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Nr. 156. 23. Jahrgang.

Musik.

2. Beilage des Vorwärts " Berliner Volksblatt.

F 82. Die industrielle Art unserer lieben Weltstadt bringt auch bie musikalischen Theater immer mehr und mehr dazu, nicht pro­duktiv voranzugehen, sondern es dem Publikum und sich mit be­währten Repertoirestücken und bewährten oder unbewährten Gästen bequem zu machen. Die Fremdenzeit des Sommers trägt dazu natürlich erst recht bei. Das Neue Königliche Opern­theater"( roll) war früher im Sommer Operettenstätte und ist seit dem vorigen Jahre Sommeroper unter Direktion Benno Roebte, im ganzen mit nicht wenig künstlerischer Würde. Der Besuch des Theaters, den wir uns vorgestern( Freitag) leisteten, führte uns zu einer Aufführung von Verdis La Traviata ". Das Stück, vor 53 Jahren zum ersten Mal in Benedig aufgeführt ( und zwar mit glänzendem Durchfall), ist unter den älteren Leieropern des genannten Komponisten wohl die wenigst banale. Insbesondere gibt die Titelrolle der Sängerin nicht nur reiche Auf­gaben, sondern auch Gelegenheit, diese dramatische Figur so oder so individuell zu fassen. Die einen Sängerinnen legen das Schwer­gewicht auf die Technik der Koloraturen im Gesang, die anderen auf wirkungsvolle Dramatit usw. Für diesmal hatte die Direk tion die vielleicht größte Gesangskünstlerin unserer Zeit, Billi Lehmann, zu dieser Rolle gewonnen. Es ist eine alte und wunderbare Erfahrung, daß gerade die reifesten Bühnenkünstler die Jugend wohl am allerbesten darstellen können. So auch die Genannte. Sie kehrte den Charakter der lieblichen Wirtin und der weichen Mädchennatur hervor, erhob die Koloraturen zu wahr­

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hafter Lyrik und erhöhte das Ganze durch die außerordentliche, manchmal vielleicht zu weitgehende, Milde ihrer vollendeten Künstlerschaft. Daß ihre Gesangstechnik noch immer auf einer mustergültigen Höhe steht, bedarf wohl am wenigsten der Erwäh­Wahrscheinlich ging es auf ihren Einfluß zurück, daß beinahe alle wichtigeren Partien italienisch gesungen wurden; so viel ich bemerkte, sang nur der Chor und ein oder der andere Sänger deutsch ( einer sogar bald deutsch bald italienisch). Muß man darauf verzichten, eine wirklich nationale deutsche Opernkunft zu haben, so scheint uns dieser Ausweg immer noch besser zu sein, als daß, wie es leider häufig vorkommt, nur eine oder zwei Partien fremdsprachig gesungen werden.

Die. Tenorpartie sang Georg Maikl von der Wiener Oper. Er entfaltete sich im Laufe des Abends gut und spielte gemütvoller, als es sonst Tenore tun, wie denn überhaupt ein Hauch von wär­merem Gemüt über der ganzen Vorstellung lag. Die Stimme jenes Tenores ist ebenfalls wertvoll, mit einer Neigung zum Flachen; den höchsten Tönen würde allerdings noch etwas mehr Metall zu wünschen sein. Ein dritter Gast war Hermann Gur a vom Schweriner Hoftheater. Wir haben schon voriges Jahr über diesen tüchtigen Regisseur und beachtenswerten Sänger geurteilt. Die Stimme selber reicht nicht an die feines welt­berühmten Vaters heran. Der Ernst, mit dem der Künstler alles anzufassen scheint, fönnte ihn aber doch antreiben, noch immer weiter zu streben. Dem Dirigenten Dr. Kunwald nochmal unsere Hochachtung!

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