Clemenceaus entnehmen, die sich auf Deutschland beziehen. In der schon öfter erwähnten Versammlung im Cirkus Fernando sagte Clemenceau : Ich lade Sie ein, über die Vogesen hinüberzublicken... Dort sehen Sie den Kampf von Klassen, die streng von einander geschieden sind: einen Kaiser, einen Adel, eine Geistlichkeit, ein Bürgertum und ein Arbeitsvolk in Stadt und Land. Mag sich doch das Arbeitsvolk der Industrie und der Landwirtschaft mit der Bourgeoisie vereinigen, nachdem diese aus ihrer Abschließung heraus- getreten i st, und der Kampf gegen die Geistlich- keit, den Adel, die Monarchie wird kurz und siegreich sein." Clemenceau glaubt also 1884! seine Klassengenossen in Deutschland hätten keinen anderen Wunsch, aus ihrer Abschließung herauszutreten, sich mit dem Proletariat zu vereinigen, und Monarchie, Adel und Klerisei abzuschaffen! Ganz ernsthaft fährt er fort: Die Trennung des Volkes von der Bourgeoisie verhindert diesen Erfolg." Und zu den Versammelten gewendet: Ihr seid politisch von keinem Herrn abhängig: Ihr braucht nur aufgeklärt sein, um frei zu sein und wenn Ihr im stände seid, ein besseres Regime einzuführen, so seid Ihr in der Lage, es zu thun." Das deutsche Kaisertum sagt zum Volke:Was das Bürgertum Dir verweigert, sollst Du haben: Du bekommst von mir zu essen". Dann wendet es sich zur Bourgeoisie:Du willst Geld, nicht wahr? Ich werde Dich durch ein geschicktes Schutzzoll- system reicher machen." Schließlich aber wendet es sich zum Adel und zur Klerisei und sagt:Die Bourgeois werden sich bereichern; sie glauben es wenig st ens.(!) Das blöde Volk ist satt ge- füttert: Ihr könnt ruhig schlafen." Wenn Clemenceau für solche Zustände die verdammte Klassen- kampftheorie verantwortlich macht, ist es Jaurss, einem besseren Kenner deutscher Verhältnisse leicht, ihn zu widerlegen.Das deutsche Proletariat", so schreibt er.hat stets ein hohes Ziel im Auge gehabt. Es hat verstanden, daß es dieses Ziel nicht anders verwirklichen kann als mit Hilfe der politischen Demokratie. Den Versuchungen der kaiserlichen Botschaften zum Trotze, zum Trotze der von den Höhen des Kaiserwms diktterten socialen Versicherung hat es den Kampf wider den Absolnttsmus wie gegen den Kapitalismus allezeit weiter gekämpft, und sein Fehler ist es nicht, und nicht der Fehler des Klassenbewußtseins, von dem es durchdrungen ist, wenn zwischen dem deutschen Proletariat und dem deutschen Bürgertum noch(1??) kein Bündnis zur Eroberung der polirischen Freiheit geschlossen wurde. Der Cäsarismus und die Gegenrevolutton bedürfen eines Pöbels. Aber das Proletariat hört auf Pöbel zu sein, genau in dem Maße, in dem es zur beivrißten Klasse wird...." Kehren wir nach Frankreich zurück! G n e S d e und die französische Arbeiterpartei(parti ouvrier franijais) verstanden wohl. daß es im Zeitalter des allgemeinen Stimmrechts und der Republik nicht mehr genügte, an die Gewalt zu appellieren, und alles Heil von einer plötzlichen Volkserhebung zu erwarten. Trotzdem bleibt für sie die Gewalt nicht mehr das einzige, wohl aber das ent- scheidende Mittel. Sie beteiligten sich wohl an den Kammerivahlen, jedoch nur, weil es gut sei, im entscheidenden Augenblickein paar Leute in der Kammer zu haben, auf die man zählen könne". Daß der Zusammenbruch der bestehenden Ordnung nah und unvermeidlich sei, war Guesdes feststehende Ueberzeugung. In den Kämpfen zwischen Opportunismus und Radikalismus konnte er nur ein Spiel mit verteilten Rollen sehen, das das Bürgertum spielte. Hatten beide abgewirtschaftet, so trat der Socialismus ihre Erbschaft an. Unter Berufung auf das eherne Lohngesctz verwarf Guesde die Konsumgenossenschaften und räumte ihnen nur soweit ein Existenzrecht ein, als sie unmittelbar politischen Zielen dienten. Eine Möglichkeit, die Lebenshaltung des Proletariats zu verbessern, sah er in der Kooperation aber nicht. Ebenso erklärte er, daß, solange die kapitalistische Wirtschaftsordnung bestehe, alle Reformen nur Sand in die Augen wären, und gegen die Heranziehung der Arbeitgeber zu socialen Versicherungszwecken wendete er ein, daß die Lasten der Versicherung von den Unter- nehmern unfehlbar auf die Arbeiter überwälzt werden würden. Durch solche grundsätzliche Bedenken sah sich GueSde allerdings nicht gehindert, sociale Reformforderungen in das Programm der fran- zösischen Arbeiterpartei aufzunehmen. Inzwischen setzte er aber alle seine Hoffnungen auf einen Plötz- lichen Zusammenbruch, dessen Anfänge er in der diplomatischen Spannung zwischen Rußland und England zu erblicken glaubte. England, der Weltrepräsentant des Kapitalismus, und Rußland , der des Absolutismus, schienen ihm bereit, in einen Kampf einzutreten, der nicht nur für die beiden Gegner, sondern auch für die von ihnen vertretenen Principien tödlich werden mußte. Der Zusammen- bruch des englischen Weltreichs würde die englischen Arbeiter revoluttonieren, während die Mattsetzung Rußlands die deutsche Klassenherrschaft ihrer besten Stütze berauben und der socialen Re- volution des deutschen Proletariats die Bahn fteimachen würde. Von einer solchen weltpolitischen Wende erhoffte Guesde den Sieg des Socialismus. Solchen Anschauungen gegenüber verteidigt Jaurös die Bedeutung der Demokratie und der legalen Entwicklung, der socialen Reform und deS Weltfriedens: An das allgemeine Wahlrecht appellieren, sei es auch zu bloßen Agitationszwecken, heißt Vertrauen in das Princip der Mehrheit setzen. Denn diese Agitatton bleibt wertlos, wenn sie nicht eine große Menge von Köpfen erfaßt, sie bleibt wertlos, wenn sie nicht die Leiden und Beschwerden der Besitzlosen ans Licht bringt,' der Richt-Kapitalisten, aus denen beinahe das ganze Volk besteht. ... Jeder Arbeiter kann mitreden, kein plutokrattsches CensuS - Wahlrecht knebelt ihn mehr. Wenn er schweigt, obwohl er stimmen kann, ist er dumm: er ist von Sinnen, wenn er gegen sich selber stimmt. Wenn sich also ein socialistischer Agitator zum Ziel seiner Propaganda nicht die Eroberung der Mehrheit setzt.... so pro- klamiert er die ewige Unfähigkeit oder die unheilbare Krankheit jener Klasse, der er die Herrschaft über die ganze Menschheit an- vertrauen will." Das Volk braucht volles Licht! Im vollen Lichte wird das Proletariat seinen Sieg sichern, der der Sieg der Civiltsatton ist. Und das allgemeine Wahlrecht, trotz seiner Irrtümer, seiner Unsicher- heiten, seiner Ueberraschungen ist das Licht, ist der helle Tag I... Die Geivalt, sie ist das Dunkle, das Unbekannte: denn niemand weiß, welche von den losgelassenen brutalen Gewalten siegen wird, ob nicht die Revolution, im Augenblick, da sie siegreich die Beute heimträgt, im Finster» von den Knechten der Kirche und des Kapitals.. beraubt wird." Und Jaurss eriimert an das seltsame Zusammentreffen, daß am Tage der Wahl Carnots revolutionäre Demonstrattonen gegen Ferry m Scene gesetzt wurden, gleichzeitig aber auch Boulanger und die Seinen den Staatsstreich der Säbeldiktatur vorbereiteten. Der Veranstalter dieser Demonsttationen (der Blanquist Endes) hätte nicht gewußt, daß er nichts andres sei als ein Posten in den politischen Berechnungen der Staatsstreichler. Diese Irreführung beweist. daß der revolnttonäre Annif der I Gewalt für das Proletariat nichts andre? sein kann als eine fmcht« bare Täuschung. Auf dem Boden der Sachlichkeit und im fteien Lichte wird es seinen Weg gehen, der wicht ohne Beschwerden ist, aber sicherlich zum Ziele führt." Daß der demokratisch organisierte Stmat so ganz und gar kapi- talistisch sein könne wie die Kapitalistenklasse selbst, und daß seine socialen Reformen deshalb wertlos sein müßten, bestreitet Jaurss. Er weist Guesde ans den Widerspruch hin, daß er gleichzeitig, während er solche Behauptungen aufstelle, von eben diesem Staat Arbeiterschutz , Normal-Arbeitstag und gesetzliches Lohnminimum ver­lange. Der Streit sei thatsächlich abgeschlossen durch die Polittk der ganzen socialistischen Partei, die in allen Ländern die Verstaatlichung sind Verstadtlichung zahlreicher Industriezweige ansttebt. Guesde habe aber im Jahre 1885 nicht nnr die Kranken-, Alters-, In- validen- und Arbeitslosen-Versicherung, sondern auch alle Versuche der Verstaatlichung oder Verstadtlichung kapitalistischer Unter- nehmungen bekämpft. Ein Zusammenbruch der gegenwärtigen Ordnung als Folge eines großen Krieges sei nicht zu erwarten. Nicht am Kriege, sondcnr am Frieden und an der Abrüstung sei das Proletariat interessiert. Der Zusammenbruch Rußlands würde an den deutschen Verhältnissen nichts ändern ein so grc tzer Gewinn es auch wäre. die Möglichkeit reaktionärer Interventionen Rußlands ausgeschaltet zu wissen. Denn:die Erfahrung hat überreichlich bewiesen, daß die Methode der Jnsurrektton nicht die t*n deutschen Socialdemo- kratie sei. Sie rechnet vor allem, man könnte fast sagen, sie rechnet allein auf die Gewalt der gesetzlichen Entwicklung, und wenn auch hinter den Hohenzollern nicht der Schatten der Romanows stünde, würde sie fortfahren, sich durch die langsamen sicheren Eroberungen des allgemeinen Stimmrechts die Zukunft zu sichern." Obwohl Guesde gelegentliche Wahlbündnisse mit den Radikale» nicht scheute(wofür Jaurss nicht ohne Bosheit amüsante Beispiele zu erzählen weiß) lehnte er doch in Konsequenz seiner Auffassung ein Zusammengehen mit den Radikalen ab. Jaurss, der über die demokratische Ideologie zum Socialismus kam 1885 bis 1389 faß er im linken Centrum der Kammer hat diese Herkunft und diesen Zusammenhang nie verleugnet. In eiirer etwas melodramattschen Weise, die den ernsten Eindruck seiner sachlichen Ausführungen zu verwischen geeignet ist, schildert er, wie sich in jener Zeit sein lieber- gang zum Socialismus �vollzog. Die Darstellung, die Jaurss von den parteipolitischen Ver­hältnissen Frankreichs im Jahre 1885 giebt, verlieren durch ihre stark subjektive Färbung keineswegs an historischem Werte. Die ausführliche Polemik, die in den thatsächlichen Bericht verwoben ist, ist höchstens in dem Sinne zu bedauern, daß sie andren nicht minder wichtigen Ansftihrnngen den Raum weg- genommen hat. Man sieht wohl die Ideen, die mit einander kämpfen, in außerordentlicher Schärfe dargestellt, nicht aber die Köpfe, in denen diese Ideen entstanden sind, noch weniger die Gestalten, die diese Köpfe tragen. Besonders hätte das geistige Bild der Radikalen, das uns Deutschen so unverständlich ist, daß lvir in seine Aehnlichkeit leicht einiges Mißtrauen setzen, eine Ergänzung ins Materielle ivohl vertragen. Die innere sociale Struktur dieser Partei wäre sicherlich geeignet, manches begreiflich zu machen. Als eine bewußte bürgerliche Klassenpartei in unsrem Sinne kann die radikale Partei Frankreichs v. I. 1885 nach Jaurss Dar- stellung unmöglich aufgefaßt werden. Die gelegentliche Aeußerung. daß sich Clemenceaus Anhang in Paris vornehmlich aus Arbeiter- kreisen rekrutterte, erklärt manches. Die polemische Schärfe, mit der sich Jaurss gegen Guesde wendet, wird man in Deutschland wohl begreifen können, wenn man auch deshalb die andre Seite nicht vergessen dars. Die Republik , deren Verteidigung wider die Monarchisten Jaurss so sehr am Herzen lag, war die Schlächterin der Kommune gewesen: alle Empfindungen jenes furchtbaren Klassenkrieges waren damals 14 Jahre nach seiner blutigen Beendigung noch lebendig. Die fran- zösische Republik war noch nicht stabilisiert, Frankreich mochte noch immer ein Ball gelten, der zwischen der Militärmonarchic und der bourgeoisen Militärrepublik hin- und hergeworfen wurde. Ob der Friede, der zur allmählichen demokratische» Erziehung des Volkes notwendig ist, erhalten bleiben Ivürde, war durchaus ungewiß und die Hoffnung, daß eine plötzliche wirtschaftliche und polttische Erschütterung zu einem allgemeinen Umschwung der Gesinnungen und zu einer eruptiven Veränderung aller Verhältnisse führen würde, durchaus nicht unbegründet._ Ein künftiger Historiker, der Jaurss als Quelle benutzen wird, wird in manchem scharfen wider die französische Arbeiterpartei gesprochenen Tadel nur die Kehrseite großer Verdienste erkennen. In Wirklichkeit istdie Flinte",die Barrikade",der Putsch". die Insurrektion",«die brutale Gewalt" doch auch von Guesde keineswegs als ein wunderbarer Retter himmlischer Herkunft be- trachtet worden, sondern nur als die unausbleibliche Begleit- erscheinung eines plötzlichen Gesinnungsumschwungs oder-Auf­schwungs der Massen, der durch hereinbrechende große Ereignisse bewirkt wird. Auch die vollkommene Demokratte kaim gegen solche Friktionen kein völlig unfehlbares Mittel sein, sicherlich aber ist sie das einzige, das hinreichende Aussicht bietet, nicht solch erfreuliche plötzliche geistige Masscnerscheinungen, wohl aber ihre menschlich traurige» Begleitumstände zu beseitigen. Wollte Jaurss aber die Möglichkeit solcher Maffenbekehrungen zum Socialismus leugnen, so könnte man ihn mit seinen eignen Argumenten schlagen; denn sie leugnen, hieße die Beweglichkeit des menschlichen Geistes leugnen, hieße die Fähigkeit der Massen leugnen, aus großen Thatsachen der Zeit die richtrgen Folgerungen zu ziehen. Eine allzu vorsichtig tastende Politik, eine Politik, die dem klaren Bttck der Massen zeitweilig die großen, grundsätzlichen Unterschiede zwischen bürgerlicher und proletarischer Weltauffassung verschwinden läßt, ist schwerlich geeignet, eine solche Bewegung der Geister vorzubereiten, die, von den Thatsachen revolutioniert, diese selbst wieder revolutionieren. Von dem Grade, in welchen! wirt- schaftliche und polittsche Beschwerden dem Volke zum Bewußtsein gelangen, von seiner Fähigkeit, aus erkannten Thatsachen die richtigen Folgerungen zu ziehen, hängt zum guten Teile dasTempo der Bewegung" ab, und die Hoffnung aufgeben, daß sich diese Ent- Wicklung m stürmischen Progressionen vollziehen könne, hieße an der Demokratie verzweiseln und den Socialismus vertagen, hieße dein Klassenkampf die Begeisterung nehmen. Für uns Deutsche est es besonders interessant, das Gebiet näher kennen zu lernen, aus dem die beiden Strömungen des französische» Socialismus entsprangen. Auch mag das mitleidige Achselzucken, mit dem ein Clemenceau von deutschen Verhältnissen spricht, vielleicht manchen von denen stutzig machen, die, außerhalb unsres Lagers stehend, wirklich glauben, daßDeutschland in der Welt voran" ist. Wir sehen aber auch, daß die Polittk der französischen Arbeiter- klaffe mit Verhältnissen zu rechnen hat, die wir uns für Deutschland , ohne Hochverrat in Gedanken zu begehen, gar nicht vorstellen können. Wir begreifen auch, warum sich die französischen Socialisten mittmter blusig zanken, warum der Kampf der Fraktionen dort mitunter eine persönliche Siedehitze erreichen kann, die sachliche Momente völlig auflöst. Für den französischen Socialismus giebt es aktuelle taktisch e Probleme, die glücklich-unglücklicher- weise für uns gar nicht existieren, gar nicht existieren können. Die Darstellungen Jaurss lasten den Platz deutlich genug erkennen, der der deutschen Socialdemokratie in den Reihen des internationalen Socialismus zukommt. Fürs erste und das ist ihre nationale Aufgabe hat sie dafür zu kämpfen, daß Deutschlands politische Einrichtungen ftirderhin nicht mehr der