Einzelbild herunterladen
 
  

reise befindet. Es heißt, daß er sich in einem österreichischen Bade, nach einer anderen Version in Abbazia , befindet. Ferner verlautet, daß Horden unter keinen Uniständen auf das persönliche Erscheinen des Fürsten Eulenburg als Zeugen vor Gericht verzichten und sich auch nicht mit einer kommissarischen Vernehmung des Fürsten einverstanden erklären will, da sich in der Verhandlung fort- während Punkte ergeben könnten, die nur durch eine sofortige Auskunft des Fürsten Eulenburg. nicht aber bei einer vielleicht mehrfach zu wiederholenden kommissarischen Vernehmung des Fürsten klargestellt werden können. Es verlautet ferner, daß Horden für den Fall, daß der Prozeß doch verhandelt werden sollte, einen sehr eingebend begründeten Ablehnungsantrag gegen den Vorsitzenden vor Eintritt in die Verhandlung zum Vortrag bringen wird._ Zeppelin als Vorspann für die neuen Steuern. Eine Demonstrationsversammlung für die Reichsfinanzreform hatte ein Komitee, zusammengesetzt aus Mitgliedern der liberalen Blockparteien und einer Anzahl Männer mit großen Titeln, für Donnerstagabend in den Liederhallensaal in Stuttgart einberufen. Da man dem Thema trotz ungeheuerer Reklame wohl nicht zuviel Anziehungskraft zutraute, hatte man den Grafen Zeppelin, den genialen Erfinder, als Zugstück derVer- sammlung ausgeschrieben. Aber trotz der großen Popularität, die Zeppelin in Stuttgart genießt, hätten noch Hunderte in dem Saal Platz gefunden. Der erste Referent, Prof. Kindermann, legte sich stark für ein Reichsbranntweinmonopol und für neue Tabak- st e u e r n ins Zeug. Der Hauptteil der Rede galt der Nachlaßsteuer. Jn seinem Eifer, die Nachlaßsteuer zu begründen, schmetterte der Referent in den Saal, bei einem Kulturvolk sollte eigentlich nur das durch Arbeit Eroberte als»Besitz* gelten. Auch gestand er, daß nicht nur die Großagrarier Steuer niogelei treiben, sondern auch das mobile Kapital sich wahrscheinlich darauf per st ehe. Damit mag er sehr recht haben I Sodann sprach Reichstagsabgeordneter H i e b e r. Auch er schlug ziemlich energische Töne an. Irgend etwas Neues tvußte er aber nicht zu sagen. Der Reichstagsabgeordnete S t o r z(Volks- Partei) bemühte sich, das noch schöner und ausführlicher zu sagen, was seine Vorredner ausgeführt hatten. Neu war, wenigstens in dieser Versammlung, die Empfehlung der Ueberführung der Eisen- bahnen in Reichsbesitz. Ganz besonders liebevoll behandelte er die »Panik* in England über die deutsche Flottenrüstung, den Gedanken einer Invasion einer deutschen Luftflotte in England. Er hofft aber, als rosenroter Optimist, daß, wenn das Flottenprogramm ausgeführt und die Reichsfinanzreform gemacht ist, dann die finanziellen Verhältniffe des Reiches sich bessern würden. Ueber die Arbeiten der GeschäftöordnungSkommission des Reichstags erstattete er Bericht. Und weiter redete er, und redete er, immer darauf los. Die fast verzweifelnden Zuhörer tröstete er schließlich mit der frohen Botschaft, der Block werde wahrscheinlich nur scheintot sein. Der Block sei zwar zu vergleichen mit einem Wagen, an dem Pferde hinten und vorne angespannt seien, aber vorwärts komme er doch. Der Redner vergaß nur hinzu- zusetzen, daß die demokratischen Gäule dabei rückwärts trappen müssen. Den Schluß niachte Graf Zeppelin. Er beantragte, eine kurz vorher bekannt gegebene und ohne Widerspruch gebliebene Resolution für die Reichsfinanzreform durch eine Deputation nach Berlin überbringen zu lassen. Damit war die Versammlung be- endet._ Aus dem Württemberg ischen Landtage. Bei der Beratung des Etats des Innern kam eS heute, Freitag, zu einer großen Debatte über Wohnungspolitik. Die Regierung hatte auf Grund früherer, im Landtage zutage getretener Wünsche den neuen Posten eines Landes- Wohnungsinspektors in den Etat eingestellt. Von der Sozialdemokratie war die Schaffung dieser neuen Stelle lebhaft begrüßt worden, da nur durch eine solche Landes» Zentralinstanz eine einheitliche Wohnungs- aufsicht und Wohnuugsfürsorge ermöglicht werden kann. Gegen dieses neue, aus Gründen der Sozialpolitik und Wohnungs- Hygiene in gleichem Maße notwendige Amt liefen jedoch Bauern- bund und Volkspartei Sturm. Unter dem Vorwande, daß es not- wendig sei, den staatlichen Beamtcnapparat weniger umfangreich und kostspielig zu gestalten, bekämpfte der Volksparteiler Haußmann daS Eingreifen des Staates in die Wohnungsfllrsorge und wollte die Wohnungsinspektion der privaten Fürsorge über- lassen wissen. In zwei eindrucksvollen Reden trat Genosse Lindemann diesem Standpunkt entgegen und schilderte ein- gehend die Wohuungszustände des arbeitenden Volkes. In der Stadt, wo die Mietskaserne dominiere, und ebenso auf dem Lande, das immer mehr industrialisiert werde, sei plamnäßige Wohnungs- kultur zu treiben, und darum müsse ein Landes-Zentralaint geschaffen werden, in dem alle der Wohnungsreform gewidmeten Bestrebungen ihren Mittelpunkt finden. Die. Abstimmung gestaltete sich infolge des heftigen Kampfes zu einer Entscheidung von sozialpolitischer Bedeutung, bei der die rückständige Haltung der Lolkspartei ihr eine empfindliche Schlappe eintrug; denn der Etatstitel wurde mit gegen 37 Stimmen an- genomistcn. Dafür stimmten Sozialdemokratie, Zentrum, 6 National- liberale und 3 Volksparteiler; dagegen stimmte das Gros der Volks- Partei, der Bauernbund, die andere Hälfte der Nationalliberalen und ein Zentrumsmann._ Der Wahlrechtskampf der prenhischen Arbeiter ist grober Unfug. So. hat am Donnerstag das Breslauer Schöffengericht ent- schieden I 19 Angeklagte hatten sich wegen Teilnahme an den Straßendemoustrationen vom 31. Januar zu verantworten. Es wurde ihnen zur Last gelegt, auf der Straße»Hoch* gerufen zu haben. .19 Polizisten aller Grade waren als Zeugen erschienen. Das Gericht erblickte in den Straßendemonstrationen groben Unfug und ver- urteilte die Angeklagten zu Haftstrafcn von drei Tagen bis zu einer Woche. Ein Angeklagter, der Widerstand geleistet haben sollte, wurde zu drei Wochen Gefängnis verurteilt. Zwei Angeklagte, die sich den polizeilichen Anordnungen gegenüberungehorsam" gezeigt hatten, wuroen zu sechs Tagen Haft verurteilt. Ein An- geklagter, der nach Beendigung der Demonstrationen auf offener Straße»Hoch das Wahlrecht" gerufen haben sollte, wurde zu n e u n Mark Geldstrafe verurteilt. Schweiz . Die Opfer des Militärmolochs in der kleinen Republik . Zürich , 14. April. (Eig. Ber.) Das kapitalistische Klassen- regiment in der schweizerischen Demokratie macht alle Exzeffe der anderen Staaten in getreuer Nachahmung mit, so die Volksfeind- lichen Hochschutzzölle, den Militarismus, die Ausnahmegesetze gegen die sozialdemokratische Arbeiterschaft und anderes mehr. Und wäh- rend die Gesetzgebung auf diesen Gebieten geradezu mit Blitzeseile arbeitet, werden sozialpolitische Materien, wie die Revision des Fabrilgesetzes, Kranken- und Unfallversicherung, Besoldungs- erhöhungen für die Bundes- und Staatsbahnangestellten in der un- verantwortlichsten Weise jahrelang verschleppt. Augenblicklich be- reitet sich der Militär moloch zu einem neuen Raubzug auf die Taschen des Volkes bor. ES sollen 16 bis 20 Millionen Frank aufgebracht werden zur Neubewaffnung der Infanterie und der Bundesrat will schon in der nächsten Junisession der Bundesversammlung eine bezügliche Vorlage zugehen lassen. Dabei sind erst in der verflossenen Märzsession von der Bundes- Versammlung 6 Millionen Frank zur Anlegung neuer Schießplätze für die Artillereie bewilligt worden, schließt die eidgenössische Staatsrechnung pro 1908 mit einem Defizit von SVj Millionen und das Budget pro 1909 sieht ein solches von weiteren S Millionen vor. Diese Defizitwirtschaft ist um so bedenklicher, als die Bundes- einnahmen fortwährend gestiegen sind und die letzten Zoll- erhöhungen allein die Zollcinnahmen um rund 10 Millionen von 62 auf 72 Millionen gesteigert haben. Die Militärausgaben be- trugen 1874 erst 6,84, 1885 schon 17. 1895 23, 1905 30,5, 1908 über 40 Millionen, und bald werden sie die 50 Millionen erreicht haben. Die Staatsschulden des Bundes beliefen sich 1850 auf nur 4,64, heute betragen sie gegen 100 Millionen und nun sollen die zirka 20 Millionen für das neue Gewehr, da sie den laufenden Ein- nahmen nicht entnommen werden können, gepumpt und so die Staatsschuld wie die Schuldenverzinsung weiter erhöht werden. Das ist im kleinen der gleiche Entwickelungsgang, den das Deutsche Reich im großen bisher gemacht hat und das Ende wird hier wie dort der finanzielle Zusammenbruch sein. Unsere Partei- presse schlägt vor, den neuen Raubzug des Militärmolochs zum Hauptthema für die Festreden an der kommenden Maifeier zu nehmen und so diese zu einer wuchtigen Demonstration gegen den Militarismus zu gestalten. Frankreich . Die Postbeamtenbcwegung. Paris , 16. April. Alle Beamten des Haupttele- graphenamtes erklärten sich in einer gestern abend abgehaltenen Versammlung für die Umwandlung des Allgemeinen Verbandes der Post-, Telegraphen- und Telephonbeamten in ein Syndikat und wiesen die Einführung eines Beamtenstatuts zurück. Meuterei in der Marine. Paris , 15. April. Mehrere Blätter melden auS T o u l o n, nach Privatuachrichten aus G r a n d B a s s a m hat an Bord des nach Dekar entsandten Kreuzers D u C h a y l a' eine ernste Me ute re i stattgefunden. Die Mannschaft, welche sich über allzu strenge Behandlung beklagte, sang dieInternationale", veranstaltete eine lärmende Kundgebung gegen den Schiffskomman- danten, weil ein Maschinist angeblich'wegen Mangels an ärztlicher Pflege gestorben war, und verlaugte Ruhe- pausen und bessere K o st. Der Kommandant habe Hierauf die Forderungen der Meuterer bewilligt. foißlauä. Wie weht der Wind? (Eig. Ber.) Die russischen Junker sind von demselben Schlage wie die deutschen . Sie gehen immer aufs Ganze, wenn es auch nicht gewiß ist, daß sie ihr Ziel gänzlich erreichen. Jedenfalls wissen sie, daß ein energisches Dräugen den Schwerpunkt der Politik in der von ihnen gewünschten Richtung verschiebt. Auch das Stolypinsche Regime ist ihnen zu wenig reaktionär. Es muß die von der Revolution nicht gelösten Fragen auf konterrevolutionäre Weise zu lösen versuchen, es mutz alio an der Verbürgerlichung Rußlands tn gewissem Grade arbeiten. Und das ist den Krautjunkern ein Greuel. Sie zögern also keinen Augenblick mit einer Attacke. Die»Nowoje Wremia" beginnt einen Kreuzzug gegen den neuen Handelsministcr Timriaziew. Er ist der Mann der Börse. Die russische Bourgeoisie hat die Regierung nicht erobert. Dies konnte nur nach dem Siege der ihr verhaßten revolutionären Elemente ge- schehen. Sie muß also versuchen ihre Interessen durch einEin- dringen* in die Krautjunkerschast und die Bureaukratie zu wahren. Ihr Vertrauensmann muß natürlich sein Gesicht etwas liberal schminken. Das schimmerte in seiner Dumarede und in einer An- spräche in Moskau leise durch. Darob die Entrüstung derRechten". Auch S t o l y p i n wurde vor Ostern angegriffen. Jetzt bringt die Oktobristenpresse diefreudige* Nachricht: Stolhpin sitze fest im Sattel! Die Oktobristen antworten selbstverständlich auf diese Anrempe- lungcn durch die Rechte mitoppositionellen* Reden. Daß bewegt schon die Schwachköpfe derunentwegt" liberalen Presse zu schnüffeln, ob der Wind nicht nach links weht. Um die Oualität dieser Spekula- tionen auf das Aufsteigen des oppositionellen Geistes in der Bour- geoisie unter dem Einfluß der reaktionären Angriffe zu bezeichnen, genügt, sich an die Gruppierung der sozialen Kräfte in Rußland zu erinnern; die Bourgeoisie sucht Anschluß nur nach rechts volles Spintisieren über einenUmschivung in der Stimmung", »Symptome* usw. ist eitel Schaumschlägerei. Galgen und Knebel. Im Laufe des März wurden in Rußland 143 Personen zum Tode verurteilt. 52 wurden gehängt. In Tambow und Kursh haben drei zum Tode Verurteilte Selbstmord begangen. In Tambow überfielen sie einen Gefäugniswächter, entrissen ihm einen Revolver, um ihn gegen sich zu wenden. Im Verlauf des ersten Vierteljahres 1909 wurden insgesamt 396 Todesurteile ausgesprochen, 230 ausgeführt. Die Leiden der Presse finden ihren Ausdruck in folgender Statistik: In dm ersten drei Monaten' des Jahres 1909 wurde die Presse im administrativen Wege in 67 Fällen mit 30 675 Rubel Strafen belegt. Der Fall Azew kostete der bürgerlichen»fortschritt- lichen" Presse zwölstauscnd Rubel. Appell der fozialdcmchratitchen Duma- fraktlOD an die internationale Sozial- demolsratle. Von der sozialdemokratischen Fraktion der russischen Duma werden wir um Abdruck folgender Antwort auf ein an sie ge- richtetes Schreiben des polnischen sozialdemokratischen Klubs des österreichischen Reichsrats ersucht: Bei der Beratung des Etats des Justizministeriums in der russischen Duma beantragte der Vertreter des Polenkolo, Prof. Dymscha, eine Uebcrgangsformel zur artikelweisen Beratung des Etats, in der erwähnt wurde, daß im Zarentum Polen laut Gesetz 50 Proz. aller Gcrichtsbcamten polnischer Nationalität sein müßten, während in Wirklichkeit weniger als ein Prozent der Gcrichtsbeamtcn aus Polen bestehe. Ter Justizminister Schtscheg- lowitow, der bloß von der äußersten Rechten unterstützt wurde, beantwortete diesen Antrag mit so groben Ausfällen gegen die polnische Nation, daß et selbst die lammfrommen Oktobristen in Empörung versetzte. Um so schmählicher war die Haltung des Polenkolo das nach ber groben Beleidigung durch den Minister darauf bestand, daß sein Autrag zur Abstimmung gestellt wurde, obwohl dessen Schlußsätze die Annahme des Etats und somit ein Vertrauensvotum für das Justizministerium verlangten. Durch diese Fassung seines Antrages, die den einzigen Zweck verfolgte, die Stimmen des oktobristischen Zentrums zu gewinnen, machte das Polenkolo unseren russischen Genossen unmöglich, für den Antrag Dymscha zu stimmen. Wie groß lvar aber unser Erstaunen, als die polnischen sozial- demokratischen Abgeordneten des österreichischen Reichsrates auf Grund der einseitigen Berichte der bürgerlichen Presse die Haltung unserer russischen Genossen in der Duma öffentlich verurteilten, obwohl die letzteren in diesem Falle die einzigen waren, die zur Verteidigung der polnischen Nation und des polnischen Proletariats ' hervorgetreten waren. Die Einzelheiten dieses Konfliktes erfährt : der Leser aus dem nachfolgenden Schreiben der sozialdemokratischen Dumafraktion. Die sozialdemokratische Dumafraktion hat von den polnische« sozialdemokratischen Abgeordneten des österreichischen Reichsrates ein Schreiben, unterzeichnet von Ignatz Daszynski, Diamand, Liebermann, Andrei Moratschewski und I. Gudctz, erhalten. In diesem Schreiben drücken die Verfasser ihre Unzufriedenheit mit unserer Abstimmung über den Antrag Dymscha aus und verlangen von uns eine Erklärung unserer Abstimmung. -Wir anwortetcn darauf folgendes: Wir erkennen selbstverständlich das Recht der Mitglieder! der internationalen Sozialdemokratie an, sich lvegen dieser oder jener Handlungen an uns um Aufklärung zu wenden. Ihr habt aber von uns nicht nur Aufklärung über die Gründe unserer Abstimmung verlangt das ist Euer Recht, sondern Ihr seid weiter gegangen, indem Ihr uns verurteiltet, ohne unsere Antwort abzuwarten. Ihr habt Euch sogar nicht mal die Mühe genommen, den stenographischen Dumabericht einzusehen, sondern habt Euch mit den verkürzten Darstellungen der Dumadebatte» in der bürgerlichen Presse begnügt. Ihr habt nicht nur ein schuldigsprechendcs Urteil über uns gefällt, sondern Euch auch beeilt, dieses Urteil zu veröffentlichen und einen Feldzug gegen uns in der Presse zu eröffnen. Euer Brief ist in einer un- angebrachten Form geschrieben; und in einer ebenso unzulässigen Weise wird die Polemik gegen uns in Eurem Zentralorgan geführt. In Anbetracht dessen, erachten wir es als unmöglich. die Frage vor Euch zu beleuchten. Wir wenden uns deshalb in einem Appell an die öffentliche Meinung der gesamten inter - nationalen Sozialdemokratie." Die Verfasser des Briefes beschuldigen uns, daß wir gegen den Teil der Formel" votiert hätten,der die Zulassung der Polen zu den Gerichtsämtern in Polen verlangte", daß wir auf diese Weise einenAkt der Gewalt und ein Verbrechen" begangen, dieselbe Position, wie die Regierung und das Schwarze Hundert eingenommen" undim Widerspruch zu der internationalen Sozial- demokratie" gehandelt hätten. Die Verfasser des Briefes schildern die Tatsachen falsch, die 'das strenge Urteil über unsere Abstimmung hervorgerufen haben. Wir müssen deshalb erst vor allem die Nichtigkeit der Tatsachen wieder herstellen. Der Abgeordnete Dymscha, Mitglied des Polenkolo, beantragte folgendes Amendement zur oktobristischen Uebcrgangsformel bezüglich der artikelweisen Beratung des Etats des Justiz- Ministeriums: Indem wir die Aufmerksamkeit der Ne° gierung darauf leuikeu, daß die Zugehörig'» feit zur polnischen Nation bei der Besetzung der Gerichtsäulter in den Gouvernements des Zarentums Polen nicht als Hindernis dienen darf* geht die Reichsduma zur artikel weisen Beratung des Etats des Justizministeriums übe r." Wie aus dieser Fannel ersichtlich ist, hatte das Polenkolo in seinen Wünschen bloß die Polen im Auge und ignorierte vollkommen die Rechte der anderen in Polen lebenden Nationalitäten, die, wie zum Beispiel die Juden, noch rechtloser sind. In seiner Antworts- rede beleidigte der Justizminister Schtschegloivitow die polnische Nation aufs gröblichste. Die Gruppe der polnischen Abgeordneten ließ dem maßlosen Minister jedoch nicht nur keine gründliche Ab- fuhr zuteil werden, sie stimmte nicht nur nicht gegen den Etat seines Ministeriums, sondern hielt auch den beantragten Ueber- gang zur Tagesordnung, das heißt, den Antrag für den Etat zu stimmen, aufrecht. Bei solcher Sachlage wäre die Annahme dieser Formel, die in ihrer zweiten Hälfte ein Ver- trauensvotum für den Justizminister enthielt, der soeben die polnische Nation beleidigt hatte, nur eine neue Beleidigung des polnischen Volkes gewesen. Selbst einige Mitglieder des Polenklubs hatten genügend politische Einsicht, um eine andere politische Position einzunehmen. Das Mitglied des Polenkolos, Parczewski, schrieb zum Beispiel in der polnischen ZeitungDzen", daß es nach der Rede des Justizministers und seinen Worten über die Ver- unreinigung des Gerichtes durch die Polen notwendig gewesen wäre, die Formel zu ändern und in kurzen, aber kräftigew Worten die Verweigerung des Etats zu motivieren. Nach den Worten des Herrn Parczewski wurden diese Anträge während der Beratungen des Polenklubs von ihm eingebracht, sie fanden aber bei den anderen Mitgliedern keine Unterstützung.(S.Nascha Gazeta", Nr. 67 vom 21. März.) Noch kategorischer drückte sich daS Mitglied derUgodowzi", Straschewicz, au»: Etwas Empörendes ist geschehen. Dem ganzen Volk ist eine beleidigende Verleumdung ins Gesicht geschleudert worden. Und in dem Saale , wo das geschah, war eine Gruppe von Polen , von Volksvertretern, anwesend, und diese haben die Beleidigung mit Ruhe hingenommen. Der Justizminister Schtscheglowitow sagte in der Duma..daß die Polen das russische Gericht in Polen ver» unreinigen würde.... Der Umstand, daß derfremde" Gegetsch- kori für die Ehre der Polen eintrat, verstärkt nur noch die Entrüstung gegen das schweigsame Kolo."(Retsch", Nr. 69.) Dadurch hat uns der ganze Sachverhalt das Votum gegen die vom Abgeordneten Dymscha eingebrachte Uebergangsformel diktiert. Das hat in seiner Rede auch Genosse Gegetschkori dargelegt: Meine Herren! Ich muß erklären, daß unsere Fraktion, die auf die konsequenteste Weise die Interessen der arbeitenden Klassen (Stimme von rechts:Aller Feinde Rußlands ".) und die Interessen aller unterdrückten Nationen verteidigt, in der Sache selbst mit dem Antrag einverstanden ist, welcher in der Form eines Wunsches vom Mitglied der Duma Dymscha eingebracht worden ist, obwohl ich zugleich bemerken muß. daß seine Formel die Frage in mancher Beziehung einschränkt. In dieser Formel ist nur von den Polen die Rede und nicht von allen Nationen, die im Zarentum Polen leben(Stimme von rechts:Von den Juden!"), von den Juden, Litauern usw. Unsere Fraktion kann aber nicht für diese Formel eintreten, denn deren Schlußsätze besagen, daß der Polen - klub den Etat des Justizministeriums annimmt und den Ueber- gang zur Tagesordnung beantragt. Wir müssen darüber unser Erstaunen ausdrücken. Wir dachten, daß der Polenklub nach einer Iiede, die keinen Zweifel läßt, nach den scharfen AuS- fällen, die gestern vom Vertreter der Regierung von dieser Tribüne herab gegen die polnische Nation gefallen sind, nach der Rede, welche die Ehre und die Würde der polnischen Nation verletzte, als Antwort auf diese Rede gegen den Etat stimmen und durch die nackte Tatsache der Etatsverlveigcrung seinen Protest schroff unter- streichen würde. Wir sehen aber etwas ganz Entgegengesetztes. DaS Kolo bringt eine Formel ein, die die Annahme des Etats beantragt. Wir müssen deshalb im Namen des polnischen Proletariats, als dessen Vertreter wir uns betrachten(Lachen rechts .und im Zentrum), Protest erheben gegen die Rede des Ministers und die Haltung des Kolo. Wir glauben,'daß sowohl das polnische Proletariat, wie auch die Mehrzahl der polnischen Bevölkerung das Polenkolo nicht für das Vertrauensvotum loben wird, das bei der Abstimmung des Etats des Justizministeriums zum Ausdruck gc- kommen ist.(Applaus links.).".(S. Stenograph. Bericht, Seite 2960-61.) Es ist also klar, daß unsere Fraktion dem Antrage Dymscha in der Sache zustimmte. Sie erkannte ihn aber nicht als aus- reichend an und protestierte dagegen, daß seine erste Hälfte mit einer zweiten Hälfte vereinigt wurde, die nicht nur für einen Sozialdemokraten, sondern für jeden halbwegs konsequenten De- nwkrateN unannehmbar war. Da der Polenklub an seiner Politik der Liebedienerei gegen- über der russischen Regierung festhielt und sich weigerte, den ersten Teil seiner Formel zu erweitern, und den in dieser Lage einzig richtigen Schritt zu unternehmen den Etat zu verweigern, so handelten die Sozialdemokraten, die verpflichtet sind, die» Interessen ver arbeitenden Klassen und das Recht der Nationen auf politische