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Nr. 144. 26. Iahrgavz. 1. Seilsge des Jormörts" Kerliner AlksdlM. Reichstag� 288. Sitzung vom Mittwoch, den 23. Juni, nachmittags 2 Uhr. Am BundeSratstisch: S y d o w. Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der zweiten Beratung des Fknanzgesetzes. Die Beratung beginnt mit Artikel m: Umsatz- und Wertzuwachssteuer. Mzepräsident Dr. Paasche schlägt vor, die Beratung der Be stimmungen über den Umsatzstempel zurückzustellen, da die Kommission sich noch mit der Stempelvorlage der Regierung beschäftigt. Das Haus stimmt dem zu. Mit zur Beratung gestellt wird ein Antrag Graf Westarp (k.), der aus dem Artikel III die Bestimmungen über die Umsatzsteuer beseitigt. Graf v. Westarp sk.): Es ist zweckmäßig, die Wertzuwachssteuer und die Umsatzsteuer zu trennen: dieser Absicht dient mein Antrag. Der Wertzuwachssteuer steht der Staatssekretär zwar sympathisch gegenüber, meint aber, zu ihrer Ausarbeitung gehören Jahre. Die hierzu vorliegende Denkschrift der Regierung ist hierfür aber nicht beweiskräftig. Sie nimmt besondere Rücksicht auf die Finanzen der Gemeinden; ich meine aber, die Finanznot der Städte beruht zum Teil auf Ausgaben, die über das Maß des Notwendigen hinausgehen. Eine Teilnahme des Reiches an der Wertzuwachssteuer wird für die Gemeinden eine Mahnung zur Sparsamkeit sein. Wenn man dieNeichswertzuwachSsteuer überhaupt haben will, muß man sie sofort einführen; denn sonst werden so viele Gemeinden sie einführen, daß man sich in einigen Jahren scheuen wird, in daS Finanzwesen der Gemeinden, das dann zum Teil auf dieser Steuer basieren wird, einzugreifen. Reichsschatzsekretär Sydow: Im Prinzip sind die Verbündeten Regierungen der Ansicht, daß auch dem Reiche ein Teil an dem Wertzuwachs gebührt, daß andererseits aber auch die Gemeinden daran beteiligt werden müssen. Anders steht die Frage, ob jetzt schon eine Reichswertzuwachs st euer möglich ist. Redner kritisiert unter allgemeiner Unaufmerksamkeit des Hauses, in welchem zahlreiche Gruppen laute und erregte Privatgespräche führen, die Einzelheiten des Kommissionsvorschlages. Abg. Dr. Hieber(natl.) gibt namens seiner Fraktion folgende Erklärung ab: .Obwohl wir den Wertzuwachs am Boden in Stadt und Land als geeignete Steuerquelle betrachten, können wir doch nicht der sofortigen Einführung einer Reichswertzuwachssteuer zustimmen. Ein- mal betrachten wir im Einklang mit der Regierung in dieser Steuer einen besonders geeigneten Weg zum Ausbau der Gemeindefinanzen. Sodann halten wir die Ausdehnung dieser Steuer auf das Reich bei dem Mangel geeigneter steuertechnischer Grundlagen für der früht. Schließlich vermögen wir bei der schwankenden und unzw reichenden Höhe des vermutlichen Ertrages in dieser Steuer einen Ersatz für eine allgemeine Besitzsteuer nicht zu erkennen. Eine solche finden wir nach wie vor nur in der Erbanfallsteuer. Solange daher die Annahme der letzteren nicht gesichert erscheint, können wir dem Kommissionsvorschlag einer Reichswertzuwachssteuer nicht zustimmen." (Lebhaftes wiederholtes Bravo I links.) Abg. Dr. Jäger(Z.) bleibt völlig unverständlich. Man vernimmt nur, daß er den Kommissionsvorschlag ganA besonders mit dem Hin- weis auf solche Großstädte empfiehlt, die wie Berlin keine Anstalten zur Einführung einer Wertzuwachssteuer machen. Abg. Dr. Südrkum(Soz.): Wir befinden uns hier eigentlich in einer ersten Lesung. Die Verletzung der Geschäftsordnung durch die Mehrheit rächt sich also dadurch, daß die Formen einer ersten Lesung doch gewahrt werden müssen, wenn überhaupt eine Verständigung zustande kommen soll. Was die Sache selbst anlangt, so werden meine Freunde wie in der Kommission so auch hier ihre prinzipielle Geneigtheit für eine Reichswertzuwachssteuer betonen. Die starke Verbreitung, welche diese Steuer in den deutschen Gemeinden in den letzten Jahren gefunden hat, ist zum größten Teil auf die lebhafte Agilation der Sozialdemokraten zurückzuführen, die immer und überall versucht haben, den unverdienten Gewinn aus der erheblichen Bodenwertsteigerung wenigstens teil- weise der Allgemeinheit wiederzuzuführen. Diese Bestrebungen und Anträge sind von den: lebhaften Wunsche eingegeben, den minder Kleines Feuilleton. Das Luftschiff in der Literatur. Zweihundert Jahre sind es in diesen Junitagen her, seitdem von einem Menschen der erste Auf- stieg in die Lüfte gewagt wurde. Dieser früheste Vorläufer Zeppelins, der dann noch für lange der einzige bleiben sollte, war der Pater Gusman, der 170g in Lissabon mit einem Heitzluftballon bis zur Höhe von 200 Fuß aufstteg. Wir besitzen ein gedrucktes Zeugnis dafür in einer deutschen Druckschrift des TitelsNachricht von dem fliegenden Schiff, so aus Portugal den 24. lluuti in Wien mit seinem Erfinder glücklich angekommen. Von neuem nach dem allbereit gedruckten Exemplar in die Naumburger Meß gesandt �auro 1700." Die augebliche Ankunft in Wien ist natürlich eine fromme Erfindung, denn der Ballon kam überhaupt nicht aus Lissabon heraus, da er an einem Aufbau des Königs- schlosses hängen blieb. Indessen ist die kleine Schrift interessant als erstes gedrucktes Dokument in deutscher Sprache über die Erfindung, in deren siegreichem Zeichen unser gegenwärtiges Zeit- alter steht. Daß das Flugproblem selbst die menschliche Phantasie schon bor Jahrtausenden beschäftigte, lehrt die griechische Mythologie so gut wie die germanische Sage von Wieland dem Schmied. In der schönen Literatur dagegen erscheint der fliegende Mensch erst verhältnismäßig spät, im 17. Jahrhundert, und daS Luftschiff als solches wird in die Belletristik zuerst durch des bekannten Frei- Herrn von Knigges RomanDie Reise nach Braunschweig " ein- geführt, der den im August 1788 in Braunschweig erfolgten Aufstieg Blanchards darin schildert. Um dieselbe Zeit begann, wie wir einer Studie Professor Jakob Minors in derZeitschrift für Bücher- freunde" entnehmen, das Luftschiff auch die Großen unserer Literatur zu interessieren. Wieland, der allem Neuen stcis bereitwillige Auf- merksamkeit schenkte, schrieb 1783 in seinemTeutschen Merkur" über dieAeropetomanie" und im folgenden Jahre über die Aeronauten. Auch Klopstock äußerte sich im Hinblick auf den Erfinder Charles und seineCharlisre", er sei glücklich. das noch erlebt zu haben und wäre bereit, so wie er dastehe, in Mütze und Schlafrock mit aufzufliegen. Mit fast kindlicher Freude begrüßt Goethe, wie seine Briefe an Lavater und Frau von Stein zeigen, die neue Erscheinung, die er auch gleich imFaust" ver- Ivertete, wenn er den Mephisto ein bischenFeuerlust" bereiten läßt, worunter man damals noch dys neu erfundene Brenngas verstand. Das stärkste Interesse erregte der Luftballon bei dem Satiriker Lichtenberg , der Physiker war. Jean Paul führt in nicht weniger als vier seiner Erzählungen den Luftballon ein, während dieser merkwürdigerweise bei den Romantikern, deren unbestimmtem Sehnsuchtsdrang er eigentlich direkt hätte entsprechen müssen, fast gar keine Rolle spielt. Ein Sonett Zacharias Werners trägt die UeberschriftDie Luftschiffahrt", und Kleist hat dem Gegen- stand einige erirste Artikel in seinen»Berliner Abendblättern" gewidmet. Schon früh hatten sich auch die niederen Geister der Literaturl der neuen Erfindung und ihrer Zukunftschancen bemächtigt; besonders bemittelten Volksklassen bessere Wohngelegenheit zu verschaffen; sie würden noch weit mehr Erfolg gehabt haben, wenn nicht durch die reaktionären Gesetze den Haus- und Grundbesitzern in den Gemeinden eine so übermächtige Stellung verliehen wäre.(Lebhaftes Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Was Herr Jäger eben beklagt hat, daß die Wertzuwachssteuer in den Gemeinden so langsam vorwärts kommt, geht auf diese Gesetze zurück, die es unmöglich machen, gegen die Haus- und Grundbesitzer aufzukommen. Meist sind es Liberale, die sich der Wertzuwachssteuer entgegenstellen, aber auch Klerikale.(Lebhaftes Sehr richtig!) In Köln ist sie gegen den Widerspruch der damaligen klerikalen Minder- heit eingeführt.(Unruhe im Zentrum.) Sie haben ja selbst dagegen gestimmt, Herr Trimborn I(Abg. Trimborn: Nein, dafür!) Nun, dann haben Sie das aus Angst getan.(Lebhaftes Sehr richtig I links.) In ihrem Widerstand gegen die Wertzuwachssteuer gleichen sich die Haus- und Grundbesitzer in allen Städten, ob sie katholisch, evangelisch, jüdisch oder atheistisch sind.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Man sagt, man soll nicht in die Verhält- nisie derjenigen Gemeinden eingreifen, die soviel sozialpolitisches Ge- wissen bewiesen, daß sie schon jetzt die Wertzuwachssteuer eingeführt haben. Dieses Argument kann aber nicht gegen die Argumente für diese Steuer durchdringen. Auch nach unserer Meinung kann man die Gemeinden ohne Schaden auf Zuschläge zu einer Reichs- wertzuwachssteuer verweisen. In einigen Jahren würden sie daraus dieselben Erträgnisse haben, die sie heute aus der selbständigen Steuer ziehen. Es kann sich auch niemand der Einsicht ver- schließen, daß der kolossale Wertzuwachs des Grund und Bodens in unserem Vaterlande ausschließlich auf der Tätigkeit der Ge meinden beruht. Auch das Reich hat dazu verholfen, schon durch seine bloße Existenz. In einzelnen Fällen kann man die Tätigkeit des Reiches direkt nachweisen, so bei Kanalbauten und Eisenbahn - bauten, in einzelnen Fällen ist der Bodenwert auch durch Kasernen- bauten gesteigert. Wir haben uus schon früher mit dem Gedanken einer Reichswertzuwachssteuerordnung getragen, z. B. in der Zeit der letzten Zolltarifberalung, und ich kann heute nur bedauern, daß dieser Gedanke damals nicht in die Wirklichkeit übergeführt wurde. Wir haben in Deutschland H'/z Millionen Hektar Ackerland. Es werden auf einem Hektar durchschnittlich geerntet IS, 4 Doppel- zentner Roggen, 19,2 Doppelzentner Weizen, 18,4 Doppelzentner Gerste, 131,1 Doppelzentner Kartoffeln, 17,4 Doppelzentner Hafer. Durch die Getreidezölle ist der Preis für den Doppelzentner Roggeir um S M. erhöht, für den Doppelzentner Weizen um S.SV M., für den Doppelzentner Hafer ebenfalls um S P?. Rechnet man nach Abzug der Einsaat eine durchschnittliche Ertragsteigerung von 12 mal S 60 M., so ergibt sich eine kapitalisierte Wert- steigerung von 20 mal 60 oder 1200 M. pro Hektar. Da wir 17�2 Millionen Hektar Ackerland haben, so ist der ländliche Grund und Boden lediglich durch den letzten Zolltarif um mehr als 21 Milliarden Mark im Werte gestiegen.(Lebhaftes Hört! hört I links.) Daß davon nicht wenigstens ein Teil auch bisher schon für die All- gemeinheit zugänglich gemacht ist, ist im höchsten Matze zu bedauern, um so mehr, als unter den furchtbaren Folgen des Zolltarifs loeite Kreise des Volkes direkt der Hungersnot preisgegeben sind.(Leb- hafte Zustimmung links, Widerspruch rechts.) Bei der tat- sächlichen Ueberlegenheit, die ein Großgrundbesitzer hat, und bei dem enormen Terrorismus, der auf dem Lande herrscht(Leb- hafte Zustimmung bei den Sozialdeinokraten), ist es ganz aus- geschlossen, daß in ländlichen Bezirken eine Wertzuwachssteuer ein- geführt wird, es sei denn durch das Reich. Auch deshalb also empfiehlt sie sich. Indessen läßt sich doch nicht verkennen, daß die sichere Grundlage für ein solches Gesetz in dem Antrag Westarp uns nicht gegeben zu sein scheint. Es ist eben dieser Antrag auch eines jener Schnellsteuerprodukte» mit denen uns die Mehrheit der Kommission überrascht hat. Und er wird außerdem ja jetzt schon durch eine Reihe von Abänderungs- antrügen wieder abgeändert. Bedenkt man, daß dieser Antrag eine erste Lesung im Reichstage noch gar nicht passiert hat und nun in zwei Lesungen fertig gemacht werden soll und daß er in der Kom- Mission noch gar mcht ordnungsmäßig beraten ist, so spricht dies doch sehr gegen eine Zustimmung für den Antrag.(Aha! rechts.) Man wird vielleicht sagen: ja, mit einer platonischen Er- klärung für die Wertzuwachssteiler dürft Ihr Euch nicht begnügen und ebensowenig mit der Erklärung der Regierung, daß sie selbst bald eine Wertzuwachssteuer vorlegen wird. Nun, Mißtrauen gegen die Negierung besitzen wir in reichem Maße, und ich will auch zugeben, daß man sich auf ihre Erklärungen nicht sehr verlassen darf. Aber wenn sie verspricht, daß sie die Ballett- und Singspielverfasser unter ihnen der Zauberflöten Dichter Schikaneder verwerteten das dankbare Thema zu zahl- reichen Fabrikaten.Die Luftmaschine oder die entführte Jüdin" hieß vielversprechend ein Ballett, das 1784 in Rostock aufgeführt lvurde. Auch der Volksbühne, dem Marionettentheater und der Kunstfeuerwerkerei diente der Luftballon als willkommenes Spektakel; unter anderen ließ Karl Meisl in Wien in einem mythologischen Schaustück den Merkur im Luftballon auf die Bühne kommen, und in RaimundsDiamant des Geisterkönigs" erschien ein Luftballon von einem Kolibri kutschiert. Auch die leichtere Unterhaltungsliteratur ließ sich den Stoff nicht entgehen, wie beispielsweise Holtei in seiner ErzählungDer Luftball". Von etwa 1830 ab hört dann das literarische Interesse an der Lust- schiffahrt wohl wegen ihrer geringen Fortschritte längere Zeit ganz auf. Es setzt erst ein Menschenalter später wieder langsam ein, als Jules Verne seinen PhantasieromanFünf Wochen im Ballon " veröffentlichte, und erlebte schließlich eine plötzliche neue Blüte mit den technischen Erfolgen der jüngsten Zeit. Seit 1006 hat eine förniliche Luftfahrtbclletristik sich entwickelt, als deren wertvollstes Werk Max v. EythS nachgelassener historischer Roman Der Schneider von Ulm " gelten darf, während die Bücher von Emil Sandt , Ewald Gerhard Seeliger u. a. vorläufig nur ZuknnftS- Phantasien gestalten. Im Auslande hat H. G. Wells mit seinem Luftkrieg" den größten Erfolg davongetragen und Hermann Heijer- maus in seiner ErzählungGeflügelte Taten" das Flugsystem satirisch behandelt, ebenso wie jüngst in seiner in Wien gespielten KomödieDer große Flug". Das alles freilich sind erst Vorboten und Ansätze: welche ge- waltige Befruchtung die dichterische Phantasie noch erfahren dürfte, wenn sich das Reich der Wolken und deS blauen Aethers dem Menschen faktisch in seinen Höhen und Weiten erschlossen haben wird, läßt sich heute noch kaum ahnen. Musik. Eine Operettenpremiere in Bremen . AuS Bremen wird uns geschrieben: Eine Operette, die auch anderen Orten droht, ging hier im Tivoli-Theater zum erstenmal vor sich. Der Gesamt- titel lautet:Wenn Männer lieben." Operette in 3 Akten. (Frei nach dem Tagebuch eines Deutsch-Afrikaners.) Text und Musik von Georg Kunoth. Zum Zwecke einiger Verlobungen wird eine ganze Schutztruppe aufgeboten. Wichtiger war die Schutztruppe im Parkett.(Der Urheber ist Bremer Kind, besonders das letztere.) Eine deutsche Kolonie ist zlveifellos ei» sehr günstiger Gegenstand für Operetten. Kunoth machte ein Weihnachtsmärchen daraus. Ver- herrlicht werden besonders daS Deutsche Reich und die Kußkunst der Bremer Frauen(die mir neu war). Auf derselben Höhe bewegt sich die Musik. Technisch geschickte Instrumentierung von Dudelmelodien. Man konnte lange Strecken mitpfeifen, was das Publikum aber leider versäumte. Die Aufführung war recht gut, und der große Beifall der Partei Kunoth deichselte einen Erfolg. Die bürgerliche Presse ist entzückt. Im Lexikon steht, Bremen habe 23S000 Ein- wohner, Eisenbahnverbindung, Landgericht usw. Ich glaub's nicht. V.' ein Steuergesetz machen will, darf man ihr wohl trauen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Daher ist kein großer Zeitverlust zu befürchten, und eine prinzipiell so wichtige Vorlage sollte doch nach allen Seiten vorberaten werden. Aus diesem Grunde halten wir uns nicht für gebunden, dem jetzigen Antrag des Grafen Westarp zuzustimmen, obwohl der Gedanke der Reichswertzuwachssteuer unsere Sympathie hat.(Bravo ! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Müller-Meiningen (frs. Vp.): Auch wir sind keine prinzipiellen Gegner der Wertzuwachssteuer auf Immobilien und sind auch bereit, sie für das Reich einzuführen, wenn dies durchführbar ist. Wir verhehlen uns aber nicht, daß die Einführung dieser Steuer für das Reich den größten Schwierigkeiten begegnen wird, da schon die örtlichen Besonderheiten eine Einheitlichkeit auch nur der grund- legenden Bestimmungen außerordentlich schwierig machen werden. Wir lehnen daher den vorliegenden, auf rein lokale Verhältnisse zugeschnittenen Gesetzentwurf ab und sehen den weiteren Schritten der Regierung entgegen.(Bravo l bei den Liberalen.) Abg. Raab(Wirtsch. Vg.): Die liberalen Redner lehnen also auch diesen Vorschlag wieder ab. Der Herr Staatssekretär ver- langte einige Jahre Zeit, damit die Regierung einen Gesetz- entwurf ausarbeite. Ich habe aber schon bei der vorigen Finanzreform auf die Reichswertzuwachssteuer hingewiesen. Wenn wir auf diesem Gebiete etwas Durchgreifendes schaffen wollen, müssen wir die Zuwachsfteuer von Reichs wegen einführen. (Bravo I rechts.) Abg. Gras Westarp(k.) und Abg. Frhr. v. Gamp-Massauen (Rp.) sprechen sich sür die Kömmissionsvorlage aus. Abg. Dr. Südekum(Soz.) stellt einen Irrtum in seinen AuS- führungen über die Vorgänge in der Kölner Stadtverordneten- Versammlung richtig. Hiermit schließt die Diskussion. In der Abstimmung erheben sich für§ 1 der Vorlage die Rechte und da? Zentrum. Vizepräsident Kaempf: Das Bureau ist zweifelhaft.(Brausendes Oho! rechts und im Zentrum.) Ich bitte um die Gegenprobe. ES erheben sich Sozialdemokraten, Freisinnige, Nationalliberale und Polen . Vizepräsident Kaempf: Das ist die Minderheit.(Schallendes Sehr richtig! rechts und im Zentrum.) In der Unruhe des Hauses bleiben die folgenden Ausführungen des Abgeordneten Grafen Westarp(k.) zu 8 2 unverständlich. Abg. Cuno(frs. Vp.) zeigt an einem praktischen Beispiel die Unhaltbarkeit der Bestimmungen der Vorlage und des neuesten, im Laufe der Sitzung schon wieder veränderten Abänderungsantrags Westarp. Die Steuer, wie Sie(zur Mehrheit) sie vorschlagen, ist keine soziale Besitzsteuer, sondern eine unsoziale Steuer zur Ver- Hinderung der Besteuerung der Erbschaften.(Stürmische Zu- stimmung links.) Abg. Dr. Südekum(Soz.): Ich unterschreibe nicht nur die Ausführungen des Abg. Euno über diese Art der Gesetzmacherei, sondern behaupte darüber hinaus, daß auch nicht der dritte Teil der Freunde des Grafen Westarp die Tragweite der Bestimmungen dieser sogenannten Vorlage versteht. (Lebhaste Zustimmung links, Zuruf bei den Freisinnigen: Ist zu hoch für sie! Heiterkeit und Zustimmung links.) Nicht genug damit, daß eine Lesung unterschlagen wird, alle fünf Minuten kommt man mit den einschneidendsten Veränderungsanträgen, die sich auf die schwierigsten Materien beziehen, und verlangt von unS, daß wir un- besehen darüber abstimmen. Diese Methode ist dieser Mehrheit würdig.(Lebhafte Zustimmung links, Toben rechts und Rufe: Ab- stimmen!) Abg. Dr. Röficke(k.): Wir müssen den Sprung wagen, wie wir den großen Sprung der sozialen Gesetzgebung gewagt haben. (Stürmisches Bravo! rechts, Lachen links.) Die Diskussion schließt.. § 2 wird mit derselben Mehrheit angenommen wie§ 1, des­gleichen die einzelnen Abschnitte des tj 3.(Die Mehrheit bleibt, um sich die Mühe des Aufstehens und Niedersetzens zu ersparen, unter Heiterkeit der Minderheit einfach stehen.) Beim§ 4 rühmt Graf Westarp (k.) die positiven Leistungen der Kommission. Abg. Gothein(frs. Vg.): Die positiven Leistungen der Kom- Mission bestehen! im Abschreiben, allerdings nicht immer im Humor und Satire. Ein freundlicher Vorschlag an Bülow. Um die fünfhundert Mllionen Neuer Steuern zu erheben, Würde sich's entschieden lohnen: Man besteu're alles eben. Man besteu're, was für Hände, Haare und Gesicht gebraucht wird, Alle Säub'rungsgegenstände, Was gegurgelt und gehaucht wirb. Man besteu're Seifen, Schwämme, Was für Haut und Hals verwendlich, Bürsten, Binden, Netze, Kämme Und das Wasser selbstverständlich. Alles ob auch's Volk drob schwach wird. Nur daß es den Dalles weit macht! Von der Zeit an, wo man wach wird, Bis zur Zeit, wo man ins Bett macht. Und daß alles man heranzieht, Nehm' man, was so seinen Lauf geht: Die Toilette, die man anzieht, Die Toilette, wo man drauf geht. _(Lustige Blätter'.) Notizen. Ein Maler ohne Arme. Die große Gemäldeausstellung in der Londoner Akademie zeigt in diesem Jahre unter anderem auch ein ausgezeichnet gemaltes Bild eines Künstlers, der ohne Arme arbeitet. Bertram Hiles so heißt der Maler verlor bei einem Stratzenunfall als achtjähriger Knabe beide Arme. Aber der Knabe hatte bereits Zeichen eines außerordentlicheo Talentes abgelegt; das Kind wollte seine Liebhaberei nicht ausgeben und mit heldenhafter Geduld erlernte er es, mit dem Bleistift zwischen den Zähnen zu zeichnen. Nach zwei Jahren hatte Hiles die Altersgenossen überholt, gewann als Zehnjähriger einen von der Kunstschule in Bristol aus- gesetzten Preis und bald darauf einen zweiten Preis von 2000 M.. der dem angehenden Künstler dazu diente, in Paris seine Studien fortzusetzen. EinGreco-Museum. In Toledo wurde ein Museum eröffnet, das ausschließlich den Werken des Malers Greco gewidmet ist.(Der Revisionist unter den Kunstkritikern. Herr Mcier-Graefe, hat kürzlich die Entdeckung gemacht, daß nicht Belasquez die Höhe spanischer Malerei bedeutet, sondern Greco.) Krebsbehandlung mit Radium. Zwei Londoner Philanthropen stellten 7,6 Gramm Radium im Wette von 600 000 M. für die Behandlung von Krebskranken zur Verfügung.