Mr. 86.
Erscheint täglich außer Montags. Prets pränumerando: Vierteljährlich 8,80 Mart, monatlich 1,10 mt, wöchentlich 28 Pfg fret in's Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- Nummer mit illuftr. Sonntags: Beilage Neue Welt" 10 Pfg. Poft- Abonnement: 3,30 Mt.pro Quartal. Unter Kreuz band : Deutschland u. Defterreich: Ungarn 2 Mt., für das übrige Ausland 3 Mt.pr.Monat. Eingetr, in der Poft Zeitungs- Preisliste für 1898 unter Nr. 6708.
Vorwärts
10. Jahrg.
Infertions- Gebühr beträgt für die fünfgespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Bfg., für Vereins- und Bersammlungs Anzeigen 20 Pfg Inferate für die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochentagen bis 7 Uhr Abends, an Sonnund Festtagen bis 9 Uhr Vors mittags geöffnet.
Fernsprech- Aurdlu 3mt I, Nr. 4186.
Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2.
Donnerstag, den 13. April 1893.
Expedition: SW. 19, Beut- Straße 3.
Situation um ein Jota flarer wäre wie sie zu Beginn der oder die Regierung sich einer parlamentarischen Blamage Ferien war. Freilich, wenn die Worte in dem Munde der unterziehen, wie die Welt noch keine solche gesehen hat, tritt heute, zum ersten Male nach den Osterferien, wieder Führer der ausschlaggebenden Parteien eine Bedeutung seitdem sie konftitutionelle Regierungsformen fennt. zusammen, nachdem der preußische Landtag seine Arbeiten hätten, dann ließe die Situation an Klarheit nichts zu Wie aber auch die Entscheidung fällt, unserer Sache am letzten Dienstag bereits wieder aufgenommen hat. wünschen übrig. Dürfte man den Tiraden des Herrn tann sie nur zum Vortheil dienen. Kommt es zur AufWie den Lesern des Vorwärts" aus dem in der Dr. Lieber unbedingten Glauben schenken, dann ist die lösung, unsere Wahlorganisation ist fertig, unsere Wähler legten Dienstags- Nummer veröffentlichten Verzeichniß noch Militärvorlage gefallen und die Regierung stände vor der bereit, ihr Votum abzugeben, und klar, in welchem Sinne im Gedächtniß sein wird, liegen noch eine Reihe mehr oder Alternative: entweder eine vollständige parlamentarische dies zu geschehen hat. Kommt es aber nicht zur Auflösung, minder wichtiger Vorlagen vor, deren Erledigung theils in Niederlage ruhig über sich ergehen zu lassen, oder es mit sei es, daß die Regierungen, sei es, daß der Reichstag durch zweiter, theils in dritter Lesung noch aussteht. Abgesehen einer Neichstagsauflösung zu versuchen. Was die erstere das faudinische Joch geht, die Sozialdemokratie würde von den Initiativanträgen aus dem Hause selbst, von Eventualität betrifft, so könnte die Regierung, welche im auch in diesem Falle- und zwar erst recht die Ernte denen wohl keiner zur Verabschiedung gelangen wird, hat vorigen Jahre sich entschloß, im preußischen Landtage die einheimsen. der Reichstag noch über mindestens ein Dugend Regierungs- Schulgeset- Vorlage wieder zurück zu ziehen, dasselbe Schauvorlagen zu entscheiden, unter denen die Militär- spiel schließlich auch mit der Militärvorlage wieder aufvorlage an Wichtigkeit alle weit überragt. führen. Insofern als für lettere Vorlage sich keine Partei
"
Die Ulsterpatrioten.
Es ist kein ungewohntes Schauspiel mehr in unserer Zeit,
alle
Gerade über das Schicksal dieser Vorlage herrscht aber besonders erwärmt hat, kann die Regierung sogar mit heute noch genau dieselbe Ungewißheit, wie zu Beginn der Sicherheit darauf zählen, daß ihr von allen Seiten für ihre Osterferien. Wenn zur Zeit, als die Reichsboten in die Ferien eventuelle Rückwärts- Konzentration goldene Brücken gebaut die wüthigsten Loyalitätseiferer sich selbst und ihre Grundsäge gingen, Hoffnungen und Befürchtungen allgemein gehegt wurden, werden. daß die Ferienzeit ein Rompromiß zeitigen werde, so ist Die Frage ist nur: was dann? Von den militäris auf den Kopf stellen zu sehen. Ueberall und in allen Landen diese Erwartung getäuscht worden. An Bemühungen dieser schen und politischen Vertretern der Reichsregierung schaftsordnung, sobald ihren Sonderinteressen, die sich hinter den rütteln sie an den Säulen der bestehenden Staats- und GesellArt hat es allerdings nicht gefehlt. Besonders in den ist die Vermehrung der Armee im Plenum des Reichstags stereotypen Loyalitätsphrasen verbergen, Gefahr droht. Ueberall Kreisen jener nationalliberalen Patrioten", deren Stärke sowohl als auch in den Kommissionsberathungen wiederholt die nämliche Komödie in kaum verändertem Aufput, aber im Bewilligen auf Volkeskosten und Fordern für den eigenen und in der nachdrücklichsten Weise als eine unbedingte Noth- nirgends doch augenfälliger, lärmender und amüsanter für die Säckel liegt und deren Schwäche offenbar wird, sobald sie wendigkeit erklärt worden. Es sind Aeußerungen gefallen, Erben der heutigen Gesellschaft als gegenwärtig in Ulster . selbst Opfer bringen sollen. Sie haben es an Rund- welche es als Vernachlässigung der vitalsten Interessen des Telegraphen und Zeitungen in die Welt hinaus. Fünfzigtausend, Großartige Rundgebung in Belfast ! posaunen gebungen für die geplante Heeresvermehrung nicht fehien Reiches, ja als indirekten Landesverrath erscheinen ließen, Sunderttausend, eine Viertelmillion- je nach der Bergrößerungslassen. Aber hinter diesen Kundgebungen steckt fein Bolt, wenn nicht das letzte zulässige Mittel daran gesezt würde, fähigkeit des Reporterauges- auf den Straßen, lauter loyalitätswie Herr von Bennigsen im Kreise seiner Vertrauten offen die Armee in dem verlangten Umfange zu vergrößern. begeisterte Männer, Erminister, fonservative" Staatsmänner auf der aussprach. Die Begeisterung der demonstrirenden Kom- Würden trotz dieser Erklärungen die verbündeten Regie- Rednerbühne, wuchtiger Maffenprotest und Widerstandsdrohung! merzienräthe aus der Rheinprovinz und der Pfalz selbst rungen sich jetzt mit einer einfachen Zurückziehung der Vor- Widerstand, bewaffneter Widerstand? Wogegen? Nun gegen einen reicht aber nur bis an das Portemonnaie hinan, nicht aber lage begnügen, so würde in den Augen der Anhänger der möglicherweise Gefeß werdenden Entwurf, der einem Jahrhunderte in dasselbe hinein. Diese Herren sind bereit, den letzten Reichsgewalt deren Autorität einen schweren Stoß erleiden. lang unterdrückten Theile der Bevölkerung die lange vorenthaltenen Mann und den letzten Groschen" aus anderer Leute Angesichts der Thatsache, daß gerade dem Träger des neuen Selbstverwaltungsrechte ertheilt. Und die Männer, die diesem Tasche zu bewilligen, sie selbst aber halten krampfhaft an alten Kurses, dem Grafen Caprivi, in den weniger zahlreich Gesetz widerstreben, die der Durchführung dieses Gesetzes mit der dem Vorrecht, das der besitzenden Klasse durch das Ein- als einflußreichen Schichten, aus denen sich das Agrarier die loyalen, die gesegliebenden" Frländer. Waffe entgegentreten wollen, nennen sich- grausamer Hohn!- jährig- Freiwilligen- Institut eingeräumt ist, fest. thum und die kirchliche und politische Reaktion rekrutirt, aufLiegt denn auch nur der Schatten eines Rechtes vor für Wie es mit der Opferwilligkeit in Geldsachen gerade richtigster Haß nachgetragen wird, unterliegt es dieses Vorgehen? Droht ihnen Unterdrückung irgendwelcher Art, in diesen Kreisen steht, das zeigt deren ingrimmige Wuth feinem Zweifel, daß diese Kreise in dem Augen- die sie abzuwehren berechtigt wären? Gegen die Miquel'sche Vermögenssteuer- Vorlage. blicke, wenn die Militärvorlage zurückgezogen würde, Der Inhalt der sogenannten Homerule, d. h. SelbstverwalBwar haben die Offiziösen in letzter Zeit versucht, die Oberwasser bekämen, und Caprivi's Sturz besiegelt wäre. tungs- Vorlage, ist an dieser Stelle früher bereits sfizzirt worden. Faschings- Campagne von 1887 nachzuäffen und den deutschen So wenig Kopfweh dem Kanzler nun vielleicht auch der Man kann sich deren Gesammtwirkung auf die fünftige Stellung Philister dadurch für die Militärvorlage zu bearbeiten, daß Berlust eines Amtes machen dürfte, das er nicht gesucht durch den Vergleich mit der Stellung Bayerns zum Deutschen Irlands zum britischen Reiche ganz zutreffend verdeutlichen sie ihm eine gehörige Portion Zuaven- und Kosakenfurcht hat, und das ihm bis jetzt eben so viele Arbeit und Ver- Neiche. Würde Bayern der gesonderten Heeresverwaltung und Durch den Vergleich mit der Stellung Bayerns zum Deutschen in die Knochen zu jagen suchten. Aber abgesehen davon, druß als wenig Erfolge und Annehmlichkeiten gebracht hat, des wenig ausgenutzten Rechtes der diplomatischen Vertretung daß die jetzige offiziöse Breßmeute, trotz aller darauf ge- als Soldat tann er unmöglich einen so wenig rühmlichen verlustig gehen, so würde es bei uns zu Lande ungefähr die richteten Bemühungen der letzten Zeit, lange nicht so Ausgang, wie es eine einfache Zurückziehung der Vorlage nämliche staatsrechtliche Stellung innerhalb des Gesammtreiches disziplinirt und geschult ist, wie sie dies unter der Herr- wäre, afzeptiren. Die Entscheidung liegt also thatsächlich einnehmen, wie Gladstone fie für Irland geplant hat. Der schaft des Altmeisters der Lüge und Korruption war, so bei den Parteien des Reichstags und hier wieder insbesondere wesentlichste Unterschied bliebe nur noch der, daß statt eines läßt sich ein so ungeheuerlicher Volksbetrug, wie er 1887 beim Bentrum. Siegt in dieser Partei die Angst vor eigenen Königshauses an der Spize der irischen Sonderdurchgeführt worden ist, doch nicht alle fünf Jahre in Szene dem Abfall der Wähler über die Militärfrömmigkeit verwaltung ein auf sechs Jahre ernannter Vizekönig stände, der sezen; selbst dann nicht, wenn der Wille dazu vorhanden der Herren von Huene und von Schorlemer, dann nicht traft eigener ursprünglicher Machtvollkommenheit, sondern wäre, was wir bei unseren derzeit maßgebenden Kreisen wird die Vorlage abgelehnt, und die Regierung irischen beiden legislativen Versammlungen auszuüben hätte. im Reichsinteresse ein Einspruchsrecht gegen Beschlüsse der doch nicht annehmen möchten. muß den Reichstag auflösen. Kommt es aber nicht zur Jedenfalls, wie dieser furze Vergleich schon zeigt, würde Irland
So tritt heute der Reichstag zusammen, ohne daß die Auflösung, dann müssen entweder die Mehrheitsparteien wohl weniger, nicht aber mehr Sonderbefugnisse haben als
Feuilleton.
Nachdrud verboten.)
[ 62
ein weißes Blatt Papier in der Hand haltend, im Begriff Die übrigen drei Gefangenen waren so wenig oder vielwar, die verhängnißvollen Worte auszusprechen. Mit un- mehr gar nicht kompromittirt, daß man wohl hoffen gewöhnlich hoher Stimme las er die Einleitung, die eine konnte, daß sie mit einer nominellen Strafe davonkommen Ewigkeit zu währen schien. Endlich waren die ersten Worte würden. des Urtheils, die gleich einem elektrischen Schlag die Zuhörer
Die Laufbahn eines Nihilisten. durchführen, gesprochen.
Von S. Stepniat. Autorisirte Uebersezung. Frei ins Deutsche übertragen von Bertha Braun. Sich wie ein Mann rhebend, stand das Publikum in athemloser Erwartung da. Todtenstilte überschlich die viel töpfige Menge. Man konnte fast das Pochen der Herzen vernehmen, die bei den einen in der Todesangst um diejenigen, welche ihnen nahestanden, bei den anderen in der Erregung der dramatischen Spannung des Moments heftiger schlugen.
Einer nach dem andern, erschienen die sechs Mitglieder des Gerichtshofes auf dem Bodium hinter dem langen grünen Tische, der von den sechs düster slackernden Kerzen beleuchtet
wurde.
Der Name Boris fiel zuerst, dann folgte ein langes Gemurmel, dem niemand Aufmerksamkeit schenkte, es war die Aufzählung seiner Bergehen. Dann eine furze Pause und das Urtheil- Tod!-
Obgleich niemand Milde erwartet hatte, fiel das Wort dennoch gleich einem Hammerschlag auf die angespannten Nerven.
Dann folgte Wassilij's Name mit einer weniger er müdenden Aufzählung, denn sie war fürzer, und dann ein neuer Hammerschlag- Tod! Die Nerven werdeu erschüttert, halten aber stand.
Das Murmeln bei Nennung des Namens Botscharows, der zunächst folgte, schien das unaufmerksame Publikum in vollständige Ruhe einzulullen. Die Liste bestand aus solch' unbedeutenden Bergehen.
-
Die meisten hörten ganz auf, hinzuhorchen, als plöglich des Richters Stimme erzitterte, eine kurze Pause folgte, und das Urtheil Tod! unter allgemeiner Bestürzung erklang. Ein verwundertes" Ha" entfuhr allen Lippen. Jeder blickte feinen Nachbar an, um sich zu vergewissern, ob er das Wort nicht falsch gehört habe.
" Besten Dank, Ihr Herren Richter!" ertönte höhnisch die Stimme des Verurtheilten. Nein; es war kein Frrthum. Erwar zum Tode verurtheilt. Aber wofür? Warum? Die ges spannte Neugierde, das, was folgen würde, zu hören, hielt noch den unwilligen Widerspruch der Leute in Schranken.
Der Richter hatte nicht den Muth, den Gefangenen zur Ordnung zu rufen, that so, als ob er die Unterbrechung gar nicht gemerkt hätte, froh, daß es nicht Schlimmeres war, und beeilte sich, zu dem folgenden Namen zu kommen.
Gina ist die dritte im Verzeichniß, sie war es, über deren Schicksal am meisten diskutirt wurde, weil es das unbestimmteste war. Die Stille schien noch intensiver zu werden. Leben oder Tod? Leben oder Tod? fragt sich ein jeder im Innern, während das lange Gemurmel vor sich Ihr Aussehen war nicht so, wie man es bei Richtern, geht. Vergehen werden auf Bergehen gehäuft, der drohende die die Gerechtigkeit handhaben, erwarten sollte. Ihre ver- Hammer erhebt sich höher und höher, dann eine kurze Pause Es war der der älteren Dubaron. störten, ermüdeten Blicke erweckten eher den Gedanken, daß und wieder fällt er mit einem Krach- Tod! fie im vollen Bewußtsein eine große Niederträchtigkeit be- Ein Seufzer, der zu einem Stöhnen anwächst, erfüllt gangen, als daß sie eine strenge, wenn auch peinliche Pflicht den Saal. Alle, selbst die Voreingenommensten, wenden ihre erfüllt hätten. Die sechs Gefangenen, die ihnen gegenüber Augen mit ungemischter Sympathie und Ehrfurcht dem jungen, faßen, bildeten entschieden die ruhigere und würdigere Gruppe. schönen, edlen Weibe zu, das so ruhig und bescheiden an der Auch diese hatten sich, als der Gerichtshof angekündigt Spize ihrer Gefährten steht. Die meisten hatten erwartet, daß wurte, erhoben und waren von dem Publikum voll zu sehen. fie als Frau verschont bleiben würde. Das Urtheil war Zuerst sahen aber nur wenige nach ihnen hin. ein furchtbarer Schlag; doch ein Gefühl der Erleichterung Alle Augen hefteten sich auf den vorsitzenden Richter, der, überkam die Versammlung- das Schlimmste war vorüber.
Diesmal folgte das Publikum mit gespannter Aufmerks samkeit den Umschweifen und Windungen der plumpen Aufzählung der Vergehen. Das Murmeln schien kein Ende nehmen zu wollen. Es handelte sich bei ihr nur um kleine Bergehen. Unmöglich, daß die äußerste Strafe auch für sie ausgesprochen wurde. Aber das Publikum war jetzt auf seiner Hut. Es folgte dieselbe verrätherische Weitschiveisigkeit und