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toetben. Die lokalen Verhältnisse seien zu verschieden, als daß schon jetzt genau alle Bestimmungen für den ganzen Bezirk durchführbar seien. Die Maifeier soll nach den Be- schlüssen der Sozialdemokratie in 25 Jahren den Kapitalisten sogen, dasj das Proletariat den Kapitalismus niedergerungen habe. Die Maifeierfrage fei sehr ernst und müsse demgemäß ernst behandelt werden. Alle Verbände müßten zu dieser Frage Stellung nehmen. Ein anderer Redner meinte, die Maifeier sei ein überwundener Standpunkt. Selbst einige sozialdemokratische Organisationen gäben ihren Angestellten den Tag nicht frei. Ein Hauptmann a. D. erklärte: Als überwunden könne die Maifeier noch nicht bezeichnet werden, aber nachdem Nunmehr die Gewerkschaften schwankend ge- worden seien und den Feiernden keine Entschädigung mehr bezahlen, hätten die Arbeitgeber das Heft in Händen und müßten die Gelegenheit ausnutzen. Ein Redner erklärte es für verkehrt, den Arbeitern den 1. Mai freizugeben, wenn nicht ganz zwingende Gründe dies veranlaßten. Jeder, der mitfeiere, müsse ausgesperrt werden. Er stelle deshalb den Antrag, alle Maifeiernden auf drei Tage auszusperren. Die Durchführbarkeit dieses Antrages wurde bezweifelt und dann beschlossen, daß alle Verbände sich zunächst zu dieser Frage äußern und bestimmt Stellung nehmen sollen. In der zweiten Versammlung wurde dann mitgeteilt, daß die Sache im Vorstande beraten worden sei, eine einheitliche Aus- sperrung der Maifeiernden für alle Branchen aber nicht für durchführbar gehalten wurde. Freiherr v. Reiswitz wies darauf hin, daß der Zeitpunkt für die Durchführung solcher Beschlüsse günstig sei, einmal, weil die Gewerkschaften keine Unterstützung der Maifeisrnden mehr bezahlen und dann wegen der allgemeinen schlechten Geschäftslage. Die Metall- und Holzarbeiter feiern nicht mehr, und das Baugewerbe feiert nur noch zum Teil, liegt aber so flau, daß die Androhung einer Aussperrung zweifellos jede Maifeier verhindern würde. Von anderer Seite wurde die Durchführbarkeit einer allgemeinen Aus- sperrung bezweifelt. Einem derartigen Beschlüsse würden nicht alle Mitglieder Folge geben können und deshalb würde er mehr schaden als nützen. Es müsse der dringende Wunsch an die Mitglieder gerichtet werden, möglichst eine dreitägige Mindestaussperrung der Maifeiernden durchzuführen. Herr v. Reiswitz meinte, in vielen Orten sei die Aussperrung be- schlössen, so in Hamburg , Harburg, Lübeck , Kiel , Neumünster , Itzehoe , Kellinghusen und anderen. Es müßte dieses gerade so gut in den Städten der Vereinigung möglich sein. Bei der Abstimmung für den Beschluß einer einheit- lichen Aussperrung stimmte nur ein Verband dafür: die übrigen Verbände stimmten für die Empfehlung einer Aus- sperrung. Der Generalsekretär des Arbeitgeberverbandes der Landwirtschast bedauerte lebhaft diesen Beschluß und trat nochmals warm für die Aussperrung ein. Weiter wurde der Vorschlag gemacht zu empsehlen, im kommenden Jahre nach dem 1. Mai(jetzt) eine Rundfrage bei den Mitgliedern zu halten, ob der 1. Mai gefeiert worden sei, und ob Aus- Sperrungen vorgekommen seien, um auf Grund dieses Materials im nächsten Jahre evtl. einen definitiven Beschluß über diese Frage zu fassen. Lerlin und dmgcgend. Die Polizei in Wahrnehmung von Unternehmerinteressen. Gesperrt für einen Teil des Publikums ist die Weberstraße. lind warum? In der Pianofabrik von Marquardt, Weberstr. 13, waren Lohndifferenzen ausgebrochen wegen einer weiteren Teilung der Arbeit und der damit verbundenen Re- duzierung der Akkordpreise, gegen welch letztere sich die Arbeiter sträubten. Eine Einigung konnte deshalb nicht erzielt werden, doch war es noch nicht zu einer Arbeitseinstellung gekommen. Die Arbeiter hatten nun die Absicht, so wie in vielen anderen Betrieben den 1. Mai durch Arbeitsruhe zu feiern. Als dies dem Unternehmer bekannt wurde, entließ er bis zum 30. April samt- liche Arbeiter, ohne sich in weitere Verhandlungen einzulassen, und bemüht sich nun, Ersatz für die Ausgesperrten heranzuziehen. Um nun die Arbeitswilligen über den Sachverhalt aufzuklären, haben die ausgesperrten Arbeiter, wie üblich, Streikposten aus- gestellt. Dieser Umstand genügt nun der Polizei, den Aus- gesperrten auf Verlangen des Unternehmers den Aufenthalt in der Weberstraße einfach zu verbieten. Wer bei den dort patrouillierenden Schutzleuten den Eindruck erweckt, als ob er zu den ausgesperrten Arbeitern gehöre, wird aufgefordert, sich schleunigst zu entfernen. Geschieht dies nicht in dem schnellen Tempo, wie einzelne Schutzleute dies wünschen, so wird der Be- treffende nach der Wache gebracht. Man geht noch weiter und sagt demselben, wenn er sich noch einmal in der Weber st raße blicken lasse, würde er sofort wieder fe st genommen und 24 Stunden ein- gesperrt werden. Von wem die Schutzleute derartige In- struktionen haben und auf welche Gesetzesbestimmungen sich die Polizei dabei stützt, geht natürlich den Passanten nichts an, der in solcher Weise behandelt wird.Das Streikpastenstehen ist hier verboten! Merken Sie sich das!" Das ist das einzige, was die Schutzleute zur Aufklärung sagen. Es geht offenbar die Polizei nichts an, wenn zum wiederholten Male das Reichsgericht ent- schieden hat, daß ein Verbot des Streikpostenstehens u n- gesetzlich ist. Dem humanen Arbeitgeber Marquardt genügt aber das Vorgehen der Polizei noch nicht. Im Hause Weberstraße 13 liegt das Schanklokal von Erdner, wo die Ausgesperrten bisher verkehrt haben. In seiner Menschenfreundlichkeit hat sich Herr Marquardt die größte Mühe gegeben, den Inhaber dieses Lokals dahin zu bestimmen, keinen seiner ausgesperrten Arbeiter in seinen Räumen weiter zu dulden. Hier fand er allerdings nicht ein solches Entgegenkommen wie bei der Berliner Polizei. Leider haben sich schon verschiedene jener Elemente ein- gefunden, die dem Unternehmertum in seinem Kampfe gegen die Arbeiter Helferdienste leisten. Zuzug ist deshalb fernzuhalten. Kein Arbeiter, der auf Ehre hält, darf den aufs Pflaster ge- worfenen Arbeitern in den Rücken fallen. Kostümschneiderbewegung. Der Tarif der Kostümschneider ist endgültig abgeschlossen und auf dem Gewerbegericht durch die beiderseitigen Vorstände nieder- gelegt worden. Bei der Firma August L ü d er s, Friedrichstraße, wurde vorige Woche am Dienstag nochmals wegen Anerkennung des Tarifs gestreikt. Gegenwärtig befinden sich die Damenschneider und Schnei- derinnen der Firma Anna Bohn, Friedrichstraße 205, die nicht dem Arbeitgeberverband angehört, im Streik und ist dieses Geschäft für Kostümfchneider gesperrt. In der Linienstraße 201z hat ein Herr V o ß eine Werkstatt errichtet, lediglich zu dem Zweck, um Streikarbeit für auswärts anfertigen zu lassen. Auch diese Werkstatt ist gesperrt._ Die Firma Berliner Wurst- und Fleischwarenfabrik(Karl Leske), Petersburger Platz 8, erklärt in Nr. 106 desVorwärts", Verantw. Redakt.: LarlWermuth, Berlin -Rixdorf. Inserate verantw. daß sie keine Ahnung gehabt habe, daß der entlassene Geselle Vertrauensmann des Verbandes gewesen sei. Demgegenüber be­merken wir, daß der Entlassene über 13 Monate bei der Firma als Vertrauensmann fungierte; eigentümlich, daß davon die Firma nie etwas erfahren hat; zumal dort des öfterenGelbe" beschäftigt waren, die sich bemühten, die Organisierten direkt herauszuekeln. Ferner sei bemerkt, daß der Entlassene die Stelle vom Nachweis des Verbandes erhalten hat. Anfangs des vorigen Jahres gab die Firma auf wiederholtes Drängen der Organisa- tion im Beisein eines Vertreters der Großeinkaufsgesellschaft deutscher Konsumvereine das Versprechen ab, den Nachweis der Organisation möglichst zu berücksichtigen, was leider schnell wieder vergessen wurde. Die Erklärung der Firma, die Entlassung sei ordnungsgemäß erfolgt, ist nicht sehr geistreich. Dem Organi- sationsvertreter Bergmann sagte Herr Leske seinerzeit, daß der Entlassene seine Arbeit zur Zufriedenheit der Firma gemacht habe, ja man habe ihm sogar freiwillig Lohnzulage gegeben. Auf die Frage, warum dennoch die Entlassung erfolgt sei, erklärte Herr Leske, man könne doch nicht ewig zusammenbleiben. Weiter erklärte Herr Leske, lieber wolle er zugrunde gehen als nachgeben, so etwas gebe es aus keinen Fall. Er sei Chef und lasse sich keine Vorschriften machen. Unangenehm ist der Firma das immer stärkere Eindringen der Organisation, wenn auch die Firma das Gegenteil behauptet. Organisierte Gesellen verlangen geregelte Verhältnisse. Die Arbeitszeit ist bei der Firma Leske eine sehr ausgedehnte, es ist keine Seltenheit, wenn abends um 11 Uhr und später noch ge- arbeitet wird. Auch über die Logisverhältnisse wird Klage geführt. Daß die Gesellen keinen Hausschlüssel erhalten und der Portier auch noch gern etwas fürs Schließen haben will, sei nur nebenbei bemerkt. Die Ortsverwaltung des Zentralverbandes der Fleischer. Einen schönen Erfolg erzielten die organisierten Bäcker- gesellen von Henningsdorf bei Berlin mit ihrer am 1. Mai abgeschlossenen Tarifbewegung. Bei den Verhandlungen gelang es, die bisherige wöchentliche Arbeitszeit von 77 Stunden um 7 Stunden zu verkürzen sowie den Minimal- Wochenlohn um 2M. pro Arbeiter zu erhöhen. Die wöchentliche Arbeitszeit beträgt nunmehr 70 statt früher. 77 Stunden, während der Mindestlohn 2o M. statt früher 23 M. beträgt. Gleichzeitig aber wurde der wöchentliche 36 stündige Ruhetag in der Weise festgelegt, daß in der Woche nur sechs Arbeitsschichten gearbeitet werden soll, während früher in 14 Tagen 13 Arbeitsschichten verlangt wurden. Nur in etwaigen, plötzlich eintretenden Notfällen kann ausnahmsweise sieben Schichten in der Woche gearbeitet werden, wenn in der darauffolgenden Woche ein Ausgleich stattfindet. Diesen schönen Erfolg verdanken die organisierten Bäcker von Hennigs- dorf wiederum ihrer guten, straffen Organisation. Doch soll nicht unerwähnt bleiben, daß die soziale Einsicht der Bäckermeister von Hennigsdorf , die allerdings der Mehrzahl unserer Berliner Bäcker- meister, besonders aber unseren Bäckerinnungen als Muster vor Augen geführt werden kann, die Verhandlungen sowie den schnellen Abschluß des Tarifvertrages, der bis 1912 währt, ge- fördert hat. DeutWies Rcfch. Die vereinigten Strickwarenfabrikanten in Mühlhausen i. Th. haben offenbar nur Schreckschüsse abfeuern wollen, als sie allen Mitgliedern des Textilarbeiterverbandcs zum 15. Mai kündigten, weil die Arbeiter der Firma Louis Hirsch die Maifeier durch Arbeitsruhe begingen. Die Unternehmer geben bekannt, daß sie die Mndigung nurzwecks Ueberlegung weiterer Maßnahmen" allgemein gehalten haben. Sie wollen es jetzt bei einer Aus- sperrung bewenden lassen, indem alle pem Textilarbeiter- verbände angehörigen Arbeiter und Arbeiterinnen vom 15. bis 21. Mai nicht zur Arbeit zugelassen werden sollen. Vielleicht überlegen sich die Unternehmer auch Viesen Schritt noch einmal. Diese Maifeier-Aussperrung würde doch sehr post lestum kommen. Streikbrecher als Revolverhelden. Aus Anlaß eines Streiks in Mühlheim schoß der Arbeits - willige Kretzschmar, der von einer Herberge in Frankfurt a. M. geholt war, in der Nacht vom Freitag zum Sonnabend ohne jede Veranlassung mehrere Male auf einen Streikposten, traf aber einen Unbeteiligten und verletzte ihn schwer am Oberschenkel und Arm. Der Revolverheld wurde verhaftet, die Waffe beschlag- nahmt. Beim Verhör gestand er ein, daß er nicht die geringste Veranlassung zum Schießen gehabt habe. Zwei Streikende desselben Werkes waren wegen Belästigung Arbeitswilliger am Freitag, den 7. Mai, vor Gericht geführt, sie wurden aber freigesprochen, weil ihre Schuldlosigkeit feststand. Die Bewegung der Mainzer Brauereiarbeiter. Am 4. Mai legten die Arbeiter in der Brauerei G r.-G e r a u und am 7. Mai 70 Arbeiter der Mainzer Aktienbrauerei die Arbeit nieder. Der Kampf in Mainz wird voraus- sichtlich einer der schwersten Kämpfe in der Brauindustrie, soweit die Mittel in Betracht zu ziehen sind, die von der Brauerei- arbeiterorganisation aufgewendet werden, um dieses Scharf- machertum zur Einsicht zu bringen. Seit Oktober 1905 besteht ein Tarifvertrag für die Mainzer Brauereiarbeiter. Er brachte gegen früher wohl Verbesserungen, aber entsprechend dem Orga- nisationsverhältnis der Arbeiter keine durchgreifenden. Weit steht Mainz mit seinen tariflichen Verhältnissen noch hinter Städten gleicher Größe, ja noch hinter kleinen Orten zurück. Wie sehr, zeigt eine Gegenüberstellung der tariflichen Löhne in Mainz mit den in der Nachbargroßstadt Frankfurt a. M., nach dem dort im März 1905 zwischen der Brauereivereinigung und dem Brauereiarbeiterverband abgeschlossenen Tarif. Danach sind die Löhne in Frankfurt a. M. für Brauer, Böttcher, Bierfahrer. Maschinisten, Heizer und Handwerker gleichmäßlig 27 bis 30 M. pro Woche, für Hilfsarbeiter 22,50 bis 25 M., für Flaschen- kellerarbeiter über 18 Jahre 22 bis 25 M., unter 18 Jahren 18 bis 20 M., und in Mainz für Brauer, Mälzer und Küfer 25 bis 26,50 M., für Bierfahrer, Maschinisten und Heizer 22 bis 23,50 M.. für Handwerker 21 bis 22.50 M.. für Hilfsarbeiter über 21 Jahre 19,50 bis 21 M. Für Hilfsarbeiter unter 21 Jahren und Flaschenkellerarbeiter behielt sich das Unternehmertum die freie Vereinbarung" vor. Angesichts dieser Verhältnisse ist es erklärlich, daß die Brauerei- arbeiter bei Ablauf des Tarifes, am 1. Oktober 1908, denselben am 1. Juli 1908 kündigten, um Verbesserungen zu erstreben. Auf die eingereichten Forderungen beschränkten sich die Unternehmer darauf, daß sie durch ihren Syndikus erklären ließen: Es gibt nichts, solange nicht die Brausteuerfrage erledigt ist. Die Ver- treter des Brauereiarbeiterverbandes beantragten dann, wenigstens die meistens auf den ganzen Sonntag ausgedehnte Sonntagsarbeit zu regeln und die allergröbsten Mißstände zu beseitigen, dann sollte die Tariffrage und Regelung der übrigen Punkte verschoben werden. Auch hierauf hatten die Unternehmer ein glattes Nein! Der Vorsitzende der Mainzer Brauereivereinigung, Direktor der Aktienbrauerei Dr. Jung, hat sich in der Versammlung der Mainzer Handelskammer für die Brausteuererhöhung aus- gesprochen: jetzt spielt man sie gegen die Forderung der Arbeiter ausl Dabei sind die Brauereien sich längst darüber einig, die Mehrbelastung auf die Konsumenten abzuwälzen. Mit der Vorschiebung der Brausteuererhöhung will man dem Publikum nur Sand in die Augen streuen. Die Unternehmer haben die Dinge auf die Spitze getrieben, gestützt auf den Boyhottschutzverband deutscher Brauereien, der ja durch seine Unterstützung jede Aus- beutung und Scharfmacherei deckt. Zuzug von Brauereiarbeitern ist von Mainz fernzuhalten! th. Glocke» Berlin . Druck».Verlag: Vorwärts Buchdr-u. Verlagsanstall Der Ausstand der Kölner Kostümschneider ist zugunsten der Arbeiter beenbet. Die von der Firma Hirsch u. Co. gemaßregelten Schneiderinnen werden wieder eingestellt, und zwar zunächst in erstklassigen Geschäften, bis das Schiedsgericht darüber befunden hat, ob die Schneiderinnen von jener Firma wieder eingestellt werden müssen oder in den Geschäften bleiben, die sie jetzt ein- gestellt haben. Achtung, Linolcumarbeiter! Durch Inserate in Berliner Blättern sucht das Bremer LinoleumwerkS ch! ü s s e l m aj; k e", Delmenhorst , 60 bis 70 Arbeiter heranzulocken. Lasse sich niemand nach hier anwerben, denn die Arbeiter dieser Firma befinden sich seit sechs Wochen im Streik. Zudem sind die Arbeits- Verhältnisse in dieser Fabrik äußerst miserabel. Der Zuzug ist nach wie vor streng fernzuhalten. Arbeitswilligkeit und Arbeitsfähigkeit. Daß diese beiden sich selten zusammenfinden, muß jetzt auch die Firma Saalfeld in Helmstedt lernen. Ein Glück nur für die beiden Firmeninhaber, daß sie sich in einem Alter befinden, welches sie die bei dem jetzigen Streik erhaltene Lehre später noch nutzbringend verwerten läßt. Bis jetzt ist nämlich zu konstatieren, daß die von den aus Berlin importierten gelben Streikbrechern ge- lieferten wenigen Arbeiten fast durchweg von der Kundschaft als unbrauchbar wieder zurückgeschickt worden sind. Und das ist auch gar nicht anders möglich. Haben wir doch neulich erst berichtet, daß sich bei den Helmstedter Streikbrechern die Mehrzahl derer befindet, die erst vor 6 Wochen als Streikbrecher bei der Firma Aschbacher in Zürich fungiert haben. Dort arbeiten von der ganzen Gesell- schaft von 60 Mann zurzeit noch ganze acht und auch unter diesen hat sich noch die dortige Polizei veranlaßt sehen müssen. Auslese zu halten, weil diese mit den bürgerlichen Rechts- und Eigentumsver­hältnissen in Kollision geraten waren. Dasselbe ist jetzt auch schon in Helmstedt zu verzeichnen, indem einer der kecksten dieser Burschen polizeiliches Gewahrsam dafür beziehen mußte, daß er sich in Stendal ein Fahrrad unrechtmäßigerweise zugeeignet hat. Und diese Gesellschaft ist selbst dem Bürgermeister von Helm- stedt, Herrn Schönemann, nicht zu schlecht, den Streikenden ihre Gemeinschaft anzubieten. Am 1. Mai machte er nämlich 6 der Streikenden, die er hatte laden lassen, den Vorschlag, daß er Unter- Handlungen einleiten wolle, führte aber aus, daß Bedingung der Firma S a a l f e l d datür wäre, daß nur 70 von den Streiken- den wieder eingestellt würden, diese sich aber auch noch verpflichten müßten, dem gelben Handwerkerschutzverband beizutreten. Das Anerhieten wurde natürlich lachend zurückgewiesen. Aber daß sich der oberste Beamte der Stadt getraut hat, dies überhaupt zu ver- suchen, erklärt zugleich den im Interesse der Firma Saalfeld über Helmstedt verhängten Belagerungszustand und das absolut unbc- gründete rigorose Vorgehen der Polizei gegen die ausständigen Holz- arbeiter. An eine Einschüchterung derselben ist jedoch nicht zu denken. Nur das Ersuchen wird von ihnen wiederholt, den Zuzug von Holzarbeitern aller Branchen nach Helmstedt strengstens fernzu. halten._ Die streikenden Steinarbcitcr von Sriegau hielten Tonners- tag mittag eine Versammlung ab, uni über den Stand der in Aus- ficht gestellten Verhandlungen von der Lohnkommission den Be- richt entgegen zu nehmen. Der Vorsitzende führte aus: Die lln- ternchmer hätten vorige Woche geschrieben, daß sie geneigt wären, in Verhandlungen einzutreten. Er habe sofort geantwortet, daß die Arbeiter ebenfalls jederzeit zu verhandeln bereit seien. Hierauf sei am Mittwoch ein Schreiben der Unternehmer eingegangen, das die Arbeiter aufs höchste erbittern mutz. Die Unternehmer ver- langen nämlich, daß die Arbeiter eines jeden Betriebes 6 Mann wählen sollen, aus diesen 6 will sich jeder Unternehmer 2 heraus- fuchen, mit denen er dann verhandeln will. Die schamlose Zu- mutung wurde aufs ichärfite zurückgewiesen. Einmütig kam zum Ausdruck, entweder Verhandlungen mit der L ohn k om ni: s- s i o n oder gar keine. Es muß hierbei in Betracht gezogen werden, daß es Bctnebe gibt, wo sämtlichen Arbeitern die Entlassung aus- gestellt ist. Wenn nun 6 solcher Entlassenen gewählt würden und sie wären Km Unternehmer nicht genehm, dann lvürdc er sagen: diese Leute arbeiten ja nicht mehr bei mir, wählt sechs andere. Es gehört die ganze Unverfrorenheit eines Geldprotzen da« zu, eine solche Bedingung zu stellen. Selbstverständlich stellt auch Me Behörde, die in anderen Städten vermittelnd eingreift, sich auf Seiten der Unternehmer. Wegen der acht Stcinbruckbesitzer wird der Beginn der Kanalisation fortwährend hinausgeschoben, damit dieSchachtmei st erkeineStreikendenbe schäftigen können. Der Streik dauert unverändert fort. Sein Ende ist durch das Vorgehen der Unternehmer in weite Ferne gerückt. FolgendeBerichtigung" erhalten wir unter Hinweis auf den Paragraph 11 des Preßgesetzes: Es entspricht nicht den Tatsachen, daß die Firma Richard Saalfeld zu Helmstedt einen zehnprozentigcn Abzug auf alle Tarifpreise machen wollte resp. gemacht hat. Es wurden nur in einigen Zweigen des Betriebes bei Vorgabe von meh- reren Stücken auf einmal, im Gegensatz zu früherer Einzel- Anfertigung, einige Preise entsprechend ermäßigt, woraus beiden Teilen ein Nachteil nicht erwachsen ist. Unrichtig ist auch, daß sich die Firma Richard Saalfeld eines Kontraktbrucheö schuldig gemacht habe, vielmehr ist durch Urteil des Helmstedter Gewcrbegerichts 51ontraktbruch auf feiten der Arbeiter festgestellt worden. Hochachtend Richard Saalfeld.". In dieserBerichtigung" gibt die Firma selbst zu, daß sie ineinigen Zweigen des Betriebes... einige Preise entsprechend ermäßigt" hat. Wenn dies einseitig, ohne Zustimmung des anderen Kontrahenten, geschieht, ist es Tarifbruch. Und wenn das Gewerbegericht in Helmstedt anders entschied, kam es zu einem Fehlspruch._ Letzte INfachrichtcn und Depefeben. Vom Sturmwind in den Bach geschleudert. Göttingen , 8. Mai. (B. H. ) Im Dorfe Scheren schleuderte ein Sturmwind einen Kinderwagen mit zwei Kindern in eine» tiefen Bach. Bride Kinder sind ertrunken. Nnwctterschädc» in Ungarn . Budapest , 8. Mai. (W. T. B.) Der Witterungsumschlag hat dem ganzen Lande heftige Schneefälle und kalten Regen gebracht. Aus den südlichen Landesteilen treffen Berichte über große Hagel- schläge ein. Frost und Reis haben in vielen Gegenden die Früh- sommcrsaaten und das Obst vernichtet und in den Mais- und Rübcn- pflanzungen Schaden angerichtet. 300 Seeleute in den Ausstand getrete». Paris , 8. Mai. (W. T. B.) Aus St. Nazaire wird ge- meldet, daß 309 Leute der Bemannung von 4 Postdampfern der Company Transatlantique in den Ausstand getreten find. Sie verlangen unter anderem Lohnerhöhung und einen wöchentlichen Ruhetag auch zu Lande._ Aus dem Erdbrbengebiete. Mesfiua, 8. Mai. (B. H. ) Heute morgen gegen lIS Uhr wurden mehrere starke Erdstöße in Rcggio und anderen Orten Kalabricns und Siziliens wahrgenommen. Die Bevölkerung flüchtete in großer Er- regung aus den Hänsern, da man weitere Erdstöße besürchtet. Mehrere Gebäude sind eingestürzt, Verluste an Menschenleben find indessen nicht zu beklagen.____ Paul Singer& Co., Berlin SW, Hierzu 5 Beilagen.