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Nr. 67.

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Vorwärts

Berliner Volksblaff.

25. Jahrg.

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Telegramm Adresse: Sozialdemokrat Berlin ".

Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutschlands .

Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69.

Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983.

Tm Zeichen des Wahlrechts­Kampfes.

Donnerstag, den 19. März 1908.

ihren Kämpferreihen anschließt, kann hoffen, der politischen Schmach ledig zu werden.

Wie an dem gestrigen Tage, so wird noch oft der Ruf an die Rechtlosen ergehen, immer lauter und eindringlicher, und immer vollzähliger werden die Entrechteten dem Rufe folgen.

Manchem der allzu Zaghaften in den eigenen Reihen, manchem der allzu Hochmütigen unter den Gegnern war der Ueberall in den gestern in Preußen abgehaltenen Ber­gestrige Tag eine Ueberraschung. Der 18. März gehörte von fammlungen wurde folgende jeher dem Gedächtnis jener kurzen Epoche, in der das deutsche

März- Resolution

Bolt frei und selbstherrlich sein Geschick in die eigene angenommen: Hand genommen hatte. Dieser Tag des Gedenkens Die Versammlung gedenkt in Ehren der Helden, die vor sechzig var für das Proletariat ein Zag wie jeder andere, Jahren den Kampf gegen die verrotteten Zustände des preußischen ein Tag der harten Arbeit, im Dienste der anderen, Junkerstaates aufnahmen und ihr Leben auf dem Altar der Freiheit in der Fron des Kapitals. Anders diesmal bei der opferten. sechzigjährigen Wiederkehr des Tages an dem das Blut des Volkes für die Freiheit geflossen ist. Viele Tausende hat es nicht in den Fabriken und Werkstätten ge­duldet; sie feierten, wenn auch nur einen halben Tag! Die fünfundzwanzig Versammlungen in Berlin und Umgegend waren überfüllt und mußten lange vorher abgesperrt werden. Und auf den Straßen entfaltete sich ein bewegtes Bild.

Boll Empörung erinnern fich dagegen die Versammelten der die es der Nealtion ermöglichte, an die Stelle des in den Märatagen feigen Haltung des größten Teiles des preußischen Bürgertums, geborenen demokratischen Wahlrechtes das heute noch bestehende Dreitlassenwahlsystem zu oftrohieren. Ein Wahlsystem, das der blutigste Hohn auf staatsbürgerliche Gleichheit ist, das den Ver tretern des großen Grundbefizes und des Großkapitals die Gesetz gebung des Staates in die Hände spielt und sechs Siebentel aller wähler zu einem einflußlofen Anhängsel der Wähler der ersten und zweiter Klasse herabwürdigt.

Der gestrige Tag war feine Machtprobe des Proletariats. Keine Entscheidung sollte gestern fallen. Die Arbeitsruhe war nicht zum Kampfobjekt gewählt worden, Nicht zwischen Unter­nehmertum und Arbeiterklasse sollte gestritten werden; die Ar­beiter hatten sich vorher an die Unternehmer gewandt und die Freigabe des Tages gefordert. Es iſt kennzeichnend für die politische Entrechtung, die sie angesichts der Rechte der Staatsbürger Die Versammelten erheben flammenden Protest gegen die politische Borniertheit des preußischen Unternehmertums, daß politische Entrechtung, die sie angesichts der Rechte der Staatsbürger ein so großer Teil diese Forderung in schärfster Weise zurückge- der füddeutschen Staaten als brennende Schmach empfinden müffen. wiesen hat. Aber diese Zurückweisung wird ihre Früchte tragen. Dieser Zustand tennzeichnet Preußen als einen der rückständigsten Die in der Fabrik Zurückgebliebenen haben um so erbitterter Staaten und stempelt die Behauptung des jetzigen preußischen den Druck des Jochs gefühlt, sie sind um so fester in dem Ministerpräsidenten: Preußen in Deutschland voran!" zu einer Entschluß geworden, wenn die Stunde es fordern wird, den berlogenen Phrase.

politischen Kampf zu führen, ohne auf die Einrede der Wenn selbst nach Bülows berüchtigtem Silvesterbrief der deutsche feindlichen Klasse zu hören. Das preußische Unternehmer- Arbeiter der gebildetste der Welt ist, dann kann ehrlicherweise dem tum hat in scharfem Gegensatz zu der Haltung, die feine preußischen Arbeiter ein Recht nicht verweigert werden, das die Klassengenossen in ähnlicher Situation in Desterreich und gerade jetzt wieder in Ungarn einnehmen, in dem Wahlrechts- Arbeiter vieler Staaten längst besitzen. fampf der Arbeiter nicht einmal Neutralität eingehalten. Im Die Versammelten verlangen Einführung des allgemeinen, Kampfe gegen die Dreiklassenschmach haben sie sich auf die Seite der Unterdrücker des Rechts gestellt. Die Scharfmacher der Industrie haben wieder einmal gemeinsame Sache mit den preußischen Junkern gemacht.

Wir haben es nicht anders erwartet. Wir wissen, wir stehen erst im Anfang des Kampfes und wir sind noch nicht soweit, daß die Aktion der Arbeiterklasse den Herrschenden die Bewilligung von Zugeständnissen als das kleinere Uebel

gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für alle über 20 Jahre alten Staatsbürger ohne Unterschied des Geschlechts und Verteilung der Vertreter nach Maßgabe der Verhältniswahl und fie geloben feierlich, nicht eher zu ruhen, bis dieses Wahlverfahren für die Wahlen zur preußischen Volksvertretung errungen ist.

-W

Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984.

Der Kranz des Parteivorstandes trägt die Widmung:

Es sollen Eure Beichen nicht den Strom der Freiheit stau'n, Den Strom, der seine Fesseln bricht im Märzestaun. Der Verband sozialdemokratischer Wahlvereine Bon Berlin und Umgegend hat auf die Schleife seines Kranzes die Worte gesetzt:

Wir danken den teuren Blutzeugen, den glorreichen Opfern des Heldenkampfes. Auch für uns strömte ihr Blut und in unserer Brust erwacht der Schwur, ihres Todes würdig zu leben.

gelegter Kranz trägt die Inschrift:

Ein von den Sozialdemokratinnen Groß- Berlins nieder.

Man hat mit höhnender Gewalt

Ein Niemals!" schmetternd ausgerufen Und glaubt, der Volksgeist mache Salt Vor Kanzler oder Königsstufen. Doch keinem ist es noch geglückt, Den Sonnenaufgang zu verhängen. Die alten Mauern sind zerstüdt.

Wir sind die junge Kraft. Wir drängen. kommission einen Kranz gewidmet mit den Bersen: Für die Gewerkschaften Berlins hat die Gewerkschafts Der Freiheit droht mit Blut und Eisen Der stolzen Unterdrücker Wut. Wir aber woll'n sie dennoch preisen Und das mit unerschrockenem Mut, Denn seit der Schöpfung allen Weisen Galt Freiheit als ein ebles Gut.

Die Parteischule fette auf ihren Kranz die Worte: Auf guten Boden fiel die Saat." Auch die Teilnehmer am gewerkschaftlichen Unterrichts furfus haben einen Kranz niedergelegt. Die Redaktion des Vorwärts" widmet ihren Aranz: " Den ersten Wahlrechtskämpfern."

Nach Hinderten zählen die Kränze, welche Arbeiter aus einzelnen Fabriken gesandt haben. Da liest man die Namer vieler bekannter Firmen namentlich der Metallindustrie, deren Arbeiter es sich nicht nehmen ließen, durch eine Kranzipende am Grabe der Freiheitstämpfer ihrer Gesinnung Ausdruck zu geben. Auch das Personal aus einigen großen Druckereien vom Lokalanzeiger" fünf große Kränze aus fünf Abteilungen bat Kränze gesandt. So find, um nur ein Beispiel zu nennen, des Betriebes da. Diese erreichten ihren Bestimmungsort nicht ohne Zwischenfall. Als die Kranzträger, von anderen Personen begleitet, die Landsbergerstraße herauffamen, hielt die Polizei diese Deputation für einen Demonstrationszug

und sprengte ihn auseinander. Einige dieser Kränze wurden

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erscheinen läßt gegenüber der Fortdauer des Kampfes. An den Gräbern der Märzkämpfer. Aber gerade der gestrige Tag hat wieder wieder gezeigt, wie mächtig der Gedanke des gleichen politischen Rechtes dann auch vom polizeilichen Zensor ihrer Inschrift beraubt. die Massen erfaßt hat. Es ist jene politische Leiden- Im grauen Dämmerlicht des anbrechenden Morgens Anarchistische Vereinigungen und Redaktionen haben wie schaft wieder lebendig geworden, die seit den Märztagen des liegt der Friedrichshain . Noch ist es still und einsam in aewöhnlich Kränze mit schwarzen Schleifen niedergelegt, deren Jahres 1848 zu schlummern schien. Die Masse hat begriffen, jenem Winkel, wo die gefallenen Freiheitskämpfer ruhen. Die inschriften aber zum größten Teil der Zensur zum Opfer daß ihr Lebensinteresse sie in den Stampf um die Demokratie Pforte des kleinen Friedhofes ist geschlossen. Schußleute gefallen sind. hineinzwingt. Jetzt steht die Sozialdemokratie in diesem Stampfe als unter den Augen der Polizei den Begräbnisplatz betreten. Schleifen: schwarz- rot- gold. Sie stammen aus den Kreifen halten am Zugangswege Wacht. Heut darf man nicht anders Zahlreicher als sonst sind die Kränze mit dreifarbigen fast noch allein. Aber wir wissen, daß dem Die Polizei ist aber noch nicht so zahlreich zur Stelle, wie sie der Hirsch- Dunderschen Arbeiter und sind weniger von Gewerk Rampfe um das gleiche Recht eine gewaltige es für nötig hält, um hier den Verkehr zu regeln". Des- fchaften dieser Richtung als vielmehr von Hirsch- Dunckersch Werbetraft innewohnt. Die bürgerlichen Bar halb ist der Zugang zum Friedhofe einstweilen gesperrt.organisierten Arbeitern einzelner Betriebe geftiftet.- Bar- halb teien würden nicht mit solcher Einmütigkeit die Aktion Gine Anzahl von Kranzträgern sind bereits erschienen. Aach früheren Jahren pflegten auch die größeren politischen Ver­In des Proletariats im Wahlrechtstampfe herabzusetzen und zu berkleinern suchen, fühlten sie nicht selbst das unaufhalt- Grabstätte der Freiheitshelden einen Besuch abstatten möchten, gedenken. Jeßt, im Zeichen der Blockpolitik, hat man mit zu verkleinern suchen, fühlten sie nicht selbst das unaufhalt- andere Personen, die noch vor Beginn ihres Tagewerkes der eine des Freisinns durch Kranzspenden der Märzkämpfer zu same Vordringen der Forderung des gleichen Rechts. Mögen harren der Deffnung des Einganges. sie sich noch so sehr wehren, die Tatsache, daß 85 Prozent des kommt langsam die Landsberger Allee heraufgefahren. Die awei Vereinen freisinniger Richtung zu sehen: Der freisinnige Ein Rollwagen diesem Brauch gebrochen. Bis Mittag waren Kränze von nur preußischen Volkes des wichtigsten potitischen Rechtes beraubt beiden Pferde sind mit roten Bändern geschmückt. Auf dem Bezirksverein Wedding und der Fortschrittliche Jugendverein find, spricht eine Sprache der Aufreizung, wie Wagen hängt an einem Gestell ein riesiger Kranz mit langen Eugen Richter . Eine Schleife in den Reichsfarben schwarz­fie teinem unserer Agitatoren gegeben ist. roten Schleifen. So bringt eine Deputation der Rollkutscher weiß- rot zeigt ein Kranz, gestiftet von deutschen Studenten und neben dieser Tatsache der Aufreizung sieht ein jeder, und Speditionsarbeiter vom Transportarbeiterverband den und Ingenieuren". Auch einige freie Turnervereinigungen, daß die Sozialdemokratie die einzige Partei ist, welche Märzfämpfern ein Ehrungszeichen. die Entrechtung des Volkes zu bekämpfen entschlossen ist. somie die Patienten der Heilstätten Gütergoß und Beelitz sind Auch das ist die Bedeutung des heutigen Tages, daß er gean. Ein Polizeioffizier, der schon seit Jahren an dieser Stelle Gegen 7 Uhr rüden größere Trupps von Schußleuten durch Kranzipenden vertreten. zeigt hat, daß der Kampf ums Wahlrecht weitergeht, daß nach Grundsäßen, die nur ihm bekannt sind, Benjur über die die Kampfmittel, die angewandt worden sind, gut und Inschriften der Kranzschleifen ausübt, stellt sich in der Nähe Die Frage des gleichen Wahlrechts in Preußen steht auf widmung. Erscheint ihm eine Inschrift aus wer weiß welchen des Einganges auf. Mit strengem Blick mustert er jede Kranz­der Tagesordnung, seitdem die Sozialdemokratie die Frage Gründen gefährlich, dann trennt er mit energischem Riß das gestellt hat. Sie hat sie in den Mittelpunkt der Politit ge- Stück der Schleife, welches die Grundvesten des Staates er­rüdt, und wird sie nicht mehr verschwinden schüttern fönnte, ab. Man bewundert die Geschicklichkeit, Iassen. Schon heute flingt uns das Bülow- Wort Niemals" welche durch jahrelange Uebung in der Technik des Berreißens als lächerliche Ueberhebung. Wir sind trotz allem ein Stüd roter Bänder erlangt werden kann. vorwärts gekommen. In ununterbrochener Reihe kommen die meist aus Aber dem gestrigen Tage gibt noch ein anderer wenigen Personen bestehenden Deputationen mit Kränzen. Umstand seine Bedeutung. Niemand hat im voraus so Auch der Zustrom der Besucher wird immer stärker und staut über ihn gehöhnt, wie die Presse des Freisinns; und sich schließlich vor der Eingangspforte. Eine lange Reihe von Eine große Anzahl von Kranzinschriften es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß man Männern und Frauen steht längs des Weges, zeitweise bis flächlicher Zählung mindestens 60- sind durch den polizei­gerade von diesem Tage auch das Ende des deutschen zur Landsberger Allee hinunter. Langsam schieben sich die lichen Zensor ganz oder teilweise abgetrennt worden. Ver­Freisinns datieren tann. Sein Verrat der Vereins- Maffen weiter. Truppweise betreten sie den Friedhof, machen gebens fragt man sich, von welchen Gesichtspunkten sich die freiheit löst auch dem Vertrauensseligsten die legten einen Rundgang um die Grabstätten und entfernen sich. Benfur leiten läßt. Ist es dem Verstande eines nicht mit Zweifel. Und so ist von gestern an in Deutsch - Immer neue Scharen füllen die Plätze der Abgehenden. Amt und Würden bekleideten Staatsbürgers schon unfaßbar, land die Sozialdemokratie die einzige So vergehen Stunden. Kranz an Kranz reiht sich über daß die Sicherheit, Ruhe und Ordnung des Staates gestört Partei des bemokratischen Fortschritts. den Gräbern der Freiheitskämpfer. Sträucher und Baum- werden kann durch Worte, die auf eine Kranzschleife gedruckt diesem Bewußtsein die Massen ชิน erfüllen, äfte, soweit sie von Menschenhänden erreicht werden können, sind, so scheint es noch verwunderlicher, wenn man sieht, was die vornehmste politische Aufgabe der nächsten sind mit Kränzen bedeckt. Durch kahle Zweige Teuchtet das für Worte es sind, die solche gefährliche Wirkung ausüben Zeit sein. Der wirksamste Anschauungsunterricht wird feurige Rot breiter Bänder. Darauf prangen in goldenen sollen. Ja, wenn es noch Aufforderungen zu blutigem Stampf, unser Wahlrechtskampf sein. Wer entrechtet ist, ge- Lettern Widmungen, die an den Freiheitskampf von 1848 zum gewaltsamen Umsturz wären. Aber allgemein bekannte hört zur Sozialdemokratie, und nur wer sich und an den Wahlrechtskampf von heut erinnern, Dichterworte und Sentenzen sind es meist, die das Mißfallen

brauchbar sind.

Mit

wird

Ohne Zwang". Jeder, der vorübergeht, liest mit verständ­An auffallender Stelle hängt ein Kranz des Rauchflubs nisvollem Lächeln die Worte: Troß alledem und alledem gleiche und geheime Wahlrecht." Einen Hinweis auf den fämpfen wir unverdrossen, trotz Bülow und Genossen für das Wahlrechtskampf geben auch die Arbeiter und Handwerker der städtischen Gasanstalt in Tegel mit den Worten, die fie auf ihren Kranz setzten:

Mit rauher Fauft hat man geraubt das Wahlrecht, das Ihr errungen. Wir werden ruhen und rasten nicht, bis wir es wieder erzwungen.

nach ober.