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Br. 238. 23. Jahrgang. 1. Beilage des Vorwärts" Berliner Volksblatt. tag, 12. Oktober 1906.

Die russische Revolution.

Die Anleihegerüchte.

Towarisch" vom 3. Oktober meldet: In den höheren Finanz­sphären zirkuliert das hartnäckige Gerücht, daß eine Koalition west­europäischer Kapitalisten der russischen Regierung zwei Milliarden leihen wird unter der Bedingung, daß die Reichsduma zwei Jahre lang nicht einberufen werden soll."

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Freitag,

Petersburg, 10. Oktober. ( Petersb. Tel.-Ag.) Die ausländischen der Strafexpedition wieder drei Personen erschossen wurden. Außer Zeitungen veröffentlichen beunruhigende Nachrichten aus Sevastopol dem sei angefagt worden, daß im Falle das Gemeindehaus noch über Fahnenflucht von Matrosen, die derartigen Umfang an- einmal beraubt werde-sechs Menschen erschossen würden! genommen haben soll, daß die Schiffe nicht in See gehen können. In Drostenhof hat man diese Drohung schon verwirklicht. Wofür Wie der Generalstab der Marine erklärt, entbehren diese Nach- die Kriegsgerichte Todesstrafen verhängen, dafür nur ein Beispiel: richten jeder Begründung. Die Fälle, in denen Matrosen frein Mitau wurden am 2. Oftober drei Personen hingerichtet, willig von ihren Schiffen abwesend find, können nicht als Desertion die wegen Schändung von Kaiserbildern"( begangen angesehen werden und sind wenig zahlreich. Ebenso find die Ge- im August 1905) vom Kriegsgerichte zum Tode verurteilt und rüchte, daß Admiral Strydlow von Matrofen festgenommen worden bisher in Einzelhaft gewesen waren. Also ein Jahr Gefängnis sei, vollkommen falsch. und dann noch die Todesstrafe für Verlegung von Bildern, wie sie während des Landarbeiterstreits zu tausenden vorkamen!

Diese Meldung ist bereits von einem deutschen Tele­graphenbureau in seine Mitteilungen übernommen worden. Der Rückzug der Kadetten. Sie wird also nicht für völlig unglaubwürdig gehalten! Db Helsingfors , 10. Oftober. Der Kongreß der Kadettenpartei nahm ,, Väterchen" durch die Legende von den zwei Milliarden einst- heute mit 84 gegen 44 Stimmen die vom Zentralausschuß ein­weilen nur bestimmt werden soll, keine neue Duma ein- gebrachte Resolution an, die den passiven Widerstand als unmöglich zuberufen? Oder ob sich wirklich unter Westeuropas erklärt. Die Resolution der Minderheit, die die Organisation des reaktionärsten Geldleuten so viele Schurken befinden, die passiven Widerstandes empfiehlt, wurde mit 88 gegen 53 Stimmen zwei Milliarden daran wenden, das russische Volk in einen berworfen. überhafteten Verzweiflungskampf zu heben? Zwei Milliarden, die ihre Entleiher nie wiedersehen! Sollte sich jener edle Plan was höchst unwahrscheinlich ist verwirklichen, so werden voraussichtlich die sogenannten fleinen Sparer" wenigstens nicht so dumm sein, sich die wert losen Anleihepapiere anschmieren zu lassen; sie müßten darauf gefaßt sein, den letzten Pfennig zu verlieren.

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Erkannt!

Unter den letzten Depeschen hatten wir gestern mitgeteilt, der Generalgouverneur von Moskau habe das Verbot des Stadthaupt­manns gutgeheißen, der alle öffentlichen Ehrungen für die erwarteten Deputationen aus Italien und England untersagte.

Nun stellt sich heraus, daß die von russischen Blättern ver­breiteten Gerüchte, daß eine Abordnung des italienischen Parlaments sich nach Rußland begeben werde, jeglicher Begründung entbehren. Und aus London kommt folgende Nachricht:

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Die englische Deputation, die sich nach Petersburg begeben wollte, um dem ehemaligen Präsidenten der Duma eine Adresse zu überreichen, hat nach reiflicher Ueberlegung beschlossen, erst noch die Ansicht des englisch - russischen Komitees in Petersburg zu hören! Die endgültige Entscheidung soll morgen( Donnerstag) getroffen werden, doch herrscht die Ansicht vor, daß der Besuch unterbleiben wird. Der Besuch in Moskau ist bereits aufgegeben. Man weiß im Auslande zu genau, was den barbarischen Re­gierungshorden Rußlands und ihren besten Freunden, den schwarzen Banden" zuzutrauen ist.

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Mit 11 000

dafür lieferten den besten Beweis die zahlreichen Ausstände in den Daß die Arbeiterbewegung trotz alledem nicht unterdrückt ist, Sommermonaten, dafür liefert Beweis auch der nun schon seit sechs Wochen geführte Kampf der Straßenbahner in Riga . Die Partei­organisationen sind mit Arbeit überhäuft, Tag und Nacht muß man arbeiten, um den Forderungen zu entsprechen. Der im Juli ab­geschlossene Jahresbericht der jetzt nicht mehr eristierenden lettischen Zur Lage in den Ostseeprovinzen. sozialdemokratischen Arbeiterpartei hat ein Budget von 17 315 Die politische Umwälzung geht in Rußland unter entseglichen Rubeln aufzuweisen. Auch die Arbeit auf den zwei soeben, Dualen vor sich. Durch die terroristischen Beruhigungsmittel" abgehaltenen Kongressen ist nicht zu unterschätzen. werden immer neue Bevölkerungsschichten in die revolutionäre Be- organisierten Arbeitern ist die lettische sozialdemokratische Arbeiter­wegung hineingepeitscht. In einzelnen Gebieten des Riesenreiches partei in die Gesamtpartei eingetreten. Indem die lettiſche ſozial­wird ein Kampf um Leben und Tod geführt. Allmählich wird es da demokratische Arbeiterpartei einstimmig ihre Vereinigung mit der unmöglich, alle Opfer zu registrieren. fozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands beschloß, hat sie klar Nirgends hat der Barismus eine solche Stüße vorgefunden, wie bewiesen, daß ihr eng nationalistische Bestrebungen fremd sind. Die beim baltischen Adel in den Ostseeprovinzen. Daher wird auch der neugeschaffene Lofal organisation führt von nun an den Namen Kampf nirgends mit so blutigen Mitteln geführt wie dort. " Sozialdemokratie Lettlands" und ist jetzt die Ver­Häuslein wäre übrigens schon längst vernichtet, wenn es nicht Sprache. Das lettische Proletariat kämpfte mit Todesverachtung. Das Kleine treterin des gesamten Proletariats Lettlands ohne Unterschied der außerordentlich gut organisiert wäre. Man kann allerdings nicht wüten der Reaktion stark gelitten haben. Die reaktionäre deutsche leugnen, daß die sozialdemokratischen Organisationen durch das Presse hat ja unermüdlich dafür gesorgt, alle Mord- und Raub­überfälle auf die Rechnung der Sozialdemokratie zu setzen. Die niederträchtigen Hezarbeit fort. So finden wir in der Kreuz fonservativen Blätter und nicht allein diese fahren in ihrer Zeitung" folgende Auslassung: Der Hauptrevolutionsherd find die baltischen Provinzen und Polen . Emissäre aus, welche Armee, Arbeiter, Bauern forrumpieren, dort Von dort gehen die wird die Verbindung mit dem Auslande aufrechterhalten, das Waffen liefert und die Absicht hat, ganz Rußland zu bewaffnen."

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anspruchen; die Lettische Sozialdemokratie hat auch nie die Absicht Diese Ehre lann das lettische Proletariat nicht für sich be­gehabt, durch ein vom Auslande her bewaffnetes Bolt ihre Ziele zu

erreichen.

Die Schlußsäge verraten dann den Zweck des Hezartikels: " Bevor die baltische Revolution nicht völlig niedergeworfen ist, wird und kann es nicht besser werden. Weise wird die Blutgier der adeligen Selbstschüzler" vom Auslande Auf diese Art und Her gesteigert.

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Der Prozeß des Arbeiterdeputiertenrates.

Am 2. Oktober wurden die Gerichtsverhandlungen gegen das Erekutivkomitee" des Arbeiterdeputiertenrates eröffnet und dann auf den 5. Oftober vertagt. Die Sigung des 2. Oftober wird folgendermaßen geschildert: vom Führer der Arbeitergruppe Shiltin im Towarisch"( 3. Oktober)

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Reihen von Schußleuten in strammer Haltung, mit Müzen, trieben gewölbter Brust, Waffengeklirr, schwere verdächtige Blicke; Säbeln und Schußwaffen. Gendarme, Polizeioffiziere mit über­vor allen Türen erglänzen Tressen, Epaulettes, helle Knöpfe, Medaillen, Ordenskreuze Hier ist das Gerichtsgebäude. versperren den Weg mit entschlossener Brust. Der Pristat, mit Ihre Einlaßkarte!" Zwei düstere Gestalten, von Waffen strogend, Kette und Abzeichen an der Brust, prüft die Karte und das Gesicht, eilt ans Fenster und prüft die Karte nochmals, eilt den dunklen Stolypin soll fallen? Gang entlang in das Eckzimmer und kehrt dann mit der Karte be­Petersburg, 11. Oftober.( B. H. ) Zwischen Stolypin ruhigt zurück. Die Schußleute machen Plazz. und dem Finanzminister Kokoffzew find wegen der Durch Gendarme, Polizeioffiziere auf und ab. Hinter dem Gitter ein Der Gerichtssaal ist leer. Mit wachsamer Langsamkeit schreiten führung der Dumawahlen ernstliche Differenzen ausgebrochen. Während Stolypin den Standpunkt vertritt, daß die Regierung fleines Häuflein, das Publikum. Man läßt nur mit großer Vorsicht ein, sich energisch an der Wahlbewegung beteiligen müsse, ist sächlich schuld? Niemand anders als derselbe Adel, der im Dezember Ein Polizeibeamter, dessen Brust mit Schnüren geschmückt ist, steht Wer ist aber an den jezigen unhaltbaren Verhältnissen" haupt- nachdem man die Einlaßkarten und die Gesichter scharf geprüft hat. Kotoffzew der Ansicht, daß ein solches Vorgehen sehr gefährlich den Drlow ins Land rief, der die Strafexpeditionen noch jetzt leitet. fest und entschlossen am Türpfosten. Voriges Mal," hört man eine sei. Da man bei Hofe dem Finanzminister recht gibt, so ist Die neunmonatige Tätigkeit der Herren v. Sivers, Brödrich, halblaute Stimme aus dem Publikum, waren Soldaten da in voller der Rücktritt Stolypins wahrscheinlich. Zu seinem Nachfolger Brümmer usw. hat die jeßige Lage erzeugt. Ohne diese hätte es Feldausrüstung!" Auch jetzt werden viele verborgen gehalten. dürfte der Generalgouverneur von Finnland , Gerhardt, oder Bauern" und Zeugen terrorisieren sollen und die nach dem aber fist ein alter, friedlicher Mann und lieft die Zeitung, ein Stind keine Waldbrüder" gegeben, die jetzt die" bessergesinnten" Man hat sie in die dunklen Gänge hineingepfropft. Auf dem Hofe So würde also der Teufel durch Beelzebub ersetzt werden. Rate der" Dina- Zeitung" jetzt mit Hülfe von Prämien wird in einem Kinderwagen hin- und hergefahren. Ein idyllisches ausschreibungen und Jagdhunden vernichtet werden Bild! müßten. Der rote Terror" in den Städten ist nur das natürliche Einer nach dem andern treten die Verteidiger herein. Sicheres Wir meldeten gestern, daß die Arbeiter von Lodz durch Wir meldeten gestern, daß die Arbeiter von Lodz durch Erzeugnis des weißen Terrors, den die Regierung und ihre Helfers- Auftreten, laute, muntere Stinnnen, festanliegende Frackanzüge. Der einen Ausstand wuchtigen Protest gegen die Feldkriegsgerichte auf die Erpressung der Aussagen in den Polizei- und Gendarmerie- mit Damen intelligent- proletarischen Aussehens. Die Männer sind einen Ausstand wuchtigen Protest gegen die Feldkriegsgerichte helfer in der mannigfaltigsten Weise walten lassen. Wir wollen nur enge Raum, der dem Publikum überlassen ist, füllt sich allmählich erheben. Wolffs Bureau bestätigt diese Nachricht durch folgende verwaltungen, auf die Tätigkeit des deutschen Selbstschutzes" bei nur in fleiner Zahl. Das Geräusch wächst. Im Saal nimmt die Mitteilung: den Haussuchungen( zum Beispiel im Hoffnungsverein"), auf die Menge der Polizei, Militär- und Beamtenuniformen merklich zu. Lodz , 11. Oktober. Hier ist der Generalstreit ausgebrochen, Behandlung der Inhaftierten in den Gefängnissen hinweisen. Von Man wird ungeduldig. Da, ein dumpfes, zunehmendes Geräusch, Tritte, Waffengellirr. erscheinen nicht. oder sonst bestraft worden. Auf dritten Arbeiterbevölkerung kommen in Kur- und Livland ein Toter, Miß- gezogenen Säbeln kommt schnell heraus und stellt sich in dichten Wir haben schon öfter gezeigt, wie dummdreiſt die russische schon lange nicht mehr die Schuldigen, sondern es werden auch ihnen tauchen lustig und munter die Angeklagten auf, eilen auf ihre handelter oder Gefangener. In Kur- und Livland bestraft man Reihen auf, mit dem Rücken zum Publikum gewandt. Und hinter Regierung ligt. Folgendes offiziöse Telegramm gibt eine neue Angehörige oder sogenannte Geißeln" erschossen. Soeben lefen Bläge, der erste, der zweite, der dritte.... Weiſtenteils junge Probe ihrer Dementier"-Kunst: wir in der Latwija", daß am 2. Oftober im Kreise Hasenpoth von Leute in grauen Jacken, in farbigen Hemden mit schrägem

Fürst Wassiltschikow ernannt werden.

Generalstreik.

die Fabriken, Läden und Schulen sind geschlossen, die Zeitungen 2000 lettischen Volksschullehrern sind schon jetzt über 300 getoter Die Tür geht auf. Ein roter Haufen von Gendarmen mit blant

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Aus der großen Lügen- Fabrik.

Blut und Eisen.

Krieg und Kriegertum in alter und neuer Zeit. Unter diesem Titel beginnt soeben im Verlage der Buch­handlung Vorwärts ein neues Lieferungswerk zu erscheinen, dessen Prospekt und erstes Heft uns vorliegen. Es ist der dritte Band der Kulturbilder", eine Sammlung von populären Einzeldarstellungen aus der Kulturgeschichte, die den Zweck ver­folgen, die Erkenntnis des menschlichen Werdeganges den Arbeitern näherzubringen. Jeder Band dieser Sammlung ist für sich ab­geschlossen, so daß der Abonnent des einen Bandes nicht gezwungen ist, auch den anderen zu abonnieren.

Das neue Werk behandelt die Geschichte des Militarismus und des Krieges. Der Militarismus ist der furchtbarste Feind der Arbeiterklasse. Er zwingt die Söhne des Volkes unter sein eisernes Joch und preßt sie zu Schergendiensten wider die eigenen Brüder. Der Militarismus ist die Ursache der stets drohenden Kriegsgefahr, dieser grausamen Geißel jeder menschlichen Kultur und jeden Fortschrittes. Dieser Zustand aber ist eine Folge unserer kapitalistischen Entwickelung, und er wird endgültig erst überwunden werden mit der Beseitigung dieser auf der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beruhenden Gesellschaftsordnung.

Da trägt der Schall von fernher dumpfe Brummtöne ans Ohr. Sie sind kaum hörbar, aber sie werden verstanden. Die Geschütze haben zu sprechen begonnen. Niemand weiß wo. Es wird noch recht weit sein. Es währt wohl noch einige Stunden, bis man in die Nähe tommt. Um so schlimmer. Wenn man einmal sicher weiß, daß man daran kommt, ist es schrecklich, stundenlang marschieren zu müssen, ehe die Schlachtbank in Sicht ist. Die Brummtöne ver­stärken sich und leise Erderschütterungen begleiten sie. Die Todes­angst wächst, schwer atmend, mit hochflopfendem Herzen und fiebernden Pulsen schreiten die Kämpfer einher. Die Offiziere zwingen sich zu krampfhaft lächelnden Mienen, aber sie sind sehr blaß. Mein Gott, man ist ja ein Mensch, und selbst die vorbild lichen, ritterlichen Helden der Vergangenheit haben sich vor dem Tode gefürchtet. Heinrich IV. , dem Sieger vom Jory, flapperten jedesmal, wenn ihm der Adjutant den Helm auffeßte, die Zähne, und vor dem ritterlichen Kampfe mit blanken Waffen war solche Beklommenheit wirklich nicht nötig. Was ist das bißchen Drein­schlagen gegen so ein Feuergefecht, wo einem die Geschosse und Sprengstüde wie aus Gießkannen geschüttet um die Ohren pfeifen, ohne daß man sich dagegen wehren kann.

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wahr. Vorwärts! Hundert Schritte vorwärts, bis zur nächsten Erdwelle! Nun heraus mit dem ganzen Körper aus der schützenden Deckung und laufen, recht rasch laufen! Doch darauf hat der Gegner eben gewartet. Dichte Geschoßgarben prasseln durch die Luft und ehe die nächste Erdwelle erreicht ist, hat der Tod unter den Kameraden schreckliche Ernte gehalten. Und wieder verfließen Stunden. Unsere Schlachtreihe ist durch Reserven mehrfach ver­stärkt worden, aber auch das feindliche Feuer hat sich fürchterlich verdichtet. Wie Hagelschlossen ergießen sich die Geschosse über die Köpfe, bald da, bald dort, bohrt eines knapp vor dem entsetzten Blick eine tiefe Furche in den Wiesengrund und ringsherum glimmen berkohlte Grashalme. Und wieder vergehen Stunden, ehe die Ent­scheidung fällt. Bis auf 500 Schritte sind die verbissenen Gegner aneinander gekommen, alle Reserven sind bereits in die Feuer linien gerückt, in die lockeren Schüßenketten haben sich dichte Menschenknäuel eingeschoben und bieten den Geschossen massive Biele. Da gibt es keine bergende Erdwellen mehr, ungedeckt stehen die beiden Menschenwälle einander gegenüber und überschütten sich mit verheerendem Feuer. Zwei tobende Vultane haben ihre Krater gegen einander gerichtet. Der Pulverdampf verschleiert die Blicke und der Gestank beißt in die Nasen. Mechanisch heben und senken sich die Arme zum Anschlag, aber die Herzen pochen zum Zer­springen. 150 bis 200 Schläge in der Minute.

Der Verfasser des Werkes, Hugo Schulz , Redakteur der Wiener Arbeiterzeitung ", gilt als einer der besten Kenner der Ge­schichte des Militarismus, und die Art seiner Behandlung des Stoffes, soweit man nach dem vorliegenden Material urteilen kann, läßt hoffen, daß er ein Volksbuch im wahrsten Sinne des Wortes schaffen wird. Eine Probe aus dem ersten Heft wird unsere Auffassung be­stätigen. In seinem Vorwort zeigt Schulz zunächst in großen Um­rissen die Art der Kriegführung im Altertum; er gibt dann eine Schilderung der Art der Redkenkämpfe des Mittelalters und der Umwälzung, die durch Anwendung des Schießpulvers herbeigeführt wurde, um schließlich ein graujiges Schlachtenbild, wie es die raffinierte Kriegstunst des kapitalistischen Zeitalters in Wirklichkeit vor unseren Augen entrollen wird, wenn die Völker wieder einmal für die Interessen anderer Blut versprizen müssen, zu entwerfen. Es heißt da: Man gerät nun in den Trubel und weiß nicht wie. Noch mare Wenn der Soldat einwaggoniert wird, weiß er schon, daß er in schieren die Kompagnien in geschlossenen Kolonnen: aber weit vorne wenigen Tagen mitten in den Ereignissen stehen wird. So furcht- sieht man dunkle, dünne Linien, die sich bald vorwärts bewegen, bar rasch vollzieht sich alles, mit wilder Hast drängen sich die bald sich seitwärts schlängeln. Drüben auf einer Anhöhe gewahrt Heere zur Entscheidung, keine Sekunde Ruhe gibt es zu innerer man Heine Bünktchen, die zeitweilig rot aufbliken, worauf sich toben. Eelbst die Leichtverwundeten, denen es gelungen ist, sich Sammlung, es ist, wie wenn man mitten in einen Zyklon geraten dann ein weißes, kreisrundes Wölfchen emporringelt, fünf, sechs, in eine schützende Erdfalte zu verkriechen, und die dort auf Hülfe wäre und nun vom Orkane dahingeschleift würde. Und je kürzer die sieben Sefunden währt es, ehe dem zuckenden Blige der Donner- warten, sind noch großen Gefahren ausgesetzt. Wehe ihnen, tvenn Vorbereitungen für das große Schlachten sind, um so länger währt schlag folgt, aber längst hat indes der Blitz schon irgendwo ein- sie im Bereich einer Artillerieſtellung liegen, die im Verlauf des dann dieses selbst, um so dauerhafter sind die schweren seelischen geschlagen und Verheerung gestiftet. Kampfes plöblich geändert werden muß. Ueber Tote und Ver­Anstrengungen, die heute dem Kämpfer im Gefechte zugemutet Gine Stunde später sind alle Schreden des Feuergefechtes ent- wundete weg saust das eigene Fuhrwert, und gar mancher, mit dem werden. Die Märsche vollziehen sich unter schweren Mühsalen, die fesselt. Eine Erdwelle birgt die Leiber vor den feindlichen Ge- es die feindliche Kugel nicht allzu schlimm gemeint hat, wird nach­fich steigern, je näher man an den Feind kommt. Ueber Stock und schoffen, aber die Köpfe ragen über den Rand der Böschung hinaus. träglich von freundlichen Pferdehufen zertreten und zermalmt. Stein geht es dann schließlich durch Gestrüpp und Waldesdickicht, Wie gern möchte man auch den Kopf hinter der sicheren Deckung So sieht der moderne Krieg aus, von dem seine Lobredner be­über schlammige Moorgründe und aufgewühlte Accker; steile An- bergen, aber dann kann man nicht schicken und man muß schießen, haupten, daß er um so viel humaner sei als die blutigen Fehden höhen werden ertlommen und hechangeschwollene Bäche müssen sonst ist man eben ein Feigling. Also Kopf hoch und schießen und der Vergangenheit. durchtatet werden. minuten und stundenlang warten, bis von den feindlichen Ge- Wir empfehlen das Werk der Beachtung unserer Partei­Niemand weiß, welchen Zweck alle diese Bewegungen haben, schoffen, die so unheimlich nahe vorüberpfeifen, eine doch den Weg genossen. Es erscheint in 50 Lieferungen a 20 f., die reichhaltig selbst die Offiziere haben keine Ahnung, was die nächsten Stunden findet und den Kopf, gerade den Kopf zerschmettert. Das feindliche illustriert sind. Die Bilder sind mit großer Sachkenntnis ause bringen werden. Aber alles fühlt die Nähe des Verhängnisses. Feuer wird schwächer und die Offiziere nehmen den Augenblick gewählt.

Die Brummtöne berwandeln sich allmählich in Donnerschläge, man muß der Schlachtbank schon recht nahe sein, aber man sieht nichts, denn ein dichter Forst verschleiert das schreckliche Bild. In aufgelösten Gruppen geht es mitten durch langsam, denn dichtes Und reihenweise sinken die Getroffenen dahin, ein gellender Gestrüpp behindert das Fortkommen und oft bleiben die gepflanzten Aufschrei folgt dem anderen. Kommandorufe hört man nicht. Be­Bajonette im Gezweige hängen. Niemand will recht vorwärts, denn fehle werden dem nächsten besten Stämpfer ins Ohr gebrüllt und im Walde glauben sich die Leute sicher. Aber die Offiziere drängen, der muß wieder seinen Nachbar anbrüllen, bis auf diese Weise dem denn sie wissen, wie trügerisch dieser Glaube ist. Der Wald ist der ganzen Bataillon das Signal vermittelt ist. Vier, höchstens fünf beste Verbündete der feindlichen Artillerie. Und da zeigt es sich Minuten kann diese fürchterliche Menschenschlächterei dauern, dann schon. Plötzlich faust, tracht und splittert es in den Wipfeln, Aeste setzt sich bei einer Partei die wahnsinnig gesteigerte Aufregung und Zweige wirbeln durch die Luft und eiserne Sprengstücke bohren plöblich in panischen Schrecken um und sie räumt in wilder Flucht sich in das Dickicht. Ein paar Kameraden hat das Verhängnis ereilt, das Feld. Aber von den Herzen der Sieger löst sich langsam der und schrecklichy ist es, die Unglücklichen anzusehen; das sind keine schreckliche Alpdruck und der tödlichen Angst folgt höllisches Jubel­ritterlichen Sieb- und Stichwunden, das ist ein furchtbares Zer- geschrei. Troß der Hunderte von Toten und Verwundeten, die störungswerk des Todes. Zerschmetterte Schädel, bloßgelegte Ein- ringsum das Feld decken. Und noch ist der Jubel verfrüht. Der geweide und abgerissene Gliedmaßen gewahrt der entsetzte Blick, Gegner sammelt sich in Aufnahmsstellungen, es folgt ein hißiges und schaudernd drängen die Lebenden nun vorwarts. Nur rasch Nachrücken, viele, die eben noch gejubelt haben, müssen doch noch hinaus aus dem Walde ins Freie. den Erdboden füssen, andere brechen unter den Strapazen der wilden Jagd zusammen.

Oft auch wendet sich noch das Blatt. Der weichende Gegner bekommt unvermutet ausgiebige Unterstüßung und der schreckliche Kampf beginnt von neuem, um bis in die sinkende Nacht fortzu­