|t. 174. 24. 3. KeilM im Joniittf Knlim WsM Sonntag, 28. Aal! 1907. Sie ßluttaten Im Prenzlauer Stadtviertel. Die Bluttaten des unbekannten Kindermörders hielten die Polizei die ganze Nacht hindurch in Tätigkeit. Die Nachforschungen wurden überallhin mit Ablösungen vorgenommen, bisher aber ohne Erfolg. Gestern morgen wurden in einer Konferenz auf dem Polizeipräsidium die einzelnen Ergebnisse zusammengetragen. Trotz- dem gelang eS nicht, eine einheitliche Personenbeschreibung des Täters festzustellen. In der Prenzlauer Allee, wo der Reihenfolge nach die zweite Tat begangen wurde, fand ein Knabe bald nach der furchtbaren Tat auf einer Bank nahe dem Tatort einen Zettel, der mit dem einen Teil einer auseinandergenommenen Schere befestigt war. In der linken Ecke befindet sich ein Totenkopf mit zwei Knochen und dem Wort Gift darunter. Die beiden Seiten des Zettels enthalten mit Bleistift geschrieben die Worte: „Wiche, weiche, in fünf Minuten eine Leiche. Hier in der Nähe befindet sich ein Kinderräuber. Diesen Zettel abgeben bei der Polizei. Ich habe ein Kind in der Belforterstratze, der Prenzlauer Allee und HeinerSdorferstraste geraub." Der Zettel mit der seltsamen Aufschrift wurde von einem Schreibsachverständigen untersucht. Dieser erkannte in dem ersten Wort:„Wiche" anstatt„weiche" und an dem fehlenden„t" bei dem letzten Wort„geraubt" typische Merkmale dafür, daß ein Geistes- kranker der Verfasser ist. Von dem Zettel und der Schere, mit der dieser an der Bank befestigt war, wurden photographische Aufnahmen hergestellt. Die Verletzungen können wohl mit einer feststehenden Knopflochschere beigebracht worden sein, und um eine solche handelt eS sich hier. Ein Freitagabend noch festgenommener Arbeiter aus Moabit mußte unter den umfangreichsten Schutzmaßregeln nach dem Polizeipräsi- dium gebracht werden. Das Publikum war derart erregt, daß der Sistierte in einer Droschke überhaupt nicht befördert werden konnte; es mutzte ein besonderer Polizeiwagen genommen werden. Außer- dem wurde durch Schutzleute der Reviere eine Kette gebildet, damit der Wagen nicht angehalten werden konnte. Eine doppelte Reihe von Kriminalbeamten mußte den Verhafteten schützen, als er von dem Wirtshaus Rhkestr. 2 in den Wagen geführt wurde. Gestern vormittag wurde der Arbeiter aus der Schutzhaft entlassen; feine Ehefrau mit drei Kindern holten ihn aus dem Polizeigebäude ab. Außerdem wurde auch noch ein junger Mann verhaftet, auf den die Beschreibung des Mörders einigermaßen paßte, er mußte aber bald wieder auf freien Fuß gesetzt werden. Eine förmliche „Mörderjagd" gab eS Freitagabend in der Friedrichstadt . In der Tieckstraße hatte ein Bursche einen Diebstahl ausgeführt und war bei der Tat überrascht worden. Er suchte sein Heil in der Flucht und wandte sich nach der Chausseestraße. Bald hieß eS, es handle sich um den Massenmörder, bald hatte sich eine Jagd nach dem Dieb entwickelt. Immer größer wurden die verfolgenden Massen. In der Ziegelstraße endlich gelang die Festnahme des Flüchtigen; jetzt stellte sich der Irrtum heraus. Auch an anderen Stellen haben Märderjggden stattgefunden. Am bedeutungsvollsten erscheint der Polizei die Aussage eines Droschkenkutschers, der sich gestern vormittag meldete und folgendes aussagte: Er habe gestern mittag 12 Uhr, also einige Stunden vor der Tat, einen Mann in Moabit herumgefahren, auf den die Be- schreibung, wie sie die Bekanntmachung der Polizei enthalte, genau paßt. Er habe einen schwarzen Schlapphut getragen. Der Mann habe ihm erzählt, daß er aus einer Landesirrenanstalt entwichen sei. Er unterhielt sich mit dem Droschkenkutscher und erzählte ihm ferner, indem er ihm Bettelbriefe zeigte, daß er sich auf deren Her- stellung besonders verstehe und großen Erfolg mit Bettelbriefen ge- habt habe. Im Laufe des gestrigen TageS wurden 11 Männer festge- nommen, die von dem Publikum als verdächtig bezeichnet wurden. Freilich beruhte der Verdacht in den meisten Fällen nur darauf, daß sie sich eines der betreffenden Häuser genau angesehen haben. Aus Rummelsburg kam die Nachricht, daß gestern ein Mann, auf den die Beschreibung an den Litfaßsäulen paßt, ein kleines Mädchen durch Zahlung von 1l) Pf. in den Hausflur zu locken suchte. Das Kind wurde aber im letzten Augenblick von seinen Angehörigen dem Manne weggerissen. Von einer weiteren Verhaftung wird vom Bahnhos Zoologischer Garten folgendes berichtet: Auf dem Bahnhof EberS- straße faß ein Ehepaar mit seinen beiden fünf und sechs Jahre alten Töchtern, um den nächsten Zug zu erwarten, als sich an die Kinder in auffälliger Weife ein gut gekleideter Mann drängte und begann, sich mit ihnen zu schaffen zu machen. Wie den Eltern dies auffiel, sprang der Mann in einen soeben einfahrenden Zug. Die Eltern folgten ihm in das Abteil, obwohl sie nach entgegen- gesetzter Richtung zu fahren beabsichtigten, und veranlassten auf Bahnhof Zoologischer Garten seine Festnahme. Allgemein soll sein verstörtes Aussehen aufgefallen sein. DaS Schicksal der Opfer deS BauchaufschlitzerS. Die Annahme, daß die kleine Senst, die Tochter des Barbiers Senst aus der HeinerSdorferstr. 21, den Verletzungen, die ihr der Täter beigebracht hat, im Krankenhause erlegen sei. hat sich glück- licherweise nicht bestätigt. Bei der Kriminalpolizei hieß eS aller- dingS Freitag abend, die Kleine sei gestorben. Sie ist jedoch noch am Leben. DaS Befinden der fünfjährigen Knespl läßt darauf schließen, daß sie am Leben erhalten werden kann. Bei der dreijährigen Grete Senst. die, wie berichtet, fünf Schnitte im Oberschenkel und eine achtfache Verletzung des Darmes erhalten hat. können immer noch Komplikationen eintreten. Vorläufig soll zu Befürchtungen kein Anlaß vorliegen. Polizeiliche Patrouillengänge. In einer Konferenz im Polizeipräsidium wurde beschlossen, daß alle nur verfügbaren Mannschaften der Polizei zum Schutze der auf den Spielplätzen und Anlagen des Nordens spielenden Kinder Patrouillengänge zu machen haben. Außerdem haben sie ihr Augenmerk auf jeden auffälligen Umstand zu lenken, der zur Festnahme des Täters führen könnte. Die in der Mordgegend wohnenden Eltern sind ersucht worden, auf ihre Kinder ein be- sondereS Augenmerk zu richten und jede Annäherung von Fremden an die Kinder anzuzeigen. Die Kriminalpolizei hat an alle Zuchthäuser und Irrenhäuser Mitteilung gelangen lassen und um Nachricht über diejenigen In- fassen gebeten, die nicht nur von dort entwichen oder entlassen sind, sondern die sich dort auch zur Aufnahme gemeldet haben. Die Nachforschungen der Polizei richten sich jetzt insbesondere auf einen als gemeingefährlichen Geisteskranken bekannten Verbrecher namens G., der vor kurzem aus einer Irrenanstalt entwichen ist. Partei-?Zngelegendeiten. Ein Extra-Zahlabend zur Durchberatung der vorliegenden Anträge zur General- Versammlung Groß-Bcrlins findet am Mittwoch, den 31. Juli, statt._ Dritter Wahlkreis. Montag, den 29. Juli, findet das Sommerfest des Wahlvereins in der„Neuen Welt" statt. Das Programm besteht aus: Konzert, Spezialitäten-Borstellung, Marionetten- theater, Kinderfackelzug und Sommernachtsball. Programme so- wie Bons zu Stocklaternen werden am Eingang gratis ausgegeben. Billetts a 25 Pf. sind außer bei den Bezirksführern in allen mit Plakaten delegten Stellen zu haben. Alle Genossen und deren Angehörige sind hiermit freundlichst eingeladen. Der Vorstand. Schöneberg . Am Dienstag, den 30. d. M.. findet die General- Versammlung ves Wahlvereins abends 8� Uhr in E. Obsts Fest- sälen, Meiningerstr. 8, statt. Die Tagesordnung lautet: 1. Der internationale Kongreß und der deutsche Parteitag. Referent Reichstagsabgeordneter Stücklen. 2. Bericht von der Kreisgcneral- Versammlung. 3. Vereinsangelegenheiten. 4. Verschiedenes. Mit- gliedsbuch legitimiert. Gäste haben Zutritt. Der Vorstand. Groß-Lichterfelde . Montag, den 29. d. M., 8� Uhr, Versammlung im„Kaiscrhof". Vortrag des Genossen Katzenstein: „Alkoholismus ". Diskussion. Bericht von der Kreisgeneral- Versammlung. Parteiangelegenheiten. Verschiedenes. Johannisthal . Dienstag, den 39. d. M.. findet bei Gobin, Roonstr. 2. die Generalversammlung des Wahlvereins statt. Tages- ordnung: 1. Bericht des Vorstandes und der Funktionäre. 2. Bericht von der Kreisgeneralversammlung. 3. Vereinsangelegcn- heiten und Verschiedenes. Die Billetts zum Sommerfest, welches am 11. August bei Trautmann» Friedrichstr. 61, stattfindet, ge- langen zur Ausgabe. Mariendorf . Am Mittwoch, den 31. Juli, findet im Lokale Purschke, Chausseestr. 82. eine außerordentliche Mitglieder- Versammlung statt mit folgender Tagesordnung: 1. Stellungnahme zur Gründung einer Filiale der Arbeiterbildungsschule für Mariendorf , Tempelhof und Marienfelde . 2. Beratung des Statuts für Groß-Berlin. 3. VereinSangelegenbeiten und Ver- fchiedenes. Der Vorstand. Britz . Heute findet ein FamilienauSflug nach Johannisthal bei Senftleben statt. Abmarsch vormittags Punkt 10 Uhr vom Restaurant Hübener(Buschkrug). Um rege Beteiligung bei beiden Veranstaltungen bittet Der Vorstand. Pankow . Laut VorstandSbcschluß fällt dle Mitglieder» Versammlung am Dienstag, den 30. d. M.. aus. Rieder-Schönhansen. Am Dienstag, den 30. d. M.. findet im Lokale Neu-Karlshof, Beuth-, Ecke Charlottenstraße, die fällige Generalversammlung des Wahlvereins statt. Tagesordnung: Vortrag des Genossen A. Störmer über:„Entstehen. Werden und Vergehen." Außerdem liegen Anträge vor. Pünktliches und zahlreiches Erscheinen wird erwartet. Mitgliedsbuch legitimiert. Lankwitz . Dienstag, den 30. Juli, abends 8 Uhr, Sitzung des Wahlvereins. Vortrag des Genossen Heinig über„Prolc- tarische Moral". Wichtige Tagesordnung. Zahlreiches Erscheinen erwartet Der Vorstand. Steglitz . Den Parteigenossen zur Nachricht, daß der Extra- Zahlabend am 31. für unseren Ort nicht stattfindet, da am nächsten Mittwoch, den 7. August unsere Mitgliederversammlung tagt. Wilmersdorf . Am Dienstag, den 30. Juli, abends Punkt W Uhr, findet im„Luisenpark ", Wilhelmsaue 112 die Generak- Versammlung des Wahlvereins statt. Die Genossen werden dringend ersucht, für einen guten Besuch der Versammlung Sorge zu tragen. Die Tagesordnung lautet: 1. Vorstands- und Kassenbericht. 2. Bericht von der letzten Kreisgeneralversammlung. 3. Be- ratung des neuen Statutentwurfs von Groß-Berlin. 4. Wahl der Delegierten zur Äreisgeneralversammlung und zur Generalversammlung von Groß-Berlin. 6. Vereinsangelegenheiten und Verschiedenes. Der Vorstand. Eichwalde . Am Dienstag, 30. Juli, abends 8% Uhr, findet bei Heinrich, Hankels-Ablage, eine öffentliche Mitgliederver- lung statt. Tagesordnung: Vortrag des Genossen M. Schütte über:„Die internationale Arbeiterschaft und ihr Kongreß." DiS- kussion. Vereinsangelegenheiten. Gäste willkommen. Schmargendorf . Am Dienstag, den 30. Juli, abends S'/j Uhr, findet im Restaurant„Wirtshaus Schmargendorf". Warnemünder- straße 0, eine Generalversammlung des Wahlvereins statt. Als Tagesordnung ist festgesetzt: Bericht des Vorstandes, des Kassierers und der Revisoren. Diskussion, Wahl der Delegierten zur General- versannnlung von Groß-Berlin, deSgl. zur Kreis-Generalversammlung, Beratung der Statuten des Verbandes von Groß-Berlin, Ver- fchiedenes. Der Vorstand ersucht jeden Genossen, pünktlich zu er- scheinen._ Berliner JVacbricbten. Tie Wählerliste liegt nur«och bis Dienstag aus. Am heutige» Sonntag kann dieselbe in der Zeit von 9 Uhr vormittags bis 1 Uhr mittags eingesehen werden. Parteiaeuossen! Benutzt die kurze Zeit zur Einsichtnahme! Sichert Euch Euer Wahlrecht! Wer nicht in der Liste steht, darf nicht wählen! Der„Hofdichter" ist auch wieder eine neue Erscheinung im Großstadtleben, die so volkstümlich wie der begnadete Mathias Weber zu werden verspricht. Er gleicht seinem älteren Geisteskonkurrenten, der noch immer besonders die studierende Jugend in sein Herz geschlossen hat, fast„bis aufs Haar". Auch ihm wallen lange blonde Dichterlocken über die Schultern. Aber während Mathias Weber unbeweglich auf der Straße an der Bord- schwelle steht und wortlos seine dichterischen Ergüsse feilhält. »st der Hofdichter ganz Quecksilber. Mit Grandezza schwingt er auf den Höfen seine papierne Dichterrolle und wendet bei seinen Vorträgen so gewaltige Stimmmittel auf, daß alles entsetzt an die Fenster stürzt. Unser Hosdichter verfügt über ein reiches Repertoir. Die bekanntesten Gedichte unserer Klassiker bringt er nicht übel zu Gehör, läßt Parodien auf sie folgen und schließt selbstverständlich mit seiner eigenen Dichteritis, die aber nichts weniger als klassisch ist. Da der Trick noch neu ist und der Hofdichter stets Hausfrauen und Küchenfeen in witzigen Knittelversen andichtet, fließt der Sechserregen reichlich._ AuS der Berliner Wohnungsmisere. lieber Schwindsuchtsgefahr in den Berliner Wohnungen ver- �wntlicht Dr. K a h s e r l i n g, Generalsekretär der Berliner Aus- kunfts- und Fürsorgestellen für Lungenkranke, bemerkenswerte An« gaben. Nach den Mitteilungen des Statistischen BureauS sind in den drei Jahren 1903 bis 190S in Berlin 12 363 Personen an Lungen- schwindsucht gestorben, davon 5842— 47 v. H. in Anstalten und 6521— 63 v. H. in ihren Wohnungen. Von den in ihren Woh- nungen Verstorbenen bewohnten bis zu ihrem Tode 2783— 41 v. H. nur ein Zimmer, 2679— 42 v. H. starben in zweizimmerigen Woh- nungen, 692— 11 V. H. in dreizimmerigen, 412— 6 v. H. in Woh- nungen von vier Zimmern und mehr. Als die schlimmsten Seuchen- Herde müssen die einzimmengen Wohnungen vorgeschrittener Tuberkulöser betrachtet werden; denn eine größere Ansteckungsgefahr, als mit einem Schwindsüchtigen während des letzten Stadiums bis zu seinem Tode im gleichen Zimmer zu wohnen und zu schlafen, läßt sich kaum ausdenken. Wie viele Menschen ständig dieser Jnfektions- gefahr ausgesetzt sind, zeigt die Statistik mit erschreckender Deutlich« keit. Insgesamt waren während dreier Jahre 9710 Personen allein durch die in einzimmeriaen Wohnungen sterbenden Schwindsüch- tigen der höchsten Ansteckungsgefahr ausgesetzt. Auf dem Wege systematischer Familienuntcrsuchungen konnte Dr. Kayserling fest. stellen, daß unter solchen Wohnungsverhältniffen fast ausnahmslos außer den ursprüglichen Kranken noch mehrere andere Angehörige, namentlich Kinder, die typischen Zeichen der Tuberkulose aufweisen. Für die bedrohten oder latent tuberkulösen Kinder empfiehlt sich nach dem von Professor Grancher"für Paris gegebenen Vorbilde die Landpflege. Für die erwachsenen Tuberkulösen, namentlich für die in den Heilstätten mit bestem Erfolge behandelten, wird die Ein- richtung hygienischer Arbeitsheime befürwortet. Schließlich wird eine weitere Ausbildung des Systems der Fürsorgestellen empfohlen. Zu diesem Zweck wird auf die Dauer eine kommunale Unter- stützung unerläßlich fein, einerseits durch Einrichtung eines großen nach den Grundsätzen der modernen Tuberkuloscbchandlung eingerichteten Tuberkulose-Krankenhauses. sodann durch Weiteren!- Wickelung der Armenpflege im vorbeugenden Sinne. Anarchie im Polizeipräsidium? Wiederholt haben wir Fälle mitteilen müssen, in denen in- folge von Handlungen oder Unterlassungen Polizeibeamter Strafen, die nicht zu vollstrecken waren, vollstreckt worden sind. Die bürgerliche Presse einschließlich der„liberal" sich nennenden hat diese Fälle sorgsam verschwiegen. Nachstehend registrieren wir abermals zwei Fälle, in denen— aus Anlaß einer Bagatelle — grobe Ungchörigkeiten bei der Strafvollstreckung oder dem Strafvollstreckungsversuch sich ereignet haben. AIS Mit- oder Hauptschuldiger spielt diesmal der Amtsvorsteher zu Schönfließ eine Rolle. Zwei Berliner Arbeiter, Sch. und N., hatten im Mai etwa» Flieder von Fliedersträuchen in der Nähe einer alten Ziegelei bei Stolpe gepflückt. Ihnen begegnete dann ein Gendarmerie-Wacht- meister und notierte ihre Namen. Bald darauf erhielten beide von dem Amtsvorsteher in Schönfließ einen Strafbefehl über je 6 M., eventuell 3 Tage Haft, weil sie durch da? Abpflücken gegen den Z 3V, Abs. 6, deS Feld- und Forstpolizeigefrtzcs gefrevelt hätten, der die Beschädigung von Sträuchern mit Geldstrafe bis 150 M. oder mit Haft bedroht. Ob die Handlung der Spazier» gänger in der Tat unter diese Strafbestimmung fiel, mag dahin« gestellt bleiben. Die mit Straffestsetzungen Beglückten verzichteten, richterliche Entscheidung anzurufen, weil ja auch für den Fall eines Freispruchs unsere herrliche Gerichtspflege einem Arbeiter Zeit- und Geldverluste auferlegt. Der eine der Ersteher so teurer Fliederblüten. Sch., sendete durch die Post die erforderten sechs Mark am 26. Juni an den Amtsvorsteher in Schönfließ. Am 5. Juli erhielt er trotzdem folgende freundliche Einladung von dem Polizeipräsidenten: „Da die vom AmtSvorftcher zu Schönfließ gegen Sie fest« gesetzte Strafe von 6 M. nicht beizutreiben gewesen ist, so werden Sie hierdurch angewiesen, die Ihnen in der Straffestsetzung bekannt gemachte.dreitägige Haft binnen acht Tagen bei Ber» meidung der Verhaftung anzutreten" usw. Diese rechtswidrige Einladung war nicht vom Polizei- Präsidenten unterschrieben. Sie enthielt lediglich einen Trocken« stempel, der den Aufdruck:«Der Polizeipräsident von Berlin " um die bekannten nackten Männer mit den Keulen und die übrigen Jnsignien des preußischen Wappens herumlegt. Auch wenn der Polizeipräsident persönlich die Zuschrift unterschrieben hätte, wäre sie natürlich nicht befolgt. Denn so offensichtliche Widerrechtlich« leiten braucht auch in Preußen trotz der liberal-konservativen Polizeiallmacht ein Bürger sich nicht gefallen zu lassen. A m 18. Juli erschien nunmehr bei Sch. ein Schutzmann zwecks seiner Verhaftung zur Abbüßung der— Geldstrafe. Da Sch. als Arbeiter eine größere Ordnung in seinen Sachen beobachtet, als sie vom Amtsvorsteher in Schönfließ und auf dem Polizei- Präsidium zu herrschen scheint, vermochte er den Postschein vor- zuweisen. Nach vielem Hin und Her wurde dann anstelle des Arbeiters der Postschein auf dem Polizeirevier verhaftet. Später gelangte der Postschein in das Gewahrsam seines Eigentümers zurück. Eine Entschuldigung seitens des AmtsvorfteherS oder de» Polizeipräsidenten wegen der widerrechtlichen Hoftandrohuug und de« ebenso widerrechtlichen BerhaftungSversuchS hat Sch. bis heute nicht erhalten. Welche peinliche Ordnung bei Strafvollstreckungen den bei dieser Bagatellsache in Betracht kommenden Behörden fehlt, beweist auch das gegen den anderen Arbeiter N. eingeschlagene Verfahren. Am 22. Juni sendete dieser die 6 M. an den Schönfließer Amts- Vorsteher. Am 24. Juni erschien infolge Requisition des Schön- fließer Amtsvorstehers bezw. des Berliner Polizeipräsidiums ein Vollziehungsbeamter und pfändete trotz Borweisen» des Post- scheines ein Spiegelspind wegen 6 M und 80 Pf. Am 1. Juli erschien der Beamte wieder und meldete, der Postschein genüge zum Beweis der erfolgten Zahlung nicht, da als Adressat„Klein" (der stellvertretende Amtsvorsteher, der die Strafbefehle unter- zeichnet hat. heißt Rein, schreibt seinen Namen aber so, daß er auch als Klein gelesen werden kann) fungiert. N. mußte sich nun vom Postamt gegen 20 Pf. Gebühren die Bestätigung des AmtsvorfteherS besorgen, daß dieser die S M. in der Tat erhalten und an die Amtskasse abgeführt hat. Als am 15. Juli der Voll- ziehungsbeamte wieder erschien, wurde ihm diese Quittung»- bescheinigung vorgelegt. Er verlangte trotzdem 66 Pf. Diese mußten ihm zur Abwendung weiterer Zwangsmaßregeln gezahlt werden. Der blaue Kuckuck haftet noch am Spiegelspind. ß 345 deS Strafgesetzbuches bedroht in feinem ersten Absatz einen Beamten, welcher vorsätzlich eine Strafe vollstrecken läßt, von der er weiß, daß sie überhaupt nicht oder nicht der Art oder dem Maße nach vollstreckt werden darf, mit Zuchthaus, und fährt in seinem zweiten Absatz fort:„Ist die Handlung aus Fahrlässig- keit begangen, so tritt Gefängnisstrafe oder Festungshaft bis zu einem Jahre oder Geldstrafe bis zu 900 M. ein." Wir lassen dahingestellt, ob der Polizeipräsident oder ihm unterstellte Organe verpflichtet waren, unmittelbar, bevor sie die Haftantritts- aufforderung erließen, den Versuch einer Verhaftung vornehmen, pfänden ließen usw., bei dem Amtsvorsteher in Schönfließ an- zusragen, ob Zahlung erfolgt sei, oder ob sie berechtigt waren, sich
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