Nach all diesen Dingen kann eS bei den nächsten Prozessen interessant werden.—_ Preußische TchulzustSnde. Weder einmal kommen durch die„Preußische Lehrerztg.' Zahlen Kber die Frequenz preußischer Volksschulen und den Mangel an Lehrern an die Oeffentlichkeit, die einfach unglaublich wären, wenn man nicht im.Lande der Schulen* eben an diese Ungeheuerlichkeiten gewöhnt wäre. Aus dem Landkreise Oppeln z. B. werden folgende Angaben gemacht: In Krascheow haben zwei Lehrer 282 Kinder, in Bogutschütz zwei Lehrer 246 Kinder, in Scepanowitz zwei Lehrer 230, in Schodnia zwei Lehrer 235, in Straduna zwei Lehrer 230, in Kosiorowitz ein Lehrer 148, in Hirschfelde ein Lehrer 139, in Eeorgenwerk ein Lehrer 130 Kinder zu unterrichten. Luch in manchen Teilen Brandenburgs leiden die Klassen an Ueberfiillung. Besonders schlimm steht es stellenweise in der Neumark, wo in manchen Schulen weit über 100 Kinder auf eine Lehrkraft entfallen. In Pyrehne z. B. war seit Herbst 1905 die zweite Stelle unbesetzt und es mußten 160 Kinder von einem Lehrer unterrichtet werden. Unter-Germin hat seit 1. Januar für ebenfalls 160 Kinder nur eine Lehrkraft. In Staffelde werden 263 Kinder in vier Klassen seit 1. Juli 1905 von zwei Lehrern unterrichtet usw. Im Regierungsbezirk Merseburg sind zurzeit 64 Lehrer- stellen zu besetzen. Noch schlimmer ist es in anderen Regierungsbezirken. Das sind Schulzustände, die jedem pädagogischen Ziele ohne weiteres einen unüberlvindlichen Damm vorsetzen. Es sind Zustände, die in jedem Lande, das nur ein wenig auf die Heranbildung seiner Jugend hält, zu einem öffentlichen Alarm rufen müßten. In Preußen aber schweigt fast die ganze Preffe und das Dreiklasienparlament sinnt statt auf Abhülfe für diese tollen Zustände auf neue und andere Einengungen der Erziehung in den Volksschulen. — Vom Dr. Seitz, dem vermutlichen Nachfolger deS Paßfälschers Puttkamer, bringt auch die„Franks. Ztg.* eine niedliche Geschichte ans Licht. Sie erinnert, daß der zc. Seitz schon einmal seinen kongenialen Freund Puttkamer in KameruO vertreten habe und während dieser Zeit auch die Freundschaft des Großhäuptlings Fred Mokuri gewonnen habe.„Die Freundschaft nahm aber eines Tages ein plötzliches Ende, berichtet das genannte Blatt, weil Dr. Seitz von dem Oberhäuptling Fred Moftiri dessen schönste Frau— vermutlich zur Wirtschaftsführung— verlangt hatte, dieser Wunsch ihm aber recht deutlich abgeschlagen wurde.* Demgegenüber will uns der biedere Puttkamer nach dieser Seite hin, was die„Wirtschaftsführung" betrifft, noch vorteilhafter er- scheinen. Dieser hatte sich zur„Wirtschaftsführung* wenigstens eine gleichrassige Gefährtin mitgenommen und ohne amtlichen Zwang, wenn auch mit gefälschtem Paß als„Coufine*. Herr Seitz aber wollte sich unter Ausnutzung seiner amtlichen Stellung die fremdrassige Frau eines Oberhäuptlings verschaffen.— Christliche Wegelagerer und Raufbolde. Am Sonnabend hat in Köln eine vom„christlichen" Holzarbeiterverbande einberufene öffentliche Versammlung stattgefunden, zu der„alle Kollegen" ein- geladen waren. Infolgedessen hatten fich neben mehreren Hundert Zentruuschristen auch eine erhebliche Anzahl Mitglieder des Deutschen Holzarbeiterverbandes eingefunden. Nachdem der Referent eine Zeitlang sachlich gesprochen hatte, ging er zu den gehässigsten An- griffen und Verleumdungen auf die freien Gewerkschaften über. Das hatte naturgemäß Zwischenrufe zur Folge, und es kam zu erregten Diskussionen an den einzelnen Tischen zwischen den Mrt - gliedern der beiden Richtungen. Wegen der großen Unruhe mußte die Versammlung auf kurze Zeit vertagt werden. Daß aber nicht etwa die Mitglieder des Deutschen Holzarbeiterverbandes die Ursache des RadauS waren, mag man daran erkennen, daß die „Christen" sich zu den Tischen der Gegner begaben und diese schreiend zu„belehren* suchten. Als der Vorsitzende einen Haupt- skandalmachcr hinausweisen wollte, wurde ihm zugeraunt:„ D a S ist ja einer von unseren Leuten!" Als schließlich die Versammlung fortgesetzt wurde, kam es infolge der Gehässigkeit des christlichen Referenten zu erneuter Unruhe, und man mußte die Ver- sammlung, die übrigens nicht polizeilich überwacht war sdieses Vor- recht genießen in Köln die freien Gewerkschaften!) schließen. Schon während der bisher gepflogenen Auseinandersetzungen wollten wiederholt einzelne Zentrumschristen zu Tätlichkeiten übergehen. Jedoch gelang es den Be- drohten, Friesen zu stiften. Auch als ein Christlicher ein Mitglied des Holzar b'eiterverbandeS schlug, ließen besten Kollegen fich nicht provozieren. Als aber die meisten Mitglieder des Holzarbeiterverbandes den Saal ver- lasten hatten, da fielen die„Christen* haufenweise über die ein ze lnen noch im Saale weilenden Gegner her. um sie mit allen möglichen Instrumenten: Stöcken, Biergläsern, Stühlen, vereinzelt auch mit Hausschlüsseln, Messern und Schlagringen zu mißhandeln. Es war ein geplanter Ueberfall auf die Mitglieder deS Holzarbeiterverbandes, auf deren Erscheinen man gerechnet hatte. Weitaus die meisten Zentrumschristen waren mit Stöcken in die Ver- sammlung gekommen, was in früheren werktäglichen Ver- sammlungen der Christlichen nie beobachtet worden ist. Einein der Helden wurde von einem der später erscheinenden Polizei- beamten ein Stockdegen konfisziert. Ein anderer Christ- licher in Lodenjoppe und Federhütl glaubte offenbar, aus seinem oberbayerischen Tanzboden zu sein; er schlug mit einem sogenannten Knicker wie wild drein und brachte dabei auch einem christlichen Mitbruder drei Messerstiche von hinten bei. Am schlimmsten wurde ein Mitglied des Deutschen Holzarbeiterverbandes zugerichtet. daS zur Geschäftsordnung gesprochen und den christlichen Referenten zum Anstand ermahnt hatte. Auf diesen einzelnen Mann stürmten etwa fünfzehn Christen ein, schlugen ihn mit Stöcken, Haus- schlüsseln, einem Schlagring, mit Stühlen usw. und bewarfen ihn mit Biergläsern. Ein im Raufen sehr erprobter Christ versuchte gar, ihm einen Rohrstuhl über den Kopf zu stülpen, ober der Rohrsitz gab nicht nach. Nachher warf dieser Christ mit Gläsern und Stühlen in einer Entfernung von etwa acht Metern auf die Kämpsenden, einerlei, ob er Freund oder Feind traf. Es wurden von den Christen diele Tische umgestürzt, mehr als hundert Biergläser zerschlagen, zahlreiche Scheiben und Stühle zerbrochen. Draußen hörte man, wie sich die fanatischen Zenttümler rühmten, dem oder jenem es„aber gegeben" zu haben. In einer Gruppe von zehn Personen, die sich zum Hause des katholischen Ge- sellenvereins begaben, sagte einer im bayerischen Dialekt: Da hätte man den Dolch bei sich haben müsscnl DaS schönste bei der ganzen Sache ist. daß die Leiter des christ- lichen Verbandes sofort einen Bericht in die Zentrums- presse gebracht haben, der in bodenloser Frech- heit und Niedertracht die völlig wehrlos erschienenen Mitglieder des Deutschen Holz- arbeiterverbandeS als die Angreifer und die Schuldigen hinstellt. Die Kölner Streilbrechersippe sucht ihre Schandtaten aus der Zeit des unvergeßlichen Holzarbeiterstreiks noch zu überbieten.— Die Vierverteuerung. Aus Essen a. d. R. wird vom 20. Juni gemeldet: Der hier tagende 33. Deutsche Gast Wirtstag nahm folgende Resolution an: Der GastwirtStag in Essen erklärt, daß es dem Deutschen Gastwirtschastsverbande nicht möglich sei. die Erhöhung der Brausteuer und die damit seitens der Brauereivereinigungen be- absichtigte Erhöhung der Bierpreise ohne Erhöhung deS Verlaufs- Preises de« Bieres oder Verkleinerung der Gläser zu tragen.— Von den Folgen des Zigarettensteuergesetzes. Einhundertundzwei undvierzig deutsche Zigarettenfirmen schloffen in einer Versammlung in Dresden eine Konvention zur Abwälzung der Vanderolensteuer auf die R a u ch e r— was vorausgesehen wurde.— Reeder-Noblesse. Vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht hat sich dieser Tage ein Prozeß abgespielt, der auf die Noblesse der Hamburger Reederei und der Hamburg-Amerika-Linie ein be- zeichnendes Licht wirst. Während diese Reedereien enorme Profite aus dem russisch-japanischen Kriege gezogen haben, indem sie den kriegführenden Mächten direkt Kriegskonterbande zuführten oder ihre Schiffe dazu vercharterten, sind die Mannschaften dieser Fahrzeuge in fast allen Fällen mit den gewöhnlichen Löhnen abgespeist worden, obwohl sie sich ständig in Lebensgefahr befanden. Ein Heizer P. von dem Schiffe„Woglinde", das von der Amerika-Linie gechartert war, um den russischen Kriegsschiffen Kohlen zuzuführen, hatte die Reederei auf doppelte Heuer verklagt unter Hin- weis auf die erhöhte Lebensgefahr, in die er durch die Reise nach den: Kriegsschauplatz geraten sei. Bei solchen Fällen sei es Usance, daß die Mannschaft gegen eine doppelte Heuer angemustert werde, oder, wenn ihr. wie in diesem Falle, das Ziel der Reise verschwiegen worden sei, werde ihr für die Zeit, in der sich das Schiff im Kriegsgebiet aufhalte, eine Entschädigung durch Zahlung einer doppelten Heuer gegeben. Während Kapitän und Offizieren die doppelte Heuer gewährt wurde, sei sre der Mannschaft abgeschlagen worden. DaS Schiff ist bis Saigon in Hinterindien gefahren und hat unterwegs an den Hülfskreuzer„Dunn* 500 Tonnen und an andere Schiffe der russischen Kriegsverwaltung 2000 Tonnen Kohlen abgegeben. Die Zivilkammer IV des Hamburger Landgerichts für Handels- fachen wies die Klage kostenpflichtig ab, weil die Voraus- setzungen zur Anwendung der supponierten Usance— Auf- enthalt im Kriegsgebiet— fehlten. Die vom Kläger eingelegte Berufung wurde vom hanseatischen Oberlandesgericht verworfen, aber aus entgegengesetzten Gründen: Kriegsgefahr habe vor- gelegen, aber die Usance fehle. Der Umstand, daß die Mannschaft ohne ihr Wissen und wider ihren Willen in Kriegsgefahr gebracht wurde, konnte sie höchstens berechtigen, ihre Entlastung zu fordern, niemals aber eine die vertraglichen Festsetzungen um das Doppelte übersteigende Heuer zu beanspruchen. sHätten die Leute ihre Entlastung verlangt und hätten sie darauf gemeinsam bestanden, so wären sie vielleicht später von einem Hamburger Straf- gericht wegen Meuterei oder wegen einer anderen Bestimmung der famosen Seemannsordnung verurteilt worden, wobei dann wohl noch als straferschwerend die gefährdete Lage des Schiffes in Be- ttacht gezogen worden wäre.) Das Gericht verneinte die Usance, weil eine geringe Zahl von Präzedenzfällen vorliege, als daß ein Handelsgewohnheitsrecht daraus hergeleitet werden könne. Die Reederei schämt sich nicht, der Mannschaft, gestützt auf das fonnale Recht, eine Entschädigung für die lebensgefährliche Arbeit zu verweigern, obgleich sie durch die Zahlung einer Extravergütung an den Kapitän und die Offiziere anerkannt hat, daß die Arbeit außergewöhnlichen Charakter trug. Aber was kümmern die Reederei moralffche Verpflichtungen gegen gewöhnliche Arbeiter I Man braucht sie doch nicht etlva wie Kapitäne und Offiziere zu behandeln l— Chronik der Majestätsbeleidigungen. Die 25 Jahre alte Tag- löhnersfrau Magdalena Blattl von Neuburg wurde wegen Forstfrevels zu 18 M. Geldstrafe eventuell neun Tagen Haft ver- urteilt. Da sie einen kranken Mann und mehrere kleine Kinder zu besorgen hat, konnte sie weder die Geldstrafe bezahlen, noch die Haftstrafe verbüßen. AlS sie am 7. April von einem Gendarmen zur Verbüßung der Strafe abgeholt wurde. tat sie in ihrer Erregung eine despektierliche Aeußerung über den Prinzregenten von Bayern . Das Landgericht München II verurteilte die Frau wegen Beleidigung des Landesherrn zu einem Monat G efängnisi— Hiisland. Oesterreich. Auch-Protest. Im Wahlreform-Ausschuß protestierte der Alldeutsche Mali! am Dienstag auf daS entschiedenste gegen den„TerroriSmus* der Sozialdemokraten, gegen die„Beschimpfungen" der Ausschußmitglieder, insbesondere in den letzten sozialdemokratischen Massenversammlungen, und beanttagt, mit dem Beginn deS angekündigten MastenauSstandeS die Arbeiten deS Ausschusses auf 14 Tage zu suspendieren. Mehrere Redner verurteilen gleichfalls den„TerroriSmuS" der Sozialdemokraten, sprechen sich jedoch gegen den Antrag Malik aus. — Ministerpräsident Frhr. v. Beck erklärte, die Regierung werde die gesetzlich gewährleisteten Rechte der freien Meinungsäußerung durch- aus achten: er bedauere den in den jüngsten Versammlungen wahr- genommenen drohenden Charakter gegenüber den Abgeordneten. Die Wahlreformfreunde könnten wohl mit dem bereit» gekennzeichneten, jeden Zweifel ausschließenden Stand- punkt der Regierung hinsichtlich der Wahlreform zufrieden sein. Die Regierung werde mit den ihr zu Gebote stehenden Mitteln den Ge- setzen Achtung zu verschaffen verstehen. Nach Ablehnung des Antrages Malik setzte der Ausschuß die Be- ratung der Wahlkreiseinteilung in Steiermark fort. Wir meinen, unsere österreichischen Genossen werden über jenen Protest der Malik und Kompagnie lächelnd zur Tagesordnung über- gehen und sich auch durch Herrn v. Becks Ausführungen in ihrem zielklaren Handeln nicht beirren lassen. Es wäre auch noch schöner, wenn die k. k. österreichische Diplomaten- und Bureaukratenschnecke dem feurig vorwärtsstrebenden Roste der wahlreformheischenden Arbeiter das Tempo angeben dürste l- Frankreich . Die Pariser ZukunftsstaatSdebattr. Paris , 19. Juni. (Eig. Ber.) Die Deputtertcnkammer hat jetzt große Tage. Die Auseinandersetzung zwischen den Sozialisten und den Radikalen ruft die stärksten Kräfte der Parteim auf den Plan. Gestern hat Clömenceau seine mit Spannung erwartete Erwiderung auf JauröS' große Rede begonnen. Wollte man der bürgerlichen Presse glauben, so müßte man den Sozialismus schon nach diesem Bruchstück für mausetot halten. Der radikale Minister hat gestern große Eroberungen gemacht. Der monarchistische„GauloiS" ist ganz entzückt von ihm. Zweifellos macht Herr Clömenceau als GesellschastSretter eine bessere Figur als der edle Biötry. und wenn sich auch, sobald er auf daS soziale Problem zu sprechen kommt, daS Unvermögen dieses Vulgärdemokraten zeigt, daS Wesen gesellschast- licher Revolutionen zu begreifen, so bleibt eS doch immer amüsant und fesselnd durch flinken Witz und unbeschwertes Spiel des Geistes. Die Sitzung wurde mit einer Jnterpellatton des Genosten B a s l h eingeleitet, der»ach einer klaren Darlegung der Ursachen des Streiks im Norden und der ungesetzlichen Prakttken der Unter- nehmer in den Kohlenrevieren die Regierung wegen des parteiischen und gewalttätigen Vorgehens gegen die streikenden Arbeiter zur Verantwortung zog. Er legte die Photo- graphie eines Arbeiters vor, der von den Gendarmen schwer mißhandelt worden ist. nachdem ihm die Kleider vom Leibe gerissen worden waren. Dabei hatte- der Mann nicht das geringste getan und mußte am nächsten Tage steigelassen werden. Zum Schluß legte der Redner die Schuld der Gesellschaft von CourriöreS an der Katasttophe an der Hqnd eines umfangreichen und beweis- kräftigen Materials dar und zeigte, daß die einzige Lösung in der Zurückziehung der Bergwerkskonzessionen liegt. Dem sozialistischen Sprecher der Bergarbeiter folgte vaillant mit eiser ausgezeichnete» Rede, die das van Jamis vorgebrachte statistische Material über die Entwickelungstendenzen des Kapitalismus mit überzeugenden Daten ergänzte. Die Konzentration des Kapitals macht auch in Frankreich große Fortschritte: Von 1896 bis 1901 ist daS Verhältnis der Arbeiterbevölkerung zur Gesamtbevölkerung von 49,03 auf 50,6 Prozent gestiegen. In allen Industrien hat sich die Zahl der Großbetriebe stark vermehrt, stärker als die der mittleren. Die Zahl der Unternehmungen. die über 5000 Arbeiter beschäfttgen, ist um 50 Proz., die der Unter« nehmungen über 500 nur um 20 Proz. gestiegen. Vaillant zeigte, daß in der Landwirtschaft die kleinen Eigentümer in eine stärkere Abhängigkeit geraten. DaS landwirtschaftliche Proletariat nehmp immer zu. Die Zunahme der Einlagen in den Sparkassen beweiss nichts. Auch sie wirke in letzter Linie im Sinne der Kapitals- konzentration, und so führe die Gewalt der Tatsachen selbst uns dem Sozialismus entgegen. Aber der menschliche Wille werde, kund- gegeben in der Bewegung des organisierten Proletariats, diese un» aufhaltsame EntWickelung beschleunigen.— DreyfuS. Pari», 20. Juni. (3B. T. B.) In der heutigen Verhandlung des Kassationshofes über die Dreyfus-Angelegenheit fuhr der Be- richterstatter Moras in der Verlesung seines Berichtes fort und legte dar, daß keinerlei Anzeichen dafür vorhanden seien, daß die den Hauptpunkt des BordereauS bildende Note über die Deckungstruppen DreyfuS zur Last zu legen fei. Italien . Sine Bedrohung des italienischen AsylrechtS? Rom , 17. Juni. lEia. Ber.) Bekanntlich hat daS italienische Volk bisher mit großer Energie sein verfassungsmäßiges Recht geschützt, politisch verfolgten AuS« ländern ein Asyl zu gewähren. Mitglieder der französischen Kommune, russische Flüchtlinge, Deserteure aller Länder haben selbst in den Zeiten schwärzester Reaktion unangefochten in Italien leben können. Die drohende Auslieferung deS Russen Götz rief vor drei Jahren eine wahre Volksbewegung im Lande hervor. Als Abschiedsgeschenk hat nun das Ministerium S o n n i n o kurz vor seinem Rückttitt dem Senat einen Gesetzentwurf»gegen die militärische Spionage" vorgelegt, der— wie uns scheint— ein vorzügliches Werkzeug gegen Asyl suchende Ausländer liefern könnte. In dem Entwurf, den die Presse mit unverdientem Schweigen übergangen hat, findet sich nämlich ein Artikel gegen die „ausländischen Deserteure und verdächtigen Ausländer", der diesen den Aufenthalt in gewissen Gemeinden und Provinzen untersagt, die die Militärbehörden im Einklang mit der Polizei festsetzen. Der Deserteur kann auch einen bestimmten Aufenthaltsort wählen, den er dann aber nicht ohne polizeiliche Erlaubnis verlassen darf! Ferner soll er sich in gegebenen Zwischenräumen der Polizei vor- stellen und muß beständig eine JdenttfizierungSkarte bei sich tragen. — Falls er diesen Bestimmungen entgegen handelt, kann er mit Gefängnisstrafe bis zu drei Monaten und mit Ausweisung aus dem italienischen Staatsgebiete bestraft werden! DaS sieht verwünscht nach einer Handhabe aus, die weniger m i l i» t ä r i s ch e Spionage bekämpft als polizeilicher Spionage Vorschub leistet. Daß die Furcht vor Spionen ein Steckenpferd der Behörden ist, ist sattsam bekannt. Alljährlich fallen ihr viele Opfer, obwohl es sich in 99 von 100 Fällen um Dokumente und Karten handelt, die längst in den Generalstabsarchiven jeder ausländischen Macht zu finden und— wie im Falle Ercolessi— überhaupt jedem zugänglich sind. In dem erwähnten Gesetzentwurfe nimmt diese Spionenfurcht nicht nur die polizeilich-praktische Form der Begünstigung der Fremdenhetze an, sondern gebiert auch geradezu groteske Matz- nahmen. DaS Gesetz will nämlich da« Recht, Brieftauben zu halten, von einer Erlaubnis des Präfektm abhängig machen 1 1 Wer Brieftauben empfängt, muß sie binnen zwei Tagen dem Bürger- meister des Ortes anmelden I' Die Einfuhr ausländischer Brief- tauben untersteht besonderer Ueberwachung. Durch königliches Dekret kann diese Einfuhr ganz verboten werden. Alljährlich hat jede Gemeinde die Zählung der Brieftauben vorzunehmen. Die Re- gierung kann sämtliche Brieftauben im Staate einziehen lasten. Wer sie in diesen weisen Verrichtungen stört oder hindert, hat Gefängnis bis zu sechs Monaten und Geldstrafe bis zu 1000 Lire zu gewärtigen. So herzlich dumm die behördliche Taubenüberwachung ist, so kann sie einen doch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Para- graphen über die Ausländerüberwachung— verwünscht gescheit sind und ein Recht antasten, über das mit Eifer zu wachen Ehrenpflicht des italienischen Proletariats ist.— Norwegen . StorthingSschluß. Das Storthing, das vom Jahre 1903 bis jetzt die Geschicke be» Lande» leitete, hat am Sonnabend seine letzte Sitzung abgehalten. Das letzte aus indirekten Wahlen hervorgegangene Storthing hat damit seine Tätigkeit beendet. Von jetzt ab werden die Wähler ihre Abgardneten direkt wählen; außerdem ist eine Verbesserung der WahlkreiSeinteilung durchgeführt. Abgesehen von der Ver- änderung der Parteiverhältnisse im Lande und dem Fortschritt der sozialdemokratischen Aufklärung, wird das neue Storthing schon durch die Verbesserung des Wahlgesetzes eine andere Zusammen, setzung erhalten als sein Vorgänger. Die Mehrheit des alten Storthing» hat bis zuletzt auch in kleinen Dinge ihre Macht ausgenützt. Es galt z. B. ein„Voll» machtskomitee" zu wählen, das die Aufgabe hat, die Abgeordneten» Mandate des nächsten Storthings zu prüfen. Hierzu wurden nur Mitglieder der Regierungsparteien gewählt, obwohl Genosse E r i k s e n dringend ersuchte, wenn nicht einen Sozialdemokraten. so doch einen anderen Mann der entschiedenen Opposition, etwa den Radikalen Castberg, zu wählen. Dieser erhielt nur 30 Stimmen, Eriksen selbst nur vier, die Regierungstreuen aber wurden mit 86 bis 94 Stimmen gewählt. Das verflossene Storthing hat bekanntlich eine Art„Be» freiungswerT des Vaterlandes durchgeführt, gleich darauf aber dem Lande einen neuen König verschafft. Diese Ereignisse lenkten plötzlich die Augen der ganzen Welt auf das sonst so wenig oder gar nicht beachtete Norwegen . Spaltenlang wurde über die Ver- Handlungen des Storthings und die Taten semer NegierungSmänner berichtet. Aber bis in alle Einzelheiten»st selbst daS norwegische Volk noch nicht über diese Vorgänge aufgeklärt. Ein wenig mehr Licht darüber wird vielleicht infolge eine» Beschlusses verbreitet werden, den da» Storthing in seiner vorletzten Sitzung mit 60 gegen 43 Stimmen faßte. Danach sollen die Protokolle des Gpezial- komitees, das in geheimen Sitzungen über die UnionSfraae zu be. raten hatte, veröffentlicht werden, soweit dadurch nicht öffentliche Interessen geschädigt werden. Unerledigt blieben im Storthing Anträge unserer Genossen zur Revision der Verfassung zwecks Einführung der Volks- abstimmung über Gesetzentwürfe, die vom Storthing angenommen oder abgelehnt sind, oder über Anträge, im Falle, daß mindestens 20 000 wahlberechtigte Bürger eine solche Abstimmung verlangen. Ebenso blieb ein Antrag auf Einführung deS staatsbürgerlichen Frauenwahlrechts unerledigt. Hoffentlich wird das nächste Storthing derartigen wichtigen Reformvorschlägen etwas mehr Verständnis entgegenbringen. Die Regierung ist sehr zeitig auf dem Plan. Sie veröffentlicht soeben einen von sämtlichen Mitgliedern des Kabinetts unter- zeichneten Wahlaufruf an das norwegische Volk, der daS Programm der Regierung enthält. Cr besagt unter anderem:„In den Be- Ziehungen zum Auslände soll an strenger Neutralität und der Schiedsgerichtspolitik festgehalten und auf der Grundlage der Un« abhängigkeitserklärung und des Karlstader Abkommens ein fried» liches, vertrauensvolles Verhältnis zu Schweden bewahrt und weiter entwickelt werden. In der Staats- und Konimunalpolitik soll eine vorsichtige und nüchterne Finanzverwaltung Platz greifen. Die groben Sienerlasteo sollen weiter möglichst erleichtert werden.
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