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Nr. 289. 25. Iahrgaug. 2. Ktilqt ks Jotrairts" KerliM Polbtilalt. Sonntag, 11. Oktober 1008. Sllrtfcbaftlkber Aochenbericht. Berlin , 10. Oktober 1908. Balkanwirren und Börse. Weltwirtschaftliche Bedeutung der Balkanfrage. Hoffnungen der Reaktion auf wirtschaftlichem Gebiet. Rußlands industrielle MSglichkeitea. Deutschlands Interessen. L>er Hexentanz auf dem Balkan zieht nicht nur des Politikers Auge auf sich, steht nicht nur im Vordergrund des politischen Interesses, Bulgarien hat mit seiner Extratour und dem was nach- hupfte auch den Börsen einen argen Stoß versetzt. Zunächst waren die Börsenmänner sehr erschreckt, dann sah es so aus, als hoffte man, ohne lange Nasen davonzukommen; daraus zeigte sich wieder stärkere Verschnupfung. Man weiß noch nicht recht, soll man kurs. fest der Gefahr ins Auge schauen oder für den Zustand des kranken Mannes am Bosporus mit einigen Prozent Rückgang liquidieren? Blickt man über die mehr akuten Folgen von weniger Allgemein. bedeutung hinweg, wird die Frage nach der volkswirtschaftlichen Bedeutung gestellt, dann ist für uns mit den Vorgängen auf dem Balkan eine Angelegenheit von bemerkenswerter Wichtigkeit an- geschnitten. Ob etliche Spekulanten große Summen verlieren, die andere einstecken, das kann uns schließlich gleichgültig sein: bei der Frage nach Krieg und Frieden stehen ganz andere wirtschaftliche und kulturelle Interessen auf dem Spiele. Diese Interessen, ganz abgesehen von den rein menschlichen Erwägungen, dem Abscheu gegen brutales Menschenmorden und sinnloses Zerstören, müssen den schärfsten Protest gegen einen Krieg, auf den die reaktionären Elemente hindrängen, herausfordern. Die Selbständigkeitsprokla. mation in Bulgarien ist nicht nur den Reaktionären in der Türkei willkommen; mit ihren Begleiterscheinungen entspricht sie auch den Wünschen der russischen Kultur- und Freiheitsfeinde. Wie die Revolution in Rußland. hier Aussichten auf eine schnellere Wirt- schaftlichc und industrielle EntWickelung eröffnete, so wurden in der Türkei , mit der Abschaffung des alten konservativen, moderner Wirtschaft abholden Systems durch die Jungtürken , für dieses Land Vorbedingungen kommerziellen und gewerblichen Aufblühens ge- schaffen. Das war den russischen Reaktionären ein Dorn im Auge und der Koburger in Bulgarien durfte daher für die Anzettelung der Wirren auf die freundliche Zustimmung seitens des Zaren und seiner Großfürsten rechnen, wenn auch die Selbständigkeitscrklärung manchen Strich durch russische Rechnungen macht. Ob es nun zum Kriege kommt oder nicht, aus jeden Fall rechnet Rußland darauf, seine Einflußsphäre zu erweitern. Und damit würde es die revolutionäre Bewegung in seinem eigenen Lande wiederum ein Stück zurückwerfen und auch die wirtschaftliche Entwickelung hinausschieben. Die russischen Junker haben mit den preußischen gemeinsam ven Widerwillen gegen kommerzielle und industrielle Entwickelung. Tie verwandten Sippen fühlen instinktiv, daß hier der Hebel liegt, der sie aus ihren Macht- und Glanzstellen hinausheben wird. Rußland ist ein reiches Land; es hat zwei Quellen des Reichtums. Die eine ist seine Agrarproduktion und sein immenser Holzbestand. An dieser Quelle sitzen die russischen Junker und der Hof. Rußland hat bei der etwas mehr als doppelten Bevölkerungszahl in 60 euro- päischen Gouvernements eine zirka sechsmal so große Fläche als Deutschland für den Getreidebau in Benutzung. Der ungeheure Reichtum, der der russischen Agrarkultur entspringt, fließt aber fast ungeteilt in die Taschen der Grundherren. Die Bauern, die Echaffer des Reichtums, bringen ihr Leben in kaum unterbrochener Hungersnot hin. Riesenhafte Summen, zirka 60 Millionen Rubel pro Jahr, vereinnahmt allein die Krone aus dem Holzverkaus. Und dabei ist kaum ein Zehntel des russischen Waldbestandes, an dem das Volk ebensowenig wie an Grund und Boden Eigentums- und Nutzungsrechte hat, in forstwirtschaftliche Benutzung genommen. Hier liegt für die Herrscher in Rußland die materielle Möglichkeit der Weiterexistenz auf der bestehenden Grundlage. Ihr Interesse drängt nicht nach wirtschaftlichen Umwälzungen, die auch soziale Reformen im Gefolge haben müssen; im Gegenteil, Aenderungen, grundlegende Reformen, die ihre Macht, ihren Einfluß, ihre Herr- schaftsrolle untergraben, sind ihnen in tiefster Seele verhaßt, und darum ihr Streben, sie zu verhindern. Das Interesse der russischen Junker fällt nicht nur mit dem der Krone und dem des ganzen Grotzfürstenklüngcls zusammen, auch die von der Spitze an bis zur letzten Stufe der Beamtenschaft herab bestechliche Ver. waltung ist an der Erhaltung der Dinge und Verhältnisse inter - essiert. Jeder räubert und plündert, wo und soviel er kann. Die agrarische und administrative Plünderordnung wird aber in ge- wisser Beziehung durch das Erschließen einer anderen Reichtums- quelle bedroht, weil diese das Aufkommen einer neuen, einflutz. reichen, sozial mächtigen Gescllschaftsschicht ermöglicht, ja unab- wendbar macht. Die andere jetzt erst ganz schwach fließende Quelle des Reichtums, die noch gebundenen sozialen und kulturellen Machtfaktoren, der noch nicht gehobene immense Reichtum ruht unter der Erdoberfläche. Es sind die gewaltigen Erz- und Kohlenlager Rußlands , die die Grundlage geben können zu einer gewaltigen grohindustriellen Entwickelung. Diese hat neben der Klasse von Kapitalisten, die im eigenen Interesse ihren Einfluß auf Gesetzgebung und Ver­waltung in einer den Großgrundbesitzern nicht angenebmen Richtung ausüben mutz, buch das Aufkommen einer Arbeiterschicht zur Voraussetzung, die in ihren elementaren Kenntnissen den russischen Analphaheten beträchtlich hinter sich läßt. Eine In. dustrie braucht geordnete und gute Verkehrsvcrhältnisse, diese aber begünstigen wieder die Fluktuation der Bevölkerung. Die Bande zagenden Duldens großgrundhcrrlichen Knutenregimcnts lösen sich, wenn der geplagte arme Teufel das leicht zu erreichende lockende Ziel, als Industriearbeiter unabhängiger zu werden, vor Augen sieht. Das alles sind Perspektiven, die den Widerstand erklären, die der russische Adel und das Junkertum einer Aenderung des ihre Herrschaft sichernden politischen status quo im Lande selbst wie auch auf dem Balkan entgegensetzen. Welche Bedeutung Ruß- land als Industrieland bekommen kann, mögen noch einige An- gaben illustrieren: Rußlands bedeutendstes Kohlenbecken ist das im Donetzgebiet, am Asowschen Meer . Seine Fläche umfaßt 27 000 Quadratkilometer und das dortige Kohlenvorkommen wird auf 11000 Millionen Tonnen geschätzt. Ein Ricsenrescrvoir, das kaum angegriffen ist! Rußlands gesamte jährliche Kohlenförderung kommt jetzt über 20 Millionen Tonnen nur eben hinaus. Enorme Kohlenlager hat das europäische Rußland dann noch im Weichsel - gebiet, am Ural und in Mittelrußland. Der Ural ist- ferner der Schoß gewaltiger Lager von Erzen, die einen Eisengehalt von 66 bis 65 Proz. aufweisen. In den letzten Jahren sind noch un- ermetzlich reiche Erzlager u. a. in Südrußland (Krivoi-Roy) cnt- deckt worden. Auch die Türkei hat bedeutende Lager an Erd- schätzen, die noch der Erschließung harren. Dazu tritt für dieses Land die Aussicht, ein hervorragender Welthandelsplatz zu werden, dem als solchen ungemcssene Reichtümer zufließen. Aber die Vor» bedingung ist ein modernes Staatswesen mit neuzeitlichen Ver- kehrseinrichtungen. Die Erschließung und Ausbeutung aller Natur- schätze in beiden Ländern, die Entwickelung einer Großindustrie in Rußland , wird voraussichtlich auch von direkt revolutionierendem Einfluß auf die russischen Agrarverhältnisse sein und von den Um- wälzungen würden dann auch die Verhältnisse in den Balkan - staaten berührt. Wie die gewaltsame Unterdrückung der revolutio- nären Bewegung in Rußland der industriellen und kommerziellen Entwickelung des Landes Hemmungen bereitet, so würde das auch weiter geschehen durch Stärkung des reaktionären Elements infolge der Auslösung chauvinistisch-nationalistischer Bewegungen in den verschiedenen Staaten und durch die Entfachung eines Krieges, in dessen Nachwehen freiheitliches Streben keinen guten Nähr- boden findet. Wir selbst hätten eine Industrialisierung Rußlands durchaus nicht zu fürchten: im Gegenteil, sie kann uns nur erwünscht sein, stellte sie doch die heimische Weiterverarbeitung auf eine neue, breitere Grundlage der Entwickelungsmöglichkeitcn. Mit der Kolonisierung des Riesenrciches werden enorme Bedürfnisse an Maschinen und Apparaten für die Landwirtschaft ausgelöst; ganz bedeutend sind die Ansprüche, die eine entwickelte und sich ent- wickelnde Großindustrie an die Verfeinerungsindustrie stellt; die Arbeitsaussichten, die sich der Elektrizitätsindustrie durch groß- zügigen Ausbau des lokalen und des Fernverkehrswesens, des Per- sonen- und Gütertransportes, der Elektrizitätsversorgung zu Be- leuchtungszwecken und für landwirtschaftliche Dienste eröffnen, können kaum überschätzt werden; die Aufträge, die für Eisenbahn - bauten an Walzwerke sowie an Lokomotiv- und Wagenfabriken ver- geben werden müssen, lassen ebenfalls für uns reichlich« Arbeits- gclegcnheit erwarten. In der Industrialisierung Rußlands und in dem Eintritt anderer Agrarländer in den Kreis moderner Staaten können wir daher keinen Nachteil, sondern nur für die Gesamt- entwickelung freudige Ereignisse sehen, während andererseits die Aufstachelung nationalistischer Instinkte und die Heraufbeschwörung eines Krieges vom allgemeinen Volks- und weltwirtschaftlichen Standpunkt zu bedauern und darum nach Möglichkeit zu ver- hindern ist. E). a Um- M HiM-Wm xeichnct«ich«u durch ▼ortellhafte niedrige Preise, vo-endet schöne Auswahl, neuzeiUce Stoffe u. Fassons, bestsitzenoe Passformen in Vorräten t. lausenden Exemplaren nur eigener Erzeugnisse, (flinter-ülsln und Poletots Hochmoderne prachtige Ausmusterungen r Muster u. schönster Fassons F.. G N. ISRAEL 26-32 Spandauerstr. BERLIN C. Königetrasae 11-14 GEGRÜNDET 1813 - SS !? i! Damen-Hüte Garniert und ungamiert, von einfacher bis zur elegantesten Art, zu sehr vorteilhaft. 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