Auf Vü�schlag Boh Singer iüirb' zunächst der Anftag 16 zur Debatte gestellt. Der in diesem Antrag vorgesehenen K o in- Mission sollen, falls der Antrag angenommen wird, alle übrigen Anträge überwiesen werd-"v Pfannkuch: Wir haben uns bereits in der Debatte über den Geschäftsbericht damit befaßt, daß das Organisationsstatut schon wegen der Frauen- Organisation einer Aenderung bedarf, und es sind auch sonst Wünsche auf Abänderung hervorgetreten. Selbstverständlich kann der Parteitag nicht ohne genügende Vorbereitung diese Aende- rungen vornehmen. Ich erinnere daran, daß wir seinerzeit auf Beschluß des Bremer Parteitages auch eine Kommission ein- gesetzt haben, die dem Parteitage in Jena ein neues Organisations- statut unterbreitete, das die Kreiswahlvereine als Grundlage der Organisation festlegte. Bis auf einige Wahlkreise, in denen eine nennenswerte Organisation zu schaffen noch nicht möglich war, ist diese Grundlage der Organisation durchgeführt, und sie hat in bezug auf die Gewinnung sowohl als auch in bezug auf die Auf- klärung der Mitglieder und in bezug auf den Finanzeffekt unsere Erwartungen, wenn auch nicht voll, so doch in hohem Maße erfüllt. Ich halte es für das richtigste, auch jetzt wieder eine Kommission einzusetzen mit der Aufgabe, das Organisationsstatut zu revidieren und dem nächsten Parteitage eine Resolution zu unterbreiten. Eine Vorschlagsliste, die von den Antragstellern selbst zusammengestellt ist, erlaube ich mir, dem Bureau zu über- reichen. Haberland- Barmen: Auch ich halte die Wahl einer Kommission für die beste Lösung der Frage. Daß eine Aenderung des Organisationsstatuts nötig ist, unterliegt gar keinem Zweifel. Ich erinnere nur an die Vor- schriften über das Schiedsgerichtsverfahren. Es erscheint Wünschens- wert, die Einleitung von Ausschlüssen zu erschweren. Heute kann es leicht vorkommen, daß ganz kleine Parteiorganisationen wegen verhältnismäßig geringfügiger Ursachen Ausschlußanträge stellen. Ich würde der Kommission empfehlen, zu erwägen, ob es nicht wünschenswert ist, in das Statut aufzunehmen, daß nur die Wahlkreisorganisation berechtigt ist, Anträge auf Ausschluß zu stellen. In den großen Kreisen gilt das ja heute schon als etwas. Selbstverständliches. Weiter würde es sich empfehlen, mildere Strafen einzuführen. Wir kennen heute nur den unbedingten Ausschluß aus der Partei, aber eine Rüge oder ein Tadel ist nicht zulässig. Weiter wäre eine Einschränkung der Zahl der Dele- gierten zu empfehlen. Von Jahr zu Jahr ist eine immer größere Zahl von Wahlkreisen auf dem Parteitage vertreten. Aber je mehr Kreise sich vertreten lassen, desto größer wird die Zahl der Dele- gierten. Sie wird schließlich so groß, daß geordnete Verhandlungen nicht mehr möglich sind. Schon aus diesen wenigen Andeutungen sehen Sie, wiz notwendig die Einsetzung einer Kommission ist. Nöthlich- Lechhausen: Obwohl ich anS einem rein ländlichen Wahlkreise komme, bitte ich die Kommission doch, im Interesse der Gerechtigkeit die Ein- führung des Proportionalsystems ins Auge zu fassen. Hiermit schließt die Debatte. Der Parteitag beschließt die Einsetzung einer Kommission, der die vorliegenden Anträge über» wiesen werden. Singer: Damit ist selbstverständlich nicht gesagt, daß die Kommission nur auf Grund dieser Anträge zu arbeiten hat. Die Kommission ist natürlich frei. Diese Anträge soll sie nur mit erwägen.(Zu- stimmung.) Auf Grund einer Vorschlagsliste, die von Delegierten der be- treffenden Landesteile zusammengestellt ist, werden in die Kommission gewählt: Wolderski» Berlin , Schubert» Berlin , Braun» Königsberg , Schütz» Breslau . Gewehr» Elberfeld , L e i n e r t» Hannover , H ü t t m a n n- Frankfurt am Main,. Bartels» Altona , B e i m S» Magdeburg , Segitz- Nürnberg, Auer» München , W a s n e r» Stuttgart , Frank- Mannheim, B a u d e r t- Weimar, Sindermann- Dresden , L i p i n s k i» Leipzig , E t u b b e-Ham- bürg, H u g« Bant, Raab- Darmstadt , Zetkin- Stuttgart. Z> e tz» Hamburg . Außerdem erhält der Parteivorstand daS Recht, zwei Mitglieder in die Konmnsfion zu delegieren. Damit sind die Anträge zur Organisation erledigt. aus Vertretern der einzelnen Landesteile zusammengesetzt ist und den Auftrag erhält, eine Revision des Organisationsstatuts der Partei vorzunehmen und rechtzeitig vor dem nächstjährigen Partei» tag den Entwurf eines neuen Organisationsstatuts zu veröffent- lichcn. Bei der Revision ist u. a. zu berücksichtigen: die endgültige Rege- lung der Frauen- und Jugendorganisation, die Aenderung des Schiedsgerichtsverfahrens, der Wahlmodus zu den Parteitagen eventuell durch Einführung des Proportionalwahlverfahrens, die Festsetzung eines einheitlichen Geschäftsjahres für alle OrtS-Wahl- kreis- und Bezirksorganisationen und die Anpassung des Geschäfts- jahres der Gesamtpartei an dasselbe. 17. B e r I i n VI: Dem§ 1t des Statuts folgende Fassung zu geben: § 11. Der Parteitag usw.: 1. Die Delegierten der Partei aus den einzelnen Reichstags. Wahlkreisen mit der Maßgabe, daß Kreise, welche bis zu 5000 Mitglieder haben, durch drei, auf je weitere 5000 Mitglieder noch je einen Delegierten mehr vertreten sind. 2. Mitglieder der Fraktion. 3. Mitglieder des Parteivorstandes und der Kontrollkommission. Die Mitglieder usw. 18. Siebenter sächsischer WahlkrmS(Meißen ): Der Partei. vorstand erhält den Auftrag, alljährlich ein Adressenverzeichnis der Vorsitzenden der Kreisorganisationen oder Kreisvertrauensleute herauszugeben. Diese Verzeichnisse sind den Leitern der Kreis- Organisationen in gewünschter Anzahl zur Verfügung zu stellen. 19. Lechhausen: ß 11 Absatz 1 des Organisationsstatuts dahin abzuändern: m 1. Die Delegiertenwahlen zu den Parteitagen sind nach Reichstagswahlkreisen, nicht wie bisher nach Ortsvereinen vor- zunehmen.... 2. Auf 1000 Mitglieder soll ein Delegierter kommen, m,t der Einschränkung, daß kein Wahlkreis mehr als drei Delegierte entsenden kann._...„ 3. Hat ein Wahlkreis weniger als 1000 Mitglieder, ist selbem der nächstgelegcne Wahlkreis anzufügen. 4. Die Kandidaten werden in einer Wahlkreislonferenz aufgestellt und sind, wenn in einem Wahlkreise drei Delegierte zu wählen sind, sechs Kandidaten aufzustellen usw. 5. Die Delegationskostcn trägt der oder die betreffenden Wahlkreise. S. Die TageSdiäten sind von dem Parteitage festzusetzen; Reisediäten bestimmt der betreffende Wahlkreis. 20. W e st l i ch e S W e st f a l e n: Für alle Parteiorgani- fationen der einzelnen Wahlkreise, sowohl der Bczirksverbände als auch der Gesamtheit, ist das Geschäftsjahr das Kalenderjahr, also die Zeit vom 1. Januar bis ultimo Dezember. 56. Frankfurt a. M.: Der Parteitag wolle eine Korn- inission einsetzen, welche zu prüfen hat, inwieweit unsere Partei- geschäfte aller Art eine richtige geschäftliche Organisation haben. und hat diese Kommission dem Parteivorstande eventuelle Ab- anderungsvorschläge zu machen. 122. Magdeburg : Der Parteitag wolle die Einführung eines einheitlichen Beitrages für ganz Deutschland beschließen. 129. Die Unterzeichneten beantragen gemäß Antrag 16, eine Organisationskommission einzusetzen und derselben die Anträge 15, 17, 19 und 20 als Material zu überweisen. AlbertRudolph- Frankfurt a. M, und 25 Genossev, ES folgen die Anträge zur Tagesordnung deS nächsten Parteitages. Die Anträge 117—120*) werden sämtlich unterstützt. Pfannknch bittet, die Anträge nicht in der bindenden Form anzunehnien, sondern sie dem Parteivorstande zur Erwägung zu überweisen. Es können im Laufe deS Jahres Verhältnisse eintreten, die den Parteivorstand zwingen, die Tagesordnung anders zu gestalten, als es die Antragsteller wünschen. Der Parteivorstand würde dann in die Verlegenheit kommen, gegen einen bestimmt ausgesprochenen Parteitagsbeschluß zu verstoßen. Singer ieilt mit. daß inzwischen ein Antrag eingegangen ist, die Anträge 117—120 dem Parteivorstand zur Erwägung zu überweisen. Zubeil bittet, trotzdem dem Antrage 117 zuzustimmen. ES ist schon sehr häufig beantragt worden, die Landarbeitersrage auf die Tages- ordnung eines Parteitages zu setzen. Der Parteivorstand hat aber noch niemals Gelegenheit gefunden, diese hochwichtige Frage zur Beratung zu stellen. Unsere Zukunft liegt nach meiner lieber- zeugung darin, daß wir die Landarbeiter in großer Zahl ge- Winnen. Ich bitte daher den Parteivorstand, diese Frage auf die Tagesordnung des nächsten Parteitages zu setzen. Mielcnz- Stettin befürwortet ebenfalls den Antrag 117. Der letzte PassuZ des Parteiberichtes hat sich eingehend über diese Frage ausgesprochen und daS Interesse, das die ländliche Bevölkerung daran nimmt, sollte auch die Partei ganz Deutschlands veranlassen, dazu Stellung zu nehmen. Nur wenn die Landarbeiter über unsere Ziele aufgeklärt werden, werden wir das Joch der Junker in den östlichen Provinzen brechen können. Der Antrag auf Ueverweisung der Anträge t17 bis 120 wird angenommen. Nunmehr werden die Anträge über den Ort deS nächsten Parteitages zur Beratung gestellt. Neben dem Antrag 121, der Eisenach vor- schlägt, ist ein schriftlicher Antrag eingegangen, den nächsten Partei- tag in Chemnitz abzuhalten. Lcber-Jena : Unser Antrag ist hauptsächlich deshalb gestellt worden, weil vor 40 Jahren der Kongreß der deutschen Sozialdemokratie in Eisenach getagt hat. Vor kurzem hat der Genossenschaftstag mit 800 Delegierten dort getagt. Für die Unterkunft der Parteigenossen ist also gesorgt. Auch stehen uns schöne Lokale zur Verfügung. Der Antrag, den nächsten Parteitag in Chemnitz abzuhalten, wird von den sächsischen Genossen zurückgezogen und dafür beantragt, Leipzig zu wählen. Dieser Antrag wird nach kurzer Befürwortung durch Sinder- manu, nachdem der Antrag, Eisenach zu wählen, abgelehnt ist, mit großer Mehrheit angenommen. ES wird nunmehr noch der Antrag 51, bei der Beschickung der Parteischule Südwestdeutschland in höherem Maße zu berücksichtigen, zur Debatte gestellt. Pfannkuch: Ich halte den Antrag für gegenstandslos. Die Auswahl wird in der Weise getroffen, daß der Parteivorstand rechtzeitig eine Veröffentlichung erläßt, in der die Vezirksleiter auf- gefordert werden. Vorschläge zu machen von Genossen, die sie zur Aufnahme in die Parteischule für geeignet halten. Die Antragsteller nehmen offenbar an, daß die Schüler in ihre Bezirke zurückkehren und ferner dort ihre Tätigkeit ausüben, wo sie her- gekommen sind. DaS ist aber durchaus nicht der Fall. Der Antrag würde also den Zweck, den er haben kann, nicht erreichen, und ich bitte, es bei der bisherigen Gepflogenheit zu belaffen. Der Antrag 51 wird abgelehnt. Lipinski-Leipzig : Wir waren höchst überrascht, daß unS diesmal für daS nächste Jahr die Ehre zuteil werden soll, den Parteitag zu empfangen. Wir haben seit Jahren den Wunsch ausgesprochen. Leipzig ist die Geburtsstadt der Sozialdemokratie und hat stets bewiesen, daß es die Tradition der Partei hochhält. Ich habe im Austrage der Leipziger Delegierten für den uns erteilten Auftrag zu danken. Wir werden bemüht sein. Ihnen einen durchaus würdigen Empfang in Leipzig zu bereiten. (Bravo I) Inzwischen sind die Vorschlagslisten für die Vorstands» und Kontrollkomniifsionswahl eingegangen. Für den Parteivorstand werden vorgeschlagm: Als Vorsitzende: Bebel und Singer. Als Kassierer: G e r i s ch. Als Sekretäre: Ebert, Molkenbuhr. Müller und Pfannkuch. Als Beisitzerinnen: Helene Grünberg und Luise Zieh. Als Mitglieder der Kontrollkommission werden vor- geschlagen: B o ck- Gotha, Braun- Königsberg, Brey- Hannover , B r ü h n e- Frankftirt a. M.. Dorn- Nürnberg, von Elm- Ham- bürg, Ernst- Berlin, Geck- Offenburg. Hildenbrandt- Stutt- gart, Kaden- Dresden, Kleemann- Leipzig , Könen- Ham- bürg, Sachse- Bochum, Timm- München, Ulrich- Offenbach, Z e tlin- Stuttgart. Singer teilt mit, daß Dorn- Nürnberg wegen ArbeitSüberhäufung auf eine etwaige Wahl verzichtet. Schluß 7 Uhr. Resolution gegen die Kriegshetze, Das gemeingefährliche und verbrecherische Treiben bestimmter Kreise, zwei Kulturvölker wie das englische und deutsche gegenseitig zu verhetzen und zum Krieg« aufzustacheln, dient nur den eng- herzigen und kurzsichtigen Interessen der ausbeutenden und Herr- schenden Klassen. Es steht im sckrofssten Gegensatz zu der Ge- sinnung internationaler Brüderlichkeit der ausgebeuteten Massen aller Nationalitäten, welche durch die engste Solidarität der Jnter- essen miteinander verbunden sind. Angesichts der Opfer an Gut und Blut, welche jeder Krieg gerade den werktätigen Massen auf- erlegt, und der ungeheuren materiellen und kulturellen Schädi- gungen, welche er für die Gesamtheit deS Volkes mit sich bringt, angesichts der weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Zusammen- hänge, denen zufolge jeder Konflikt zwischen zwei Kulturnationcn die Gefahr eines Weltkrieges in sich birgt, macht es der Parteitag dem Proletariat Deutschlands zur besonderen Pflicht, gemäß der Resolution des Internationalen Sozialistenkongresses in Stutt- gart mit allen in Betracht kommenden Mitteln für die Ueber- Windung des chauvinistischen Geistes und die Sicherstellung des Friedens einzutreten. Pgrteisorstand und Kontxollkvmmission. 117. Teltow- BeeSkow- Storkow-Charlotten- burg, Stralsund , Rügen, Berlin m. Königsberg und 5liederbarnim: Auf die Tagesordnung des nächsten Parteitages zu setzen:„Die Landarbeiterfrage und die Organisation der Landarbeiter". 118. Bayreuth : Auf die Tagesordnung des nächsten Partei- tages die Agrarfrage zu setzen. 119. Teltow -Beeskow : In Anbetracht der lauen Be- teiligung der Parteigenossen an der Genossenschaftsbewegung, möge sich der Parteitag eingehend mit derselben beschäftigen, eventuell ist die Genossenschastssrage auf die Tagesordnung des nächsten Partei- tageS zu setzen. Der Parteitag möge sich klar für die Genossenschafts- bewegung aussprechen und die Genossen auffordern, dieselbe mehr wie bisher zu unterstützen. 120. Nieder-Barnim: Auf die Tagesordnung eines der nächsten Parteitage zu setzen:„Sozialdemokratie und Genossenschafts- weien". IZus cler frauenbeiivsgung. Die Schäden der gewerbsmäßigen Stellenvermittelung für dl« Hausangestellten wurden in einer öffentlichen Versammlung besprochen, die vom Verein der Hausangestellten nach dem Saale des Zentral-Arbcits- nachweeises, Berlin , Gormannstratze, einberufen worden war. Frau Emma Ihrer als Referentin wies nach, daß die schlechtest gestellten Hausangestellten am häufigsten wechseln. Sie unterzog dann den als Mittel zur„Scßhaftmachung" gedachten Berliner Unterstützungs- und Belohnungsfonds einer kritischen Würdigung. Aus diesem Fonds, wozu die Dienstmädchen die bekannten Bei- träge leisteten, würden seit 1864 nur noch in ganz außerordentlichen Fällen den Dienstboten Prämien gegeben, während im übrigen ein Hospital für alte Dienstboten geschaffen sei. Es sei ein eigen an- mutendes Verfahren: die wirtjckastlich Schwachen würden mit Beiträgen belastet, damit sie nachher von ihrem eigenen Gelde für treue Dienste belohnt würden. Für das Hospital seien von den Dienstboten 1891 rund 41 400 M., 1895 rund 37 980 M. und 1898 rund 28 300 M. aufgebracht worden. Anspruch aus das Hospital hätten bei 10 Jahren Dienstzeit in Berlin Mädchen im Alter von 60 Jahren, bei 15 Jahren Berliner Dienstzeit im Alter von 55 Jahren und bei 20 Jahren Berliner Dienstzeit im Alter von 50 Jahren ab. Da erhielten sie dann Wohnung, Rcini- gung der Wäsche und 50 Pf. täglich für Nahrung und Kleidung. Damit wolle man die Mädchen an die Herrschaft fesseln, wozu noch die Prämiierung durch den Berliner Hausfrauenverein komme. Ein Ehrenzeichen erhalte, wer 30 Jahre in derselben Familie ge- dient habe.(Heiterkeit.) Derartige Mittel, der Fluktuation ab- zuhelfen, wären absolut verfehlt. Wolle man einen Anreiz zum längeren Bleiben geben, so läge doch der Gedanke sehr nahe, mit dem Mädchen einen angemessenen Lohn mit der Maßgabe zu vereinbaren, daß er von Zeit zu Zeit in bestimmter Weise steige. Ganz abgesehen von der Behandlung. — Bei der heutigen Lage der Dinge sähen wir. daß der Weizen der Privatstellen- Vermittler blühe. Im Jahre 1894 ergab eine amtliche Umfrage, daß in Preußen 5126 Vermittler waren, die 381 206 Stellen in einem Jahre vermittelten. In ganz Deutschland seien 7000 Ver- mittler gewesen, deren Zahl jetzt auf 10 000 gestiegen sei, und das trotz der gesetzlichen Beschränkungen(Gewerbeordnung und Ministerialerlasse von 1901 usw.). In Breslau ergab 1904 eine polizeiliche Umfrage, daß von 26 Vermittlern im Gastwirtsgewerbe 8016 Stellen vermittelt wurden, woraus man bei einer Durch- schnittsgcbühr von 6,40 M. eine Einnahme von 51 815 M. erzielte. In Wirklichkeit sei die Einnahme weit höher noch, denn Kellner, Köche, Portiers zahlten 15 bis 30 M. Vermittelungsgebühr. Die privaten Stellcnvcrmittler beständen zu einem großen Teil aus recht bedenklichem Material. Nach einer seinerzeit vorgenommenen behördlichen Feststellung waren von den Berliner Vermittlern 346 wegen Diebstahls, 109 wegen Körperverletzung, 25 wegen Kuppelei und 241 wegen anderer Vergehen bestraft, während ein erheblicher Teil mindestens übel beleumundet war. Von den weib- lichen Vermittlern, die etwa ein Drittel ausmachten, nähmen viele die stcllensuchendcn Mädchen ohne Familicnanhalt in Kost und LogiS. Das sei eine große Gefahr für die Mädchen, die hier Unterschlupf suchen müßten. Ohne Angehörige und meist ohne Geldmittel seien sie der Vermieterin ganz ausgeliefert. Diese werde keinen Anlaß haben, sie schnell unterzubringen. Je mehr daS Mädchen bei ihr in Schulden komme, je mehr habe sie es in ihrer Hand. Namentlich schweren sittlichen Gefahren seien die Mädchen auf diese Weise ausgesetzt. Allerdings könne nach der auf Grund der Gewerbeordnung ergangenen ministeriellen Verordnung durch die Ortspolizeibehörden den Vermittlerinnen das Gewerbe der Beherbergung und Beköstigung der Stellenlosen untersagt werden. Eine klare, durchgreifende und wirksame Regelung dieser Frage sei aber nicht gegeben. Rednerin teilte noch verschiedene Zahlen- reihen mit, durch die die horrende Ausnutzung der Arbeitslosen durch private Stcllenvermittler illustriert wird, und empfahl den versammelten Hausangestellten die Benutzung der gemeinnützigen Stellennachweise, die auf paritätischer Grundlage beruhen. In Preußen gäbe es bereits 276 kommunale oder mit kommunaler Unterstützung betriebene Arbeitsnachweise, die in einem Jahre 322 772 Stellen vermittelten. Wenn sich der Verein der Haus- angestellten, wie beabsichtigt, dem Berliner Zcntralarbcitsnachweis anschließe, dann wäre es Sache der Mitglieder, die privaten Ver. mittler zu meiden, den Zentralarbcitsnachweis zu benutzen und für dessen Benutzung lebhaft einzutreten. Vor allem müsse sich, wer noch nicht darin sei, dem Verein der Hausangestellten an- schließen, dessen Aufgabe es sei, in jeder Beziehung die Interessen der Hausangestellten zu vertreten.(Lebhafter Beifall.) In der Diskussion betonte Fräulein Klausner, daß den Dienstboten mit Almosen in Form von Prämien nicht gedient sein könne. Wenn gute Arbeit richtig entlohnt werde, werde das Mädchen auch länger in der Stellung bleiben. Im öffentlichen Arbeitsnachweise werde dem Interesse des Hausangestellten dadurch entgegengekommen, daß man vor Abschluß eines Vertrages genau die Zahl der Zimmer, der zum Haushalt gehörigen Personen, die Höhe des Lohnes und andere Bedingungen feststelle. Manche Herrschaften seien zwar deshalb sehr erregt und wollten davon nichts wissen. Das sei aber nie ein Grund gewesen, von diesen Feststellungen abzugehen. Im Gegensatz zum öffentlichen Arbeits- Nachweis könne die Mietsfrau niemals ein wirkliches Interesse für das Wohlergehen des Mädchens haben. Denn die Herrschaft, die die schlechteste Stelle habe, die am meisten wechsele, sei ja ihre beste Kundin. Verschiedene Hausangestellte nahmen das Wort, um ihre Er- fahrungen bei Herrschaften und gewerbsmäßigen Vermittlern mit- zuteilen. Bei einer Herrschaft, wo die nervöse Frau alles terrori- sierte, waren im Scebade im Zeitraum von 4 Wochen 7 Köchinnen. Das Kinderfräulein, daz 8 M a r k für die Stellung bezahlt hatte, wäre am liebsten auch bald gegangen, blieb aber wegen der Kündi- gungSfrist acht Wochen, wofür sie 50 M. Lohn erzielte.— Eine Frau konnte ein Mädchen nicht gebrauchen, weil es kein Geld hatte, Auslagen zu machen.„Herrschaften", die 10 Zimmer zur Ver- ftigung hatten, muteten dem Mädchen zu, auf dem Hängeboden zu schlafen. Wasch- und Reinemachefrauen müssen dem Vermittler 50 Pf. pro Tag abgeben, bei einem Tagesverdienst von 2,25 M. Die Vermittler ließen sich sogar unterschreiben, daß sich die Ver- mittelte für ein andermal nicht durch die Herrschaft selber be- stellen lasse. Natürlich verpflichtet das die Frauen nicht.— Die Vorsitzende, Fräulein B a a r, schloß die Versammlung mit einem Aufruf zur Organisation. Huö Induftne und fjandd. Enorme Gehälter. Nach dem letzten Jahresbericht der Großen Berliner Straßen» bahn-Gesellschaft erhielten die Dircktionsmitglieder Gehälter zwischen 30 000 und 100 000 Mark, das heißt weit mehr als die höchsten Staatsbeamten. Außerdem wurden noch rund 560 000 Mark Tantiemen an die Direktion und Beamte gezahlt, darunter 244 000 Mark Tantiemen an vierzehn Mitglieder des Aufsichtsrats. Ministerialdirektor a. D. Micke bezog allein für seine Person mehr als 150 000 Mark, das heißt fast dreimal so viel als der höchste Reichsbeamte-
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