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.Die Hauptsache ist möglichste Vielseitigkeit bei der Auswahl der Volksliertreter. Nicht zu viel Juristen, nicht zu viele Landwirte, auch nicht zu viele Geistliche oder Kautlente! Man strebe danach, daß die verschiedensten Stände vertreten seien. Wenn man sagt, der Arbeiter A. eigne sich nicht zum Volks- Vertreter, eben weil er ein Arbeiter sei, so ist das höchst brutal, töricht und engherzig; eS ist aber auch töricht und engherzig zu sagen, der Herzog von lk. eigne sich nicht zum VollSverlreter, sintemalen er ein Herzog sei. Darin beruht ja gerade die große Krast des Zentrums, daß eS alle Schichten und Teile des Volkes zusammenzufassen versteht. das soll auch ferner so bleiben: vor allen Dingen wollen wir uns vor Einseitigkeit hüten. Die Schar unserer Gegner ist groß, noch größer aber der Haß, den sie gegen uns hegen. Unter diesen Umständen müssen ivir, koste, was es wolle, eng zusammmcnhalten. Ferner muß das Zentruin bestrebt sein, die Interessen aller Stände und Beruf«, nicht bloß eines Berufes, zu fördern. Das Zentrum soll die Interessen der Arbeiter ebenso eifrig und warm vertreten, wie die Sozialdemokratie. aber eS soll auch an andere Berufsklassen denken. Es soll keine Adelspartei sein, wie die Konservativen, aber auch keine adelS - feindliche Partei. Die Arbeiter, das Bürgertum und der Adel müssen ihre Befriedigung dabei finden, wenn sie zum Zentrum stehen> und das wird auch der Fall sein, wenn sie nur dem guten Grundsatz huldigen:Leben und leben lassen." Dasselbe ist bei den Beamten der Fall. DaS Zentrum ist immer für die Beamten eingetreten, aber wenn ein Beamter sich auf den Stand- Punkt stellen wollte:Das Wichtigste in der Politik ist die Ge- Haltserhöhung der Beamten, ihr muß unter allen Umständen Bahn gebrochen werden, wenn auch die anderen«stände darben", so hätte er die Deutung der ZcntrnmSpolitik nicht erkannt. In gleicher Weise darf der Arbeiter nicht vergess en, daß auch die Unternehmer leben wollen, und die letzteren dürfen sich nicht auf den nurkapitalistischen Standpunkt stellen, sondern sie sollen sich erinnern, daß die Arbeiter Menschen wie sie, ihnen vor Gott vollständig gleich sind und dementsprechend behandelt werden müssen." Der Verfasser hat, wie diese Argumentation zeigt, nicht umsonst die Dialektik der Jesuiten studiert. Leider hat nur selbst dann, wenn man dieses Streben nach dem Ausgleich der Interessen für politisch möglich und nützlich hält, seine Beweisführung ein großes Loch. Die katholische Arbeiterschaft stellt das größte Kontingent der Zentrums- Wählerschaft, dennoch sind sie in der Zentrumsfraktion des Reichs- tagcS nur durch zwei, drei Arveitersekretäre usw. vertreten, dagegen zählt der ländliche Großgrundbesitz und die höhere Bureaukratie eine gar stattliche Anzahl von Vertretern, die in allen wichtigen Wirt- schaftlichm Fragen innerhalb der Fraktion den Ausschlag gibt. Nus siumänkn. Rumänien ist das klassische Land der Bauernunruhen und des Antisemitismus. Dieses Zusammentreffen wird von der rumäni- schen Regierung, der Sachwalterin der Latifundienbesitzer, schlau benutzt, um Europa über die Ursachen beider Erscheinungen zu täuschen und die eigene Schuld von sich abzutvälzen. Das macht eS nur um so nötiger, die sozialen Verhältnisse des unglücklichen Balkan - lande? einmal etwas gründlicher zu beleuchten. Rumänien leidet unter einer Dynastie, die unzählige Millionen für die Neubelebung des GottcsgnadentumS aus dem armen Lande gesogen hat, und unter der barbarischen Despotie von Regierungen, die bald unter konservativer, bald unter liberaler Flagge die eigene Unfähigkeit durch die Niedertretung aller Volksrechte zu verschleiern bemüht sind. Die Ministerposten sind nach einem wohl nicht kodi- fizierten, aber um so mehr in der Praxis gehandhäbten Erbrecht in einer ganz kleinen Zahl bestimmter Junkerfamilien erblich, die sich höchstens dadurch unterscheiden, daß dieliberalen" Staatsvertreter in ihrem Liberalismus so weit gehen, reiche Juden anzupumpen, während dieKonservativen" dergleichen Geschäfte nur bei den reichen griechischen Grohkaufleuten in Galatz und Braila ab- wickeln. In den Präfekten , Verwaltungsbeamten, deren amtliöhe Stellung etwa mit der eines preußischen Regierungspräsidenten zu vergleichen wäre, haben diese Regierungen brauchbare Werkzeuge. Daß solche Regierungen einer Justiz nicht entraten können, die mit drakonischer Strenge jede Aufklärung und jeden Versuch nach der minimalsten Verbesserung der Zustände als schwere Verbrechen bestrafen muß, ist selbstverständlich; ein Blick hinter rumänische Kerkermauern, hinter denen mancherFeind des Vaterlandes" ein Titel für die Anhänger der Sozialdemokratie, der auch in andeven Staaten solche Kosenamen nicht vorenthalten werden seine Jugend vertrauert, würde manchen rumänienbegeisterten Zeitungsschreiber überzeugen, daß mit dem in Europa gepumpten Gelde wichtigere Aufgaben zu erfüllen wären als die Haltung eines HeereS von Spitzeln, die an Niederträchtigkeit der Gesinnung nicht einmal von ihren russischen Kollegen übertroffen werden. Die gesetzgebenden Körperschaften, die Kammern, setzen sich infolge einer von der Negierung mit den verwerflichsten Mitteln betriebenen Wihlkorruption, bei der derRakiu"(Schnaps) eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt, in ihrer Majorität stets aus Anhängern d«S jeweiligen Rgierungsshstems zusammen, dem sie bei der Erlassung der perfidesten Ausnahmegesetze und Entrech­tungsverordnungen kritiklose Gefolgschaft leisten. Nur wenn eine neue Anleihe auf dem europäischen Geldmarkte aufgenommen werden soll, wird ein wenig Komödie gespielt und das eine oder das andere soziale Gesetz beraten, das aber selten angenommen und sicher nie durchgeführt wird. Abnorme politische Zustände schassen mit eiserner Notwendigkeit jene unglücklichen sozialen Verhältnisse, die sich in«gel- mäßig wiederkehrenden Befreiungsversuchen äußern. Scharcnwei.se sind in das junge Königreich Techniker und Handlverkcr, Kaufleute und Unternehmer von überall gewandert. Armenier und Juden, Griechen und Türken beherrschen Handel und Verkehr, und in Bukarest , in Galatz und Braila schwirren Sprachen und Worte der ganzen Welt durch die Luft und die ganze Welt hat keine Ahnung, daß in diesem unglücklichen Lande Millionen hungern und alljährlich Tausend« buchstäblich Hungers st e r b e n. Solange der Bauer auf freier Scholle ungestört seinen Pflug führen durfte, ljatte er an den Vorgängen d«S öffentlichen Lebens kein Interesse; sie waren ihni alle, gleich, die Armenier und Juden, die Griechen und Türken, die ftir das der Erde mühevoll Abgerungene anständige Preise zahlten und ihm einen neuen Markt für die Erzeugnisse seiner Arbeit eröffneten. ES wurde bald anders. Mit den Frem- den kam allmählich auch der K a p i t a l i S m u s ins Land, und mit dem Kapitalismus traten in kurzer Zeit jene besonders gefährlichen Wirkungen desselben auf, die er in rein agrarischen Verhältnissen erzeugt. _ In der Hauptsache sind tu Rumänien Juden die alleinigen Träger des mobilen Kapitals; die durch keinerlei Argumente zu be- gründende bürgerliche Entrechtung der Juden hat für die Ent- rechteten in erhöhtem Maße abnormale Lebensbedingungen ge- schaffen, die mit den Interessen der Allgemeinheit nicht immer in Einllang stehen können; denn der Verfolgte und Unterdrückte wird oft im Interesse der Selbsterhaltung zum Verfolger und Unter- drücker. Hier liegen die Wurzeln vieler Uebel. Angesichts dieser Sachlage werden die auf sich selbst gestellten Juden gezlvungen, sich mit schlverem Gelde Freiheiten aller Art zu erkaufen, die, weil nicht anerkannt und geregelt, als Geschenke der Laune bestechlicher Uegittungen zu schwerem Mißbrauch führen. Die Juden sind, trotzdem ihre Familien auf rumänischem Boden Jahrzehnts leben, nach einer jesuitischen Verfassungsauslegung Fremde. Als solchen ist ihnen Erwerb von Grund und Boden ver- schloffen. Allein sie wissen sich zu helfen: durch eine kluge Ein- schmuggclung des Instituts der Erbpacht haben sie es ver- standen, ungeheure Gütcrkomplexe an sich zu bringen und so die gegen sie gerichteten wirtschaftlichen Ausnahmebestimmungen zu durchbrechen. Als Erbpächter, denen infolge ihrer bürgerlichen Ent- rechtung das Damoklesschwert willkürlicher Ausweisung jede Stunde droht, haben aber die Juden an der rationellen Bewirtschaftung des Bodens kein Interesse, und so haben sie an deren Stelle den R a u b- bau und die Spekulation gesetzt, zwei Faktoren, die mit Zu- hilfcnahme der Unterpacht den freien Arbeitsvertrag aufgehoben und die Hörigkeit des Kleinbauers begründet haben. Tie spekulierenden jüdischen Gutspüchter wälzen nämlich das Risiko von Mißernten in der Weise ab, daß sie größere Gutstcile von Kleinbauern bedüngen, beackern und besäen lassen und den- selben dann als Lohn für ihre Mühewaltung ein Drittel des Er- träges überlassen. Arbeitslöhne werden so gespart und alle Ge- fahren des Wetters und der Jahreszeit auf die Kleinbauern ab- gewälzt, die für den Fall einer Dürre oder zu reichlicher Regen» mengen nicht nur ihrer Sämereien verlustig gehen, sondern auch ihre Arbeitszeit in fremdem Interesse nutzlos vergeuden. Aber auch wenn alle Hoffnungen auf den Ertrag erfüllt werden, bedeutet es eine fürchterliche Ausbeutung, daß auf den Bauer nur ein Drittel des Ertrages fällt, das ihm noch dazu gewöhnlich gegen eine kleine Barzahlungabgekauft" wird. Die willkürliche Behandlung der Juden durch die Regierung ruft in den unwissenden, durch Alkoholis- muS und Pellagra zum Teil entnervten Bauern den Glauben her- vor, daß eine gewaltsame Erhebung gegen die jüdischen Latifundien- besitz«, die im letzten Grunde doch nur das Produkt der dcmorali- fierenden Entrechtung find, ihnen etwas nützen kann. Und ihr Elend treibt sie zu immer erneuten Revolten, die dann von der Regierung zum Nutzen der Großgrundbesitzer im Blute erstickt werden. Jede neue Niederlage der Bauern bedeutet dann natürlich vermehrtes Elend und gesteigerte Ausbeutung. Nur eine vollständige Aenderung KeÄ ganzen S y st e m s kann die Lauernunruhen verhindern. politische(leberliedt. Berlin , den 10. April 1909. Nochmals wie preußische Ministerkreiert" werden. DieTägl. Rundschau" veröffentlicht aus eingeweihten Kreisen eine interessante Schilderung der Amtsführung des Kultusministers Holle , die eine neue Illustration zu der bereits am Freitag von uns erörterten Frage bietet, wie preußische Minister«kreiert" werden. Das Blatt erzählt: Herr Holle hatte auf jedem Posten, auf den er bi» dahin ge- stellt lvorden war. seinen Mann gestanden und war eS nicht ge- wohnt, in seinem Amt eine Null zu sein. Er wollte es auch als Kultusminister nicht, wollte eine bessere St olle spielen als sein Amtsvorgänger. Für das große Publikum kam das darin zum Ausdruck, daß Mhoff, der hochverdiente lang- jährige tatsächliche sxiritus reotor des Ministeriums, seinen Ab- schied nehmen mußte, als Minister Holle einzog. Der neue Minister entschied selbständig, sah aber bald, daß hierzu mehr erforderlich war, als der Besitz einer leichten juristischen Vorbildung, wie«r sie aus seinen Universitätsjahren in seine dienstliche Laufbahn mitgenommen hatte. So manche Maßregel des Kultusministeriums, die diesem schwere Nackenschläge einbrachte, war auf die zwar selbständige, aber nicht immer sachgemäße Stellungnahme des Chefs der Behörde, der mit vollem Recht kein Geheimratsregiment wollte, zurückzuführen. Die Pausen zwischen den Nackenichlägen wurden durch kleine Nadelstiche ausgefüllt, allerlei Bloßstellungen, denen der Minister infolge seiner fehlenden Sachkenntnis bald bei Verhandlungen, die er führte, bald bei der Erfüllung repräsentativer Pflichten ausgesetzt war. Wir verratei» hier keine Geheinmisse, man horche z. B- in akademischen Kreisen herum nach gewissen Erlebniffen, die hervor- ragende Männer der Wissenschaft mit ihrem Minister in jener Zeit hatten l Holle empfand seine Lage, wußte, was ihm fehlte, und ging mit der größten Energie daran, sich in das ungeheuere. feiner Verwaltung unterstellte Gebiet einzuarbeiten. Er arbeitete, arbeitete, arbeitete I Und unterlag. Wie es um den Minister stand, war schließlich kaum mehr tot zu schweigen. Eine semer letzten öffentlichen Reden war die bei Ge- legenheit eines Banketts, da« der Einweihung des Berliner LehrerhaufeS am Alexanderplatz folgte. Sie war ein hilflos, im höchsten Grade gedankenarmes Stammeln; die versammelten Schulmänner wußten keine Er- klärung für solche Kundgebung aus dem Munde ihres höchsten Chefs, des Leiters des preußischen Schulwesens. Wenige Tage darauf erfolgte der Zusammenbruch. Einschwerernervöser Kollaps, verbunden mit nahezu völligem Ver- lust des Gedächtnisses! An eine Rückkehr HollcS aus seinem Urlaub inS Amt ist nie zu denken gewesen; nur bei dauernder Muße war, daS wußte man von vornherein. feine Wiederherstellung möglich. Mag der Minister den Keim zu seiner Erkrankung in sein Amt bereits mitgebracht haben oder nicht, in jedem Falle hat die Last der Ansprüche.Idie er als Mann von Selbstbewußtsein und Pflichtgefühl auf diesem fremden Boden an sich stellen mußte, seine Erkrankung erheblich beschleunigt. Seine B e r u f u n g ist sein Verhängnis geworden." Die größte Schuld an dem traurigen Ende hat nicht Herr Holle , sondern das System, demzufolge in Preußen Personen Minister- ressortS zugewiese» erhalten, von deren Arbeiten sie leine blasse Ahnung haben. ** Zur Neubesetzung deS Kultusministeriums weiß eine hiesige halb- offiziöse Korrespondenz zu berichten: Wie wir von gutunterrichteter Seite hören, wird die Ent- scheidung über den Nachfolger des Kultusministers Dr. Holle erst um Pfingsten herum erfolgen, jedenfalls nicht vor der Rückkehr des Kaisers von der ivlittelmeerreise. Daß Dr. Holle in sein Amt nicht zurückkehren kann, steht ganz bestimmt fest. Wenn die Frage der Neu- vesetzmig noch hinausgeschoben wird, so liegt dies einesteils auch daran, daß man dem neuen Manne nicht zutrauen kann, bei den Etatsberatungen nach Ostern im Landtage sein Ressort zu ver« treten, das er soeben erst übernommen hätte. Bei den Etats- bcratungen nach Ostern, die sich bis Himmelfahrt ausdehnen werden, wird Ministerialdirektor Exzellenz Schwartzkopf seinen erkrankten Chef vertreten._ Reichstagscrsatzwahl in Stade -Bremervörde . Amtliches Wahlergebnis. Bei der am 6. April im achten Hailnoverschen Wahlkreis vollzogenen ReichStagSerfatzwahl wurden insgesamt 22 135 Stimmen abgegeben. Davon entfielen ans den Hofbesitzer Dr. Hoppe(natl.) 3123. auf den Arbeiterselretär Rhein lSoz.) 5850. auf den Hofbesitzer Klävcmann(B. d. L.) 5059, auf Direktor Dr. Böhmert(fts. Vgg.) 2118 und auf den Gutsbesitzer v. d. Decken(Seife) 2374 Stimmen. Zersplittert waren 11 Stimmen. Demnach hat Stichwahl stattzufinden zwischen Dr. Hoppe(natl.) und Genosse» Rhein . Der nationalliberale Kandidat hat demnach im Vergleich zu der Reichstagswahl am 25. Januar 1307 3273 Stimmen verloren. Ebenso verlor Genosse Rhein 532 Stiminen. Dagegen hat der Kandidat des BtindeS der Landwirte, bor allem aber der weifische Kandidat einen Zuwachs an Stimmen erhalten. Der Verlust des Nalionalliberalen erklärt sich zum Teil daraus, daß bei der Wahl im Januar 1307 die Freisinnigen, da kein Freisinniger aufgestellt war, größtenteils für den nationallilleralen Kandidaten stimmten. Diesmal hatte dagegen die Freisinnige Vereinigung einen eigenen Kandidaten aufgestellt, der eZ auf 2418 Stimmen brachte. Berliner Parteitag der Freifinnigen Volkspartei. Unter Ausschluß der Oessentlichkeit fand am Mittwochabend in Berlin ein Parteitag der Freisinnigen Volkspartei statt, der sich m'.t der Haltung der freisinnigen ReichStagSfraltion zu den neuen Steuer- Projekten beschäftigte. Nach dem offiziellen von derFreis. Ztg." veröffentlichten Bericht hielt Abg. Wiemer das Hauptrefcrat. Im ganzen bestanden seine AuSführtingen in einer langen Rechtfertigung des Verhaltens der Freisinnigen Volkspartei im Block, an die sich allerlei pathetische Redensarten über daS Festhalten der Freisinnigen an ihren sogenannten freiheitlichen Priiizipten schlössen. So meinte beispielsweise Herr Wiemer: Unsere Forderungen erheben wir nicht in einseitigem Partei- interesse, sondern aus der innersten Ueberzeugung heraus, daß sie dem Vaterland dienen, daß im 20. Jahrhundert ein Staatswesen nicht gedeihen kann, dessen Einrichtungen nicht auf der Höhe stehen, dessen Staatsrecht nicht im Einklang steht mit der geistigen, Wirt- schastlichen und sozialen EntWickelung deS Landes. Und wenn wir bei diesen Forderungen auf den Widerstand der Konservativen und Agrarier stoßen, so wird uns keine taktische Rücksicht von der energischen und entschlossene!: Bekämpfung rückschrittlicher Bestrebungen ab- halte», die dem Geincinwohl schädlich find.(Lebhafter Bei- fall.) Durch unsere bisherige Unterstützung der Blockpolitik haben Ivir gezeigt, daß wir gewillt lind befähigt sind, positive Politik zu treiben. Wir haben unter schwierigen Verhält- nissen erfolgreich iniigewirkt, und niemand kann den Vorwurf er- heben, daß der Liberalismus sich in der Negation erschöpfe und nicht fähig sei, an den Staatsgeschäften positiv mitzliarbeiten. Wir habe» erfreuliche Erfolge erzielt in der Richtung unserer Anschauungen. Von einer«fre:- sinnigen Diktatur" oderVorherrschast", von der jetzt die Konservativen reden, kann freilich nicht gesprochen werden. Wir wissen sehr gut, daß wir mit unseren 50 Stimmen nicht durchweg freisinnige Gesetze verlangen können. Aber wir wollen verhindern, daß eine einseitige reaktionär- agrarische Politik getrieben wird, und wir wollen Fortschritt- in liberalem Sinne durchsetzen, wo eine Verständigung möglich ist."(Beifall.) Zum Schluß beschäftigte sich Herr Wiemer auch mit der Stellung des Freisinns zur Sozialdemokratie: Den Gedanken einer Zulunftsmehrheit von Bossermann bis Bebel lehnen wir freilich ab. Unsere Stellung zur Sozial- demokratie wird durch die jüngsten Vorgänge nicht geändert. (Lebhafte Austinimmig.) Wir sind und bleiben entschiedene Gegner der Sozial deinokratie und denken nicht daran, mit ihr zusammen- zugehen. Die eben erst erschienene Schrift des DogmatikerS der SozialdemokratieDer Weg zur Macht" von Karl Kaiitsky, in der mit aller Schärfe ausgesprochen wird, daß der proletarische Klassen- kämpf auf die Revolution gerichtet sei, daß höchst wahrscheinlich be- reits in absehbarer Zeit erhebliche Machtverschiebungen zu- gunsten des Proletariats, wenn nicht schon seine Alleinherrschaft rn Westeuropa kommen würden(Hört! hört!) diese Schrift des maßgebenden Theoretikers der Partei kann uns in unserer Gegnerschaft nur bestärken. Auch die Vorgänge, die sich jetzt in Frankreich abspielen, der Zusammenschluß des Proletariats mit der streikenden Beamtenschaft, die das Gefüge der Republik ins Schwanken bringen, sollten eine Warnung sein für alle, die noch immer von der Notwendigkeit und Möglichkeit des Zusammengehens der sozialdemokratischen Klassen- kampspartei mit dem liberalen Bürgertum träumen." In der Diskusston wurde von einigen Rednern die Haltung des Freisinns bei dem Abschluß deS Stcuerkvmpromisseö getadelt. Die kritische Stimmung schlug aber nicht durch. Die Wiemer, Fischbcck, Mugdan erklärten ihre Haltung mit takfischen Rücksichten und Mugdan verteidigte sogar lebhast die indirekten Steuern. Mit aller Schärfe trat das Bestreben zutage, den Block unter allen Umständen zu erhalten und die Finanzreform innerhalb des Blockes mitzumachen. Daran ändert die beiläufige Bemerkung des Herrn Wiemer nicht das geringste, daß mit der Abstimmung der Konservativen über die Liebesgabe die VorauSsetzimgc» für das Zusamtnenlvirken mit der konservativen Partei fortgefallen seien. Der badische Eisenbahnminister v. Marschall tritt von seinem Amte zurück. DaS badische Volk weint ihm keine Träne nach. Er war der Vater der beständigen Tarif- Verschlechterungen, von der Wegnahme des badischen Kilimetcr- heftes bis zur Beseitigung der beschleunigten Personenzüge zum Zweipfennigtarif. Preußischen Wünschen gegenüber war er äußerst willfährig, und so erklärt es sich, daß sich an seinen Namen, alle öadischen Klagen über die Verschlechterungen deS Personenverkehrs knüpfen. Der schließliche Rücktritt Marschalls hängt vermutlich mtt dem großen Defizit der badischen Eisenbahuverwaltung pro 1008 zu­sammen. Der Reingewinn fiel bekanntlich von 23 auf 13 Millionen Mark, wobei allerdings der starke Rückgang des Güterverkehrs infolge der Krisen mit in Betracht gezogen werden muß. Marschall dürfte nicht das letzte Opfer der spezifisch preußischen Tarifreform ini Eisenbahuwesen sein. Der sterbende Liberalismus. Dem Verein der nationalliberalen Jugend in Köln , dem GrüudungSort und Zentralsttz dieser Organisationen zur Galvanisierung deS siechen NafionaUiberaliSmuS, geht eS jämmer- lich. In seinem Jahresbericht erklärte der Vorsitzende, Herr Hei- mann-Kreuser: Der Stückgang der Mitgliederzahl im letzten Jahr, die Interesselosigkeit der Mitglieder am Vereinsleben, die sich hauptsächlich an dem fast kläglichen Besuch der Versammlungen zeige, habe den vorstand vor die Notwendigkeit gebracht, Versuche zur Abhilfe zu machen. Auch der Kastenbericht zeigte das nämliche trübe Bild. Jannschauer Steuerpolitik. Der streitbare Herr v. Oldenburg ist Vorsitzender der West- preußischen LundwirtschaftSkammer. In dieser Eigenschaft brachte er in einer Sitzung der Kammer die Reichsfinanzreform zur Sprache und betonte dabei, daß die Konservativen zum Bundesrat absolut kein Vertrauen mehr hätten. DaS Deutsche Reich brauche ein Oberhaus, in daS man nicht, wie in das preußische Herrenhaus, einfach einige alte Generale einschieben könne, um eine regierungsfreundliche Mehrheit herzustellen. An der Versammlung nahm auch der Oberpräsident der Provinz Westprcußen, Herr v. Jagow, teil, der mit Eiitschiedenheit für die Nachlaßsteuer eintrat. Unbestrittene Tatsache sei, daß vier Fünftel der landwirtschaftlichen Betriebe von der Nachlaßsteuer nicht betroffen werden. Dagegen sei eS keine Frage, daß eine Erbschaftssteuer nach den Wünschen der Freisinnigen eine Konfiskation der Vermögen bedeutet. Herrn v. JagowS Darlegungen fanden durchaus nicht den Bei- fall der Versammlung, vielmehr wurde eine von Oldenburg ein- gebrachte Resolution angenommen, die eine Erhöhung der Börsen- steu er. eine Reichswertzuwachssteuer, eine Kohlensteuer und eine Erhöhung deS Kasseezolles verlangt.