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kommunales. Stadtverordneten-BersamWluag. 3, Sitzung vom Donnerstag, den 31. Januar. Nachmittag 5 Utzr. Die Sitzung wird vom Vorsteher-Stellvertreter M i ch e l e t «m Uhr eröffnet. Der Borsteher Dr. LangerhanS ist noch nicht ganz wiederhergestellt, hofft aber schon in nächster Zeit wieder seines Amtes walten zu können. Die von der Versammlung zu unbesoldeten Stadt- raten gewählten bisherigen Stadtvv. R a st und Buchow, die die Bestätigung der Regierung gefunden haben, werden durch den Oberbürgermeister K i r s ch n e r vereidigt und in ihr neues Amt durch eine längere Ansprache eingeführt. Auch Vorsteher-Stcll- Vertreter M i ch e I e t begrüßt die beiden neuen Magistratsmit- gheder namens der Versammlung. Der Versanimlung haben deren vier Fraktionen, sowie die sozml-fortschrittliche Gruppe folgenden dringlichen Antrag unterbreitet:Die Stadtverordnetenversammlung bewilligt zwecks Unterstützung der durch die W e t t e r e x p l o s i o n e n auf der Grube Reden bei Saarbrücken verunglückten Berg- arbeiter und der Witwen und Waisen der Getöteten aus städtischen Mitteln einen Betrag von 10 000 M. Die Versamm- lung ersucht den Magistrat, diesem Beschluß beizutreten." Der Vorsteher-Stellvertreter Michelet gibt bei der Mit- teilung vom Eingange dieses Antrages der tiefen Sympathie der Berliner Bürgerschaft für die Opfer der Katastrophe Ausdruck und spricht insbesondere auch denen seinen Dank aus, die aus diesem Anlaß jenseits der Grenzen ihre Teilnahme für die von der Explosion Betroffenen und ihre Sympathie für die deutsche Nation bekundet haben. Stadtv. Cassel beantragt die Verhandlung des Antrages vor der Tagesordnung; die Versammlung ist damit einverstanden. Stadtv. Cassel: Der Vorsteher-Stellvertreter hat schon der all- gemeinen Trauer Ausdruck gegeben über das entsetzliche Unglück, welches die Bergleute der Redengrube betroffen hat. Es handelt sich um eine fiskalische Grube, es wird also in erster Linie Aufgabe des Staates sein, das Elend der Witwen und Waisen nach der materiellen Seite hin zu lindern; es wird aber auch eine Aufgabe der freien Licbestätigkeit sein, für die erste Not einen kleinen Beitrag zu gewähren und dadurch anregend und anspornend auf weitere Kreise einzuwirken. Der ein st immige Antrag der Ve r s a m m l u n g soll aber auch ein Zeichen dafür sein, daß, wie scharf auch sonst vielleicht in der Versammlung sich Gegensätze geltend machen mögen, wir alle eines Sinnes sind, wenn es sich um die Linderung unverdienten Elends und unverdienter Not handelt. (Allseitiger Beifall.) Stadtv. Singer(Soz.): Ich möchte die Diskussion nicht ver- längern, sonst würde ich mich den Ausführungen des Vorredners durchaus anschließen können. Ich schlage vor/ da es sich um eine Geldbewilligung handelt, die zunächst von einem Ausschutz zu prüfen ist, einen Ausschuß von 5 Personen sofort vom Vorstande ernennen und ihn noch im Laufe der Sitzung Bericht erstatten zu lassen. Die Versammlung stimmt dem zu; der Ausschuß wird aus den Mitgliedern Cassel, Singer, Mommsen, Kreitling und Deutsch zu- sammengesctzt. Nach wenigen Minuten beantragt Stadtv. Cassel namens dieses Ausschusses die Annahme des Antrages. Ohne Debatte wird einstimmig die Bewilligung der 10 000 Mark ausgesprochen. Darauf tritt die Versammlung in die Tagesordnung ein Stadtv. Dr. Paul(N. L.) berichtet über die Ausschußverhand lungcn zur Vorlage betr. die bei dem Untersuchungsamti der Stadt Berlin für Nahrungsmittel, Genutzmittel und Gebrauchsgegenstände zunächst einzurichtenden Stellen. Der Ausschuß hat fast mit Einstimmigkeit und unter Zu stimmung des Magistratsvcrtrctcrs die Vorlage dahin erweitert, daß 1. die Bezeichnung der Anstalt lauten sollG e s u n d h e i t s- a m t der Sadt Berlin ", daß 2. für den Untersuchungsbctrieb und für die Leitung des Amtes a) ein Hhgieniker als Direktor mit einem Anfangsgehalt von 10 12 000 M., b) drei Abtei lungsvorsteher für je eine chemische, physikalische und bab teriologische Abteilung(Anfangsgehalt 6000 M.), c) die erfordev liche Anzahl von Assistenten(Anfangsgehalt 3000 M.) ein- gestellt werden. Außerdem soll der Magistrat ersucht werden, im Einvernehmen mit dem alsbald zu wählenden Direktor die Wahl der drei Abtcilungsvorsteher noch vor Eröffnung des Amtes vor- zunehmen und die Bildung einer Deputation für das Gesund heitsamt möglichst bald zu veranlassen. Vom Stadtv. Modler(A. L.) wird beantragt, daS Gehalt des Direktors auf 12 000 M. festzusetzen. Stadtrat Strahmann stellt richtig, daß er nicht etwa vor behaltloS allen Anregungen des Ausschusses zugestimmt habe Stadtv. Hcrzberg(Fr. Fr.) hält die Wahl des NamensGe- sundheitsamt" für nicht glücklich. So lange die Stadt die Wohl- fahrtspolizei und die Gesundheitspolizei nicht in Hände» habe, würde dem Gesundheitsamt der Inhalt fehlen und das Institut unter falscher Flagge segeln. Man solle bei demUntecfuchungsamt bleiben. Die Ausschußvorschläge unter 2 akzeptiere seine Fraktion, bitte aber um Ablehnung des Vorschlags gub 1. Stadtv. Modlcr(A. L.): Die Bedenken des Vorredners sind im Ausschuß gründlich erwogen worden und dort hat man sich gegen einige wenige Stimmen für dasGesundheitsamt" entschieden, welcher Name allein die Gesamtheit der dem Institut zuzuweisenden Aufgaben erschöpft. Das Gehalt des Direktors wollen wir auf an fänglich 12 000 M. festsetzen; die Anfügung einer Skala kann vor behalten bleiben. Stadtv. Friebcmann(soz.-fortschr.) tritt für die unveränderte Annahme der AuSschußvorschläge ein. Stadtv. Sachs(A. L.) bemängelt, daß der Ausschuß dem Magistrat vorschreiben wolle, durchaus einen Hygieniker zum Direktor zu machen. Stadtv. Dr. Zadel(Soz.): Die heutige Verhandlung schüttet viel Wasser in den Wein der Verhandlungen vom 6. Dezember, und nicht zum wenigsten tut dies gerade Herr Herzberg, der da- mals zu den Begeistertsten gehörte. Alle die Herren haben heute so etwas wie einen Zurückzieher gemacht; es soll auch heute nichts als das städtische Untersuchungsamt herauskommen, nicht das Weltinstitut, von dem damals gerade Herr Baurat Herzberg sprach. Herr Herzberg wollte damals etwas anderes, er will heute etwas anderes; von der Schulluftuntersuchung, auf die Herr Herzbcrg damals so eindringlich hinwies, hat er heute nichts erwähnt. Die Frage der ständigen Wafseruntersuchung ist eine Frage von der allerwichtigsten Bedeutung; schon vor Jahren habe ich in dieser Versammlung aus Anlaß des Auftretens von Typhus - fällen darauf hingewiesen. Wir dürfen doch das Amt in dem Kreise seiner Aufgaben und in seiner Erweiterungsfähigkeit nicht beschränken; wir wollen doch nicht bloß ein simples chemisches Laboratorium schaffen, wie sie längst in Berlin zahlreich existieren. Stadtv. Professor Landau (A. L.): Der Ausschuß hat sich nicht angemaßt, dem Magistrat hinsichtlich der Exekutive irgendwie Vor- schriften machen zu wollen; auch nicht durch die Wahl des Namens, der gerade daS richtige von der städtischen Verwaltung zu er- strebende Ziel bezeichnet. Redner legt dar. daß die ganze Ent- Wickelung des städtischen Sanitätswesens dahin drängt, ein solches Amt als Zentralstation zu schaffen. Den Antrag Modler bittet er gleichfalls anzunehmen. Oberbürgermeister Kirschner: Nach dem Gange der Diskussion scheinen mir die Meinungen doch noch sehr auseinanderzugehen und ich glaube auch nicht, daß der Magistrat mit dem Ausschuß- antrage etwas anfangen kann. Speziell über die Kompetenz des verlangtenGesundheitsamtes" besteht noch gar keine Klarheit. Wir leben auch gar nicht in so verrotteten Verhältnissen, wie es nach der Darstellung der Freunde eines solchen Gesundheitsamtes scheinen möchte. Was uns fehlt, was eine Notwendigkeit ist, das ist ein Institut für Nahrungömitteluntersuchungcn. Von dieser Forderung ist auch ausgegangen worden; wir haben das Haus gebaut und jetzt soll plötzlich etwas ganz anderes in dieses Haus hinein, als beabsichtigt war. Auch unser NahrungSmittelinstitut SZerantw. Redakteur: Hanl Weber, Berlin . Inseratenteil BtrantA; tbird auf der Höhe der Wissenschaft zu stehen haben, aber cS kann keine autoritative Verwaltungsinstanz fein. Ein allgemeines Gesundheitsamt würde nicht vom Staate anerkannt bezw. mit Be- rechtigungen ausgestattet werden. Um zweckmäßig zu verwalten, brauchen wir nicht immer neue Deputationen, sondern wir sollten die alten zusammenlegen. Stadtv. Ritter(Fr. Fr.) beantragt, die ganze Angelegenheit an den Ausschuß zurückzuverweisen. Stadtv. Grsnewaldt(A. L.) hält auch dafür, daß der Name Gesundheitsamt" zu Mißverständnissen führen kann, und schließt sich dem Antrag Ritter an. Stadtv. Landau : Neben dem Nahrungsmittelamt brauchen wir notwendig eine Stelle für allgemeine hygienische Untersuchungen. Wir warten auf die letztere schon sehr lange, wie wir auf die erstcre gewartet haben, bis die Polizei der Stadt Berlin damit zuvorgekommen ist. Stadtv. Mommsen(Fr. Fr.): Nach den Erklärungen des Ober- bürgermeisters ist nochmalige Ausschußberatung gar nicht zu ver- meiden. Die Vorlage wird mit den inzwischen gestellten Amendements an den Ausschutz zurückverwiesen. Die Vorlage wegen Bewilligung von 160 000 M. für Vor­arbeiten zur Erweiterung der städtischen Wasserwerke ist nach erschöpfender Erörterung der erhobenen Anstände vom niedergesetzten Sonderausschuß schließlich einstimmig zur Annahme empfohlen worden. Stadtv. Dr. Wehl(Soz.): Nachdem im Ausschuß die Frage wirtschaftlich, hydrologisch, technologisch geprüft worden ist, freue ich mich erklären zu können, daß die früher geäußerten Bedenken hinfällig sind und daß die Wasserversorgung Berlins für absehbare Zeit in Ordnung ist. Wir werden also heute die Vorlage an- nehmen. Die Versammlung genehmigt darauf die Vorlage ohne weitere Diskussion. Zur Diskussion gelangt nunmehr die neueste Magistratsvorlage zur Gemeinde schullehrer- Besoldungsordnung, welche den langwierigen Streit zwischen Magistrat und Ver- sammlung endlich aus der Welt schaffen soll. Ter Magistrat kommt hinsichtlich der Ordnung der Alterszulagcn soweit entgegen, daß die erste Stufe(nach 7-jähriger Dienstzeit) nicht, wie er zuletzt verlangt hatte, auf 1ö0 M. ermäßigt, sondern auf 2ö0 M. normiert werden soll, dann sollen die weiteren acht Stufen mit je drei- jährigem Zwischenraum auf 300, 200, 300, 200, 2ö0, 2ö0, 250, 250 Mark bemessen werden. Das Endgehalt des Lehrers stellt sich damit auf 1450-b2250-i-750 M. Wohnungsgcld 4450 M. Bei den Rektoren soll das Grundgehalt 2350 M., die Mietsentschädigung 900 M. betragen, bei den Lehrerinnen Grundgehalt 1100 M., Alterszulagcn nach 3, 6, 9, 12, 15, 13, 21 und 24 Jahren: 100, 100, 100, 200, 200, 200, 200, 200 M.. Mietöentschädigung 500 M, Fa ch- lehrerinnen: Grundgehalt 1000, Mietsentschädigung 400, Alterszulagen nach 7mal 3 Jahren sechsmal je 100, zuletzt 120 M. Die neue Ordnung nach dem neuesten Magistratsvorschlag bringt 2044 von 3012 Lehrern Gehaltszulagen zwischen 50 und 300 M. Von zwei Seiten wird Ausschußberatung beantragt. Stadtv. Singer(Soz.): Ich beantrage, den Ausschutz sofort zu ernennen, da jedenfalls der ganzen Versammlung daran gelegen sein wird, die Beschlußfassung möglichst zu beschleunigen. Nach unserer Meinung wäre Ausschußberatung nicht nötig gewesen. Wir können jetzt nur wünschen, daß im Ausschuß die Borlage eine möglichst unfreundliche Aufnahme findet, w i r sind wenigstens vor ihr aufs allerpeinlichste berührt worden. Wir haben wiederholt zu erkennen gegeben, daß eine Verände- rung der Altersskala nicht mehr unseren Wünschen entspricht. Materiell ist ja der Unterschied zwischen dem letzten Stadt- verordnetenbeschlutz und der jetzigen Vorlage nicht von großer Be- deutung gegenüber unseren Etatsverhältnisscn, aber selbst wenn das ver Fall wäre, darf ich wiederholen, daß die Ver- sammlung bei allem Respekt vor den Rechten des Magistrats doch die geeignetere Beurteilerin ist, weil sie bessere Fühlung mit den Verhältnissen hat, die hier in Frage stehen, Tic Stadtverordnetenversammlung, die mit den Vertretern der Schulkommissionen in vielfacher Berührung steht, auch direkt in der Schulverwaltung zu tun hat, dringt tiefer in die Dinge ein, als der Magistrat, und ihr sich immer wieder- holendes Votum muß also doch solche Bedeutung haben, daß es dem Magistrat an seiner Würde nicht geschadet hätte, wenn er sich endlich den Wünschen der Versammlung fügte Dies zur formalen Seite. Sachlich ist die Borlage die schlechte st e von allen, die wir auf diesem Gebiete bekommen haben. Die Lehrerschaft soll nicht nur in der Höhe der Zulagen differenziert werden; es sollen jetzt auch etwa 1000 Lehrer überhaupt keine Zu- lagen erhalten. Für den Magistrat ist dabei immer bloß die Gesamtsumme der Aufwendungen für den einzelnen Lehrer maß- gebend. Das erinnert mich an die Bercchnungsmethode gewisser Statistiker, welche eine Steigerung des Vermögens jedes einzelnen Deutschen herausrechnen, weil in den Händen der Kapi- talistcn die Vermögen immer stärker anwachsen. (Heiterkeit.) Daß diejenigen, die nichts bekommen sollen, die Selbstlosigkeit, welche man ihnen von Magistrats wegen zumutet. nicht besitzen, kann ihnen niemand verdenken. Zu seinem Resultat konnte der Magistrat überhaupt nur dadurch kommen, daß er jetzt statt der 10 Zulagenstufen bloß 9 vorschlägt. Der Versammlung kann aber damit nicht gedient sein, denn wir haben die Not- wendigkeit der Erhaltung der Berliner Altersftala immer in den Bordergrund gestellt. Der Versuch, hier eine Verschiebung zu machen, scheint mir daher kein sehr glücklicher. Bisher betrugen die Zulagen 2400 M., jetzt werden sie auf 2250 M. reduziert! Diese Differenz von 150 M. soll ausgeglichen werden durch die Erhöhung des Anfangsgehaltes auf 1450 Mk. Eine solche Ver- schiebung kann man doch nicht mit dem neuerlichen Hochschwung magistratSoffjziöser Begeisterung als eine Verbesserung hinaus- schreien! Das neueste Gebräu aus dem Magistratslaboratorium hat uns jedenfalls sehr enttäuscht, sofern darin eine Regelung gefunden werden sollte, die uns befriedigte. Die Erhöhung um 100 M. erhalten nun nicht einmal aste Lehrer. 294 Lehrer werden 50, etwa 300 Lehrer werden 300 M., dazwischen etwa je 500 Lehrer Aufbesserungen von 100, 200 und 250 M. erhalten; aber 968 Lehrer erhalten gar nichts! Nichts wäre falscher als die Auf- fassung, daß die Lehrer überhaupt nichts zu sehen bekommen würden, wenn diese Vorlage abgelehnt wird. Der Magistrat wird hier den Wünschen der Bürgerschaft folgen müssen, er wird gar nicht imstande sein, auf seiner Ablehnung zu verharren. Wegen einer verhältnismäßig geringen Summe kann sich der Magistrat nicht auf einen Standpunkt stellen, der ver- zweifelte Aehnlichkeit mit Eigensinn hat. Die Lehrerschaft selbst will ja auch lieber auf dieses Angebot des Magistrats verzichten, als die Regelung preisgeben, wie sie die Versammlung als die richtige hingestellt hat. Ich schließe mit dem nochmaligen, allerlebhaftesten Bedauern darüber, daß auf dem Gebiete der Jugenderziehung ein fiskalischer Standpunkt betreffs der Ausgaben vom Magistrat eingenommen wird, der sich längst unmöglich gemacht haben sollte. Die Vororte bessern unaufhörlich ihre Lehrergehälter auf. In den letzten Jahren haben wir be- züglich der Qualifikation der neuen Lehrer, die wir anstellen wolle», unsere Ansprüche erheblich zurückschrauben müssen.(Hört? hört!) Den weitaus größeren Teil unserer neuen Lehrkräfte bekommen wir von außerhalb; Berliner junge Leute ergreifen recht wenig diese Karriere. Charakteristisch ist es doch, daß wir eine gewisse Besorgnis zu hegen anfangen müssen, daß das Lchrermaterial bei der Anstellung zu wünschen läßt. Hoffen wir, daß der Magistrat sich endlich geneigt finden wird, unserem Beschluß beizutreten. Ich würde kein Bedenken sehen, die dafür notwendige Summe von uns in den Etat einzusetzen und dem Magistrat zu überlassen, sich cvent. mit uns deswegen in einen Streit zu ver- wickeln. Die Handelei, in die er sich schließlich eingelassen hat, wo es sich jetzt dielleicht bloß noch um 100 000 M. handelt, ist kein Einsatz gegenüber dem M:llionenetat der Stadt. Durch Nach- giebigkeit des Magistrats sollte diese leidige Streitfrage jetzt ein für allemal begraben werden.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Oberbürgermeister Kirschuer: Auch diejenigen Lehrer, die April 1906 keine Erhöhungen erfuhren, erhalten solche im Laufe des Jahres 1906, alle übrigen im Laufe von 1907; es sind also tatsächlich auch die erwähnten 968 nur teilweise von den Erhöhungen ausgeschlossen. Bei der neuen Skala, die wir vorschlagen, hat jeder Lehrer auf die Dauerc seinen Vorteil. Wenn ich immer hören muß:die Bürger- schaft stimmt einmütig dieser Forderung zu" ja, wir im Magi- strat sind doch auch noch Bürger und wir stimmen nicht zu. Auch ausdenKreisenderkleinerenBür gerschaft könnten wir Herrn Singer namhafte Zeugen dafür anführen, daß das jetzt Gebotene»ausreichend ist; viele von ihnen wären mit den Be- trägen, we.vn sie ihnen zukämen, recht zufrieden.(Heiterkeit.) Der Magistrat hat der Versammlung fortdauernd Entgegenkommen gezeigt, auch in der neuesten Vorlage. Eine weitere Er» höhung des Lehrerdien st einkommens im ganzen erscheint uns nicht angemessen; nur in der Skala können wir entgegenkommen. Wie ich glaube, wird der Magistrat an diesem Standpunkt festhalten. Käme es zu einer dauernden Differenz zwischen Magistrat und Versammlung, so sehe ich in der Städtcordnung keinen Anhalt dafür, daß hier etwa die Aufsichts- instanz eine Entscheidung gegen uns treffen könnte. Die Lehrer haben erst vor einem Jahre 100 M. Aufbesserung erhalten; jetzt eine neue von 150 M- Es ist eine unerhörte Zumutung an den Magistrat, daß er auch das letzte noch zugestehen soll, weil es die Lehrerschaft fordert I Gefällt Ihnen die frühere Skala besser, so kann ja auf sie zurückgegangen werden; aber eine Erhöhung in materieller Hinsicht im ganzen kann ich nicht in Aussicht stellen. Stadtv. Cassel(A. L.): Daß wir jetzt auch minderwertige Lehrkräfte anstellen müssen, ist unrichtig, auch fehlt es nicht an geniigendeu Meldungen. Berlin hat nicht etwa jemals elende Gehälter gezahlt und die Vorzüge unserer Altersftala find allgemein anerkannt. Die neue Borlage hat uns mehrfach in Erstaunen gesetzt; sie unterscheidet sich nicht zum Borteil von ihren Vorgäiigerinnen. Der Magistrat hat einfach mit unserer bewährten Altersskala aufgeräumt, es ist ihm aber damit nur gelungen, neue Härten zu schaffen, indem er die höheren Zulagen in den mittleren und späteren Dienstjahren reduziert. DaS richtigste ist und bleibt die Regelung mit dem Grundgehalt von 1350 M. und der Beibehaltung unserer Skala; das hätte auch die Lehrerschaft zufriedengestellt. Bon letzterer haben wir uns unsere Stellung niemals diktieren lassen. Bei der eingetretenen Teuerung aller Lebensbedürfnisse muß eine Auf- besierung erfolgen. Die ganze Differenz beträgt jetzt bloß noch 87000 M. Unter der kleineren Bürgerschaft gibt es auch viele, denen die Gehälter der Beamten viel zu hoch erscheinen. (Heiterkeit und Zustimmung.) Stadtv. R-senrw(N. L.): Von dieser grundsturzenden Vor- läge weiß nach meinen Informationen die Schuldeputatio» gar nichts! Die hätte dock wohl gefragt werden müssen. Die Schaffung von neun Stufen flir Berlin statt der bis- herigen zehn würde sogar eine Aenderung des Lehrerbesoldungs- gesetzeS involvieren. Mit dem Kalkulatorstist hätte man mcht gegen uns vorgehen sollen; die Borlage sieht wie ein Höhn auf die Stadtverordnetenversammlung aus. Ich nehme aber an, daß der Oberbürgermeister sein letztes Wort noch nicht gesprochen hat. Stadtv. Mommsen steht der neuen Vorlage auch borwiegend kritisch gegenüber, hofft aber, daß der Ausschuß in einer Frage, in der bereits drei Magiswatsvorlagen und drei Bersamnilungsbeschlüffe vorhanden find, endlich zu einer Einigung komme. Damit schließt die erste Beratung. Die Vorlage geht an eineii Ausschuß, der sofort ernannt wird nno dem auch die Stadtvv. Aron s, Borgmann. Bruns und Singer angehören. Schluß 9 Uhr._ Letzte JVadmebten und Depefcbcn Neues Urteil im Schulstreik. Gnesen , 31. Januar. (W. T. B.) In einer weiteren Sitzung der Strafkammer wurde Propst Adalbert A n d e r ß in Skarboszewo wegen Vergehens gegen§ 130a des Strafgesetzbuchs(Gefährdung des öffentlichen Friedens), begangen in einer in seiner Kirche ge- haltenen Predigt, zu emem Mona« Festungshaft verurteilt. Der Schneefall im Reiche. München , 31. Januar. (W. T. B.) Der Durchgangsverkehr auf der Bahnlinie über Lindau kann ebenso wie gestern auch heute nur unter großen Schwierigkeiten auftecht erhalten werden, da die Strecke Oberstaufen Roethenbach durch ungeheure Schnremasseo verweht ist. Die von der Schweiz über Lindau kommenden Schnellzüge, die heute früh um 7 Uhr und mittags um 12 Uhr in München fällig waren, lagen mittags in Rocthcnbnch und Hergatz noch fest. Der mittags l'/z Uhr fahrplanmäßig abgegangene Schnellzug nach Lindau und der Schweiz wird rrber Buchloe - Meminingen durch Württemberg nach Hergatz und Linda,! geführt. Karlsruhe , 31. Januar. (W. T. B.) Ans dem badischen Oberlande kommen Meldungen über ungewöhnlich starke Schneefälle, besonders aus dem Schwarzwald . Die Züge erleiden zum Teil erhebliche Ver- fpatungcn, einzelne bleiben im Schnee stecken. Zwischen Titisee und Hinterzarten entgleiste infolge des heftigen Schneewehens die Loko- motive eines Zuges. Auf Neueck bei Furtwangen hat der Schnee eine Tiefe von 2% Meter erreicht. Der Postverkehr stockt ebenfalls. Bergmannslos. Girgenti, 31. Januar. (W. T. B.) In einem Salzbergwerk in der Nähe der Gemeinde Lianciani erfolgte in der Nacht ein plötzlicher Einsturz, durch den drei Bergleute verschüttet wurden. Beamte und Karabinieris eilten herbei und schritten sofort zu dem schwierigen Rettungswerk. Ein Bergmann wurde als Leiche ge- borgen, ein zweiter war so schwer verletzt, daß er heute gestorben ist» der dritte ist noch nicht geborgen. Der Gouverneur von sich in offenem Aufruhr Hungernde Bauern. Petersburg, 31. Jpnuar.(B. H. ) Saratow meldet, daß notleidende Bauern befinden und die Getreidespeicher plündern. Dumawahlen. Petersburg, 31. Januar. (W. T. B.) Nach den bis zum 30. Januar eingegangenen telegraphischen Berichten über die Dumawahlen ersten Grades ist das Ergebnis folgendes: In den Kommunen sind 7835 Wahlmänner gewählt, darunter 2292 Mon- archisten und diesen nahestehende und 4024 gemäßigte. Unter den übrigen befinden sich 99 Kadetten. Unter 3301 Wahlmännern der Kleingutsbesitzer sind 1516 Priester. Attentat. Warschau , 31. Januar. (W. T. B.) Der Referent der Gr- heimpolizci, Viktor Gruen , wurde heute bei einer Ausfahrt von Terroristen getötet und sein Kutfchcr verwundet. Tie Täter entkamen._ Der Henker an der Arbait. Odessa , 31. Januar. (B. H. ) Fünf vom Feldgericht verurteilte Revolutionäre wurden heute nacht hingerichtet. Ein gelungener Coup. Odessa , 31. Januar. (W. T. B.) Heute mittag drangen 20 be- waffnete Männer in eine Druckerei ein, banden sämtliche Arbeiter, bemächtigten sich der Typen und druckten mehrere tausend Exemplare eines Aufrufs an die Seeleute. Tann luden sie diese auf einen Fiaker und fuhren eilends fort�_______ h. Glocke, Berlin . Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstaft Paul SingcrLrCo.. Berlin Hierj"' Z Beilagen«. Unterhaltun-»blätt