Kr. 162. 26. Iahrglmg. 1. Stil«« te jOTiitte" Kerlim JoltelWt. Boamstag, 1Z. JulilW. Sie ssreile über den Kanzlcnvccl)fcl. ..Germania ": .Das ist der Anfang vom Ende, dürften alle einsichtigen Politiker sich im stillen gesagt haben, als Fürst Bülow Ende 1906 plötzlich die Block- und Paarungspolitik als höchste politische Weis- heit proklamierte. Es läßt sich ja hübsch theoretisieren über den Ausgleich der Parteigegensätze, den großmütigen Verzicht auf ein- seitige Forderungen, und das opferwillige und patriotische Zu- sammenarbeiten für das Gesamtwohl. In der Praxis sehen die Dinge aber anders aus. Selbst in England, wo Konservative und Liberale kaum noch recht wissen, wodurch sie sich grundsätzlich von- einander unterscheiden, ist das Parteiwesen nicht aufzulösen oder zu verwischen, sondern bildet das eigentliche staatliche Lebens- element. Wie viel weniger ist bei uns in Deutschland an ein Ver- kleistern oder Verschwinden der Parteigegensätze zu denken, wo tiefgehende politische Meinungsverschiedenheiten sowohl wie materielle und Machtfragen Konservative und Liberale voneinander trennen. Der Gedanke, beide im Block zu„paaren" und aus ihnen eine selbstlose, zu gegenseitiger Nachgiebigkeit stets bereite Mehr- heit zu bilden, mit der sich die parlamentarischen Geschäfte glatt führen ließen, konnte daher nur ein Strohhalm sein, nach dem Fürst Bülow in der Verzweiflung griff, weil er dem Ertrinken nahe war. In der Tat wird heute auch gar nicht mehr ernstlich bestritten, daß er Ende 1996 den Reichstag nur aufgelöst und dem Zentrum den Krieg erklärt habe, weil er sich vor einflußreichen Gegnern, die ihm das Zusammenarbeiten mit den„Ultramontanen " nicht verzeihen konnten, sonst nicht mehr zu retten wußte." Ueber„die neuen Männer" schreibt die „Märkische Volkszeitung": Der Wechsel in den obersten Regierungsstellen im Reich und in Preußen bringt als Ueberraschung die Ernennung des Pots- damer Oberpräsidenten von Trott zu Solz zum Kultus- minister und die Verabschiedung des Reichsschatzsekretärs Shdow. Der neue Kultusminister ist bisher politisch zwar nicht besonders hervorgetreten— ein sogenanntes unbeschriebenes Blatt—, er hat sich aber während seiner Präsidialzeit in Potsdam hervorgetan durch scharfe Verfügungen gegen gewisse linksliberale Strömungen in den seiner Aufsicht unterstellten städtischen Gemeinden. Allzu- viel Freude wird der Liberalismus an ihm nicht haben. Die Verabschiedung Sydows wird man Wohl auf der liberalen Seite auslegen als einen Ausdruck der Unzufrieden- heit des Kaisers mit dem Finanzreformwerk in seiner jetzigen Gestalt. Richtiger wird Wohl die Auffasiung sein, daß der bis- herige Reichsschatzsekretär, wie er es in. den letzten Wochen öfter erklärt hat. schon amtsmüde ist. Die Ernennung Delbrücks zum Staatssekretär des Innern ist keine Ueberraschung. Delbrück ist der in allen Sätteln gewandte Mann, der das besondere Vertrauen des Kaisers besitzt. Der Umstand, daß er im Abgeordnetenhause eine Berggesetznovelle vorgelegt hat, die den Wünschen der Berg- arbeiter weit entgegenkam und den Konservativen und National- liberalen viel zu weit ging, so daß sie wesentliche Einschränkungen vornahmen, läßt uns hoffen, daß die Sozialpolitik unter dem neuen Staatssekretär weitere Fortschritte machen wird. Daneben wird— dafür bürgt Delbrücks Wirken im preußischen Handels- Ministerium— auch der Mittelstand nicht zu kurz kommen. Was nun schließlich den neuen Reichskanzler angeht, so brauchen wir wohl nicht nochmals zu betonen, daß es durchaus falsch ist, anzunehmen, das Zentrum werde ihn mit Mißtrauen aufnehmen. Der neue Kanzler hat seine Bereitwilligkeit, mit allen Partien zu arbeiten, in den letzten Wochen bewiesen und in seiner Erklärung zu dem Finanzkompromiß der Mehrheit klar ausgesprochen. Mehr verlangen wir nicht." „Kreuz-Zeitung ": „Auch der flüchtigste Ucberblick über die zehnjährige Wirksam- keit des Fürsten Bülow als Reichskanzler läßt erkennen, daß sie rn Erfolgen friedlicher Arbeit den Vergleich mit der des Fürsten Bismarck nach 1871 wohl aushalten kann. Während der Kanzler- schaft des Fürsten Bülow ist der Wohlstand des deutschen kleines feuiUeton. Volt Preußens Königlicher Bibliothek. Zu dem Artikel „Preußens Rückständigkeit im Bibliothekwesen" schreibt uns ein Les:r:„In der Königlichen Bibliothek in Berlin ist lückenlos nur die Literatur aus den alten preußischen Provinzen— also mit Ausnahme der 1866 annektierten Provinzen— enthalten. Von anderwärts verlegten Werken und Zeitschriften ist wohl auch ein reichhaltiger Bestand vorhanden, und es werden auch von Neu- erscheinungen die bedeutendsten angeschafft, aber doch nur in be- schränktcin Maße. Daher sind viele Zweige nur sehr lückenhaft vertreten. Dazu kommt, daß für die bei altpreutzischen Verlegern erschienenen Werke nnd Zeilschriften für die Lieferung der Pflicht- exeinplare keine Fristbestimmung existiert. Nur innerhalb des Jahres der Erscheinung müssen sie geliefert werden, zufolge- dessen gehen die Werke vielfach nur alle Vierteljahre oder gar erst gegen Ende des Jahres ein. wo das Interesse für die Benutzung oft nicht mehr vorhanden ist. Wenn aber der Verlag einer bisher auf diese Weise unentgeltlich erhaltenen Zeitschrift nach einem abaabefreien Orte verlegt wird, so wird sie nicht weitergeliefert und auch nicht gehalten. Verfasser sehr wertvoller und teurer Werke, deren Herstellung Hunderte von Mark pro Exemplar lostet, wählen sich vielfach Verleger außerhalb Preußens, weil sie dann das Pflichtexemplar sparen. Solche Werke findet man daher oft nicht in der Königlichen Bibliothek. Die Lückenhaftigkeit dieser Bibliothek hat sich besonders auch in verschiedenen Zweigen der technischen und der Sozialliteratur fühlbar gemacht. Zwar können für erstere die Bibliotheken der technischen Hochschule und des Patentamtes oft aushelfen, aber diese sind doch eigentlich nur für Angehörige dieser beiden Institute bestimmt. Man'hat dieser Lückenhaftigkeit der Königlichen Biblio - thek neuerdings durch einige Privatunternehmungen abzuhelfen ge- sucht. Für die Techno-Bibliographie hat sich durch Zusammen- treten der 14 größten Ingenieur- und technischen Organisationen 1908 ein internationales Institut gebildet, das eine möglichst voll- ständige Sammlung. Sichtung und Katalogisierung der gesamten internationalen technischen Zeitschriften, und Bücherliteratur schaffen will. Auch für die sozialen Wissenschaften ist ,m Jahre 1905 ein besonderes Institut für internationale soziale Biblio- graphie gegründet worden, das auch eine möglichst unparteiische kritische Monatsschrift herausgibt und aus Reichsmitteln jährlich mit 15000 M. subventioniert wird. Es sammelt hauptsachlich die Neuerscheinungen auf wirtschaftlichem Gebiete und erteilt darüber Auskunft. Für andere Gebiete, wie das der Pädagogik und der Medizin wären solche Ergänzungen der Königlichen Bibliothek sehr zu wünschen. Der Kinematograph in der Chirurgie. Der Kinematograph scheint an die Stelle der Theateraufführung treten zu wollen. Wird es wirklich so weit kommen? Wir wollen es nicht wünschen. Ab« der Kinmatogrgph kß® wichtigere! und wertvollere Diöiste Volkes trotz wiederholter wirtschaftlicher Rückschläge so gewaltig gestiegen, daß auch' das Ausland mit Staunen und Bewunderung auf die schnelle und stetige EntWickelung des deutschen Gewerbes und Handels auf allen Gebieten ihrer Tätigkeit blickt. Um dies Emporblühen Deutschland� hat sich Fürst Bülow dauernde Ver- dienste erworben durch die Zolltarifreform, die Handels- Verträge, den Schutz der Grenzen gegen die Uebertragung verheerender Viehseuchen. Besonders die Landwirtschaft, die Grundlage unseres wirtschaftlichen Gedeihens, verdankt seiner Politik nach langer Vernachlässigung eine gesicherte Existenz. Wir haben beim Rücktritte des preußischen Landwirtschaftsministers v. Podbielski und des Staatssekretärs Grafen Posadowsky deren großen Anteil an dem Zustandekommen der Zoll- tarifreform hervorgehoben. Unbeschadet des Ruhmes dieser Mitarbeiter des Fürsten Bülow gebührt aber ihm das größte Ver- dienst an dem für die heimische Produktion so überaus förderlichen Werke; denn von seinem Amtsantritt hat Fürst Bülow die Not- wendigkeit der Zolltarifreform klar erkannt; er ist es gewesen, der die Zustimmung des Kaifers dafür gewonnen und mit den Ver- kündeten Regierungen und dem Reichstage das segensreiche Werk zum Abschluß gebracht hat.... Eine Stimme aus dem Zentrum hatte in recht unüberlegter Weise Herrn v. Bethmann Hollweg als parlamentarisch ungeeignet für den Kanzlerposten in dieser Zeit bezeichnet. Diesem Einwände sind wir nachdrücklich entgegengetreten. Es entspricht nicht der geschichtlichen EntWickelung und den Grundsätzen unserer Ver- fassung, daß bei der Ernennung eines verantwortlichen Reichs- kanzlers auf die Wünsche einer der möglichen Parteigruppierungen im Reichstage Rücksicht genommen werden müßte; am wenigsten aber kann eine einzelne Partei den Anspruch erheben, bei der Er- nennung des Reichskanzlers gehört zu werden. In dem Augen- blicke, da sich die Meinung festsetzen will, Fürst Bülow sei einer von ihm perhorreszierten Mehrheitsbildung gewichen, würden wir es für geradezu gefährlich halten, wenn bei der Ernennung seines Nachfolgers der Ansicht Vor- s ch u b geleistet würde, als bahne sich in Deutschland daS parlamentarische Regierungsshstem a n." Das Agraricrorgan hat noch keine Zeit gefunden, Bülow den üblichen Nachruf zu widmen. Es begnügt sich einstweilen damit, Bülows Philippika gegen die 5ivnservativen wiederzugeben— ebenfalls ohne Randglossen. Es begnügt sich mit der Bemerkung, daß einzelne der Bülowfchen Ausführungen derart seien, daß man an eine unrichtige Wiedergabe glauben möchte, und ver- spricht, auf das Interview zurückzukommen._ Ueber den neuen Kanzler bemerkt die „Deutsche Tageszeitung": „Die Ernennung des bisherigen Staatssekretärs v. B e t h- mann Hollweg zum Reichskanzler war feit einiger Zeit er- wartet worden, wenn auch die endgültige Entscheidung erst kürzlich erfolgt zu sein scheint. Der nunmehrige Reichskanzler hat sich in seiner bisherigen amtlichen Tätigkeit als ein hochbegabter, kenntnis- reicher Staatsmann von großer Arbeitskraft und großem Arbeits- ernst erwiesen, von dessen Geschick und Klugheit wir eine erfolg- reiche Fortführung unserer Reichspolitik auf bewährten nationalen Bahnen erhoffen. Wir sehen seiner Amtsführung mit voller Un- befangenheit entgegen und geben uns der Zuversicht hin, daß Herr v. Bethmann Hollweg auch in Fragen, die seinen Blick bisher ferner lagen, die richtigen Wege zu einer gedeihlichen Leitung der Reichspolitik finden wird. Insbesondere hoffen wir auch, daß er in der auswärtigen Politik das Erbe, das ihm sein Vorgänger in gutem und erfreulichem Zustande übergeben hat, erfolgreich verwalten und unsere auswärtigen Geschäfte nach den großen Traditionen der Bismarckischen Zeit führen werde." „Vossische Zeitung": Es war bald genug zu merken, daß Reaktion und Konflikt nicht zu den Methoden des Staatssekretärs gehörten, der als Nachfolger des Fürsten Hohenlohe Reichskanzler wurde. Eher konnte man ihm das von ihm nachdrücklich verleugnete Wort„Keine inneren Krisen!" zutrauen. Er war ein Scharfmacher. Er suchte über- Haupt den Kampf nicht, wenn er ihn auch nicht scheute. Er hätte am liebsten mit allen Parteien in bester Eintracht gelebt und immer zwischen ihnen vermittelt. Er war auch nie geschickter, als wenn er sänftigendeS Oel auf die Wogen schüttete. Die Konser - leisten. Der Student der Medizin lernt, wenn man vom Opera- tionssaal und der Klinik absieht, die Krankheiten, ihre Erschoi- nungsformen und ihren Verlauf gewöhnlich nur aus Vorträgen der Professoren oder aus dickleibigen Büchern kennen; er kann sie nicht aus eigener Anschauung in ihrer Entwickelung verfolgen, und seine Studien weisen daher eine Lücke auf. Durch Bildertafcln und durch Photographien hat nian Abhilfe zu schaffen gesucht, aber unbewegliche graphische Darstellungen können das lebendige Krank- heitsbild nicht ersetzen. In jüngster Zeit ist nun Professor Walter Chase von Edinburgh auf den Gedanken gekommen, den Kinemato- graphen für die Medizin nutzbar zu machen. Seine kinemato- graphischen Aufnahmen bieten ein Gesamtbild der anormalen Be- wegungen, die bei der Diagnose der Krankheiten als offensichtliche Krankhcitszeichen festgestellt worden sind. Nichts ist dabei außer acht gelassen, und man sieht z. B. sämtliche Krankheitserscheinungen der Epilepsie an sich vorüberziehen. Von der hohen Bedeutung der Arbeit des Dr. Chase erhält man einen Begriff, wenn man er- fährt, daß die Erscheinungsformen der Epilepsie 500 Meter Films erfordert haben: man findet darauf 22 500 minutiös exakte Posen des Epileptikers. Eine sehr kostspielige Methode, aber ein höchst interessanter Fortschritt. — Die Ahnen der Parlamentsstenographen. Die Parlaments- stenographen, die in aufreibender Tätigkeit jahraus jahrein die Beredsamkeit der Volksvertreter aufs Papier bannen, rüsten sich jetzt zum wohlverdienten Sommerurlaub. Wer war der erste, so fragt da die„Gazetta del Popolo", der diesen Märtyrerberuf er- fand und ausbildete? In Frankreich waren im Jabre 1789 alle Augen auf die Nationalversammlung gerichtet, wo tcmperamcnt- volle Redner in leidenschaftlicher Rhetorik für eine Umwandlung der Staatsform plädierten. Maret, der spätere Herzog von Bassano, pflegte die Verhandlungen aufmerksam zu verfolgen, machte sich dabei Notizen und erzählte mit deren Hilfe abends im Freundeskreise das Vorgefallene. Seine Berichte stießen auf so lebhaftes Interesse, daß Maret sich eines Tages entschloß, seine Notizen in einen gedruckten Bericht umzuwandeln. Damals gab es noch keine Journalistentribüne; das Bulletin wurde in der Nacht gedruckt; wenn der Verfasser die letzten Korrekturen gegeben hatte, eilte er zur Nationaloersammlung und setzte sich vor die Tür, um am Morgen beim Oeffnen des Hauses einen guten Platz zu be- kommen. Später wurde dann eine kleine Tribüne unmittelbar hinter dem Sessel des Präsidenten errichtet: Maret� engagierte zwölf junge Leute, die hier an einem Tische Platz nahmen. Jeder dieser ersten Parlamentsberichterstatter hatte einen Stoß kleiner zugeschnittener Papiere vor sich liegen, die die Nummer des Schreibenden trugen. Der Berichterstatter Nr. 1 merkte sich nun die ersten Sätze des Redners; wenn seine Fassungskraft zu Ende ging, gab er Nr. 2 ein Zeichen, der die folgenden Sätze aufnahm und wiederum dann Nr. 3 das Zeichen gab, weiter zu verfolgen. So arbeiteten zwölf junge Leute daran, das langsame Schreiben mit der raschen Rede in gleichen: Tempo zu halten. Die kleinen Zettel wurden dann nach den Nummern geordnet und so in die Druckerei gegeben. Mit der Zeit klappte alles leidlich, die Schreiber hatten sich eingearbeitet. Das waren die ersten„Parlaments- stenographen". vativen waren bitterböse auf die Caprivischen Handelsverträge; nun gut, sie sollten versöhnt werden. Die Industrie bekämpfte den lückenlosen Doppeltarif; nun gut, es ließ sich ein Mittelweg finden. Das Zentrum ist voller Sorge vor einem neuen Kulturkampf; also feiert mau die Bischöfe, macht Herrn Spahn zum Oberlandes- gerichtspräsidenten und hebt§ 2 des Jesuitengesetzes auf. Die Liberalen haben mancherlei sehr berechtigte Wünsche: Fürst Bülow ist bereit, zu tun, was er kann. Die Verwaltung muß weniger bureaukratischen, mehr kaufmännischen Geist zeigen, ruft das Bürgertum, und ein Bankdirektor wird Kolonialstaatssekretär. Ja, wenn nur die Sozialdemokratie trätabler sein wollte, wenn sie nur hierzulande einen Millerand hätte, der leitende Staatsmann hätte ebenso gern mit ihm verkehrt, wie Bismarck mit Lassalle, und der Partei sachlich mancherlei Zugeständnisse gemacht. In dieser Taktik der Ausgleichung schloß er vielleicht bisweilen mit sich selbst ein Kompromiß. Beispielsweise gestand er den ungestüm drängen- den Ostmärkern zögernd die Erweiterung des Enteignungsrechts zu, nicht ohne daß er die Erwartung hegte, es werde nicht zur An- Wendung der neuen Befugnis kommen brauchen... So aber ging er, und er konnte gehen, weil er die Dinge einigermaßen gesichert sah auf dem Gebiet, wo der Schwerpunkt seiner Wirksamkeit und seiner Erfolge lag, in der auswärtigen Politik. Sein Name ist dauernd verknüpft mit neuen kolonialen Erwerbungen, mit dem„Platz an der Sonne", mit der Zurück- Haltung in der Kretafrage, der„Flöte auf dem Konzcrttisch", freilich auch mit der von ihm nicht gewollten Aenderung der Be- ziehungen zu England— Chamberlain„beißt auf Granit"—, mit der Marokkoaffäre, zuguterletzt der Bewährung unbedingter Bruder- treue gegen Oesterreich-Ungarn in den Orientwirren. Fürst Bülow fühlte sich hier durchweg als Schüler Bismarcks, dem er die voll- endete Gedenkrede gehalten hat, des„größten aller Deutschen ", wie er ihn noch dieser Tage bezeichnete. In seinen Wegen glaubte e" zu wandeln, in seinem Geiste zu wirken. Jedenfalls steht heut Deutschland stark und geachtet im Staatenreigen und darf unge achtet alles Geredes von Einkreisungsplänen auf die.Erhaltung de; Friedens auch in Zukunft rechnen, Zentnims-Grundtätze. Um die Unzufriedenheit der katholischen Arbeiter mit der Steuerpolitik des Zentrums zu beschwichtigen, greift die klerikale Presse zu den verlogensten Entstellungen. Bald sucht sie es als sittliche Pflicht der Arbeiter hinzustellen, zu den Zwecken des Staates möglichst beizutragen; denn der Staat und die Aus- gestaltung seiner Aufgaben entsprängen der von Gott geschaffenen Natur des Menschen; bald wieder versucht sie den Arbeitern plau- sibel zu machen, daß sie durch die neuen Steuern nur in ganz gc- ringem Mäße getroffen würden, zumal ja die infolge der Ein- führung des neuen Tabaksteuergesetzes etwa arbeitslos werdenden Tabakarbeiter reichlich entschädigt würden— dank des großherzigen Eintretens des Zentrums, besonders der Arbeiterabgeorb- neten Giesberts, für die Interessen der Tabakarbeiterschaft. Gegen- über diesen frivolen Verklcisterungsversuchen scheint es angebracht, auf die im Jahre 1906 nach dem Abschluß der damaligen Finanz- reform von dem Zentrumsabgeordneten Dr. Eugen Jäger im Verlage der Zentralstelle des„Volksvereins für das katholische Deutschland " veröffentlichte Broschüre„Die Reichsfinanz- reform von 1906 und ihre neuen Steuern" hinzu- weisen. Wie diesmal, hatte auch 1906 das Zentrum sich eifrig an der Steuersuche beteiligt und dadurch in einem Teil seiner An- Hängerschaft offene Und versteckte Proteste hervorgerufen. Diese Proteste zu beschwichtigen und die Murrenden zu überzeugen, daß das unter der Aegide des Zentrums zustande gekommene Steuer- ragout den„gerechten Ausgleich" der widerstreitenden Interessen bedeute, deshalb wurde damals von der M.-Gladbacher Jesuiten - kolonie die Jägersche Broschüre vertrieben. Die Situation war also für das Zentrum eine ähnliche wie heute— um so inter - essanter ist es, die damalige Argumentation mit der heutigen zu vergleichen. Musik. Die Gura-Oper bei Kroll hat uns mit mehrfachen Auf- führungen neuerer deutscher Opern erfreut und will nun auch einige italienische aus älterer Zeit bringen. Den Anfang davon mi! V. Bellinis„Normo" zu machen. war eine berechtigte Huldigung vor diesem wohl wertvollsten Werk aus der musikalischev Bühnenwclt Italiens — wenigstens aus der älteren Zeit vor G. Verdis Fortschritten. Eine Tcxtdichtung, von der mindestens die Anlage groß und echt ist; eine Musik, die zwar weder auf der Höhe deutscher Ausarbeitungskunst steht, noch auch der eigenartigen historischen Stimmung des Textes eine eigenartige Sprache widmet wohl aber solider durchgearbeitet ist, als sonstiger Singsang des Landes der„Rosinen", und einen wirklich zu Herzen gehender Gesang entfaltet. Inmitten der gallischen Druidenwelt mit ihren: Mond- und Kräuterkult und mit ihrer Priesterin, die dem römischen Verführer sich schließlich selbst zum Opfer bringt, gewöhnen wii uns bald an das Marsch- und Tanzartige der Gesänge und genießen den Ernst des Werkes am ehesten, wenn die Heldin des Stückes von einer an tragischer Kraft reichen Künstlerin dargestellt wird. Eine solche ist Frau Lili Lehmann. Merkwürdig: was immer ihi an Rückgang ihrer durch die Jahrzehnte hindurch siegreichen Stimmc nachgesagt werden könnte— an den dramatischen Höhepunkten gilt es doch wieder nicht; hier erstrahlt ihre sinnliche Kunst im Dienste der geistigen am vollkommensten. Unter den nicht wenigen Vorzügen der Aufführung konnte be- sonders auffallen, daß man diesmal die Worte einigermaßen gut verstand; und unter den verschiedenen Ursachen dessen darf die beut- liche Aussprache mehrerer Sänger hervorgehoben werden. Di: .Stimmriesen" bewähren sich darin oft am wenigsten; dagegen läßt z. B. die bescheidenere Stimme von Frau Fink den Text um sc besser verstehen, als bei ihr der Vokalklang nicht den Konsonanten- klang überflutet. Für ein akustisch so verbesserungsbedürftiges HauS. wie den„Kroll", lohnt sich gerade die Beachtung solcher Elemente der Raumakustik. _ ez. Notizen. — Kunstchronik. Zeichnungen Albrecht DürerS und seiner Schule sind im Ausstellungssaal des Kupferstichkabinetts(in den tat Museen) ausgestellt. — Sein Lebenswerk auf dem T o t'e n b e t t beendet hat, wie aus New-Iork berichtet wird, der berühmte amerikanische Astronom Professor Simon N e w c o m b, dessen Tod bereits ge- meldet wurde. Noch vor zwei Jahren führte der greise Gelehrte trotz seiner 72 Jahre einen Aufstieg auf das Matterhorn aus. Pro- sessor Nowcomb erkrankte bereits im vergangenen Herbst in Harvard . Vor vier Wochen war sein Gesundheitszustand so trostlos, daß die Aerzte alle Hoffnungen aufgaben. Man verständigte den Gelehrten von seinem Zustand. Als er erfuhr, daß der Tod unabwendbar sei, bestand er darauf, auf einer Matratze nach Washington gebracht zu werden, wo er sofort eine Anzahl Stenographen engagierte und ihnen in aller Eile das Werk diktierte, dessen Abschluß sein Leben krönen sollte, seine große Arbeit über den Mond. Es war ihm die Genug- tuung vergönnt, noch wenige Tage vor seinem Tode den letzten Bogen dem Drucker übergeben zu können.
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