hat lediglich sagen wollen: für den Fall, daß die vorgebrachten Beschuldigungen wahr find, muß eingeschritten werden. Wo kommen denn die Beschuldigungen de« Herrn Abg. Bebel her? Nicht aus Kamerun , sondern auS der spanischen Nachbarkolonie. Dort hin hat sich der auS Kamerun herausgeworfene Herr Müller gewendet und dann seine Beschuldigungen an einen Mann in Deutschland geschrieben, von dem er wußte, daß er ein prinzipieller Gegner der Regierung ist und bei jeder Gelegenheit gegen deren Beamten Front macht. So kommt die Sache an Herrn Bebel.«S mußte ihm doch aber auffallen, daß eine Sache, die 1894 passiert ist, erst im Jahre 1904 an ihn gelangte!(Sehr richtig! rechts und bei den Liberalen.) Ich habe übrigens dem Abgeordneten Bebel nicht einen Vorwurf daraus gemacht, daß er die Sache hier vorgebracht hat. sondern daß er den Brief längere Zeit bereits befaß, ohne sich über die Richtigkeit der von ihm aufgestellten Behauptung zu erkundigen. Ja, Herr Bebel soll bereits vor zwei Jahren an den Müller geschrieben haben:.Lassen Sie mich mit solchen Hunnenbriefen zufrieden I'(Zuruf des Abg. Bebel: Ich habe nie etwas Derartiges geschrieben!) Wenn Sie das dementieren, nehme ich meine Behauptung zurück. Presse und Parlament find gewiß dazu da. Mißstände aufzudecken. Aber den Namen hätte der Abg. Bebel hcrauslasien sollen, der tut nichts zur Sache.(Sehr richtig! rechts und bei den Liberalen.) Herr Bebel mußte sich doch sagen, daß, wenn er die Sache hier im Dezember vorbringt, mindestens fünf Monate ins Land gehen würden, ehe sich die Wahrheit der erhobenen Be schuldigungen herausstellen konnte. So geht man nicht gegen einen Beamten vor, von dem man selbst nichts weiß, sondern nur von dunkelen Hintermännern, so daß nian nachher zugeben muß, die aufgestellten Behauptungen sind nicht beweisbar.(Sehr richtig I) Und was die Sache noch schlimmer macht: in einem sozialdemo- kritischen Flugblatt, das bei der Wahl in Millionen von Exemplaren verbreitet wurde, hat diese Geschichte als wahr gestanden.(Sttir> misches Hört! hört! rechts und bei den Liberalen.) In unzähligen Volksversammlungen haben sozialdemokrattsche Redner, gestützt auf die Angaben des Abg. Bebel, diese Sachen vorgetragen.(Erneutes Hört! hört! rechts und bei den Liberalen.) Ich habe daraufhin zehn sozialdemokratische Redakteure verklagt und die Leute sind nach einander zu 75 bis 300 M. Geldstrafe verknackt worden.(Heiterkeit. Zuruf recht»: Klassenjustiz 1) ES hätte durchaus genügt, Herr Bebel, wenn Sie den Fall ohne Namensnennung vorgebracht hätten. Das. was Sie getan haben, ist keine noble Kampfes- weife, weder gegenüber Herrn Dominik noch gegenüber der Regierung. Sie haben jemand angegriffen, der nicht in der Lage war. sich zu wehren und einen wehrlosen Gegner greift ein tapferer Mann nicht an.(Lauter Beifall rechts und bei den Liberalen.) Die Verwaltung ist gern bereit, alle ihr vorgebrachten Mißstände zu untersuchen. Der Abg. Bebel aber ist zum nnndesten außerordentlich unvorsichtig mit der Ehre eines anständigen Mannes umgesprungen.(Lebhafter Beifall rechts und bei den Liberalen, Un« ruhe bei den Sozialdemokraten.) Abg. Bebel(Soz.): Ich habe dem Briefschreiber nicht geantwortet, weil der Brief mich erst Monate nach seiner Absendung getroffen hat. Wenn meine Ausführungen hier im Wahlkampfe in unrichtiger Weise ausgespielt sein sollten, so wäre das Schuld des Verfassers des be- treffenden Flugblattes, der meine Rede nicht genauer angeschen hat. Auf Grund meiner Rede wäre eine Strafverfolgung nicht möglich. Weiter hat der Kolonialdirektor hervorgehoben, daß Nach- richten in Kamerun außerordentlich rasch und weit verbreitet werden und wunderte sich, daß ich trotzdem erst im Jahre 1904 Kenntnis davon erhalten habe.(Widerspruch recht«.) Ich kann mich da wieder nur auf den Brief beziehen, den ich von einem Deutschen erhalten habe, der in Kamerun gewesen ist. und dem dort 1902 diees Gerüchte zu Ohren gekommen sind. ES ist also nicht wahr, wenn behauptet wird, sie seien in Kamerun nicht verbreitet gewesen. Weiter hat der Kolonialdirektor die Nichtigkeit meiner Auffaffung über die Aussage de» Bezirksamtmann» Kendell in Zweifel gezogen. Auffassung steht hier gegen Auffassung. ES ist wichtig, festzustellen, ob die Tatsache überhaupt vorgekommen ist. Hierzu müssen die Leute nicht nur mit Kendell konfrontiert werden, sondern auch mit den Abgeordneten. Nach dieser Richtung hin muß Aufklärung geschaffen werden. Ist der Fall aber tat- sächlich vorgekommen, so hat der Hauptmann Dominik Dinge zu» gelassen, die er gerade mit Rücksicht auf die Behandlung der Ein. geborenen hätte verhindern müssen. Der Kolonialdirektor stellt ihn als vollkommen unschuldig hin. Trotzdem ist ihm am 8. Juli 1908 eröffnet worden, daß ihm der Vorwurf nicht zu ersparen sei, daß er nicht durch geeignete Maßnahmen und Befehle barbarischen Ge» brauchen in der Kriegführung vorgebeugt habe. Obwohl also der Kolonialdirektor erklärt, daß gegen den Hauptmann Dominik nichts vorliege, erteilt der Kanzler ihm diesen Rüffel, ist also auch der Ueberzeugung, daß solche Dinge vor- gekommen sind. Der Herr Kolonialdirektor machte mir endlich einen Vorwurf daraus, daß ich die Dinge hier vorgebracht habe. Ich bin im höchsten Grade überrascht, daß meine Nachbarn zur Linken bei diesen Ausführungen ihm ein lautes Bravo zuriefen, während doch ihr eigener Parteigenosse Ablast noch im Herbst den Namen des Hauptmanns Dominik in demselben Zusammenhang genannt hat.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Der Ko- lonialdirektor sagt, es werden hier von mir wehrlose Beamte be- schuldigt. Ach, Sie haben soviele Mittel an der Hand, diese Herren sicher zu stellen, daß die Anschuldigung, die Herren wären hier wehrlos den Angriffen preisgegeben, durchaus keine Berechtigun hat.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Ich gebe zu, das nach der einen Richtung hin sich die Sache zugunsten des Haupt. manns Dominik ausgeklärt hat, und daß mein Gewährsmann mick nicht richtig informiert hat. Ich kann aber nicht zugeben, daß ick nach irgend �iner Richtung hin unrichtig gehandelt habe.(Beifal! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Ledebour(Soz.): (mit großer Unruhe von der Rechten empfangen): Wir haben bei den Dingen, die Sie für notwendig hielten, zu erörtern, sehr lange Reden von Ihnen geduldig angehört, und wir bitten un? aus...(Unruhe rechts.) Ja. wir bitten uns aus. daß uns gegenüber das nämliche Gefühl der Gerechtigkeit obwaltet. (Unruhe rechts.) ES scheint, daß einige der neu eingetretenen Herren der Blockparteien eS für einen Befähigungsbeweis parlamentarischer Tätigkeit halten, wenn sie uns zu verhindern suchen, zu sprechen.(Andauernde Unruhe rechts.) Wir werden aber trotzdem sagen, was zu sagen notwendig ist.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Sie haben gestern die Angriffe gegen mich ruhig angehört, und um so unfairer ist eS, daß Sie mich am Reden zu verhindern suchen. Der Herr Kolonialdirektor hat be- hauptct, ich hätte eine unrichtige Darstellung von der Angelegen- heit de? Oberrichters Meier und der Akwaleute gegeben. Ich werde so kurz als möglich die Tatsachen aus den Akten feststellen. Ich erinnere dabei, daß die Beschwerde der Akwaleute an das HauS gerichtet war. U. a. war darin gesagt, daß der Oberrichter Meier ein Mädchen gewaltsam zu buhlerischen Zwecken von den Eltern gekaust habe. Diese Beschwerde wurde der Regierung übergeben und nach Kamerun gesandt. Der Gouverneur v. Puttkamer sagt, er habe nicht beabsichtigt, ein Strafverfahren gegen die Beschwerde- führer einzuleiten. Erst durch eine Unterredung mit anderen Beamten, auch mtt dem Oberrichtcr Meier, sei er dazu veranlaßt worden. Das Ergebnis war die Verurteilung der Beschwerde- führer bis zu 9 Jahren Gefängnis und Zwangsarbeit. Dem Reichstage wurde das nicht einmal mitgeteilt. Erst durch die Presse, und in diesem Falle durch ein freisinniges Blatt, das . Hamburger Fremdcnblatt", wurde es bekannt. Der Oberrichtcr Meier wurde zu einer schriftlichen Erklärung aufgefordert. Er war bezichtigt, da"~ f"1------- W er das Mädchen als Dienstmädchen angenommen habe. Daß be reitS eine Anzahlung auf sie gemacht war und daß sie al« verlobt anzusehen war, will er erst aus der Beschwerde erfahren haben. „Doch wäre das," fährt er fort,„meines Erachtcns kein Hindernis gewesen, das Mädchen in Dienst zu nehmen. Auch in unserer Heimat geschieht das, und wenn die Mädchen sich verheiraten, scheiden sie auS dem Dienste aus."(Lachen bei den Sozialdemo- kraten.) Diese Aussage ist ganz raffiniert; der Herr behauptet nicht, daß er das Mädchrn geschlechtlich nicht benutzt habe. Er stellt die Sache aber so dar, daß jeder unbefangene Europäer die Ansicht gewinnen muß, daß es sich wirklich um ein Dienstmädchen gehandelt habe. Daraufhin, daß Herr Meier eine falsche Aussage gemacht hat, ist ja auch ein Disziplinarverfahren gegen ihn ein- geleitet worden, über oesscn Ausgang uns steilich in außer- ordentlich dürftiger Weise mitgeteilt ist, daß das Verfahren durch Verfügung vom 9. Januar 1907 eingestellt und er zu einer Ordnungsstrafe in Höhe des Gehaltes eines Monates genommen sei. Es wäre interessant zu wissen, wer diese Verfügung erlassen hat. Aber aus dieser ganzen Tatsache geht hervor, daß Meier tat- sächlich in einer Strafsache gegen andere wegen Beleidigung seiner Person in einem wichtigen Punkte, nämlich über sein geschlecht- liches Verhältnis zu einer Frau, eine falsche Angabe gemacht hat» und daß unter Berücksichtigung dieses Punktes die Leute der- urteilt worden sind. Die Behörde hat durch die gegen Meier der- hängte Ordnungsstrafe anerkannt, daß er hier, wo eS sich um seine Person handelte, in einem wichtigen Punkte eine falsche Aussage abgegeben hat. Da habe ich, und ich meine, jeder objektive Mann hat das Recht dazu, zu sagen, ein richterlicher Beamter, auf den eine seelische Mißstimmung— damit sucht man ihn ja zu ent- schuldigen— auf den eine seelische Mißstimmung so einwirkt, daß er in einem Verfahren gegen andere wider besseres Wissen eine unrichtige Erklärung abgegeben, und zwar zum Schaden seiner Gegner, ein solcher Mann ist unfähig, ein richterliches Amt zu be- kleiden. Ich höre keinen Widerspruch.(Lachen rechts.) Das mache ich der Kolonialverwaltung zum Vorwurf, daß sie trotz dieser ihr be- kannten Tatsache den Mann zur Ausübung richterlicher Funktionen itr fähig hielt. Für mich und meine Parteigenossen ist das ein Beweis, daß seitens unserer Kolonialverwaltung durchaus nicht der Grundsatz befolgt wird, den der Kolonialdirektor einmal an- geführt hat, daß er nur Leute mit tadelloser weißer Weste in den Kolonien verwenden wolle. Nach Zeitungsnachrichten soll ja auch Herr v. Puttkamer wieder in den Kolonien Verwendung finden, wenn auch nur auf kurze Zeit. Das steht auf genau demselben Blatt. Denn Herr v. Puttkamer ist überführt und zu einer Ord- nungsstrafe verurteilt worden, weil er zur Ausstellung eines alschen Passe? mitgewirkt hat.(Rufe recht»: Nein!) Ich mache weder Herrn v. Puttkamer noch Herrn Meier den geschlechtlichen Berkehr zum Vorwurf.(Lachen rechts.) Es liegt ein großes Stück Heuchelei darin, den jungen Leuten, die in die Tropen hinaus- geschickt werden, daraus einen Borwurf zu machen. Wer die Kolonialpolitik will, mutz auch die Konsequenzen hinnehmen, daß die jungen Leute, die Sie dann hinausschicken, zu solchen Dingen notwendigerweise kommen müssen. Es ist der Versuch gemacht wor- den, diesem„Uebelstand", wie sie eS nennen, dadurch die Spitze abzubrechen, daß man verheiratete Beamte hinausschickt. Solche Beamte melden sich jedoch nur in geringem Maße, und weiße Frauen leiden unter dem Tropenklima auch viel mehr al» Männer, besonders wenn sie in gewisse Zustände kommen.(Wieherndes Gelächter recht?.) Hier zeigt sich deutlich Ihre Moral mit doppeltem Boden. Entweder behandeln Sie solche Sachen als Lächerlichkeit oder Sie heucheln Moral.(Gelächter und Unruhe recht».) »Vizepräsident Kaempf: SS ist parlamentarisch nicht zulassig. einem Teile des HauseS zuzumuten,„eventuell heucheln Sie Moral." Ich muß Sie zur Ordnung rufen...... Abg. Lrdebour(fortfahrend): Die Tatsache steht fest, daß solche Anregungen aus dem Hause gekommen sind. Da« geschieht gerade deswegen, weil die Herren sich scheuen, den wirklichen Ursachen, den Tatsachen in» Wesil kommen Sie mit I Vizepräsident Eue der Partei. Da zutreten, und daß er d»e Eltern genötigt habe, das Mädchen ab- er. wie die Beschwerde sich ausdrückt, das Mädchen zu feiner Frau gemacht habe. Er gibt nun zu, daß er einen Kaufpreis bezahlt habe, und bestreitet, eme Drohung an- C endet zu haben. Diese Behauptung ist durch die nachherigen ersuchungen als widerlegt anzusehen. Gr sagt weiter aus, daß vt zu sehen.(Lautes Gelächter rechts.) hrem albernen Gelächter... aempf: Der Ausdruck„alberneS Gelächter" mit Bezug auf Mitglieder des HauseS ist nicht zulässig. Ich rufe Sie zum zweiten Male zur Ordnung und mache Sie auf die geschaft»- mäßigen Folgen eines weiteren Ordnungsrufe» aufmerksam. Abg. Lrdebour: ES ist charakteristisch, daß so etwas immer bc, liberalen Präsidenten passiert. m Vizepräsident Kaempf: Ich kann eS als der Würde des Prasi- deuten des Reichstage» entsprechend nicht erachten, einen derartigen Vorwurf von Ihnen entgegenzunehmen. Ich rufe Sie zum dritten Male zur Ordnung und frage,»b da» Hau» dem Abg. Ledebour da« Wort entziehen will oder nicht.(Rufe im Zentrum: Ne,n. neini) Ich bitte diejenigen Herren, welche dem Abg. Ledebour das Wort eotzieheu wolle», sich zu erheben. Außer der Rechten und einem Teil der Nationalliberalen er- hebt sich ein Teil der Freisinnigen; ein Teil, darunter die Abgg. Naumann, Neumann-Hofer, Sommer bleiben sitzen. Die Süddeutsche BolkSpartei bleibt unter der Führung deS Abg. Storz zunächst sitzen, dann erhebt sich ein Teil zögernd. Vizepräsident Kaempf: Da« ist die Minderheit.(Große Heiter- keit bei den Sozialdemokraten und im Zentrum. Große Bewegung im Block.Gruppenbildung, einige sreipnnige Abgeordnete dringen auf die Abgg. Neumann-Hofer und andere, welche sitzen geblieben sind, ein und machen ihnen heftige Borwürfe. Vizepräsident Kaempf: Der Abg. Ledebour hat das Wort. Abg. Ledebour (fortfahrend): Wir sind also der Ansicht, daß es durchaus im Interesse des Ansehens des putschen Reiches und auch der Kolonialverwaltung liegt, wenn wir hier Mißstände zu dem Zwecke zur Sprache bringen, daß sie abschreckend wirken sollen. Hoffentlich tragen meine Ausführungen mit dazu bei, dieser Ueber- zeugung auch bei der Regierung Eingang zu verschaffen. ,(Lcb- Haftes Bravo bei den Sozialdemokraten.) Stellvertretender Kolonialdirektor Dernburg : Ich halte trotz der heutigen Ausführungen des Abg. Ledebour alles aufrecht, waö ich gestern gesagt habe. Herr Ledebour hat Herrn Meier ange- griffen, ohne genügende Grundlagen für seine Behauptungen zu hoben. Herr Meier hat allerdings eine falsche Aussage gemacht. Aber diese Aussage steht in keinerlei Verbindung mit dem Urteil gegen die Akwa-Leutc, sondern sie hat niemandem Schaden zugefügt. (Sehr gutl rechts.) Abg. v. Oldenburg (kons.): Ich kenne Herrn Puttkamer per- sönlich nicht. Aber ich habe die Ehre, mit der Familie Puttkamer bekannt zu sein. Und da mutz ich sagen: ich bin der Ueberzeugung, daß Gouverneur v. Puttkamer wegen Dinge, die 19 Jahre zurück. liegen, nicht in dem Maße öffentlich verfolgt worden wäre, wenn er nicht der Sohn eine» der beste« Minister wäre, den Preußen je gehabt hat und der gerade deshalb von der Sozialdemokratie so sehr gehaßt wird.(Stürmische Unterbrechungen links.) Meinen Standpunkt gegenüber all den Angriffen auf deutsche Beamte fasse ich in einen Satz zusammen, den ich heute in einem Morgenblatte gefunden habe:„Das ekelhafte System der Ehrabschneiderei gegen. über Leuten, die einer der wichtigsten Aufgabe unserer Zeit Leben und Gesundheit opfern, muß endlich einmal ein Ende nehmen. Da. mit ist nicht gesagt, daß Verfehlungen nicht gesühnt werden sollen. Aber daS kann geschehen ohne ein«, solchen Hexensabbat der niedrigsten Parteisucht und Heuchelet."(Großer Beifall rechts. Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Vizepräsident Kaempf: Es liegt mir«in Antrag auf Vertagung vor. gestellt von den Abgg. Dr. Wiemer(frs. Bp.). Nor- mann(k.) und Boss ermann(natl.). Abg. Dr. Wiemer(frs.«p.. zur Gcschäft»ordmmg): Vor der Abstimmung über den«ertagungsantrag bezweifle ich die«eschlu». sähigkeit de« Hause». Ich tu« da» im Hinblick auf de« Vorgang. der sich««f die dem Abgeordneten Ledrbonr erteilten Ordnung». rufe abgespielt hat und der nur möglich war,«eil in jenem Augen. blick ein beschlußfähige» Hau« nicht zur Stelle war.(Bewegung.) Vizepräsident Kaempf: Da» Bureau schließt sich dem geäußerten Zweifel an und wir müssen unsere Verhandlungen abbrechen. Nächste Sitzung: Montag, L Uhr. Fortsetzung. Schlich W Uhr. Provinzialparteitag in Hannover . Am Sonnabend und Sonntag tagte in Hannover die Provinzialversammlung der Sozialdemokratie Hannovers . Zu dieser Organisation gehören von den 19 Wahlkreisen der Provinz die Wahlkreise Osnabrück , Melle -Diepholz, Nienburg, Hannover » Linden, Hameln , Hildesheim , Einbcck-Northeim, Gvttingen, Goslar , Celle -Peine und Uelzen . Dieser Zusammenschluß der elf Wahl- kreise besteht seit dem 1. Januar 1900 und hat seitdem einen großen Aufschwung genommen. Es sind eine erhebliche Anzahl neuer Mitgliedschaften errichtet, auch in Orten, die bisher von einer sozialdemokratischen Bewegung noch kein Lebenszeichen aufwiesen. Die Zahl der Mitglicdsckaften betrug in den 11 Wahlkreisen im ersten Halbjahr 40, im Dezember dagegen 00. Der 8. Wahlkreis Hannover -Lindcn ist nur als eine Mitgliedschaft gerechnet, da in diesem Wahlkreise bescnders abgeteilte Mitgliedschaften nicht bestehen. Tie Zahl der Mitgliedschaften ist nicht gleichbedeutend mit der Zahl der Orte, in denen organisierte Genossen wohnen, da sich viele Mitgliedschaften der Kreisvcreine auf mehrere Orte erstrecken. Die Mitgliederzahl ist außerordentlich gewachsen. Der Bestand war am 1. Januar 1900: 0 089, am 1. Januar 1907: 17 IIS, ein Mehr von 10420. In den einzelnen Wahlkreisen war die Mit- glioderbewcgung die folgende: Am 1. Januar 1900 im Wahlkreise Osnabrück 138, am 1. Januar 1907 bll, in Melle 0 und 91, in Nienburg 69 und 238, in Hannover 4173 und 11218, in Limmer 007 und 1727, in Hildeshcim 291 und 913, in Einbeck 27? und 301, in Göttingen 142 und 202, in GoSlar 3S1 und 068, in Celle 5b8 und 984, in Uelzen 23 und 122. Die Monatsbeiträge betragen in den Kreisen Nienburg -Einbeck und Melle 20 Pf., in Uelzen 25 Pf. und in den übrigen Kreisen 30 Pf. Die 11 Kreisvereinc hatten eine Gesamteinnahme von 74 870,17 M. und eine Ausgabe von 71150,14 M. Bei der Pro- vinzialkasse stellen sich Einnahmen und Ausgaben auf 23 158,20 M. Während der Rcichstagswahl sind im Bezirke der Provinzial- organisation 54 Flugblätter in zusammen 1303 500 Exemplaren verbreitet und 229 Versammlungen abgehalten worden. An den Kommunalwahlcn beteiligten sich die Parteigenossen im vergangenen Jahre in 14 Orten. In den acht Gemeinden, die der Städteordnung unterstehen, ist kein Erfolg zu verzeichnen. Tagegen sind in 0 Landgemeinden 11 sozialdemokratische Gemeinde- Vertreter gewählt. Zum Geschäftsbericht war eine ganze Anzahl Anträge gestellt, die die Herausgabe einer periodisch erscheinenden AgitationSzeit- schrift verlangten. Nach eingehender Diskussion wurden diese An- träge dem Provinzialvorstand zur Erwägung überwiesen. Ueber die Presse konnte ein höchst erfreulicher Bericht gegeben werden. Seit der letzten Tagung des Provinzialparteitag«» im März 1905 ist die Zahl der Abonnenten des„Voltswille" von 12 OOO auf 27 000 gestiegen. Seit einem Jahre erscheint die Zeitung achtseitig. In Zukunft soll der.Volkswille" wöchentlich zweimal mindestens zehnjeitig erscheinen. Der vorgerückten Zeit wegen ivurde der Punkt:„Die Be- wegung zur Revision der hannoverschen Städteordnung" ohne De- batte durch Annahme einer vom Genossen Leinert gestellten Re» 'olution erledigt, deren wesentliche Sätze lauten: Die Provinzialversammlung der sozialdemokratischen Partei ür die Provinz Hannover begrüßt jede auf freiheitliche Revision der hannoverschen Städteordnung gerichtete Bewegung. In den vom Provinzialverband hannoverscher Bürgcrverein« vertretenen Revisionsbcstrebungen kann eine ehrliche Absicht, die rückständigen und kulturwidrigcn Bestimmungen der Städteordnung in freiheit- lichem Sinne abzuändern, nicht erblickt werden. Die Sozialdemo- kratie hat weder Neigung noch Veranlassung, diese bürgerlich- reaktionäre Bewegung irgendwie zu unterstützen. Um aber eine freiheitlich« Revision zu ermöglichen, beschließt die Provinzial- Versammlung selbpandiges Vorgehen der Partei auf der Grundlage ibrer programmatischen Forderungen. Der Provinzialvorstand wird beauftragt, eine alle rechtlosen Steuerzahler interessierende Massenbewegung einzuleiten. Zum internationalen Kongreß in Stuttgart wurden vier De - legierte und zwar die Genossen S ch w a d e r und Leinert au» Hannover , E v e r» aus Hildcsheim und Rauch au« Limmer gewählt. Al» Vorsitzender der Provinzialorganisation wurde Genosse Brey und als Kassierer Genosse D ö r n t e wiedergewählt. Die nächste Provinzialversammlung findet in zwei Jahren in Han- n o v e r statt. In Zukunft sollen auch die ReichStagSkandidaten mit Stimmrechten der Provinzialversammlung teilnehmen können. Damit waren die Beratungen, die eine Fülle neuer An» regungen boten und der Partei zu weiteren Erfolgen verhelfen werden, beendet._ Parteiliteratnr. Die Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung. Ein Kapitel zur Geschichte der deutschen Sozialdemokratie. Herausgegeben von Eduard Bernstein . Verlag: Buchhandlung Vorwärts, Berlin 8W. 68. Band I broschiert 5,— M., in Leinen gebunden 0,50 M.. in Halbfranz 7,50 M.; auch in 17 Lieferungen k 80 Pf. Im Auftrage der Berliner Parteigenossen hat Bernstein die Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung herausgegeben. Den ersten Band, der vor einiger Zeit erschien, haben wir bereits be, sprachen. Da» ganze Werk umfaßt drei Teile. Der erste Band schildert die Bewegung der Berliner Arbeiter in der Zeit von der Revolution des JahrcS 1848 bis zum Erlaß de» Sozialistengesetzes im Jahre 1878. Ter zweite Teil wird die zwölf Jahre unter der Herrschaft des Schandgesetzes 1878—1800 und der dritte Teil die Entwickelung vom Jahre 1890 bis zur Gründung des Zentral. Verbandes von Groß-Bcrlin im Jahre 1905 behandeln. Die beiden letzten Teile werden ebenfalls einen Band umfassen. TaS Werk bringt zum ersten Male eine zusammenfassende Darstellung der Entwickelung des Berliner PartcilebenS. Berlin , da» mit Recht die„sozialistische Hauptstadt der Welt" genannt wird, hat sich schon lange die führende Stellung in der Arbeiter- bewegung erobert. Berlins Arbeiterbewegung steht aber im engsten Zusammenhang mit der Entwickelung der sozialdemokra- tischen Partei des Deutschen Reiches . Darum wird die Schilderung der Berliner Bewegung auch für die Parteigenossen ganz Deutsch - lands Interesse erwecken. Die äußerst zahlreichen Illustrationen. Faksimile» alter Doku. mente und Urkunden usw. erläutern das Werk in entsprechender Weise. Bestellungen auf die 14täglich erscheinenden Hefte, sowie auch auf die kompletten Bände nehmen alle Buchhandlungen und Stol porteure sowie der Verlag entgegen. Gemeindewahlsieg. Einen glänzenden Erfolg erzielten die Genossen von Alt-Drewitz, Kreis Königsberg. N.-M., bei der Gerne, ndevertrcterwahl am 1. Mai. Im März vergangenen Jahres beteiligten sie sich zum ersten Male an dieser Wahl, mit dem Resultat, daß ihre beiden Kandidaten als Sieger aus der Urne hervorgingen Diese Wahl wurde mit den nichtigsten Gründen an- gefochten und von dem Gemeindevorsteher, ohne die Gemeinde- Vertretung zu befragen, sofort für ungültig erklärt. Ueber den Verlauf find die VorwärtSlcser durch einen früheren Bericht in- firmiert. DaS RcvitionSbegehren beim Oberverwaltungsgericht war leider einen Tag zu spät eingelaufen und daher zurück- gewiesen worden. Jetzt hat nun Neuwahl stattgefunden mit dem Erfolg, daß unsere Genossen mit größerer Majorität als im der- gangenen Jahre gewählt wurden. Die Gegner brachten es auf 7 Stimmen, unsere Genossen auf 2S. Di« beiden Gewählten sind � die ersten Sozialdemokraten, die ein öffentliche» Amt im Junker, pgradies Kreis Königsberg. bekleideit.
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