Kr. 77. 24. Iahrgavg. L Ktilxze des Jutmätts" Serlim MlkslilM. Mittwoch. 3. April 1907. KT. Parteitag der sozialdemokratische» Arbeiterpartei Hollands . Harlem , 31. März. Im �chön dekorierten Saale der Gesellschaft„Vereeniging" wurde am Sonntagvormittag der Parteitag vom Parteivorsitzenden W. H. Vlie gen eröffnet. In seiner Ansprache führte Vliegen aus, der ParUitag müsse die Angelegenheiten, die die Partei im letzten Jahre l-bhaft beschäftigt hätten, zu einer befriedigenden Lösung führen. Es sei unumgänglich notwendig, dah die inneren Streitig- leiten geschlichtet und das gegenseitige Vertrauen der Genossen wieder hergestellt würde. Das Beispiel der ausländischen Parteien zeige, daß auch die holländische Partei bei allseitigem guten Willen über ihre inneren Schwierigkeiten hinwegkommen könne and sich so neu gekräftigt dem gemeinschaftlichen Feinde zuwenden könne, was dringend notwendig sei bei der augenblicklich ersichtlichen Regierungs- unfäsigkeit der bürgerlichen Partei. Die Tagesordnung wird nach den Vorschlägen des Partei- vors.andes genehmigt entgegen dem Wunsche der marxistischen Ge- nosien, die eine Trennung der Beratung in sachliche und persönliche Angelegenheiten wünschen. In der Nachmittagssitzung teilt Parteisekretär van Kuhkhof mit. dcß 123 Abteilungen vurch 177 Abgeordnete vertreten sind. Darauf eihält Genosse Dr. H. G o r t e r das Wort zu seinem Referat über die Taktik. Troelstra habe den Kampf der beiden Parieirichtungen zu einem persönlichen gemacht und gewisse Vorfälle der Partei der marxistischen Richtung in die Schuhe geschoben. Eine von ihm(Gorter) und dem Genosien Pannekoek geschriebene Broschüre sei kein Angriff auf die Kammerfraktion, sondern eine Verteidigung gegen Troelstras Broschüre«in Sachen Parteileitung", die kurz vor dem vorjährigen Parteitag zu Utrecht erschien. Gorter protestiert dagegen, daß man den Kampf zu einem persönlichen machen wolle und zeichnet in einem historischen Rückblick das Fortschreiten der revisionistischen Richtung in der Parteileitung, dem Parteiorgan„Het Volk" usw. Der Revisionismus habe sich bekundet in der Behandlung der Agrar ftage, wobei die marxistische Richtung allerdings mit ihrem Standpunkt durchdrang. Ebenso zeigte sich der Revisionismus in der Behandlung der Schulfrage. in der Behandlung des Generalstreiks im Jahre 1903 durch durch die Kammerfraktion, die dabei Hoffnungen auf die liberalen Parteien fetzte. In der Haltung der Fraktion gegen das Agitations- komitee betreffend den Arbeitskontrakt trat derselbe Geist zutage und in letzter Zeit ist das der Fall gewesen in der Stellungnahme zu den Gesetzentwürfen für Kranken- und Invalidenversicherung. Ueberall macht man den bürgerlichen Parteien mehr oder minder große Zu- geständnisse. In der Zentralisation der Partei, die der Parteivorftand an- strebt, im Fallenlassen der Forderung des Fraiicnwahlrechts in dem seinerzeit von der Kammerftaktion eingereichten Gesetzentwurf betr. das allgemeine Wahlrecht, bei der Behandlung des Zehnstundentages auf dem Kongreß, wobei die Forderung des Achtstundentages nicht in der Resolution erwähnt wurde, in der eventuellen Bereitschaft der Kammer- fraktion fiir das Kriegsbudget zu stimmen, in allen diesen Fällen glauben die Marxisten Anzeichen von Entgegenkommen an die bürgerlichen Demokraten zu erkennen. Auch im Parteiorgan„Het Volk" herrscht der Revisionismus. Besonders zeigt er sich in der Weise, wie in der Rubrik Ausland die Taktik der deutschen Partei jetzt im Gegensatz zu früher als verkehrt dar- gestellt wird, während dem ftanzösischen Radikalismus und den unabhängigen Sozialisten Frankreichs zugejubelt wird. Gerade im letzten Jahre häuften sich die Anzeichen des Revisionismus. Dazu kam die große Eile in der Programmrevision. Gorter warnt vor der Abfchwenkung nach rechts. Die Marxisten werden aus dem Standpunkt des Programms stehen bleiben. Er fordert die Zurückziehung der Utrechter Resolution und endet unter kräftigem Beifall eines Teiles des Parteitages. In der Abendsitzung spricht Genosse Troelstra als Korreferent. Falls alles sich so verhalte, wie Genosse Gorter be« hauptet habe, müßten er(Troelstra) und seine Freunde des sozialistischen Prinzips halber aus der Partei entfernt werden. Alle angeführten Dinge seien aber altbekannt. Verschiedene Punkte, worin gefehlt wurde, seien bereits zugegeben, vieles sei aber übertrieben. Ks sei eine Unwahrheit, daß die Marxisten nicht als Mitarbeiter ain Parteiblatte„Het Volk" zugelassen würden, man müsse sich aber gegen das Ueberwuchern von Debatten im Blatte schützen. Er und seine näheren Freunde könnten der Zurückziehung der Utrechter Resolution nicht zustimmen. Von einem Entgegenkommen an die bürgerlichen Parteien sei keine Rede, ebensowenig solle die fteie Meinungsäußerung in der Partei be- schränkt werden. Wenden müsse man sich aber gegen unzeitige Kritik an Parteigenossen, die verantwortliche Posten innc hätten. Das sei in allen Punkten, die Gorter angeführt habe, geschehen. Das sucht der Redner des näheren darzulegen. Es sei Ueberhebung, wenn Genosse Gorter und seine Freunde das Monopol des Marxismus be- anspruchten. Luch die andere Richtung glaube auf dem Boden des Marxisnius zu stehen. Sie wolle aber auch praktische Reformen er- zielen. Doch müsse er dagegen protestieren, daß seine Richtung diese als das Endziel der Sozialdemokratie ansehe. Troelstra ver- teidigt seine und der Kammerftaktion Haltung in den verschiedenen vom' Genossen Gorter angeführten Punkten. Es sei letzterem nicht gelungen, den Beweis für seine Anschuldigungen zu erbringen. Die Programmrevision sei notwendig, um die Stellung der Partei gegen die bürgerlichen Demokraten zu stärken. Sie müsse in einer Kommission durchzuführen versucht werden. Man müsse dort suchen, was die beiden Richtungen ver- eine und aus dem Programm entfernen, was sie trennt. Ausgangs- sunkt und Schlußfolgerung des Parteiprogramms seien aber un- anfechtbar. Der Redner würde bedauern, wenn die Marxisten aus >er Partei auStteten würden. Er habe aber die Hoffnung, daß uirch die Beratung in der Kommission die Schwierigkeiten behoben Verden könnten. Troelstra endet unter anhaltendem Beifall eines iroßeii Teiles des Parteitages. Haarlem , 1. April 1907. Bei der Eröffnung der Vormittagssitznng werden drei Er- llärungen abgegeben. Die Kammerfraktion läßt durch den Genossen S ch a p e r erklären, daß die Mitglieder der Fraktion nicht länger als Vertreter der sozialdemokratischen Partei im Parlament auftreten können, falls die gegen sie erhobenen Anschuldigungen für richtig befunden würden. Die Fraktion verlangt eine Erklärung des Parteitages, die ihr Verhalten in der zweiten Kammer billigt und ihr das volle Vertrauen ausspricht. Namens des Parteivorstandes gibt Genoffe Spiekman die Erklärung ab, daß durch die zusammen mit dem niederländischen Verband der Gewerkschaften begonnene Aktion für den gesetzlichen Zehnstundentag der internationalen Forderung deS Achtstundentages kein Abbruch getan werde, da die Agitation eine augenblicklich er- reichbare Forderung betreffe. Namens der Redaktion des Parteiorgans„Het Volk" erklärt Genosse Vliegen, die Partei gehe zugrunde, wenn die An- sichten der Gruppe Gorter im Blatte die Oberhand erhielten. ES sei eine grobe Lüge, daß die Redaktion die Diskussion im Blatte abgeschnitten hätte. Die Redaktion habe im Gegenteil die Genossen der.Nieuwe Tid"-Gruppe zur Mitarbeiterschaft häufig aufgefordert. Genosse van der Goes erklärt durch Zwischenruf, daß die Redaktion ihm und seinen Freunden die Mitarbeilcrschaft unmöglich gemacht habe. An der nun folgenden Debatte über die Taktik, die den Rest der Vormittags- und einen Teil der Nachmittagssitzung füllt, be- teiligen sich die Delegierten von 26 Abteilungen. Die übergroße Mehrheit der zu Wort Kommenden spricht sich für die Haltung der jetzigen Parteileitung, der Kammerfraktion und der Redaktton vom„Het Volk" aus und wendet sich gegen die Kritik der Marxisten. Ein Teil der Redner spricht für, der andere gegen die Zurückziehung der Uftechter Resolutton. Zu Beginn der Nachmittagsfitzung wurde Stellung genommen zu den im Juni stattfindenden Wahlen für die Provinzialstaaten. Die Parteiabteilungen sollen aufgefordert werden, selbständige Kandidawren aufzustellen: in Distrikten, wo die Abteilungen noch nicht mit vollständiger Kandidatenliste selbständig auftreten können, soll die Haltung der Parteigenossen in Uebereinstimmung mit dem Parteivorstande festgesetzt werden. Bei der Stichwahl soll der Partei- vorstand die Haltung der Partei bestimmen. Außerdem wurde beschlossen, fünf Delegierte zum intemattonalen Kongreß in Stuttgart zu entsenden und auf ihm zu beantragen, den Punkt„Frauenlvahlrecht" zu beraten. Hu9 der Partei. Die Spaltung der sozialistischtn Iugeudorganisatian Italiens. Rom , 23. März.(Eig. Ber.) Auf ihrem dritten Kongreß, der vom 24. bis 27. März in Bologna getagt hat, hat der„Verband der jungen Sozialisten" sich in einen syndikalistischen und in einen reformistisch- integralisttschen Flügel gespalten. Was die Gesamt- Partei durch Disziplin und Selbstbeherrschung verhindert hat, das hat die Jugendorganisatton schlankweg vollzogen. Obwohl administrativ unabhängig von der Partei, hat die Organisation der jungen Sozialisten, die die jungen Leute aufnehmen soll, denen die Pforten der Partei noch verschlossen sind(von 16 bis 18 Jahren), sich immer als in einem moralischen Abhängigkeitsverhältnis zur Partei stehend Betrachtet. Sie hat auf dem allgememen Parteitage in Rom zur Frage des Anttmilitarismus das Wort genommen, hat wiederholt vom Partei- vorstand eine Direkttve gefordert und auch in Bologna Berfteter des Parteivorstandes auf ihrem Kongreß gesehen. Alle bisher be- stehenden Beziehungen bezeugten also ein moralisches Abhängigkeits- Verhältnis, da wohl nicht gut von einer Gleichstellung die Rede sein kann. In Bologna hat man nun das alles über den Haufen ge- warfen und die Jugendorganisation, die doch eine Vorschule der geeinigten Partei sein sollte, wegen prinzipieller Unvereinbarkeit gespalten. Man könnte die ganze Sache als einen heißköpfigen Jugend- streich abtun, wenn wirklich nur die jungen Leute aus eigener Machtvollkommenheit entschieden hätten. Wäre dem so, so bewiese der jüngste Kongreß zu Bologna nur, daß T u r a t i im Recht war, wenn er über die politische Un< reife der Jugendorganisatton die Lange seines Spottes ausgoß Aber die jungen Leute waren nicht unter sich, als sie die Trennung vorbereiteten und vollzogen. Ja, es war sogar ein Mitglied des Vorstandes der soziali(tischen Partei, die Genossin A l t o b e l l i, unter denen, die die Spaltung vorschlugen, und zwei Vorstands� Mitglieder haben nach der Spaltung den Vorsitz in dem reformistisch integralistischen Koitgreß geführt. Vertreter den Gesamt- Siartei haben so bei der Spaltung zu Gevatter ge- t a n d e n. sie haben nicht die Verpflichtung gefühlt, im Namen der Beschlüsse des Parteitages von Rom zur Einigkeit und Duldsamkeit zu ermahmen, sie haben nicht protestierend die Versammlung verlassen, die spielend und halb unbewußt Kostbares zerstörte. Diese Tatsache ist viel ernster und wird weit folgenreicher sein, als der knabenhafte Leichtsinn, mit dem die jungen Leute die Einheit ihrer Organisation zerbrachen. Es ist unverkennbar, daß dem jetzigen Kongreß eine längere Vorarbeit vorangegangen ist, die von Reformisten und Jntegralisten ins Werk gesetzt worden war, um die Jugendorganisation dem Ein fluß der Syndikalisten zu entziehen. Die Syndikalisten, die selbst fast ausschließlich-junge Leute sind, haben sich von Anfang an viel der Jugendorganisation gewidmet; ihre Richtung, die der revolutio nären Geste und dem individuellen Tun viel Bedeuttmg zuspricht, hat für die Jugend eine besondere Werbckraft, die noch vergrößert wird durch den romantischen Beigeschinack, der der Agitation in den Kasernen anhastet, von deren Gefahren die jungen Leute, die noch nicht beim Militär waren, keine genaue Vorstellung haben. Daß der Parteivorstand nicht ohne Sorge dies Umsichgreifen des Syndi kalismils in der Organisation der jungen Sozialisten mit ansah, ist begreiflich. Weniger begreiflich ist, daß er nicht offiziell einschritt, ennahnend und an die Pflichten der Einordnung in die Gesamt Bewegung erinnernd, sondern durch Unterhandlungen das Zentral komitee auf seine Seite brachte, ein starkes Delegiertenaufgebot der Reformisten und Jntegralisten begünstigte und durch seine Mitglieder die Spaltung offen befürwortete. Die syndikalistische Propaganda durch Propaganda seiner Ansichten einzudämmen, konnte Pflicht des Parteivorftandes sein. Der Versuch, die Syndikalisten zu über- stimmen und die Befürwortung der Spaltung stand dem Vorstand nicht an. Daß die Spaltung schon außerhalb des KongresieS ausgereist worden lvar, geht aus einem kurzen Ueberblick über die Berhand lungen hervor. Zugegen waren einige 150 Delegierte. Sofort kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen über die Gültigkeit der Mandate von 42 Delegierten von Reggio Emilia (Reformisten),, deren Organl sationen erst vor kurzer Zeit dem Landesverband beigetreten sind. Gleiche zeitig diskuttert man über den AbsttmmungSmodus, nach Vertretern oder nach vertretenen Mitgliedern. Die Reformisten und Jntegralisten sind für den ersten, die Syndikalisten für den zweiten Modus, l entsteht ein wahrer Tumult, bis Bartolozzi(Syndikalist) vor- schlägt, zur Spaltung zu schreiten. Die Reformisten sind ein- verstanden und nach einer Pause kommt man ohne Abstimmung überein, die Organisation zu spalten, wobei für die noch gemeinsam zu erledigenden Angelegenheiten die Mandate der Delegierten von Reggio anerkannt und die Abstimmungen nach Delegierten festgesetzt werden. Nun versuchen beide Teile, den anderen als den vom ge meinsamen Programm abiveichenden hinzustellen. Die Jntegralisten und Reformisten bringen folgende Tagesordnung ein: „In Anbettacht der Verichiedeuheit der Auffassung, der Methode und der Lehren über den Antimilttarismus, über das Verhalten gegen den Staat und über die Beziehung zu der Partei und den Gewerkschaften, die zwischen den auf dem Kongreß entstandenen Frakttonen zutage getteten ist, billigen die Sozialisten der Jugend- organisatton die Trennung von den Syndikalisten, die von diesen selbst vorgeschlagen wurdet Diese Tagesordnung unterliegt mit 76 gegen 51 Sttmmen, worauf die Reformisten und Jntegralisten den Kongreß verlassen. Die Spaltung ist also ohne Diskussion, ohne irgend- welche prinzipielle Auseinandersetzung erfolgt. Am nächsten Tage haben beide Kongresse gesondert getagt und in beiden wurde die Autonomie der Jugendorganisation be- schloffen. Die Syndikalisten sandten die unvermeidlichen Sympathietelegramme an die„Azione", die Jntegralisten und Reformisten an den„Avanti". Die einen beschlossen, sich in Florenz , die anderen in S m o l a in zwei Jahren wieder zu versammeln und der ttaurige Kongreß fand sein Ende, nachdem über alle möglichen schönen Dinge diskutiert worden war, über die im Namen der Jugendorganisatton Italiens zu beschließen offenbar keine der beiden Versammlungen mehr das Recht hatte. Gespannt muß man nun auf die Stellungnahme des Partei- Vorstandes sein, der durch zwei seiner Mitglieder, die Genossin A l t o b e l l i und den früheren Abgeordneten B e n t i n i. offen auf die Seite des reformistisch-integralistischen Flügels getreten ist. Billigt der Gesamtvorsiand diese Haltung seiner Mitglieder, so heißt er indirekt die Spaltung gut, die der Parteitag von Rom mit großer Mehrheit abgelehnt hat.__ Kreiskonferenzen. Der Wahlkreis Duisburg- Mülheim hielt am Kar« freitag in Heißen eine W a h l k r e i s k o n f e r e n z ab, die sich neben der Erledigung der regelmäßig«uf den Kreiskonfccenzcn wiederkehrenden Parteigeschäfte des engeren Kreises vorwiegend mit der Beschaffung eines selbständigen Partei- o r g a n s zu befassen hatte. Auch der Parteivorstand aus Berlin hatte hierzu einen Delegierten, den Genossen Molken- buhc, entsandt. Die Genossen haben sich im vorigen Herbst ein eigenes Organ, die„Niederrheinische Arbeiter» zeitung" geschaffen, die jedoch bisher als Kopfblatt lediglich für den lokalen Teil des Wahlkreises selbständig arbeitete und im übrigen der„Dortmunder Arbeiterzeitung" angegliedert ist. Nun hat aber die EntWickelung dieses Kopfblattes erfreulicherweise in den sechs Monaten einen solchen Aufschwung genommen, daß die Genosien des neu eroberten industriellen Riesenlvahlkreises der Ansicht sind, die Parteientwickelung im Kreise erfordere unbedingt die vollständige Selbständigkeit eines eigenen Organs. Der Vor- sitzende der Kreispreßkommission, der über die An- gelegenheit berichtete, konnte an der Hand des Geschäftsabschlusies nachweisen, daß der Umsatz in den ersten sechs Monaten des Bestehens des Kopfblattes den Betrag von 41 488,18 M. er- reicht, also bereits den Umfang einer mittleren Partei- d r u ck e r e i angenommen hat. Unter solchen Umständen war es begreiflich, daß die aus 54 Delegierten und den Parteifunktionären zusammengesetzte Konferenz fast einmütig dem Vorschlage der Kreispretzkommission zustimmte. Als eine unliebsame Zugabe zu dem Projekt wird nun von den Genossen das Bestreben des Haupt- Vorstandes betrachtet, die Duisburger mit dem schon seit zirka 2 Jahren in der Schwebe befindlichen Projekt einer eigenen Druckerei in Essen zu verschmelzen. Das im Vorjahre in Essen festgelegte Unternehmen ist bekanntlich, als schon der Bau in An- griff genommen war, durch die mehr als unfaire Handlungsweise zweier Personen aus bürgerlichen Kreisen dem Jnduftriekönig Stinnes in die Hände gespielt worden. Daß nun die Esiener Ge- nosien inzwischen entgegen den Anordnungen des Hauptvorstandes, der nach dem Verkrachen des Esiener Unternehmens die Druckerei in Duisburg einrichten wollte, stillschweigend ein zweites Grundstück angekauft haben, hat die Genosien des Duisburger Wahlkreises stark empört, und sie weigerten sich deshalb, mit den Esiener Ge- nosien zusammenzugehen. Da der Genosse Molkenbuhr als Vertreter des Parteivorstandes und der Vertreter des Wahlkreises, Reichstagsabgeordneter Hengsbach, mit größter Beredsamkeit versuchten, die Dissonanzen zu beseitigen und die Genossen für den Anschluß an Essen trotz des Verhaltens der Essener im finanziellen Interesse der Partei umzustimmen, so war die Erörterung der Angelegenheit teilweise eine etwas gereizte und erregte. Die Wogen der Erregung glätteten sich jedoch, als Genosse Molken- b u h r der Konferenz den Vorschlag machte, wenigstens den Druck der„Riederrheinischcn Arbeiterzeitung" so lange in Essen zu belassen, bis der Duisburger Kreis aus eigenen Mitteln in der Lage sei, die Druckeret selbständig zu etablieren. Nachdem der Preßkommissionsvorsitzende empfohlen hatte, diesen Vorschlag des Parteivorstandes zu akzeptieren, zumal es mit der Etablicrung deS Druckereiunternehmens aus eigenen Mitteln doch wohl noch eine Weile dauern werde, erfolgte fast allgemeine Zustimmung. Es wurde e i n st i m m i g dann der Beschluß gefaßt, eine G e» nossenschaft zu begründen, die die Beschaffung von Geldmitteln und die Gründung eines eigenen Druckereiunter» nehmens in die Wege zu leiten hat. Die„Niederrheinische Arbeiterzeitung" wird von dem Zeitpunkte an, da das Essener Projekt verwirklicht ist, ebenfalls als selbständiges Parteiorgan unter eigener Redaktion und eigener Geschäfts. führung erscheinen, der Druck des Blattes aber dem Essener Parteigeschäft übertragen werden. Die Kreispreßkommission wurde mit den Vorarbeiten betraut. Ebenso erfreulich wie die EntWickelung der Presse hat sich die Stärkung der Organisation gestaltet. Wie der Kreis, Vertrauensmann an der Hand seiner Abrechnung nachwies, ist die Zahl der organisierten Genossen des Wahlkreises auf 3291 gewachsen, was gegen das Vorjahr eine Zunahme um 1418 be- deutet. Da die Fluktuation in diesem Kreise ganz außergewöhn- lich, vielleicht am stärksten überhaupt ist, so bedeutet die Zunahme von �1418 Organisierte in einem Jahr und unter so sehr primitiven Verhältnissen einen mächtigen Fortschritt. Der Wahlkampf, der die Eroberung des Mandats brachte, hat eine Ausgabe von 13 893,06 M. verursacht, dem nur eine Einnahme von 12 077,86 M. gegenüberstand, so daß hier ein Defizit von 1815,80 Mark entstanden ist. 11 Flugblätter wurden wahrend des Wahl- kampfes in einer Gesamtauflage von 830 000 Exemplaren ver- breitet, außerdem noch 72 600 Handzettel. 96 Versammlungen wurden in 12 Orten abgehalten, in mehr Ortschaften standen im Wahlkreise infolge des gegnerischen Terrorismus keine Lokale zur Verfügung. Das Gesamtbild zeigte ein reges Parteileben im Wahlkreise und eine gesund'e Entwickelung. Vom Fortschritt der Presse. Das„ V o l k s b l a t t" zu Bochum hat am 30. März dis Zahl von 12 000 Abonnenten erreicht. Eine schwere Anklage gegen ein syndikalistisches Blatt. Rom , 28. März.(Eig. Ber.) Der Parteisekretär Genosse O. Morgari, Abgeordneter eines Turiner Wahlkreises, erhebt im„Sempre Avanti" Anklage gegen die syndikalistische Tageszeitung„Azione" in Rom , der er vorwirft, Gelder aus trüber Quelle zu erhalten. Zum Beweis dieser Behauptung führt Morgari folgendes an: Die von Enrico Leon« geleitete Zeitung hat als zweiten Direktor einen gewissen Herrn S e a r a n o. Dieser ist Verwalter einer Postagentur und hat als solcher eine ganz besonders glänzende Karriere gemacht und nam- hafte Vergünsttgungen erfahren. Dieser Searano ist nicht Syndikalist, denn er trat vor der Gründung der„Azione" an den Genossen T a S c a mit dem Vorschlage heran, eine reformistisch- demokratische Zeitung zu gründen. Nach Erklärungen LeoneS sollen die Schwager SearanoS monatlich 7000 Lire für die„Azione" geben; Morgari beweist nun, daß beide Schwager mittellos find. Searano ist nicht Journalist, hat aber kurze Zeit lang eine Zeitung zur Bekämpfung des Verbandes der Postangestellten herausgegeben. Morgari fordert nun öffentlich Leone auf, Rechenschaft über die Geldquellen seiner Zeitung zu geben. Die mit Dokumenten. Namen und Daten genau belegte Anklage ruft um so größeres Erstaunen hervor, als Enrico Leone zwei Jahre hin- durch erster politischer Redakteur des„Avanti" war und den Ruf tadelloser persönlicher Rechtschaffenheit in der Partei genießt. Der Derbaudstag der Dortefemlier. Der zweite VerbandStag des Verbandes der Portefeuiller und Ledergalanteriearbeiter Deutschlands wurde am ersten Ostertage vormittags 9 Uhr eröffnet. Er findet im Saal 1 des Berliner Gewerkschaftshauses statt. Erschienen sind 28 Delegierte, deren Mandate sämtlich als gültig anerkannt werden. Die organisierten Zwischenmeister haben zwei Vertreter entsandt, die als Gäste an den Beratungen teil- nehmen. Vom Verbandsvorstand, der in Offenbach seinen Sitz hat, ist der Vorsitzende W e i n s ch i l d und der Kassierer Eisig anwesend» vom Berbandsausschuß der Vorsitzende Hei n d k e-
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