Einzelbild herunterladen
 

rufSarveltZkirmmern, die im Bezirk der Landes arbcitskammer wodnen oder beschäftigt sind, eingeräumt werden. Arbeiterbcirat Wagner stellte den Gegenantrag, daß die Arbeitstammern u n- abhängig von den Berufsgenossenschaften auf territorialer Lage errichtet werden sollen. Dieser An- trag wurde mit 16 gegen 12 Stimmen angenommen. Nur wenn dieser Vorschlag abgelehnt bezw. bei Regierung und Reichstag keine Gegenliebe findet, wird der Vorschlag des Ver- WaltungSkollcgiumS unterstützt. Das polnischecho. Man schreibt uns: DerVorwärts" hat seinen Lesern schon «itgeteilt, daß nach endgültiger Annahme des EnteignungSgesetzeS durch den preußischen Landtag in Russisch-Polcn zahlreiche dort be- schäftigte deutsche Privatbcamte, Werkmeister, Buchhalter und auch Arbeiter durch Briefe, Flugblätter und Maueranschläge aufgefordert wurden, sofort daSKönigreich Polen" zu verlassen. Besonders in dem Oberschlesien eng benachbarten SoSnowice- Dombrowaer Jndustciebezirk haben mehrere tausend Deutsche solche Auf- fordernngen erhalten mit der Drohung, bei Nichtbefolgung Gewalt erwarten zu müssen. Diese Maßregel ging von den Nnrodowi Demokrarcy, den Nationaldemokraten, aus, die in Russifch-Polen sehr stark sind. Bei den jetzt in Rußland herrschenden Zuständen waren die Drohungen der Nationalisten durchaus ernst zu nehmen, und die Bedrohten haben sich denn auch angsterfüllt telegraphisch sowohl an den deutschen Generalkonsul in Warschau wie an den deutschen Reichskanzler und sogar ganz über- flüssigerweise an einige liberale Blockbrüder um Hülfe gewandt. Fürst Bülow hat den Bittstellern geantwortet, daßdie kaiserlichen Vertretungen in St. Petersburg und Warschau zu erforderlichen Schritten wegen Herbeiführung geeigneter Vorkehrungen veranlaßt worden seien". Und worin bestehen nun diegeeigneten Vorkehrungen"? Darin. daß die russische Negierung nach SoSnowice noch fünf Kompagnien Soldaten geschickt hat zu den mehreren tausend Mann Militär. die dort schon hausen und der Bevölkerung das Leben schwer machen. Hat all daS bisher dort vorhandene Militär nicht die täglich vorkommenden Gewalttaten und Attentate verhindern können, so werden daS natürlich auch nicht die neuen fünf Kompagnien können. Man muß nun vielmehr erst recht für die Sicherheit der dort wohnenden Deutschen fürchten, denn die Kosten dieses verstärkten Schutzes muß die ohnehin unerträglich belastete SoSnowicer Einwohnerschaft tragen und das wirkt selbstverständlich sehr aufreizend gegen die sogeschützten" Deutschen . Die hakatistische Grenzpresse in Oberschlesien hindert daS nicht, wie zum Beispiel dieKattowitzer Zeitung", mit grinsender Schadenfreude zu er- klären,das Angenehmste sei, daß die Bürgerschaft die Unterhaltungs- kosten aufzubringen habe und ssich dafür bei den Polen (1) bedanken könne." Diesen sinnlosen Hetzern kommt es offenbar weniger darauf an. die durch die brutale Politik ihrer Regierung in schwere Gefahren gestürzten eigenen Landsleute geschützt zu sehen, als darauf, die ver- haßten Polen zu ärgern und zu schädigen. Mit höchster Genugtuung begrüßt es die hier gekennzeichnete Grenzpresie, daß manmit der polnischen Wirtschaft in der deutschen Industrie Rußlands endlich . aufzuräumen. beginne", d. h. daß gerade in diesem Augenblick die Verwaltungen deutscher Jndustriewerke in Russisch- Polen ihren polnischen Ingenieuren und Verwaltungsangestellten gekündigt haben. Selbstverständlich kann auch diese Maßregel ebenso wie der Beifall, den sie bei den Hakatisten im preußischen Gebiete findet, nur geradezu provokatorisch wirken und eS sieht wirklich so aus, als wenn es manche» Leuten in Preußen sehr erwünscht wäre. wenn drüben in Polen Gewalttaten gegen Deutschland verübt Würden. Wie anders mutet dagegen das Verhalten der so verschrienen sozialistischen Revolutionäre an. DaS Komitee der polnisch- sozialistischen Partei des SoSnowice-DombrowaerRayonS hat ein Flugblatt verbreitet, daS sich in schärfster Weise gegen die Drohungen der Nationalisten wendet und diese auf eine Stufe mit den HuliganS stellt. ES heißt u. a. in dem Flugblatt:WaS können denn die hier lebenden deutschen Arbeiter und Beamten für daS Vorgehen der Großgrundbesitzer und Großindustriellen, die im preußischen Landtage sitzen und das Enteignungsgesetz dank dem Fürsten , Minister, Soldaten, Bourgeois und ilrbeiter. Friedrich Wilhelm IV. , König von Preußen, hatte im Jahre 1847 kategorisch erklärt, daß er nicht dulden werde, daß sich zwischen den Herrgott im Himmel und daS Volk ein Blatt Papier , will sagen eine Verfassung, dränge. Und noch am 14. März 1848 sagte der hochgemute Preußenkönig in Potsdam :Nun werd' ich nach Berlin müssen, damit sie mir dort nicht tolle Streiche machen." Ja diese selbstherrliche, siegessichere Stimmung hielt sogar noch bis zum 18. März vor. Als der Barrikadenkampf tobte, die Kanonen donnerten und die Sturmglocken heulten, wies der König durch das Fenster nach der von Bewaffneten starrenden Königstraße und sagte:Diese Straße gehört mir." Ja. sogar noch am Morgen de? IS. März erließ er eine Proklamation«An meine lieben Berliner", in der es hieß, daß sievon e i n e r R o t t e von Bösewichtern. meist auS Fremden bestehend' zum Aufruhr verführtt worden feien; indes wolle er großmütig die Truppen zurückziehen, wenn daS Volk zuerst die Barrikaden verlasse. Er mußte dann freilich die Truppen zurückziehen, ohne die Entwaffnung des Volkes durchgesetzt zu haben. Ja, er mußte im Schloßhof selbst den Hut vor den Bahren der gefallenen Freiheitskämpfer ziehen. Und in einer königlichen Proflamation vom 21. März hieß eS: Heil und Segen dem konstitutionellen Fürsten, dem neuen Könige der freien, wiedergeborenen Nation." Und an demselben Tage sagte er in einer Ansprache an die bewaffnete Studentenschaft: Ich will keineKrone. keine Herrschaft, ich will Deutschlands Freiheit, Deutschlands Einheit." Eine verblüffende Wandlung in verblüffend kurzer Zettl Es hätte nur noch gefehlt, daß er es gemacht hätte wie M e t t e r n i ch. der davongejagte Staatsküuster der Heiligen Allianz . Dieser alte Sünder spielte in den Märztagen nicht nur gleichfalls den be- geisterten Anhänger der von ihm so lange geknechteten Freiheit. sondern er behauptete sogar, stets ein Verehrer der Souveränität des Volkes gewesen zu sein! Der bekannte Dichter JustinuS K e r n e r, bei den, er auf seiner Flucht in Weinsberg Station gemacht, berichtete darüber in einem Briefe von Ende März 1348: Ich nahm ihn in einem Turm auf, wo Graf Helfenstein vor seiner Hinrichtung durch die Bauern gefangen saß. DaS war ihm ominös i es ist ihm unheimlich und mir ist sein ganzes Wesen un- heimlich; besonders sein unverschämtes Liberaltum. Er behauptet, nur sein Wunsch, daß Deutschland eine Republik werde, den er immerdar gehegt, habe ihn zu dem illiberalen System gebracht, nur so Habesich Deutsch- laud so mächtig und kraftvoll erheben können. elenden Drelttastenwahlrecht durchgebracht haben? Wir werden unsere bedrohten Brüder, die ebenso wie wir im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot schwer verdienen müssen, schützen, ganz gleich, welcher Nation und welcher Religion sie angehören, wir werden ihnen auch bei Angriffen auf der Straße unsere Hülfe geben. Es leben die vereinten Arbeiterl" Daß die polnischen Genossen diesen Worten die Tat folgen lassen werden, ist sicher und so dürften die bedrohten Deutschen in Russisch -Poten viel sicherer Srtuitz und Hülfe finden bei denrohen Umstürzlern", als bei den Kosaken des Zaren, bei ihrem stolzen deutschen Reichskanzler und seinen hakatistischen Verehrern, Hirn- und herzlosen Nationalitätenhetzern l flbenteurerpolitiil. Petersburg, 9. März.(Eig. Ber.) Die russische Reaktion triumphiert jetzt, sie herrscht über daS ganze Land und erdrosselt mit eiserner Faust jede freie Lebensäußerung. Aber nicht nur die innere Politik steht in ihrem Zeichen, sondern auch ins Gebiet der äußeren Politit streckt sie ihre Fühler aus und das neueste Gesetzesprojekt, welches das Ministerium Stolypin der Duma vorgelegt hatte, ist dafür ein beredtes Zeichen. Es handelt von der Bewilligung von Mitteln für den Bau einer Eisenbahn im nördlichen Amurgebiet. Die Länge der Bahn soll 2949 Werst betragen und das Ministerium fordert zu diesem Zweck die Kleinigkeit von 395 Millionen Rubel. Außerdem verlangt es 61 Millionen Rubel für den späteren Bau eines zweiten Gleises und 19 Millionen Rubel für eine Zweigbahn nach BlagowjeschenSk (südliches Amurgcbiet), alles in allem 466 Millionen Rubel. In dieser Summe sind aber sämtliche Ausgaben für Betricbsmaterial usw. noch nicht inbegriffen; außerdem gesteht das Ministerium selbst zu. daß eine Erhöhung der notwendigen Mittel möglich ist, da die Voruntersuchungen uvd Messungen noch nicht abgeschlossen sind. Hält man sich dabei das Beispiel der sibirischen Bahn vor Augen, die anfänglichnur" auf 359 Millionen Rubel veranschlagt wurde, schließlich aber rund eine Milliarde gekostet hatte, so kann man ohne jede Uebertreibung annehmen, daß auch die jetzt ge- forderten 466 Millionen Rubel in wenigen Jahren sich verdoppeln werden. Womit begründet aber die Regierung die Notwendigkeit solch' ungeheurer Geldopfer? In der den Gesetzentwurs begründenden Denkschrift heißt es: der Bau der verlangten Bahnbiete die Möglichkeit, die Kolonisation und die Produktion deS Gebietes zu fördern." Wie sieht es aber damit in Wirklichkeit aus? Hören wir, was Kenner des Amurgebietes über dessen Beschaffen. heit sagen. Die Durchschnittstemperatur deS Jahres ist 2,4 Grad unter Null; im Winter ist der Boden einen Meter tief hart- gefroren; Wintergetreide kann daher nicht gebaut werden; daS Sommergetreide aber wird durch wochenlanges Regenwetter meist total vernichtet: die höchsten Ernten ergeben kaum das fünf- und sechsfache der Aussaat; mineralische Schätze sind nicht vor- Händen; die Bevölkerung beträgt kaum 9,4 pro Quadratkilometer usw. Angesichts alle? dessen kann selbstverständlich von keiner- lei ökonomischer Bedeutung der Eisenbahn gesprochen werden, sie ist in dieser kalten Einöde gleich Null. Aus denselben Gründen ist es aber auch unmöglich, den Eisenbahnbau mit der Notwendigkeit, das Amurgebiet vor dem Eindringen dep Japaner oder der Chinesen zu schützen, zu rechtfertigen. Sie können kein Interesse an dieser unwirtlichen Wildnis haben, die weder als Kolonisationsgebiet, noch als Absatzgebiet ernstlich in Betracht kommen. Ihre ökonomischen Jntereffen drängen sie nicht ins Amur- gebiet, sondern nach der Mandschurei und Korea , und Rußlands Pläne können nur durch das Bestreben erklärt werden, sich einen Weg zum Stillen Ozean zu bahnen, den Einfluß der Japaner zu brechen und die Herrschaft an sich zu reißen. Das ist aber dieselbe Losung, um derentwillen vor 4 Jahren Tausend« von Menschen hingeschlachtet worden sind, dieselbe Abcnteurerpolitik, die über das Volk das namenlose Elend des Krieges und über die Re- gierung die Schande einer militärischen Niederlage gebracht hat. Die geplante Amurbahn ist der erste Weg zur Erneuerung dieser Politik und von diesem Standpunkt aus wird diese Frage auch all- gemein erörtert sowohl im Lager der Reaktion, die offen den Ruf nach derHerrschaft im Stillen Ozean " erschallen läßt, wie auch auf Seiten der Opposition. Nur der kadettische OffiziosuS Rjetsch", der bei anderen Gelegenheiten nicht genug überdie oft- asiatische Aventüre" jammern kann, die Rußland an den Rand des Bankerotts gebracht haben, macht eine unrühmliche Ausnahme und erklärt feierlich durch den Mund A. Kaufmanns:Die Frage der Amureisenbahn hat nichts mit der Abenteurerpolitik im fernen Osten zu tun", sie ist vielmehreine Frage der Einheit unseres StaatsorganiSmus." Gleichzeitig erklärt Herr Miljukow :in der Das fei sein Werk, und von ihm geflissentlich so durch- geführt. Er ruhte nicht, bis ich auf meinen Turm eine rote Fahne st eckte." Wer weiß, ob der Ex-Staatskanzler, wenn die Revolution siegreich geblieben wäre, nicht allen Ernstes Anspruch darauf erhoben hätte, im Pantheon der Freiheitskämpfer die erste Stelle zu erhalten. Und dieser Mensch war drei Jahrzehnte lang der allmächtige Staatsmann der Heiligen Allianz I Ob nicht auch unter ähnlichen Umständen andere Staatskanzler ähnlicher Wand- lungen fähig wären? Am 21. März hielt Friedrich Wilhelm IV. an die Berliner Stadtverordneten eine Ansprache, in der er sagte, er wisse wohl, daß er nicht st a r k sei durch die Waffen deS Heeres oder durch seinen Schatz,sondern allein durch die Herzen und die Treue seines Volkes." Er harte auch alle Ursache dazu. Denn daß et sich auf sein Heer keineswegs mit Sicherheit verlassen konnte. beweist beispielsweise eine Episode, die ein alter Achtun d- vierziger(Sigmund Borkheim), der im Frühjahr l343 zur Garnison Festung G log au gehörte, erzählt. Der ehemalige Student und Gloganer Kanonier durfte eS wagen, in den dem 13. März folgenden Wochen als revolutionärer Redner in Volksversammlungen aufzutreten:Die Volksversammlungen kamen jetzt in die Mode; sie wurden gewöhnlich in einem öffentlichen Garten« außerhalb der Fortifikationen abgehalten. Ich produzierte mich öfter als Redner, und zwar immer in Uniform, was eigentlich gefährlich war und die Zuhörer verblüffte. Ich sprach hauptsächlich gegen die stehenden Heere, von dem elenden Traktement der Soldaten und den unverhältniSmätzigen Gagen der höheren Chargen. Gewöhnlich opponierten nur Offiziere. die mich durch ihre Gläser in einer Weise fixierten, welche die Ab- ficht, mich aus der Fassung zu bringen, deutlich verriet. Sie erreichten dies aber nie, beim ich bereitete mich stets gehörig vor. Einmal tumulwierten auch die Bürger- lichen ob meiner Keckheit; man stürmte auf die Redner- bühne los. wahrscheinlich. um mich herunterzuzerren. und ich hätte mich wohl einschüchtern lassen, wenn nicht eine An- zahl Unteroffiziere der Beuthener Kürassiere, lauter riesenhafte Kerle, einen Wall vor mir formiert und mir zu- gerufen hätten, ich möchte mein Sprüchlein nur ruhig fertigsagen."-- So lange das Proletariat im Jahre 1848 sein Blut ver- spritzte, nur um für die V o u r g e o s i e die Kastanien auS dem Feuer zu holen, kargte die besitzende Klasse nicht mit ihrem Lobe. Arn 23. März erließen Bourgeois einen Aufruf zu Beiträgen, um für die arbeitslosen Proletarier Brot kaufe» zu können. Sie ver- »Viesen in diesem Aufruf daraus, daß die Arbeiter sich»in den ostasiatischen Politik Rußlands liege ein« gewisse Tradition, die nicht aufgegeben tverden darf." Praktisch fällt zwar diese Stellung- nähme der Kadetten für das Schicksal der Regierungsvorlage nicht ins Gewicht, denn ihre Annahme durch den schwarzoktobristischcn Block ist ja sicher. Aber für die kadettische Partei ist sie äußerst charakteristisch: sie zeigt, wie eine Partei, die ehemals immerhin aufrichtig die ostasiatische Politik der Regierung bekämpft hat, jetzt. im krampfhaften Bestreben, sich durchPatriotismus",Loyalität" und ähnliche Tugenden das Wohlwollen, der Regierung zu erobern, dieser verbrecherischen Politik ihren Segen gibt und dabei mit der Reaktion gemeinsame Sache macht, ohne sich bewußt zu werde». daß sie dadurch das letzte Recht auf den Namen einer oppositionellen Partei die sie doch in den Augen des Landes bleiben möchte verwirkt. Kommt es aber einmal soweit, daß die Abenteurerpläne der Regierung ihr« traurigen Früchte tragen, so werden die Kadetten sich der Mitverantwortlichkeit dafür nicht entziehen können. politilcbe(leberlukt. Berlin , den 17. März 1908. Der Kolonialetat im Reichstag. Die Debatte über den Kolonialetat setzte heute im Reichstage sehr flau ein. Die eigentlichen Kämpfe zwischen Dernburg und seinen konservativen und nationalliberalcn Widersachern, den Vertretern der Bureaukraten und Ansiedler im Gegensatz zu den von Dernburg vertretenen Interessen des Börsenkapitals, waren bereit? in der Budgetkommission des langen und breiten zum Austrag gebracht worden. Dort war es auch nach längeren heftigen Auseinandersetzungen schließlich zu einem modus vivendi gekommen. Die Konservativen und sonstigen Freunde der An- sicdker und Kolonialbureaukratie sind gewillt, den Plänen Dcrn- burgs prinzipiell nichts in den Weg zu legen. wenn Dernburg auch seinerseits bereit ist, es mit seinen Plänen beim Prinzip bewenden zu lassen. Und Dernburg hat ja auch bereits erklärt, daß er bereit ist, auch den Interessen aller übrigen kolonialen Ausbeuter in weitgehendstem Maße Rechnung zu tragen, wenn nur seinen Bahnprojekten die Zustimmung nicht versagt wird. Diese Bahnprojekte liegen übrigens ja aud? durchaus im Interesse der Ansiedler, weil durch die Brotlos- machung der K a r a w a n e n t r ä g e r für die An- siedler willige und billige Arbeitskräfte gc- schaffen werden. Daß, nachdem Dernburg heute in sehr knappen Zügen sein Programm entworfen, die Redner der Konservativen, National- liberalen usw. dem Kolonialsekretär keinerlei Opposition machten, erklärt sich daraus, daß man sich in diesen Parteien nachgerade davon überzeugt hat, daß Dernburgs Kolonialpläne durchaus in Ein- klang zu bringen sind mit den Ausbeutungsintcressen der Ansiedler und den bisher geübten Vcrwal- tungSpraktiken unserer Kolonialbureaukratie. Dernburg hält es mit der Maxime..Leben und leben lassen". Wenn ihm die 159 Millionen für die Kolonialbahnen bewilligt werden, so wird er beide Augen zudrücken, wenn es gilt, den Plantagen- besitzern sei es auch in Form von Arbeitskontrakten Ein­geborene als Sklaven zu überliefern oder sonst in irgend einer Weise rücksichtslose Ausbeutungsgelegenheit zu gewähren. Herr Dernburg sagte auch unter anderem, daß der Reichs- zuschuß für die Kolonien fixiert werden solle. Herr Dcrn- bürg sollte sich etwas genauer darüber verbreiten. Sein Plan. die Verzinsung für die Kolonialeisenbahnen durch die Kolonien selbst aufbringen zu lassen, bedeutet ganz und gar nicht eine solche Fixierung der Reichszuschüsse. Jeder durch die Kolo- nialpolitik verursachte Aufstand kann den Zuschuß auf eine ebenso ungeheuere Höhe anschwellen lassen wie der süd- we st afrikanische Krieg! Das Eingreifen unseres Genossen Ledebour , der morgen in der Debatte das Wort nehmen wird, dürfte einen etwas frischeren Zug in die stagnierende Kolonialdebatte bringen. Freifinnige Schwätzer und konservative Scharfmacher. Im Dreiklassenhause wuide am Dienstag die dritte sogenannte Etatsberatung fori gesetzt. Ein Langes und Breites wurde über Ansiedelungen im Osten geredet. Tiefere soziale Probleme wurden natürlich nicht berührt. Durch unerträgliche Schlvatzhaftigkeit zeichnete sich»vieder der Tagen der Gefahr mit einer ruhmwürdigen Zurück- Haltung benommen, daß sie Hunger und Not obne Murren und ohne Forderungen(I) ertragen" hätten. Ohne Forderungen" l Ja, solche Arbeiter waren des Preises würdig und wenigstens des trockenen Brotes, das sie vor dem Ver- hungern schützte. Die Stimmung der Bourgeoisie schlug aber jäh um, als das Proletariat mitForderungen hervortrat und sich als Klasse zu fühlen begann. Am 23. März erschien nämlich auch in der Berliner Zeitungshalle" ein Artikel, in dein es hieß:«Die Wahr- heit ist, daß auch bei unS so gut wie in Frankreich , wie in Eng- land der Bruch zwischen der Bürgerllasse und der Arbeiterklasse schon vollendet ist. Nicht zwischen dem Königtum und der Republik ist Krieg, sondern zwischen den Besitzenden und den mit ihrer Arbeits- kraft zum Besitz Drängenden. Unsere Bürger fühlten dieS gar wohl, und darum beginnen sie schon jetzt. schon nach dem ersten Tage unserer glorreichen Revolution, aus allen Kräften rückwärts zu ziehen." Dieser Artikel verschnupfte in der Bourgeoisie gar sehr. Handwerker begaben sich mit ihren Arbeitern nach der Redaktion, um den Verfasser des Artikel» durch ihr.einträchtiges Leben" zu überzeugen, daß er mit demBruch: zwischen Bürgertum und Arbeiter' im Irrtum sei. Auf der Börse aber verpflichtete man sich feierlich, das dreiste Blatt durch Boykott in jeder Form nach Möglichkeit zu schädigen. Und als die nichtbesiyende Klasse gegen die Be- schränkung deS demokratischen Wahlrechts durch die indirekte Wahl protestierte, als da» Proletariat Massen- aufzüge vorS Schloß plante, da stellte man die Bersaiier der Aufrufe zu dieser Demonstration vor Gericht, und die Bürger- wehr und bewaffnete Studentenkorps machten es sich zur Pflicht, die Demonstration zu vereiteln! Das geschah im Mai 18481 Wenige Wochen nach dem glorreichen 13. März und nach der pomphaften Ehrung der Märzgefallenen gab sich die Bourgeoisie bereit» dazu her. das Proletariat an Straßendemonstrationen zu hindern, durch die eS ein wahrhaft demokratisches Wahlrecht erzwingen wollte I DaS Proletariat, das für die Freiheit, die Rechte und die Interessen der Besitzenden aus den Barrikaden kämpfte» war deS Beifalls der Bourgeoisie sicher; als jedoch das Proletariat für seine eigenen Rechte nur einen Massen- aufzug veranstalten wollte, da stellte die Bourgeoisie elbst die Sicherheitspolizei für die ReaktionI Ben Akiba hat wieder einmal recht I Bereits 1343 entlarvte ich das liberale Bürgertum als genau so arbeiterfeindlich, wie im Jahre 10931