Genossin Zieh-Hamburg : Ich habe den österreichischen Genossinnen keine Vorwürfe ge- macht, sondern nur für die Annahme unserer Resolution auch durch die österreichischen Delegierten gesprochen. Genossin Ihrer hält den Antrag Gründerg für überflüssig. Die Abstimmung werde beweisen, ob die Resolution der österreichischen Genossin in die deutsche Resolution eingefügt werden solle oder nicht. Die öfter- rcichischen Genossinnen hätten mit derselben Energie wie für das Wahlrecht der Männer auch für ihr eigenes Wahlrecht kämpfen müssen.(Sehr richtig!) Der Antrag Grünberg wird hierauf gegen 2 Stimmen abgelehnt. Adelheid Popp - Wien : � Die Genossin Zictz konnte unser Verhalten nicht berstehen. Sie meinte, wir hätten die Flutwelle der Begeisterung, die durch Oester- reich ging, für das Frauenwahlrecht ausnutzen sollen. Ich kann eS ja begreifen, daß man in einem anderen Lande nicht immer ver- stehen kann, was im Nachbarlande geschieht. Es geht uns manch- mal auch so mit dem Vorgehe» unserer deutschen Genossinnen. Aber wir, die wir in Oesterreich leben und mit ganzem Herzen da- hin arbeiten, für unser Proletariat nicht nur politische Rechte, son- dern auch eine soziale und wirtschaftliche Höherstellung zu erobern, mußten unterscheiden können, was in jenem Augenblick notwendig war. Und danach haben wir gehandelt.(Bravo !) Wenn Genossin Zetkin das Wort„richten" uns gegenüber gebraucht, so mußte dieses Wort in der Situation, in der es kam, für uns einen bit- tcren Klang haben. Ich nehme es ihr nicht übel. Es ist unser Stolz, daß wir bisher auch immer verstanden haben, die Situation zu unseren Gunsten auszunutzen. Wir haben keinen Augenblick daran gedacht, das Prinzip des allgemeinen Frauenwahlrechts auf- zugeben. Wir haben nur das Wahlrecht für die Männer für die näherliegende Forderung gehalten. Wir haben jedoch erklärt, daß, wenn wir auch jetzt bloß für das Männerwahlrecht eintreten, wir dieses Wahlrecht doch nur für eine Abschlagszahlung ansehen und daß das Frauenwahlrecht kommen mutz.(Beifall.) Die Entwicke- lung bei uns ist eine andere als in Deutschland . Wir werden uns durch praktische Arbeit bemühen, für das Proletariat so viel Er- folge wie möglich zu erringen. Das werden wir auch in Zukunft tun. Da unsere Resolution zweifellos nicht angenommen werden wird, so ziehen wir sie zurück.(Bravo !) Wir behalten uns aber tor, in der Kommission des Internationalen Kongresses die uns notwendig erscheinenden Aenderungen vorzuschlagen.(Beifall.) Mr. Shaw spricht sich für das allgemeine Wahlrecht aller Volljährigen aus. Er ist der Ueberzeugung, daß die bürgerlichen Frauenrcchtler nur deshalb für das beschränkte Wahlrecht eintreten, weil sie fürchten, daß die Sozialdemokratie den Nutzen von der Einführung des all- gemeinen FrauenwahlrechtS haben würde.(Zustimmung.) Genossin SideSzi-Ungarn wendet sich gegen den Antrag der Engländerinnen. Wenn die Taktik im Kampfe für das Frauenwahlrecht jedem einzelnen Lande überlassen wird, wird eS nur dazu führen, daß die Einführung des allgemeinen Fraucnwahlreckts zurückgestellt wird hinter der eines beschränkten Wahlrechts.(Sehr wahr!) Wir hoffen, daß es jetzt überhaupt keinen Wahlrcchtskampf mehr geben wird, in dem nicht auch für das Fraueuwahlrecht gekämpft wird.(Beifall.) Genossin Alexandra Kollontah berzichtet darauf, die Frauenbewegung in- Finnland und Rußland zu erörtern, da die Ansichten der finnischen und russischen Ge- nossinnen sich in allen Punkten mit den Ansichten der Genossin Zetkin decken.(Beifall.) Genossin Tarsicuen, sozialdemokratische LandtagSabgcordnete in Finnland hebt hervor, daß die finnländifche Sozialdemokratie ihre Erfolge nur erzielt habe, weil sie stets davon ausgegangen sei, daß jede Klasse nur sich selbst befreien könne und weil sie sich bewußt war, daß alle Erfolge nur kleine Reformen im Vergleich zu dem eigentlichen Ziele seien. Die Nednerm spricht sich scharf gegen das Amende- ment der englischen Genossinnen aus und bittet, die deutsche Reso- lution einstimmig anzunehmen.— Der Antrag der englischen Ge- nossinnen wird darauf zurückgezogen.— Damit schließt die Debatte und das Schlußwort erhält Genossin Klara Zetkin ? Genossin Popp hat in den„Sozialistischen Monatsheften" selbst bedauert, daß in Oesterreich so wenig vom Frauenwahlrecht gesprochen sei. Das beweise, daß, wenn die Aktion für das Frauenwahlrecht zurückgestellt werde, auch leicht die Agitation darunter leide. Wenn die Resolution, die wir Ihnen vorlegen, Direktiven geben soll für die Wahlrechtskämpfe der Zukunft, so muß sie mit möglichst gleich großer Einstimmigkeit angenommen werden wie die Amsterdamer Resolution über das taktische Vor- gehen der Sozialdemokratie in den einzelnen Ländern. Dann wird nach meiner Ueberzeugung auch nicht eine Zersplitterung, sondern eine größere Einheitlichkeit unserer Bewegung der Erfolg der Resolution sein. Zum Schluß bittet die Rednerin die englischen Genossinnen, mit derselben Energie und Opferwilligkeit, mit der Sie für das englische Damenwahlrecht eingetreten sind, auch für ias Fraueuwahlrecht, für das Recht der Proletarierinnen ein- zutreten.(Lebhafter Beifall.) Die deutsche Resolution wird hierauf gegen 11 Stimmen angenommen.(Bravo?) Dagegen stimmen die österreichischen Genossinnen, einige Engländerinnen und die Delegierte der Schweiz . Die folgenden Anträge werden dem neugeschaffenen inter - nationalen Sekretariat überwiesen. Sie lauten: Womrn'S Labour Leaguc-E n g l a n d: 1.„Die Frauen der sozialistischen Arbeiterbewegung, die ins- besondere für den Schutz des Heims und der Familie eintreten und glauben, daß die Jntereffen der verschiedenen Länder die gleichen sind und nicht im Gegensatz zu einander stehen, fordern dazu auf. daß mit besonderem Eifer aus die Erweckung antimili- taristischer Gesinnung und internationaler Brüderlich- keit hingewirkt wird." 2.„Der Kongreß fordert die finanzielle Unterstützung be- dürftiger Mütter bei der Geburt von Kindern, sowie fortlaufende Unterstützung solcher Mütter, die für den Unterhalt kleiner Kinder aufkommen müssen, damit die Frauen diese versorgen können, ohne zur Lohnarbeit gezwungen zu sein." Antrag der Genossin Margarete Faas-Hardegger. gestellt im Austrage dcS schweizerischen Arbciterinnenvcrbandes: „In dem Maße, wie der maschinelle Betrieb in einen Beruf nach dem anderen eindringt, taucht der ungelernte Arbeiter in allen diesen Betrieben auf. Und da die Notlage der proletarischen Frau derart ist, daß dieser Frau meist Zeit, Mittel und Kräfte zur gründlichen Erlernung eines Berufes fehlen, so sehen wir die maschinellen Berufe heute mit Arbeiterinnen mehr und mehr überschwemmt. Diese Arbeiterinnen nehmen namentlich in den letzten Jahren einen ungewöhnlich regen Anteil an den öko- nomischen Kämpfen, ja, sie beeinflussen durch ihr verzweifeltes Vorgehen direkt die Taktik der gewerkschaftlichen Kämpfe. Der weibliche t-oynarvettcr bildet zusammen mit dem jugendlichen Lohnarbeiter die unterste und darum gcknechtetste Schicht des Proletariats, gleichzeitig aber, und das ist das Unglückselige: die größte, die schwerstkontrollierbare Schicht. Keine Möglichkeit, in absehbarer Zeit diese ganze Schicht zu organisieren— keine Möglichkeit daher, auf die Dauer ungelernte Arbeiter fernzuhalten von gesperrten Betrieben, keine Möglichkeit, einen Streik mit einigem Erfolg durchzuführen. Darum die bei Frauenstreiks so gesteigerte Erregung, darum diese verzweifelte Erbitterung. Das ungelernte Proletariat kann gegen das Unternehmertum nicht a'.stammen mit den Waffen des gelernten Arbeiter?. Darum suchen die ungelernten Arbeiter nach Waffen, welche ihnen dienlich sind, in ihren Händen dem Unternehmertum schaden zu können. Solche Waffen sind die Warenempfebluug(Label, weiße Liste) und die Warcnverrufserklärung(Boykott). Was liegt näher, als das Unternehmertum, dessen Produktion man nicht stille legen kann, da anzugreifen, wo es allein noch empfindlich ist: am Waren- absatz. Es sollten daher alle proletarisch denkenden Frauen ihren im Lohnkampf stehenden Schwestern der Lebens- und Genußmittcl- Industrien sowie der verschiedenen Kleidungsbranchcn beistehen durch zielbewußten Wareneinkauf. Was liegt näher, als daß die in den Arbeiterinnen- und sozialistischen Frauenvcreinen orga- nisierten Genossinnen diesen zielbewußten Einkauf in die Wege leiten und ihre Schwestern, die Lohnsklavinnen, auf diese Weise wirksam unterstützen. Aber die Produktion ist heute keine nationale mehr, der Markt ist international. Warenempfehlung und Waren- Verruf können nur dann wirklich zur Bedeutung kommen, wenn sie auf internationalem Boden erklärt, vorbereitet und durchgeführt werden. Darum: In Erwägung, daß die Warenverrufserklärung (Boykott) und die Warenempfehlung auf internationalen Boden gestellt werden müssen, daß sie nur mit Hülfe der einkaufenden Menschheit, das heißt der Frauen, durchgeführt werden können, ersucht der schweizerische Arbeiterinnenverband, die Frage der Warenverrufscrklärung(Boykott) und der Warencmpfehlung (weiße Liste, Label) auf die Tagesordnung der internationalen sozialistischen Frauenkonferenz zu nehmen, damit in dieser Ange- legenheit die notwendigen ersten Schritte zu einheitlicher Pro- pagierung dieser Kampfmittel getan> werden können." Von den österreichischen Delegierten wird wegen des AuS- schlusses der bürgerlichen Presse»nterpelliert und der Wunsch aus- gesprochen, daß in Zukunft vor einem solchen Schritt die einzelnen Vertreter gefragt werden. Genossin Zetkin schlägt vor, daß zur Erhöhung der Wirk- samkeit deS neugeschaffenen internationalen Sekretariats die so- zialistischen Frauen in den einzelnen Ländern in den nächsten zwei Monaten Korrespondentinnen wählen. Genossin Schlefinger-Eckstein-W i en dankt im Namen de? Kongresses den deutschen Genossinnen für die Vorbereitungen zur Konferenz(Bravo !) und vor allem der Genossin Balabanoff , die währeno der ganzen Tagung ihre Kraft als Uebersetzerm in den Dienst der Konferenz gestellt hat.(Lebhafter Beifall.) Genossin Balabanoff : Wir danken nicht nur den Genossinnen, die den Kongreß vorbereitet haben, sondern vor allem auch dem Proletariat, das uns hierher geschickt hat und das uns das Recht gibt, in seinem Namen hier zu sprechen. Ihm können wir einzig und allein dadurch danken, daß wir uns einander das Gelöbnis geben, immer im Geiste derer zu arbeiten, die uns hierher geschickt haben und die Millionen, die heute noch stumpf dahin leben und gar nicht wissen, daß sie zum menschlichen Geschlecht gehören, für den Sozialismus zu gewinnen.(Lebhafter Beifall.) Klara Zetkin : Ich danke den Genossinnen herzlichst, daß sie so zahlreich und mit so rührigem Eifer an den Beratungen teilgenommen haben. Wir können mit großer Freude konstatieren, daß die erste Inter - nationale Konferenz sozialistischer Frauen über alles Erwarten gelungen ist.(Sehr richtig!) Wir gehen hier auseinander als Kampfgenossinnen, die alle einem einheitlichen Ziele zustreben. Wir haben das neue internationale Sekretariat geschaffen und wir werden dafür zu sorgen haben, daß eS keine papierne Einrichtung bleibt. Ihrer aller Aufgabe aber ist es, durch tätige Mitarbeit da- für zu sorgen, damit die internationale sozialistische Frauenbewe. gung Fleisch und Blut gewinnt und damit eS uns gelingt, die sozialistische Frauenbewegung aller Länder zu einer Masscnbewe- gung zu machen, die das weibliche Proletariat in seinen tiefsten Tiefen aufwühlt. Es lebe der internationale revolutionäre Sozia- liSmus!(Die Versammelten stimmen begeistert ein und singen den ersten VerS der Marseillaise und der Internationale.) Berichtigung: In dem Bericht von der Sonnabend- sitzung ist unter den Berichterstattern der verschiedenen Länder eine Genossin Koloman Alexandrowitsch als Vertreterin der russischen Revolutionäre aufgeführt worden. Die betreffende Ge- nossin teilt uns mit, daß sie Alexandra Kollontay heißt und zur sozialistischen Arbeiterpartei Rußlands gehört. Die liommiMone». Die Beziehungen zwischen den politischen Parteien «nd den Gewerkschaften. (Telephonischer Bericht.) Stuttgart , 29. August. Der Kommission, der die Ausarbeitung einer Resolution über die Stellung der politischen Parteien zu den Gewerkschaften übertragen war, gehören von der deutschen Delegation an: KautSly, Legten, Pfannkuch und RobertSchmidt. Von der französischen Delegation wurde folgende Resolution vorgeschlagen: „Der Kongreß ist der Ueberzeugung, daß die völlige Be. freiung der Arbeiterklasse sich nur vollständig vollziehen kann durch die vereinigte Macht der politischen und gewerkschaftlichen Aktion, der Gewerkschaftsbewegung, die als letztes Mittel den Generalstreik anwendet, und der politischen Bewegung, die die Eroberung der politischen Macht zum Ziele hat, um die all- gemeine Expropriation der Bourgeoisie durchzuführen. Der Kongreß ist der Ueberzeugung, daß diese zweifache Aktion von um so größerer Wirksamkeit sein wird, je mehr die volitischcn und die gewerkschaftlichen Organisationen ihre volle Selbständig- keit bewahren, da ja die Gewerkschaftsbewegung da�elbe Ziel wie der Sozialismus hat. In Erwägung, daß diese grundsätzliche Uebereinstimmung der politischen und ökonomischen Aktion des Proletariats ein freies Zusammenarbeiten beider Organisationen ohne weiteres sichert, das frei von Unklarheiten, Mißtrauen und Unterordnung des einen oder anderen Teiles bleibt, fordert der Kongreß alle Genossen auf, es an keiner An- strengung fehlen zu lassen, um jedes Mißverständnis zwischen den gewerkschaftlichen und politischen Organisationen der Ar- beiterklasse zu zerstreuen." Brouchere-Belgien erklärt, er spreche nicht im Sinne der Gesamtheit der Gcwerk- schaften Belgiens , aber für eine Zahl, die etwa auf 73(XXI zu veranschlagen sei. In den Gewerkschaften müsse der Sozialismus propagiert werden, wenn auch Andersdenkenden der Eintritt in die Organisationen nicht verwehrt werden soll. Die deutsche Taktik der Neutralität, die vor einiger Zeit in Deutschland vertreten wurde, habe nicht verhindert, daß die Unternehmerorganisationen sehr gestärkt worden sind und daß die christlichen und gelben Ge- wcrkschaften Fortschritte gemacht haben. ES sei unmöglich, wie gesagt worden ist, ein Gewerkschaftsblatt 19 Jahre lang zu redi- gieren, ohne das Wort Sozialismus zu gebrauchen. Mit dem- selben Recht könnte schließlich auch eine politische Bewegung be- trieben werden ohne Betonung deS sozialistischen Prinzips. Sowohl in den gewerkschaftlichen wie auch in den politischen Organi- sationen müsse der entschiedene Sozialismus vertreten werden und es müsse die Einheit der Organisation in politischer und gcwerk- schaftlicher Aktion herbeigeführt werden, wie sie in Oesterreich be- steht.(Widerspruch bei den Oestcrreichcrn.) Redner schlägt eine Resolution vor, die im Sinne seiner Ausführungen gehalten ist. Heinrich Beer-Oesterreich: Wir dürfen uns nicht zu sehr in Details verlieren. In Deutschland scheint ein erfreuliches Verhältnis eingetreten zu sein. Erfreulicherweise liegen dort die Verhältnisse anders als in Frank. reich. In Oesterreich liegen die Verhältnisse nicht so. wie sie Brouchere geschildert hat. Wir haben besondere gewerkschaftliche Organisationen. Allerdings besteht ein inniger Kontakt zwischen Partei und Gewerkschaft, der dadurch hergestellt wird, daß wir in der Partei tüchtig für die Gewerkschaften arbeiten. Andererseits leisten die Gewerkschaften auch außerordentlich tüchtige Arbeit für uns. Wir fühlen uns nicht als Gefühlssozialisten, sondern als Verstandessozialisten. Wir betrachten die Gewerkschaft als ein HülfSmittel zum Sozialismus. Die Teilung in die politische und gewerkschaftliche Aktion ist notwendig. Wir müssen die Theorie des belgischen Genossen ablehnen, der eine Verschmelzung beider Organisationen empfiehlt. Partei und Gewerkschaften müssen sich als gleichberechtigte Glieder fiihlen. Es gibt hier kein Befehlen und kein Unterordnen, sondern nur eine Verständigung zwischen beiden. Wir sehen in der Personalunion das beste Mittel der Verständigung. Es sitzen Gewerkschaftler in der Parteileitung und bekannte Parteigenossen sitzen in den Gewerkschaften. Ich glaube sogar, daß in einigen Ländern die Partei dazu beiträgt, die An- Hänger der Gewerkschaften zu entfremden.— Im Zusammenhange mit diesen Ausführungen empfiehlt Redner folgende Resolution: „Zur vollständigen Befreiung des Proletariats aus den Fesseln geistiger, politischer und ökonomischer Knechtschaft ist der politische und wirtschaftliche Kampf der Arbeiterklasse im gleichen Maße notwendig. Obliegt die Organisierung und Führung des politischen Kampfes des Proletariats der Sozialdemo- I r a t, e, so ist eS Aufgabe der gewerkschaftlichen Organisation, den wirtschaftlichen Kampf der Arbeiterklasse zu organisieren und zu leiten. Partei und Ge- werkschaften haben also im Emanzipationskampfe des Prole- tariats gleichberechtigte Aufgaben zu erfüllen. Der Kampf des Proletariats wird sich um so erfolgreicher und günstiger ge- stalten, je näher die Beziehungen zwischen den Gewerkschaften und den Parteiorganisationen sind. Der Kongreß erklärt, als im Interesse der Arbeiterschaft liegend, daß in allen Ländern innige Beziehungen zwischen Partei und Gewerkschaften her- gestellt und gepflegt werden. Partei und Gewerkschaften haben sich in ihren Aktionen moralisch zu fördern und zu unterstützen und in ihren Kämpfen sich nur solcher Mittel zu bedienen, vie für den Befreiungskampf des Proletariats förderlich sind. Sie haben sich gemeinsam zu verständigen über die anzuwendende Methode, wenn über die Zweckmäßigkeit dieser Methode Meinungsverschiedenheiten bestehen. Die Gewerkschaften werden ihre Pflichten im Emanzipationskampfe der Arbeiterklasse nur dann zu erfüllen vermögen, wenn sie sich bei allen ihren Aktionen von sozialistischem Geiste leiten lassen. Der Partei liegt die Pflicht ob, die Gewerkschaften in ihrem Kampfe nach Besser- stellung der Arbeiter zu unterstützen Pnd in ihren parlamen- tarischen Aktionen den Bestrebungen und Forderungen der Ge- werkschaften Geltung zu verschaffen. Der Kongreß ist der An- ficht, daß die Gewerkschaften um so erfolgreicher den Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung führen können, je besser ,hre UnterstützungSeinrichtungen und je besser die zum geWerk- schaftlichen Kampf unentbehrlichen Fonds sind." Robert Schmidt-Berlin schließt sich den Ausführungen BcerS an. Die gewerkschaftliche Taktik ist von Brouchere durchaus irrig beurteilt worden. Von einem Bestreben, die politische und gewerkschaftliche Organisation in Deutschland zusammenzufassen, ist in Deutschland nichts zu merken. Dos Verhältnis von Gewerkschaft und Partei ist bei uns keineswegs so innig wie in Oesterreich . AbÄ eS bestehen keine Meinungsverschiedenheiten darüber, daß die sozialdemokratische Partei Sie Vertreterin der Arbeiterinteressen ist, infolgedessen nehmen die gewerkschaftlich in verantwortlicher Stellung befind- lichen Männer auch einen regen Anteil an der sozialdemokratischen Partei. Die Differenzen zwischen Partei und Gewerkschaften, die sich in den letzten Jahren abgespielt haben, betrafen die Stellung der Gewerkschaften zum Generalstreik und anderen Fragen. Dennoch ist hier der Weg der Verständigung gefunden. AuS der Stellung unserer Gewerkschaften die Schlußfolgerung zu ziehen. ihre Taktik hätte die Untcrnehmerorganisationen und die gelben Verbände gestärkt, ist ebenso unrichtig, wie wenn man die innige Verbindung der belgischen Gewerkschaften mit der Partei für die bisher vermißte Erstarkung der belgischen Gewerkschaften verant- wortlich machen würde. Die Fraye, wie die Organisierung der Gewerkschaften sich gestalten wird, ist nicht Aufgabe des Kongresses. Er soll nur aussprechen, daß eine innige Fühlung beider Organi- sationen notwendig ist. wie eS die Resolution Beer ausdrückt. Im anderen Falle müßten wir über die Taktik der Gewerkschaften zum Generalstreik, zur direkten Aktion und zur Sabotage Leitsätze aufstellen. Diese Streitpunkte müssen die Arbeiter der einzelnen Länder zu regeln suchen, der Kongreß kann keine Direktiven geben. Von den Holländern wird folgender Antrag empfohlen: „Der Kongreß erklärt, daß der Fortschritt der kapitalistischen Ordnung, die Konzentration der Produktion, die starke Ver. einigung der Arbeitgeber und die ständige Abhängigkeit eines jeden Unternehmens von der bürgerlichen Ordnung die gcwerk. schoftliche Tätigkeit zur Ohnmacht verdammen müssen, wenn die- selbe ausschließlich auf der Sorge für die Interessen des Ge- werbcs und der Verständigung mit den Arbeitgebern, sowie auf den Grundsätzen dcS VerbandSegoiSmuS aufgebaut ist. Olsen- Dänemark wünscht eine Organisation von Partei und Gewerkschaften, wie fie in Dänemark eingeführt ist. Marx sagte: Arbeiter aller Länder, vereinigt Euch! Wie können wir von Vereinigung sprechen, wenn wir in zwei Organisationen die Agitation betreiben! Es mag sein, daß in Dänemark besondere Verhältnisse die Organisation begünstigen. Er wolle auch nicht andere zu einer bestimmten Organisation drängen. In Dänemark verstehe man nicht, warum Frankreich sich gegen die parlamentarische Tätigkeit wendet. Redner empfiehlt die Annahme der Resolution Beer. Lantger» Frankreich : In Nancy hat der Parteitag mit 28 Stimmen Majorität die von der französischen Delegation vorgelegte Resolution beschlossen. Der Gewerkschaftskongreß in Amicns hat in einer längeren Re- solution zu einer Verständigung zwischen Partei und Gewerkschaft geraten. Aber das Verhältnis beider zu reglementieren, ist nicht zu empfehlen. Man mag es den Ereignissen überlassen, ob die- jenigen. die heute sich zanken, sich bei der Verständigung bedrängt fühlen. Mary Mac Arthur- England bringt eine Resolution der sozialistischen Federation ein. Rednerin lehnt die französische Resolution ab und erklärt sich entschieden gegen den Generalstreik, wie es auch die englischen Sozialisten tun. Bei den letzten Wahlen in England habe die Arbeiterpartei eine Million Stimmen aufgebracht. Die 36 Abgeordneten sind nicht alle Sozia- listen, aber Förderer der Arbeiterinteressen. Die Verhandlung wird hierauf abgebrochen und auf DienStag vertagt._ Die Ein- und Auswanderung der Arbeiter. (Telephonischer Bericht). Stuttgart , den 26. August. Die 6. Kommission, auf deren Tagesordnung die Ein- und Auswanderung der Arbeiter steht, wählte zum ersten Vor- sitzenden Ellriibogcii-Ocsterrcicki. zum zweiten Vorsitzenden Hillquitt- Amerika, zu Schriftführern Lafoiitaiuc-Bclgien mit) Diurr-Ungam. Die Generaldebatte eröffnete Ugarte- Argentinien : Die argentinischen Genossen haben auf den, Kongreß das Problem der Ein- und Auswandernng miS folgenden Gründen aufgeworfen. Sie wollen mir die künstliche Einwanderung brkänipsen, die von den kapitalistischen Agenturen der Regieningen betriebe» wird, um billigere ArbcilSkräfte in Konkurrenz z» den eiiiyennischen Arbeitskräften zu erhalte». Die Genossen verlangen auch Maßregeln gegen die AuS- beutung der Auswanderer durch die Schiffsgeiellschaften. DaS ganze Problem ist keine Rassenfrage. Die Resolution ist weder gegen die Chinesen noch Japaner gerichtet. Argentinien soll allen Arbeitern
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