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Das Recht auf Einsicht der Akten wird dem Verteidiger noch mehr als bisher beschränkt Daß der Angeschuldigte, solange er von dem Inhalt der Akten keine Kenntnis nehmen darf, fach- gemäße Anträge zu seiner Verteidigung nicht stellen kann und wehr- los gemacht ist, leuchtet ohne weiteres ein. Nach geltendem Rechte konnte dieser Zustand nur während des Vorverfahrens eintreten, in dem dem Verteidiger die Einsicht der Akten verboten werden konnte, wenn eine Gefährdung des llntersuchungszweckes zu besorgen war. Der Strafprozeßkommission genügt dieser Zustand noch nicht. Es wird auch hier der Begriff der öffentlichen Ordnung eingeführt, in deren Interesse die Akteneinsicht während des Vorverfahrens dem Verteidiger verboten werden darf. Dadurch werden die Grenzlinien vollends verdunkelt. Das Beste aber kommt noch. Sogar nach Beginn des Haupt- Verfahrens sollen der Verteidiger und der Angeklagte nicht einmal mehr wissen, welche Akten das Gericht in Wahrheit für sein Urteil benutzt. Die Kommission meint, daß es zu Unzuträglichkeiten geführt habe, daß der Angeklagte von dem erkennenden Gericht unterbreiteten, durchaus vertraulichen Beiakten, z.B. Verwaltungsakten, Personalakten, Kenntnis erlangt habe. Es wird deshalb die Bestimmung vorgeschlagen, daß der Verteidiger auch nach Schluß des Vorverfahrens andere dem Gericht vorliegende Akten als die Untersuchungsakten nur insoweit einsehen darf, als sie mit der Untersuchung im Zusammenhange stehen. Daß dieser letztere Kautschukbegriff jede Auslegung gestattet bedarf keiner Hervorhebung. Das, worüber wir uns im Dreyfus- Prozeß nicht genug entrüsten konnten, wird hier allen Ernstes als neueste Kulturerrungenschaft der deutschen Nation dargebracht. Wie üppig werden die geheimen Dossiers wuchern I Welche neue Waffe ist damit gegen dieverbissenen Sozialdemokraten" geschmiedet, die ja nun, ohne daß sie etwas davon erfahren, in den dem Gericht vorgelegten polizeilichen Personalakten in ihrer ganzen Scheußlichkeit geschildert werden können. Sollte die ungeheuerliche Bestimmung Gesetz werden, so würde die neue deutsche Strafprozeßordnung die erste und einzige sein, welche dem Gericht in aller Form Rechtens die Möglichkeit gewährt, dem Angeklagten und seinem Verteidiger vorenthaltene Akten dem Urteil zugrunde zu legen. Uebrigens muß hervorgehoben werden, daß auch hier ein Zufallsvotum vorliegt. Bei Stimmengleichheit gab die Stimme des Vorsitzenden, wie mehrfach, zuungunsten der Rechtsstellung des An- geklagten den Ausschlag. Solche Abstimmungen, bei denen die Kommission selbst zur Hälfte so, zur Hälfte entgegengesetzt stimmte. sind natürlich ganz ohne Wert für die gesetzgebenden Faktoren; sie bieten Interesse nur als Charakteristikum der deutschen Juristen des zwanzigsten Jahrhunderts für den künftigen Kulwrhistoriker. *» * Druckfchlcrvcrichtigiuig. In der Fußnote des IV. Artikels wurde infolge eines Druckfehlers gesagt, daß zur Beantwortung der Königs- berger Anklageschrift von 200 Seiten B5 Tage Frist gesetzt wurden; es muh natürlich 5 Tage heißen. politische(lebersickt. Berlin , den 26. August. Die Reichstags-Ersatzwahl in Thorn. Die bei uns am 7. September im Stammlande des Hakatismus und des mit Ostmarkenzulagen bar bezahlten Geschäftspatriotismus stattfindende Ersatzwahl zum Reichstage hat schon in dem Vorspiel der Kandidatcnaufstellung usw. bewiesen, was hinter den Schwindel- Phrasen der nationalen Harmonie in Wirklichkeit steckt, und daß es eine über den Klassen schwebende Märchenpolitik nicht geben kann. Hier, wo die Sozialdemokratie bis zum Jahre 1903 als wichtiger politischer Faktor gar nicht in Frage kam, wurde der Wahlkampf seines politischen Charakters vollständig entkleidet und in der wüstesten Nationalitätenhetze erstickt. Eindeutscher" und ein polnischer" Kandidat rangen bisher um das Mandat und ver- sprachen den Wählern um die Wette die nachdrücklichste Förderung der Interessenaller Bevölkerungsklassen". Die Polen bekamen diese Schaumschlägerei, die in Wirklichkeit natürlich ebenfalls nur allein den Besitzenden zugute kam, trotz ihres besonders ausgeprägten nationalen Empfindens, zuerst satt und jagten den hofparteilichcn Brotwucherer zum Teufel. Schon 1003 kandidierte in Thorn von dieser Seite der demokratische Redakteur Brejski. Er eroberte das Mandat von dem nationalliberalendeutschen " Landgerichtsdirektor Graßmann in der Stichwahl mit Hülfe unserer Genossen, die sich damit gegen den reaktionären Brotwucherer für den Demokraten entschieden. Nach der Ungültigkeitserklärung seines Mandats hatten besonders die vereinigtenDeutschen " schwere Sorge um die Er- langung eines neuen Kandidaten. Wie es ganz selbstverständlich mit derpraktischen Harmoniepolitik" des sagenhaftengemeinsamen nationalen Interesses" durch Brotwucher und die roheste Reaktion nicht anders kommen konnte, hatte es Graßmann bald mit allen seinen Wählern gründlich verdorben. Alle fühlten sich durch ihn be- nachteiligt. Aber statt einzusehen, daß er an diesem praktischen Bankrott der Schwindelpolitik der nationalen Phrase persönlich ganz unschuldig war, machten ihn seine nationalen Freunde doch dafür verantwortlich, und jagten ihn als Sündenbock in die Wüste. Schwierig war aber die Entdeckung eines neuen Mannes. Mit vieler Mühe ist es endlich nach vielen Absagen gelungen, eine völlig politische Null, den kaiserlichen Bankdirektor Ortel, den Leiter der hiesigen Reichsbankstelle für das sehr unsichere Mandat zu gc- Winnen. Mit diesem Herrn glauben die tonangebenden Agrarier die städtischen Handelskreise darüber zu beruhigen, daß unter der nationalen Maske nicht wieder die brutalste Brotwucher- und Ent- rechtungspolitik getrieben werden wird. Das Vordringen der Sozial- demokratie hat den germanischen Hakatisten doch schon gelehrt, daß sich das Mandat mit Polenfresserei allein nicht gewinnen läßt, und so macht denn der Herr Ortel riesig inArbeiterfreundlichkeit". Die deutschnationalcn ReaktionSkonventikel werden auch schon aus Furcht vor der Sozialdemokratie hinter verschlossenen Türen abgehalten; der Beitritt ist nur durch Einladungs- karten zu erlangen. In einem derselben, die bezirksweise ab- gehalten werden, rühmte Herr Orti.' seine Arbeiterfreundlichkeit nach einem Bericht derThorner Presse", indem er treuherzig er- zählte: er habe doch das Dicnstmannsinstitut in Thorn gegründet und den Dienstmännern die Uniform geschenkt 1 1 l Dieser er» schlitternden Konkurrenz ist die Sozialdemokratie natürlich nicht ge- wachsen! In derselben Bczirkssitzung wollte ein Handwerksmeister wissen, was denn Herr Ortel im Reichstag und speziell für die Handwerker zu tun gedenke? Kurz und bündig erklärte der tief- sinnige Politiker recht klassisch: vor der Wahl werde er keine Ausführungen machen, das werde sich schon finden.wenner er st gewählt seil!! Der deutsche Reichstag kann also auf diesen Nationalpolitiker in sps wirklich stolz sein. Uebrigens gefällt der Herr, der als Redner überhaupt nicht in Betrackit kommt, sogar den zahmen Hirschen nicht. Dieseun- politischen" Leutchen schlugen selbständig, indem sie sich offiziell als liberale Arbeiter" bezeichneten, einen besonderenArbeiter- Kandidaten" in der Person eines Fabrikbesitzers, der seinen" Arbeitern sogar die Ausübung des Koalitionsrechtes ver- bietet, vor. Dieselben Herrschaften erklärten aber in der nationalen" Versammlung, welche die Kandidatenfrage besprach, daß sie für die Sozialdemokratie nicht stimmen könnten, weil bereu letzte Ziele Dummheit seien! Auch im polnischen Lager ging die nationale Harmonie kläglich in die Brüche. Dem westpreuhisch-polnischen Wahlkomitee, in dem Großgrundbesitzer und Geistliche die Majorität chaben, war Brejski zu radikal. Man setzte ihn deshalb überhaupt nicht mehr auf die Kandidatenliste. Erst auf das Drängen seiner Thorner Wähler wurde Brejski wieder in Vorschlag gebracht. Die Sozialdemokratie hat den Wahlkampf bereits energisch aufgenommen. Zu den sächsischen Landtagswahlen» Man schreibt uns aus Sachsen : Der Aufmarsch der bürgerlichen Parteien in der dies- jährigen Landtagswahlbewegung ist etwas Ungewohntes. denn bisher machten Nationallibcrale und Konservative ge- meinsame Sache gegen dengemeinsamen Feind", die Sozial- demokratie, während sie jetzt gegeneinander operieren. Tie Nationalliberalen bilden sich ein, noch einmal eine ausschlag- gebende Stellung im Landtage erringen zu können, deshalb versuchen sie eine Anzahl Mandate mehr zu erringen. Aber unter dem Dreiklassenwahlsystem das den bürgerlichen Parteien diesen häuslichen Streit gestattet, weil es die Sozial- demokratie, die Vertreterin der werktätigen Klassen, von Mandatserfolgen ausschließt hat sich die konservative Herrschaft immer brutaler entfaltet, die mit eisernem Drucke keinen Nebenbuhler aufkommen läßt und den National- liberalen nur eine Statistenrolle im Landtage zuweist. Gegen diese Herrschaft können die Nationalliberalen nicht aufkommen. Sie verfuchen daher auf Umwegen zu er- reichen, was sie sonst nicht zu erlangen wagen, und haben sich in demVerband der Industriellen" eine spezielle Agitations- gruppe geschaffen. Dieser Verband will angeblich eine stärkere Vertretung der Industrie im Landtage erzielen gegen die überwiegende, im umgekehrten Verhältnis zur wirtschaftlichen Lage des Landes stehenden agrarischen Vertretung, zumal in der Ersten Kammer. Da die Industrie in Sachsen über drei Viertel der Bevölkerung beschäftigt, ist es bezeichnend, daß jetzt erst der nationalliberal gesinnte Teil der Industriellen gegen die seit 20 Jahren immer weiter vorgedrungene agrarisch-feudale Politik Front macht. Inzwischen haben sich so viel Industrielle den Konservativen angeschlossen, daß es den Nationalliberalen nie gelingen wird, die Mehrheit der Industriellen auf ihre Seite zu kriegen. Gleichwohl versuchen sie durch den Verband der Industriellen einen Abfall In- dustrieller vom konservativen Lager zu erwirken. Eine Ge- sinnungsänderung erfordert ein derartiger Abfall nicht, denn die Nationalliberalen sind ebenso reaktionär wie die Kon- servativen: der von ihnen mit vollzogene Wahlrechtsraub be- ftätigt dies. Aber dennoch ist ein nennenswerter Abfall von der konservativen Partei nicht zu erwarten, auch das wird be- stätigt durch das Vordringen der konservativ-reaktionären Elemente in den Gemeindevertretungen. Die nationalliberale Taktik zur Erreichung einer ansehnlichen Zahl Mandate wird also ohne Erfolg und die Nationalliberalen werden in der Zweiten Kammer in bedeutungsloser Minderheit bleiben. Indessen halten es die Konservasiven doch für nötig, der nationalliheralen Wahltaktik ein Paroli zu bieten und haben die zünftlerisch-reaktionären Mittelständler gegen sie auf- geboten. Das behagt nun den Nationalliberalen nicht, denn sie hatten es den Freisinnigen zugedacht, daß diese wenigstens in einigen Kreisen einen Teil des kleinen Bürgertums den Konservativen abtrünnig und liberale Stimmung machen sollten. Wie weit das gelingt, kann nicht zweifelhast sein, da das kleine Bürgertum mit entrechtet ist und zur dritten Wählerklasse gehört, die von der Sozialdemo- kratie geführt wird. Ist also auch in dieser Bevölkerungs- schicht nichts mehr für den Liberalismus zu holen, so ist der ganze neue liberale Wahlapparatfür die Katz". Die Sozialdemokratie kann dieser bürgerlichen Katz- balgerei gelassen und mit Schadenfreude zusehen es sind die Wahlrechtsräuber, die miteinander raufen. Und ob die Nationalliberalen oder Konservativen das Volk unterdrücken und ausbeutcln, ist gleich, wenigstens erfordert es keine be- sondere Taktik der Sozialdemokratie im Landtagswahlkanchfe. Nur fällt es ihr noch leichter, die sich befehdenden Volksfeinde dem Volke je in einzelnen Rahmen zu konterfeien. Schön fällt freilich das Bild der feindlichen Kartellbrüder nicht aus; jedem ist das urreaktionäre Gepräge aufgedrückt. Dcutfcbes Reich» Ein Mißperstiindnis? Wir erhalten folgende Zuschrift: Die Redaktion desVorwärts" hat sich in den Nummern vom Freitag, den 25. und Sonnabend, den 26. August an hervorragender Stelle offiziell mit der Fecnpalast-Versammlung des Berliner Gewerkschaftskartells beschäftigt. Nach dem Inhalt und der in den Artikeln enthaltenen Auffassung zu urteilen, kann die Redaktion aber nur durch die knapp bemessene Berichterstattung von den Vorgängen in der Versammlung Kenntnis erhalten haben, weshalb auch die angenommene Resolution eine teilweise ganz falsche Auslegung findet und zu falschen Schlußfolgerungen geführt hat. Die Redaktion desVorwärts" legt auf einzelne in der Berichterstattung enthaltene nebensächliche Kraftworte den Hauptwert, wodurch das sachliche Moment zurücktritt und ziemlich gewagte Schlüsse konstruiert worden sind. Der unter- zeichnete Ausschuß wird deshalb in der nächsten Zeit Gelegen- heit nehmen, um mit den Vorständen und Delegierten der im Kartell vereinigten Gewerkschaften diese falschen Schluß- folgerungen aufzuklären. Der Ausschuß. I. A.: Theodor Fischer . Es sollte uns sehr freuen, wenn die Veranlaffer der Feenpalast-Resolution so schnell zu besserer Einsicht gekommen sind. Sie werden aber dann gut tun, ihren Beschluß vom Mittwoch einer gründlichen Korrektur zu unterziehen. Unser Urteil stützte sich keineswegs auf einige Kraftworte, sondern auf den Wortlaut der Reso- lution. Wollen die Veranstalter zu dieser Resolution jetzt nicht mehr stehen, so wird ihnen nichts weiter übrig bleiben, als diese ausdrücklich zu desavouieren. Wir können aber mit dem Vorwurf nicht zurückhalten, daß die Urheber der Ver- sanimlung und der Resolution ohne die nötige Ueberlegung eine Kundgebung veranstaltet haben, die der Arbeiterbewegung nicht zum Vorteil gereicht._ Aufruf zu den AnSschußwahlcn in Bergvauvetricben. Der Vor- stand des Deutschen Bergarbeiter-Verbandes erläßt einen Aufruf, um die Bergarbeiter für die Abänderung der Arbeitsordnungen und die Ausschußwahlen zu interessieren. Hinsichtlich der Ausschußwahlen heißt eS: Der Herr Minister Möller erklärte im Herrenhaufe, daß Krank- heit nicht als Unterbrechung gelte, aber daß derjenige die Arbeit unterbrochen habe, der beim Streik kontraktbrüchig geworden und aus der Belegschaftsliste gestrichen sei. Demnach könnten alle die- jenigen, welche beim Streik aus der jBelegschaftsliste gestrichen ivaren. weder wählen noch gewählt werden. Folglich könnten in Streikgcbieten nur Streikbrecher wählen und gewählt werden. Ein Schauspiel für Götter. Das ist dieselbe Regierung, die beim Streik angeblich den Arbeitern helfen wollte, das haben dieselben Parteien beschlossen(Zentrum, Freisinn und Christlich-Sozialen), die sich so arbeiterfreundlich ausspielten. Hält man an der Interpretation des Ministers fest, so ist eiu Gesetz für Streikbrecher g�choss-it,«der keine Reform für orga-isierte Arbeiter. Die Regierung und die Parteien, welche dem Gesetze zustimmten, sind verantwortlich für die Folgen. Nun, es sind ja schon Zentrums« stimmen laut geworden, die eine andere Auslegung hineinlegen wollen. Will man die Bergarbeiter damit einlullen oder ist eine andre Interpretation in Aussicht gestellt? Die nächsten Wochen werden Klarheit bringen miiffen. Auf alle Fälle tun wir gut, unS auf alles vorzubereiten. Suchen wir uns also auch in den Streikgebieten geeignete organisierte Kameraden als Kandidaten aus, damit wir, wenn je was wir allerdings nicht hoffen auch Streiker wählen und gewählt werden, nicht überrumpelt werden können. Auf. Kameraden, sucht nach geeigneten Kandidaten, organisiert und agitiert nach Kräften, damit unser Verband als Sieger auch aus dieser Wahl hervorgeht. Die Proportionalwahl(Verhältniswahl) ist zulässig. Man achte also ja darauf, daß dies in allen Arbeitsordnungen ver- merkt wird. Denn, wenn versucht werden sollte, die Verhältniswahl nur auf den Werken einzuführen, wo die anderen Gewerkvereine in der Minderheit sind wie das der Abgeordnete Professor Hitze im Bergknappen" andeutete so müssen wir einem solchen unehrlichen Verfahren den entschiedensten Widerstand entgegensetzen. Wir sind für Verhältniswahl, aber sie muß obligatorisch eingeführt fein. Wenn man ste nur auf den Werken einrührt, wo unsere Ver- bandsmitglieder in der Majorität sind, so will man uns betrügen, was wir mit aller Kraft abwehren werden. Der sozialdemokratische Borstandsbericht beschäftigt die bürgerliche Presse allgemein, ohne daß etwas dabei herauskäme als der schlecht verhehlte Respekt vor den imposanten Zahlen der organisatorischen Großmacht. Alle unsere Ideale flößen diesen kapitalistischen Gehirnen nicht so viel Achtung ein, wie die Thatsache, daß das deuffche Proletariat im letzten Geschäftsjahre mit den Sammlungen für Einzelzwecke an den Parteivorstand mehr als eine Million Mark übermittelt hat. Das Höchste an genialer Kritik leistet natürlich das Bülow- Blatt, dieNordd. Allgem. Ztg.". Sie entringt sich einen wahrhast königlichen Gedanken, dazu einen Jubiläumsgedanken: die Sozial- demokratie hatte krampfhaft an dem alten Verhetzungsprinzip fest. obgleich es sichtlich den Höhepunkt seiner unheilvollen Werbekrast überschritten hat". Der Gedanke setzt bereits Moos an. Er ist nämlich genau so alt als die Sozialdemokratie, die in der Tat seit Jahrzehnten immer wieder ihren Höhepunkt überschritten hat, das heißt: den Höhepunkt der Vorjahre. Ein Opfer der Afrikafahrt. Der Wörmannlinie ist folgendes Telegramm zugegangen: Der PostdampferEleonore Wörmann", mit den Mitgliedern derkolonialen Studiengesellschast" an Bord, ist gestern in Lome (Togoland) eingetroffen. Am 24. August ist Reichstags -Abgeordneter Fries aus Marksuhl am Ge- Hirnschlage infolge Arterienverkalkung g e st o r b e n. Das Bureau dieser Kolonialinteressentcn, das doch das Geld für dieStudienfahrt" nur hergegeben hat, um Begeisterung für die Kolonialpolitik zu wecken, fügt aus Anlaß des deprimierenden Zwischenfalles ängstlich hinzu, daßbei dem bisher� andauernd kühlen Wetter jeder klimatische Einfluß" ausgeschlossen sei. Fries vertrat(als Nationalliberaler den Wahlkreis Eisen ach, einen jener Wahlkreise, den der Freisinn an die Zollwucherer aus« geliefert hat. FrieS wurde 1003 in der Stichwahl mV 8560 gegen 7835 sozialdemokratische Stimmen gewählt. In der Hauptwahl fielen auf die Sozialdemokraten 6018, die Nationalliberalen 3585, die Antisemiten(Reformpartei) 2145, die Freisinnigen 2043 und auf das Zentrum 1313 Stimmen. Unsere Genossen werden unverzüglich mit aller Kraft in den Wahlkampf eintreten. Goethe und die Hcinzemänncr. In den vor kurzem erschienenen Goethes Unterhaltungen mit Friedrich Soret" berichtet unter dem 15. Sept. 1827, daß Goethevortreffliche Bemerkungen über die Prüderie der Geistlichen niachte... Diese guten Leute bringen am Gürtel einer Venus ein Feigenblatt oft nur deshalb an, um einen geeigneten Vorwand zur genaueren Betrachtung zu haben." Schrecklich, daß eine deutsche Ministerexellenz eine so bösartige Verleumdung der frommen Herren aussprechen konnte, und daß der Prinzenerzieher Soret sie ungeniert der Nachwelt übermiltelt, er, der sich in seinen Mitteilungen... von den zartesten Rücksichten hat leiten lassen, wie er sie in all seinen Lebensverhältnissen in meisterlicher Weise zu üben verstand". So das Urteil des Herausgebers Burk » Hardt, Großherzoglich sächsischer Archivdirektor, Geheimer Hofrat . Sollten am Ende alle diese Größen gar nicht daran gedacht haben, daß es sich hier um eine Verleumdung handelt? Steckbrief gegen einen Abgeordneten. Die Graudenzer Staatsanwaltschaft hat gegen den Reichstagsabgeordneten Viktor Kulerski, zuletzt in Berlin , früher in Graudenz wohn- Haft, die Untersuchungshaft wegen Aufreizung zu Gewalt« tätigkeiten verhängt und einen Steckbrief gegen ihn erlassen. Kulerski hat Graudenz und Berlin vor mehreren Wochen verlassen, hat sich kurze Zeit in Bern aufgehalten und ist dann spurlos verschwunden.(?) Auf Beschluß des Landgerichts wurde das im Deutschen Reiche befindliche Vermögen des An- klagten mit Beschlag belegt. Daß man den Abgeordneten in Untersuchungshaft sperren lvill, ist ein durch nichts zu rechtfertigender Versuch. Daß Herr Kulerski sich nicht auf staatsanwaltliche Einladungen hin zwecklos in Untersuchungshast zwingen lassen will, um dann nach monatelanger Pein schließlich vor Gericht die Haltlosigkeit der staatsanwaltlichen Meinungen nachzuweisen, wird man am Ende be- greiflich finden. So viel Achtung sollte auch ein Ostmarken-Staats- anwalt vor der Würde des Parlaments haben, daß Abgeordnet? nicht fluchtverdächtig sind. Am Tage der Verhandlung wird Kulerski, wie wir annehmen, schon zur Stelle sein I Deutschtum ist Freiheit. Vor dem Landgericht Kempten hatte sich der Schmied Ernst Wilhelm Großer von Laubegast bei Dresden wegen Beleidigung des deutschen Kaisers zu verantworten. Er sollte wegen Landstreicherei verhaftet werden und auch mit Aus- Weisung hatte man ihm gedroht. Dies hatte den Mann ge- ärgert, weil er sich zu unrecht so behandelt sah, zudem er auch Geld bei sich hatte. Da soll er im Unmut den Kaiser beleidigt haben. Der Angeklagte bestritt die Absicht, den Kaiser haben be- leidigen zu wollen. Der Staatsanwalt beantragte sechs Monate Gefängnis. Der Angeklagte bemerkte darauf als letztes Wort, daS Gericht möge sich doch in die Lage eines älteren arbeitslosen Arbeiters ver- setzen, der von Scholle zu Scholle getrieben wird und Arbeit haben möchte, statt eine solche zu erhalten, werde er aber so behandelt, da könne man schon einmal etwas sagen, was aber bei weitem nicht so schlimm gemeint gewesen sei, und man möge das gesetzliche Mindest- maß in Anrechnung bringen, wenn er schuldig gesprochen werden lallte. Das Gericht vemrteilte den Mann zu vier Monate« Ge- sängnis. Das Gericht hat sich also nicht in die Lage des Armen hinein- versetzt, es erkannte, daß man nur eine Freiheit in Deutschland habe, zu hungern._ Seemannsleiden für verweigerte Russendienste. Bor der Strafiammer IV des Landgerichts zu Hamburg iand beinahe die ganze Schiffsbesatzung von dem zur Reederei von M. Jebsen-Haniburg gehörenden DampferHanna", angeklagt der Meuterei. Die Leute, 13 an der Zahl, darunter 15 Skandinavier, befinden sich seit 72 Tagen in Untersuchungshaft. Am 15. Februar 1305 musterten die Angeklagten auf dem deutschen Generalkonsulat in London für den genannten Dampfer an für eine Reise von London über Chardiff nach China und wieder zurück nach einem nordeuropäischen Hafen. Entgegen der Ver- einbarung ging das Schiff, daS angeblich nur Kohlen, Proviant und Maschinenöl geladen hatte, direkt nach Algier und über Port