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Nr. 156. 23. Jahrgang.

1. Beilage des Vorwärts " Berliner Volksblatt.

Parteivorstand und Massenstreik.

Auch das Hamburger Echo" nimmt zu der Frage jekt in einem 6 Spalten langen Artikel Stellung. Wir geben die markantesten Gefichtspunkte hiermit wieder: " Keine Kunst der Dialektik wird den Unbefangenen darüber Hinwegtäuschen können, daß die Resolutionen von Köln und die bon Jena nach ihrem Sinne in diametralem Gegensatz stehen. Wortlaubereien und Auslegungen nühen hier nichts. Während die Vertreter der Gewerkschaften in Köln sogar vor der Proga­gierung des politischen Massenstreits warnten, erklärten die Ver­treter der sozialdemokratischen Partei den politischen Massenstreit als eines der wichtigsten Stampfmittel. Ein solcher Gegensatz läßt fich nicht überkleistern, der muß zum Austrag gebracht werden. Daß dieser Austrag in Loyalität und in kameradschaftlicher parteigenössischer Weise erfolgt, das sollte innerhalb der Ar­beiterbewegung selbstverständlich sein. Weiter aber sollte der Austrag eines nun einmal vorhandenen Gegensabes gründlich und vor dem Forum aller Parteigenossen, d. H. in der Oeffentlichkeit erfolgen...."

Nachdem dann das Hamburger Echo" die Widersprüche in den Erklärungen von Parteivorstand und Generalfommission erörtert, fährt es fort:

" Es muß etwas nicht stimmen! Das ist das allge­meine Gefühl. Bittere Worte kann man von den Parteigenossen hören, und was verschiedene Parteiorgane sagen, das ist nur ein schwacher Ausdruck des allgemeinen Unbehagens. In der Tat stimmt es nicht, und es nüßte nichts, son­dern würde nur das Uebel verschlimmern, wollte man den Mantel der Nächstenliebe über ein unerfreuliches Symptom der Unstim­migkeit" decken. Aus den Erklärungen und Gegenerklärungen muß man, wenn es auch nicht flipp und klar in deutlichen Worten gefagt ist, schließen, daß die Generalfommission und mit ihr die große Mehrheit der Gewerkschaftsleiter gemäß dem Kölner Beschluß von der Propagierung des politischen Massenstreits nichts wissen will, und daß anderseits der Parteivorst and Mangel an Umsicht und Voraussicht gezeigt hat, daß er auf alle Fälle in dieser Angelegenheit schlecht abschnitt. Der Gegensah zwi­schen Kölner und Jenaer Beschluß ist nicht zum Austrag gebracht, ist nicht ausgeglichen, sondern die Situation ist verwirrt Weiter tadelt das Hamburger Parteiblatt die Sorglosigkeit des Parteivorstandes, nicht für die Anfertigung eines offiziellen Proto­folls zu sorgen, dessen beglaubigter Inhalt jeden späteren Streit ausschloß. Zur Frage des Massenstreits selbst bemerkt dann das Hamburger Echo":

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worden."

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" Die Kölner Resolution zeigte, daß die Mehrheit der Ge­werkschaftsführer( wir unterscheiden ganz ausdrücklich Gewerk­schaften und Gewerkschaftsführer!) den Gedanken an einen politi­schen Massenstreit weit von sich weist. Auf den Kölner Beschluß folgten lebhafte Debatten, die erkennen ließen, daß der allergrößte Teil der sozialdemokratischen Arbeiter, einschließlich der Gewerk­schafter, als Kampfmittel auch den politischen Massenstreit in Be­tracht zieht. Demgemäß resolvierte der Jenaer Parteitag. Der sächsische, der preußische Wahlrechtstampf sette ein; die Stimmung war begeistert, die Masse entflammt. Steiate die Begeisterung, reichte die Kraft aus, mit Aussicht auf Erfolg das neue Kampf­mittel zu gel rauchen? War das Kampfobjekt den Einsab und die Gefahr wert? War man sicher, daß nicht hemmende Einflüsse im eigenen Lager die Schwungkraft lähmen würden? Das zu erfor­schen war eben die Aufgabe des Parteivorstandes, wenn er etwas mehr fein will als eine Verwaltungskörperschaft. Gewiß hat der Vorstand Schritte getan und wir haben jetzt das große Mißberständnis" als Fazit der unverbindlichen Aussprache", und die nachgerade unausbleibliche Erklärungsflut. Fast scheint es, als ob die führenden Männer der Gewerk­schaften und die der Partei verschiedene Sprachen sprechen und fich nicht mehr verstehen. Denn man darf doch nicht annehmen, daß durch eine mit raffinierter List und Geschicklichkeit durchge­führte Intrige die Sache so gedeichselt" wurde, damit die Generalfommission den Gewerkschaftsfunktionären vom Parteivor­stand einen Widerruf der Jenaer Erklärung und ein Bekenntnis zur Kölner Resolution überbringen konnte. Nein! Aber es ist menschlich, daß man das, was man gerne hören würde, hört. Daß der andere Teil, der Parteivorstand, der die Stellung der General­fommission doch kennt, nicht vorsichtig war, nicht auf vollste Slar­heit drang, das ist sein Fehler, und. das muß rückhaltlos gesagt werden. Wären die Enthüllungen" nicht erfolgt, so würde noch weiterhin die Umkehr" des Parteivorstandes bei vielen Gewerkschafts­funktionären als Tatsache gelten, würde demgemäß ein stiller, aber starker Widerstand gegen alle Bestrebungen, das Proletariat mit dem Gedanken des Massenstreiks vertraut zu machen, fortdauern. Nicht der Jenaer Beschluß, aber seine Wirkung würde so gut wie aufgehoben.

Daß der preußische, der sächsische Wahlrechtskampf, daß diese Boltsbewegung mit Versammlungsresolutionen und Beti­

Baltische Kulturbilder.

II.*)'

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Sonntag, 8. Juli 1906.

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tionen sein dem Anfang nicht entsprechendes vorläufiges Ende kommission und dem Parteivorstand durch eine Indiskretion der fand, das müssen wir bedauern, können aber auch einsehen, daß Einigkeit" überrascht wurden denn daß die Verhandlungen der aus verschiedenen Gründen die schneidigsten Waffen noch nicht an- Borstände der Zentralverbände diskrete sein sollten, geht schon aus gewendet wurden. Daß aber die klägliche Geschichte von der un- der Geheimhaltung des Protokolls hervor muß gesagt werden, berbindlichen Aussprache" den Abschluß bilden soll, das ist schlimm, daß sie ihre Vorwürfe an die falsche Adresse richten. Glaubten sehr schlimm! In der offiziellen Reichspolitik ist man gewohnt, sie, daß die Frage des Massenstreits erörtert werden müsse, daß auf eine Tangerfahrt Algeciras kommt, daß die mit gewal- warum richteten die Mitglieder ihrer ihrer Redaktion, die in tigem Tamtam eingeleitete Aktion mit der verlegenen Entschul- der Fraktion figen, nicht eine Anfrage an den digung, mit einem Mißverständnis" endigt in der sozial- Parteivorstand? Und noch ein anderes. Da eine ganze Anzahl demokratischen Politik darf das nicht vorkommen. Fraktionsmitglieder an der Konferenz der Zentralverbände teil­Die Lehre, die aus den Vorgängen zu ziehen ist, ist die: Es genommen haben, teils als Mitglieder der Generalfommission, teils gibt innerhalb der deutschen Arbeiterbewegung eine Reihe einfluß- als Vertreter ihrer Gewerkschaftsverbände- nur kein Mitglied reicher Personen, die jeder Propagierung des politischen Massen- des Parteivorstandes- so hätte man von dieser Seite eine streits entgegen find, trotz des Parteitagsbeschlusses, der ihn als Anfrage an den Parteivorstand über seine Stellung zum Massen Kampfmittel ausdrücklich anerkennt. Der Parteivorstand hat aus streit erwarten sollen. Mangel an Umsicht, an Vorsicht, an Entschiedenheit es verschuldet, daß diese Widerstände gestärkt worden sind. Die Partei in ihrer Gesamtheit hat jezt die Aufgabe, darzutun, daß für sie die Jenaer Resolution kein leerer Schall, sondern eine Verpflichtung ist."

Zu den vorstehenden Ausführungen des Echo" schreibt uns ein Genosse aus dem Parteivorstand:

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Man kann sagen, diese beiden Vorgänge vollzogen sich sehr ähnlich, was die natürliche Folge der grundverschiedenen Auffassung über die zu ergreifenden Maßregeln war.

Wir müssen aber feststellen, daß von den 78 Mitgliedern der Fraktion in der Zeit vom 23. Februar( Konferenz der Zentralverbände) bis zum Schluß des Reichstages am 30. Mai, also in einem Zeit raum von über drei Monaten, nicht Einer in den wöchentlichen Be­ratungen der Fraktion die Vorgänge in jener Konferenz oder die Frage des politischen Massenstreits als eventuelle Fortsetzung der Demonstrationen vom 21. Januar und 18. März berührte.

Soziales.

Soziale Kurse für Kassenärzte.

Dem Echo" wäre wahrscheinlich manches in der ganzen An- War es ein Fehler des Parteivorstandes, daß er nicht sofort gelegenheit flarer geworden, hätte es sich die vorjährigen Hamburger von dem Inhalt der ihm zugesandten Protokolle Kenntnis nahm, Vorgänge vor Augen gehalten, die ein Spiegelbild der Vorgänge dann war es ein noch größerer Fehler derjenigen, die an jener zwischen Generalkommission und Parteivorstand find. Damals war Konferenz teilnahmen oder durch Hörensagen von derselben Kenntnis es auch der Parteivorstand und nicht, wie man vielleicht an- erhielten, nicht den Parteivorstand wegen seiner Haltung zu inter nehmen könnte, die Vertretung der Hamburger Parteigenossen, pellieren. Jetzt sich als Hüter und Retter des Sapitols aufzuspielen, der die Initiative ergriff und nach Hamburg die Frage wo das Kapitol nicht in Gefahr ist, erregt nur Achselzucken. richtete, was die Hamburger Genossen. dem geplanten Wahlrechtsraub gegenüber zu tun gedächten. Es waren die Vertreter Hamburgs im Reichstage- Bebel, Dietz und Megger die der Parteivorstand veranlaßte, nach Hamburg zu gehen, um mit der Vertretung der Hamburger Genossen eine Aus­sprache herbeizuführen. Außer den Genannten waren es die Ver­treter der Parteiorganisationen, die Gewerkschaftskommission und die Es kommt nicht selten vor, daß ein Kassenarzt einem Patienten, Redaktion des Echo", die an der Besprechung teilnahmen. Die wenn er ihn untersucht hat, sagt:" Ja, Ihnen fehlt weiter nichts; Vertreter der Hamburger Genossen zeigten aber auf alle Anregungen Sie müßten abwechseln mit der Arbeit, sich nicht so viel auf das linte der anderen Seite ein solches Maß von Pessimismus, daß keine Ver- Bein stüßen, täglich Freiübungen machen, viel spazieren gehen, auch ständigung zustande kam. Als dann in der Massenstreitdebatte in fräftiger effen und öfter ein Sonnenbad nehmen, da werden die Jena auch der Hamburger Verhandlungen gedacht wurde, stellten Schmerzen schon vergehen." Na, denkt der Arbeiter, wenn er den sich zwischen den verschiedenen beteiligten Gruppen ganz ähnliche Arzt so oder ähnlich sprechen hört und sein Rezept- etwa Meinungsverschiedenheiten über das Verhandelte heraus, wie jegt 100 Gramm Kampferfpiritus erhalten hat, hat der eine Ahnung zwischen Parteivorstand und Generalkommission. von der Fabrikarbeit und von der Lage eines Arbeiters mit starker Familie. Aber woher soll der junge Arzt die Lage der Arbeiter fennen, er hat ja nie Gelegenheit dazu gehabt; er hat wohl eine Reihe Semester Physiologie, Pathologie, Diagnostik und Therapeutik Der halbtägige Demonstrationsstreit vom 17. Januar in Ham- studiert, sein Examen bestanden und ist dann als Kaffenarzt an­burg kann nicht als Massenstreifdemonstration in Vergleich gezogen gestellt worden; von den wirtschaftlichen Betrieben, der sozialen werden. Aehnliche Demonstrationen waren nach dem 21. Januar auch Gesetzgebung und ihrem Einfluß auf die Lage und das Befinden Gegenstand der Beratung zwischen dem Parteivorstand und den der Arbeiter hat er so wenig wie viele andere Angestellte dieser Be­Vertretern von Groß- Berlin, die laut Beschluß des preußischen triebe eine flare Vorstellung. Sie empfinden allmählich auch diesen Barteitages zu Weihnachten 1904 zur Beratung einer preußischen Mangel, ebenso zuweilen die Unternehmer selbst. Aus diesem Angelegenheit hinzugezogen werden mußten; ebenso nahm an der Grunde hatte fürzlich die Sektion Hamburg der Berufsgenossenschaft felben ein Vertreter der Nedaftion des Vorwärts" teil. Bei allen der chemischen Industrie angeregt, bei den zuständigen Behörden diesen Zusammenfünften, welche die Beratung der Demonstrationen dahin zu wirken, daß an den Universitäten und technischen Hoch­vom 21. Januar und 18. März zum Ziele hatten, wurde von schulen Lehrstühle für soziale Medizin und soziale Gesetzgebung er­feiner Seite angeregt, den Massenstreit schon jetzt in Betracht richtet werden, um den an der Ausführung der Arbeiterversicherung zu ziehen. Es ergibt sich also schon hieraus, daß die Aus- wirkenden Aerzten, Schiedsgerichtsvorsitzenden, Technikern usw. Ge­sprache des Parteivorstandes mit der Generalfommission einen Tegenheit zu geben, fich für diese Tätigkeit genügend vorzubereiten. durchaus unverbindlichen Charakter hatte, andernfalls wären Der Vorstand erkannte zwar das Bedürfnis einer solchen Ausbildung sowohl die Vertreter von Groß- Berlin wie die Nedaktion des an, aber er erklärte, er halte den Unterricht auf den Hochschulen hier­Borivärts" zu den Beratungen hinzugezogen worden. Bedeutung zu nicht für geeignet. Es erscheine ihm zweckmäßiger, wie es schon für weitere Kreise erlangte diese Besprechung erst durch die Behand jetzt an einzelnen Orten geschehe, in den Industriezentren Kurse für lung, welche die Angelegenheit durch die Anregungen der General praktische Aerzte, Techniker und Verwaltungsbeamte einzurichten, fommission auf der Konferenz der Zentralvorstände erfuhr, an der um die Kenntnisse der sozialen Gesetzgebung in diesen Kreisen zu der Parteivorstand nicht teilgenommen hat. fördern und deren praktische Durchführung zu erleichtern. G3 empfehle sich daher, die weitere Erörterung dieser Frage im Ver bande der Berufsgenossenschaften anzuregen.

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Das hindert nicht, daß in einer Reihe Parteiorgane, so der Arbeiter- Zeitung ", Dortmund , der Sächs. Arbeiterzeitung", Dresden , dem Hamburger Echo" usw., allerlei Betrachtungen angestellt werden über die Fehler, die der Parteivorstand dadurch gemacht haben soll, daß er der Partei nicht Kenntnis von jenen Verhandlungen gab. Der Sächs. Arbeiter- Zeitung " möchten wir hier empfehlen, sich die Vor­gänge in Sachsen , die um die gleiche Zeit spielten und bei denen Bertreter des Parteivorstandes beteiligt waren, ins Gedächtnis zu rufen und sich zu fragen, warum sie nicht auch die Veröffentlichung jener Verhandlungen verlangte.

Warum die Hochschulen nicht für den Unterricht und die Vors träge über diese Materie geeignet sein sollen, und die Einrichtung dazu dienender Kurse in die Hände des Verbandes der Berufs genossenschaften gelegt werden soll, wird nicht gesagt. Der Grund ist aber unschwer zu erkennen. Man traut den an den Universitäten angestellten Lehrern nicht so ganz, denn sie könnten doch zuweilen auch ein mißbilligendes Urteil über das Verhalten der Unternehmer fallen lassen. Man hält es daher doch für besser, daß die Unters Es ist doch eine selbstverständliche Sache, die bei feinem ver- nehmer die Einrichtung dieser Kurse selbst in die Hand nehmen. nünftig denkenden Menschen einen Augenblick Bedenken erregen Denn dann können sie, ebenso wie sie an den Betriebskrankenfassen sollte, daß wenn eine größere politische Aktion eventuell in Frage nur ihnen genehme und von ihnen abhängige Aerzte anstellen, auch fommt, die Notwendigkeit entsteht, sich über die Vorbedingungen für diese Kurse nur ihnen genehme und von ihnen abhängige Lehrer dazu mit anderen in Betracht kommenden Faftoren auszusprechen. anstellen. Sie sind dann sicher, daß diese die sozialen" Kurse so Und daß, wenn diese Aussprache zunächst fein bindendes Resultat abhalten, daß das Verhalten der Unternehmer in feinem trüben haben soll, darüber auch nicht öffentlich gesprochen wird. So war Lichte erscheint, daß den Aerzten usw. die Bedeutung der Wohlfahrts­es feinerzeit in Hamburg , so in Sachsen , so in Preußen. einrichtungen und der ganzen sozialen Gefeßgebung recht zum Bes Den weisen Thebanern aber, die jetzt tiefgründige Betrachtungen wußtsein gebracht wird, und daß durch sie auf das beste für die Ar­anstellen, weil sie von den Erörterungen zwischen der General- beiter wie für die Angestellten gesorgt wird. Die Berufsgenossen­

Der Vogt von Herwen hat die Tugend. Er hat nicht viel gebuhlt in der Jugend, D'rum mußt er's im Alter treiben. D'rum tüffet er viel sein Hausgemach". Als er erfuhr den Dorpater Schlag, Tät er fein Gebiet verlassen Und floh über alle Straßen.

Der Feind war noch über 15 Meilen, Da floh der Ritter mit großen Eilen, Ließ alles offen hinter sich steh'n. Wie es mit Reval ergangen dann, Das kann bezeugen wohl mancher Mann. Der Komtur hat's ohne Not verlassen, Ließ hinter sich den Dom und die Straßen; Er setzte sich flugs auf ein Schiff und entkam, Eh noch der Däne das Schloß übernahm.

In der Geschichte der europäischen Staaten vom Ausgang des Mittelalters bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts können wir, von einzelnen Besonderheiten abgesehen, überall eine ein­heitliche Entwickelungsrichtung verfolgen. Die Ausbreitung des Handels förderte die Entstehung einer größeren Zahl von städtischen Gemeinden. Diese gaben den Fürsten ein Gegegengewicht gegen die allzugroße Erstarkung des grundbesitzenden Adels, und es ent widelten sich absolute Monarchien mit stehenden Söldnerheeren. In den baltischen Ländern war durch die fortwährenden Fehden aller gegen alle eine solche Gestaltung unmöglich. Außer Riga , Reval und Dorpat ist es zu einer eigentlichen Städteentwidelung gar nicht gekommen. Und die Ordensritter, d. h. der grundbesitzende Adel, hatte ja gegen Bischof und Städte gefiegt. Die Ritter waren nur darauf bedacht, ihre Selbstherrlichkeit auszubauen. Sie famen zu diesem Zweck auf Landtagen zusammen, wo sie über das Wohl und Wehe der unterdrückten Gingeborenen entschieden. Solche Die Bürger versuchten wohl Widerstand zu leisten, wurden Landtage existierten bereits im ersten Viertel des 15. Jahrhunderts, aber von der Uebermacht Jwans, der widerholt mit seinen Heeren und es waren auf ihnen nur die Ritter vertreten. Den Städten gewährte man hin und wieder Zutritt, räumte ihnen aber selbst dann nur beratende Stimme ein. Es war vorauszusehen, daß unter solchen Umständen eine starke Verteidigung nach außen über­haupt unmöglich war und das ganze Staatsgebilde bei dem ersten Anstoß zusammenbrechen mußte.

Und dieser Zusammenbruch erfolgte denn auch unter Umständen, wie sie in der Geschichte nur noch ein einziges Mal ihre Wieder­holung gefunden haben, nämlich in dem Sturze des preußischen Junterstaates Anno 1806/07. Gerade wie damals die Jhenplike und Zißewiße vor Napoleon austniffen, so haben es ihre Stlassen­genossen in dem baltischen Lande schon 250 Jahre früher getan. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts griffen die Russen unter dem Baren Jwan II. den Ordensstaat an und verwüsteten das ganze Land. Es ist klar, daß die Ritter der Uebermacht Jwans auf die Dauer doch nicht hätten standhalten können; aber, daß sie so feige Haus und Hof ohne Schwertstreich aufgeben würden, war doch nicht zu erwarten. Nach dem Fall Dorpats verkaufte der größte Teil Dieser Adelsmenschen" alle Besitztümer, zum Teil an Dänemark , zum Teil an Schweden und floh in die alte Heimat Westfalen . Es gingen damals folgende Verse in den Kreisen der Landsknechte um:

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*) Vergl. den ersten Teil dieser Schilderung in Nr. 144 des Borwärts"

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Die polnischen Könige benutzten den inneren Zwiespalt zwischen Deutschen und Eingeborenen zu einer demagogisch- demokratischen Agitation. In ihrem eigenen Lande befand sich zwar die niedere Landbevölkerung in ebenso großer Rechtlosigkeit, doch glaubte man durch Versprechungen an die Eingeborenen das Land gänzlich in polnische Hände bringen zu können. Das wäre auch gelungen, wenn nicht Schweden den Deutschen zu Hülfe gekommen wäre. Schon vor dem 30jährigen Kriege hatten Abgesandte der Stadt Riga von Schweden Hülfe zugesichert erhalten. Als nun Gustav Adolph mit seinem Heere in Deutschland landete und auch nach den Ostsee­provinzen zog, fielen sofort sämtliche baltischen Länder von Polen ab und begaben sich unter seine Schutzherrschaft. Die erste Vor­bedingung dazu war natürlich wieder, daß man die vollkommene Selbstherrlichkeit des Adels unangetastet ließ. Doch trotzdem sollte es dieses Mal den deutschen Adelsmenschen" etwas ernstlicher an den Kragen gehen. Im Jahre 1625 hatte Gustav Adolph Polen zum Verzicht auf Livland gezwungen. Im Jahre 1655 erfolgte ein Be schluß der schwedischen Reichsstände, daß eine allgemeine Revision der Besitztitel und eine Reduktion aller der Güter vorzunehmen sei, die willkürlich in Allodien oder Erbgüter verwandelt und dem­gemäß verkauft, verpfändet oder an Töchter und Seitenverwandte einfiel, in blutigem Kampfe geschlagen. Am meisten hatten natür- bererbt worden waren. Im Jahre 1680 wurde dann auf Betreiben lich die Eingeborenen zu leiden. Sie machten wiederholt verzweifelte Sarl XI. von Schweden ein Reichstagsbeschluß gefaßt, diese Re Aufstände, doch so feige sich die Ritter dem äußeren Feinde gegen- duktion auch auf Libland und Estland auszudehnen. Nach Durch über zeigten, den inneren" grausam niederzumebeln, das haben führung desselben wären mehr als fünf Sechstel des Bodens seinen sie auch damals schon verstanden. Wiederholt riefen sie den bisherigen Inhabern entzogen worden. Den Herren Junkern stand deutschen Kaiser, Schweden und Polen gegen Jwan zu Hülfe. Est- das Wasser am Halse; und von derselben Seite, von der heute land wurde denn auch schwedische Provinz, die übrigen Länder be- jene Geschichtsverdrehungen ausgehen, hat man auch die damaligen gaben sich unter polnische Schußherrschaft, machten aber zur ersten Maßnahmen der schwedischen Regierung in ein schlechtes Licht zu Bedingung dieses Aftes die Beibehaltung ihrer Herren-( b. h. Aus- stellen versucht. Man suchte und sucht es noch heute so darzustellen, beutungs-) rechte. Der Zár Jwan II. machte noch viele Raubzüge als ob Schweden nur aus Hunger nach Krongütern jene Maß­nach Livland , mußte aber zuleßt nach schweren Niederlagen alle nahmen angeordnet hätte. Eroberungen an Polen und Schweden wieder herausgeben. Doch selbst Jul. Edardt, dem Treitschke noch zu liberal Der Zustand des Landes war nach all den Zerstörungen ist, vertritt eine entgegengesetzte Auffassung, die uns zugleich jene schauerlich. Das ganze Land war ein Trümmerhaufen. Selbst Adelsmenschen im rechten Lichte erscheinen lassen. Kinder von Adeligen liefen mit Bettelbriefen im Lande umher. Schweden selbst hatte sich einen freien Bauernstand geschaffen, Die eingeborene Bevölkerung war dezimiert. Sie lebte in Erdhöhlen der ja auch die Grundlage seiner Macht im 17. Jahrhundert bildete. und Wäldern von Raub und Mord. Meilenweit war alles Land Es war natürlich, daß ihm Zustände, wie die in Livland , fremdartig unbebaut und verwüstet. Dörfer sah man überhaupt nicht mehr, anmuten mußten, wo der größte Teil evangelischer Christen­nur hin und wieder ein einzelnes Häuschen. Die Ritter, anstatt menschen" in" direfter Sklaverei" lebte. Es fuchte nun seine gute nun durch zeitgemäße Konzessionen gemeinsam mit den Ein- Politit" auch in jenen Ländern einzuführen. Der Beginn dazu geborenen dem Glend zu steuern, glaubten nur durch noch größere war die noch unter Gustav Adolph im Jahre 1632 erfolgte Gründung Härte ihre Lage verbessern zu können. In erster Linie kam es ihnen der Universität Dorpat. Dann bersuchte man den Adel zu bewegen, darauf an, ihre Autorität" wiederherzustellen, und das setzten eine Revision der Leistungen der Eingeborenen einzuführen. Die fie auch mit junterlicher Grausamkeit durch. Sunter widerfekten sich dieser Beschränkung ihrer Ausbeutungs