DoNtbirn(Vororlberg). Am Ausflug nach Schwarzach nahmen Kl) Genossen von hier und 60 aus Bregenz thcil. Abends sprach in einer Volksversammlung der Parteigenosse Cousall Alles verlies brillant. Prag . I» glänzender Weise feierte daZ Prager Proletariat den ersten Mai. Ueberall, in allen gröhern industriellen Etablissements sowie auf allen Bauplätzen und in den Werkstätten des Kleingewerbes ruhte die Arbeit. Die vormittägige Versammlung der internationalen Sozialistenpartei war von bv ovo Theilnehmern besucht, das Fest am Nachmittage nicht viel schwächer. In der Versammlung referirten Regner und Krapka über das allgemeine Wahlrecht, Steska und Dedic über den Acht- slundentag. Die diesbezüglichen Resolutionen wurden einstimmig angenommen. Die Mitglieder der„nationalen Sozialistenpartei", zu deren wochenlang plakatirten Versammlung sich nur l6 Leute eingefunden hatten, kamen zu uns mit der Bitte, es möge ihren „Vertretern" das Wort gestattet werden. Mit diesem noch groß artiger als im Jahre 1890 verlaufenen I. Mai können wir die Maifeier der Arbeit hier als für die Zukunft gesichert ansehen. Bichl(Schweiz ). Arbeitsruhe von Mittag an. Einige große Fabriken stellten Mittags den Betrieb ein. In einigen mittleren Fabriken wurde vollzählig gearbeitet. Fcstzug mit Musik und 12 Fahnen, Vetheiligung 500 Mann. Viele Tausende bildeten Spalier. Offizielle Reden: Deutsch Reim an n. Französisch S ch w i tz g n e b e l. Großer Beifall. Die von dem schweizerischen Zentral-Maiseier-Komitee aufgestellte Resolution und Petition wurde von 2000 Bürgern angenommen. Dieser Akt fand unter freiem Himmel statt. Hierauf gesellige Unter Haltung mit Frauen und Kindern im Stadtaarten. Theilnehmer- zahl ca. 600. Abends 7 Uhr Zug in die Stadt zum Hause des hiesigen Grütlivereins(Helvetia ). Ein Fortschritt der Maifeier gegen die drei letzten Jahre kann nicht verzeichnet werden, aber auch kein Rückschritt. Christiania (Norwegen ). Um 5 Uhr Nachmittags setzte sich der Fcstzua in Bewegung. 39 Fachvereine mit ihren Fahnen be- theiligten sich daran. Trotz des schlechten Wetters verlies die Manifestation imposant. Auf dem Tullin-lökken Platz, innerhalb der Stadt, hielten die Parteigenossen Advokat Ludwig Meyer, Buchdrucker G. Olsen-Berg, Jepesen und andere Ansprachen. Hierauf wurde die Marseillaise gesungen. Abends 8 Uhr war große Festfeier auf Tivoli. Bukarest (Rumänien ). Die diesjährige Maifeier wurde am 30. April abgehalten. Trotz des sehr unfreundlichen Wetters fanden sich 15 Korporationen mit ihren Fahnen und Emblemen Vormittags 9 Uhr in dem inmitten der Stadt gelegenen Volks- garten ein und marschirten, mehr als 2000 Mann stark mit fliegenden Fahnen und mit einem Musikchor an der Spitze, durch die ganze Stadt auf den Festplatz. Nachmittags fanden sich noch viele andere Theilnehmer ein, so daß im Ganzen weit über 3000 Mann anwesend waren. Besonders bemerkt muß werden, daß sich dies Jahr der Berein der Handlungsgehilfen an der Demonstration der organisirten Arbeiter betheiligte. Das Fest verlief in der würdigsten Weise. Wenn es auch bei den hier herrschenden, sonderbaren Verhältnisse»»och nicht so leicht sein wird, den I. Mai selbst zum Tag der Feier zu bestunmen, so hat die Idee der Maifeier unter allen intelligenteren Arbeitern doch schon so festen Fuß gefaßt, daß der internationale Maifeiertag auch hier, als eine für immer festbegründete Institution betrachtet werde» kann, die zur Ausklärung und Organisation der Massen mehr beiträgt als auf irgend eine anders Weife zu erreichen möglich wäre. z?nrlttnre>tksbe».'i-s»ke. Deutscher Reichstag. 68. Sitzung vom 3. Mai 1893, 12 Uhr. Am Bundesrathstische: Graf v. Caprivi.v.Bötticher, v. 5?altenborn. Stauchan, H o l l m a n n, v. d. Planitz, v. M a l tz a h n, Ritter vom Haag, Graf Hohenthal- Schott v. Schotten st ein, v. Lerchenfelo. Auf der Tagesordnung steht die zweite Berathung des Gesetz- entwurss betreffend die Friedenspräsenzstärke des deutschen Heeres. Die Friedenspräsenzstärke sollte danach vom 1. Oktober 1893 bis 31. März 1899 aus 492 063 Mann fest- gestellt werden; für dieselbe Zeitdauer sollte die zweijährige Dienstzeit für Fußtruppen eingeführt werden. Die Zahl der Unteroffiziere soll ebenso wie die Zahl der Offiziere alljährlich- durch den Etat festgestellt werden. Vom 1. Oktober 1893 sollte die Infanterie in 711 Bataillone, die Kavallerie in 477 Eskadrons. Die Feldartillerie in 494 Batterien, die Fußarlillerie in 87 Bataillone, die Pioniere in 24 Bataillone, die Eisenbahn- truppen in 7 Bataillone und der Train in 21 Bataillone formirt werden. Die Kommission hat die Vorlage abgelehnt. Heute liegen folgende Anträge vor: 1. Die Abgg. Alt- haus(dfr.) und Genossen beantragen die Friedenspräsenzstärke wie bisher auf 486 983 Mann festzustellen, aber die zweijährige Dienstzeit für die Fußtruppen unter Aenderung des Art. 59 der Verfassung einzuführen. 2. Abg. vo» Huene(Zentrum) beantragt die Friedens- Präsenz auf 479 229 Mann festzustellen und vom 1. Oktober 1893 folgende Formationen bestehen zu lassen: Infanterie 533 Bataillone und 173 Halbbataillone, Kavallerie 465 Eskadrons, Feldartillerie 494 Batterien, Fußartillerie 37 Bataillone, Pioniere 24 Bataillone, Eisenbahn- Truppen 7 Bataillone und Train 21 Bataillone. Nach der Erläuterung bedeutet der Antrag gegenüber der Regierungsvorlage eine Herab- Minderung der Präsenz um rund 13 800 Mann einschließlich 1095 Unteroffiziere; darunter befindet sich eine Herabminderung der Oekonomiehandwerker um 2300 Mann. Ferner findet durch Nichteinstellung von rund 11000 Gemeinen für Unteroffiziers- Manquemeuts für die ersten Jahre eine entsprechende Herab- Minderung statt, welche frühestens im Laufe von 5 Jahren nach und nach verschwinden wird. Die Miuderkosten werden auf 9 Millionen Mark geschätzt, für das erste Jahr außerdem noch 4 Millionen Mark. 3. Ein Antrag des Abg. Graf Preysing will die Friedens- Präsenzstärke auf 420 031 Mann feststellen. Der Referent Abg. Gröber(Z.) berichtet über die Kom- Missionsverhandlungen und schließt seine Ausführungen, die sonst nur Bekanntes enthalten, mit folgenden Worten: Wenn unsere Nachbarn im Weste» und Osten hoffen sollten, aus dem Zwiespalt der Parteien in dieser Frage für sich Vortheil zu ziehen, so ist diese Hoffnung gänzlich eitel. Das Ausland wird das deutsche Volk stets geeinigt finden, wo es sich darum handelt, das Vater- land zu verlheidigen.(Beifall.) Es handelt sich nur darum, ob man das Vaterland besser schützt durch mehr Soldaten und Mehrformationen oder dadurch, daß man die natürlichen Kräfte des Volkes ini Frieden schützt und dadurch den Krieg am besten vorbereitet.(Beifall.) Reichskanzler Graf von Gaprivi: Von allen einzelnen Fragen der Militärvorlage hat keine einen so breiten Raum ein- genommen, wie die der zweijährigen Dienstzeit. Die Anhänger derselben erkannten die zweijährige Dienstzeil an, waren aber nicht geneigt, die Konsequenzen zu ziehen, unter denen allein die verbündeten Regierungen dieselbe bewilligen konnten. Die Kon- servativen aber hielten traditionell an der dreijährigen Dienstzeit fest. Ich kann es den Konservativen nicht genug danken, daß sie treu der Regierung zur Seite standen und ihre einzelnen Interessen unterdrückt haben.(Bravo ! rechts. Lachen links.) Wir haben die Ueberzeugung gewonnen, daß die Wehrkraft, sowie sie jetzt liegt, nicht ausreicht. Man entgegnet'uns, sie reicht wohl aus, man stellt Berechnungen allerlei Art an. Diese Methode kann keinen oder wenigstens nicht den Erfolg haben, die verbündeten Regierungen zu überzeugen. Es ist überhaupt nicht möglich, durch irgend welche Art von Exempel festzustellen, was dazu gehört zu siegen. Man wird eben nicht umhin können, die Meinung derjenigen, deren Beruf es ist, sich mit militärischen Dingen zu beschäftigen, ein höheres Gewicht beizulegen als Leien, die sich nur hin und wieder damit beschäftigen. Man hat durchblicken lassen, daß ivir keine Roon und Mottle sind. Als Roon und Mollke ihre Kriegslausbahn betraten, hatte der erstere nur den badischen Feldzug, der letztere nur eine Schlacht in Kleinasien hinter sich. Die jetzigen Führer, welche berufen sind, ihre Kraft und Reputation im Falle eines Krieges einzusetzen, können doch auf andere Kriegserfahrungen zurück blicken. Man muß ihnen vertrauen, wenn sie sagen, die jetzige Heeres Verfassung Deutschlands reicht i ht aus. Kein einziger General stabsoffizier, welcher mit der Vorbereitung der Vertheidigung des Vaterlandes betraut ist, ist der Meinung, daß die jetzige Heeres stärke ausreicht. Die verbündeten Regierungen sind wie früher der Meinung, daß es sich um die Zukunft, um die Existenz Deutschlands handelt.(Unruhe links.) Wir würden uns an Deutschland auf das schwerste versündigen, wenn wir nicht, dem Raths der Offiziere folgend, diese Vorlage durchzubringen suchen Wir werden alle uns zu Gebots stehenden verfassungsmäßigen Mittel anwenden, um diese Verstärkung der Armee herbeizuführen (Zustimmung rechts.) Wir wollen dadurch den Frieden erhalten Mein Herr Amtsvorgänger hat so wie ich die Ueberzeugung ge habt, daß die Armee verstärkt werden müsse. Ich nehme an ist niemand in diesem Hanse, der den Fürsten Bismarck nicht für eine diploinatische Autorität hält, wie sie in Jahr Hunderten nur selten vorkommt. Es können aber nicht immer Diplomaten ersten Ranges an der Spitze der Geschäfte stehen Selbst Friedrichs des Großen diplomatisches Talent ist es nicht gelungen, zu Zeiten den Krieg zu vermeiden. Werden wir zum Kriege gedrängt, so wollen wir siegen, wir wollen nicht unter liegen; wir wollen die Herren des Schlachtfeldes bleiben. Unter den europäischen Mächten herrscht eine gewisse internationale Konkurrenz in bezug auf die Heeresstärke. Keine Macht kann sich dem entziehe», keine Macht kann abrüsten, wenn man nicht den Grund der Rüstung beseitigt; sonst müßte man sofort wieder von neuem rüsten. Keine Macht kann hinter der Kriegsstärke anderer zurückbleiben. Keine Macht kann dulden, daß die anderen in der Rüstung vorschreiteu; den» jedes Stehenbleiben ist ein Zurückgehen auf diesem Gebiete. Es kann auch niemand eine Garantie dafür übernehinen, daß man mit einer gewissen Trüppenzahl nicht geschlagen wird. Man sagt, wir haben nicht allein Vertrauen zur Zlrmee, sondern das ganze deutsche Volk fürchtet nur Gott . Schön! Wundervoll! Aber man kann so urchtlos ins Gefecht gehen wie der größte Held der Welt, allein man hat keine Gararnie, daß man nicht geschlagen wird, wenn die Waffen und Mannschaften nicht ausreichen. Wie Graf Molike über die Stärke im Kriege dachte, ist aus seiner Denk- schrift in dein Generalstabswerke zu ersehen, die ich bereits in der Kommisston vorgelesen habe. Er sagt darin unter anderm, Deutschland kann sich gegen Frankreich allein wehren; wäre es dazu nicht im stände, dann könnte es nicht mehr bestehen. Wir haben nicht das Bestreben der politischen Offensive, aber wir haben das Bedürfniß in der Lage zu sein, strategisch offensiv sein zu können, d. h. einen Kriegsschauplatz in des Feindes Land zu verlegen. Wir find darauf angewiesen, den Krieg schnell zu Ende zu ühren. Ob wir heute noch im stände sind, den Feind ab- zuwehren, selbst wenn ich nur nach Westen sehe, ich will nicht von zwei Fronten sprechen, das mag dahingestellt sein. Wir haben Grenzen, wie kaum eine andere Nation; man setzt sich über die Schicksale der Grenzlande zu cavalierement hinweg. Wir haben auf dem linken Rheinufer eine nicht abgeschlossene Grenze, an welcher eine große Festung liegt. Ungleich unglücklicher liegen unsere Grenzen im Osten. Die Grenze ist durch kein Ge birge, keinen Fluß geschützt. Kann uns das Schicksal dieser Grenzlande gleichgiltig sein? Ist es gleichgiltig, ob Ost- und Westpreußen , Posen und Schlesien von Russen überschwemmt wird? Ich rufe die Vertreter der Stadt Danzig auf! Erinnert ich Danzig noch, was es von der Belagerung auszuhalten hatte an Epidemieen, Hungers-, Feuers- und Wassersnolh. Lebhafter noch sind die Erinnerungen in der Pfalz . Die Pfalz mußte 1870 darauf gefaßt sein, der Kriegsschauplatz zu sein. Was ist natür licher, als daß man gerade da ein lebhaftes Interesse dafür hat, daß die Streitkräfte Deutschands möglichst verstärkt werden, damit der Kriegsschauplatz offensiv in die feindlichen Gebiete verlegt werden kann, lieber die Bewegung in der Pfalz ist in den Zeitungen mit Gespött hingewiesen worden. Warum haben wir denn Deutschland geschaffen? Um etwa unsere Grenzen preiszugeben oder um ein einig Volk von Brüdern zu haben und nicht an der Grenze beim ersten Wetterleuchten schutzlos dazustehen? Wenn Elsaß Lothringen Kriegsschauplatz werden soll, heißt das die Reichs- lande für Deutschland gewinnen? Ich glaube, Deutsch land will die Reichslande schützen und sie nicht preisgeben. (Beifall rechts.) Von den Gründen, welche für die Militär vorläge vorgebracht sind, ist nicht ein einziger widerlegt worden, man hat vielmehr anerkannt, die Militärvorlage ist ein durch dachtes Werk. Man kam schließlich dazu: Ja, wir geben Euch nicht mehr, seht nur zu, wie Jhr's macht. Zwei Fragen schienen mit Recht geltend gemacht werden zu können: die Unteroffizier- Frage und die Frage nach der Zahl der Tauglichen. Die Jlilitärverivaltung kann den Beweis beibringen, daß diese Fragen nicht von Bedeutung sind. Ferner die Deckungsfrage. Man ist bis zu sehr krassen Uebertreibungen gegangen; man hat gemeint, wir würden durch die Einführung der Steuern ein Volk von Bettlern werden.(Heiterkeit.) Das glaube ich nicht. Es ist klar, daß die aufgelegten Lasten drücken, daß niemand gern mehr zahlen will, namentlich wenn sein Abgeordneter ihm vorrechnet, daß es nicht nöthig ist. Aber sicher ist: die hervorragendsten Volkswirtdschaftslehrer sind der Meinung, daß die Militärlasten auf den Kops der Bevölkerung und überhaupt die Belastung auf den Kopf der Bevölkerung geringer sind, als bei andern Völkern. Wir halten die vorgeschlagenen Steuern noch jetzt für die besten. wir würden aber, wenn andere vorgeschlagen werden vom Reichstage. darüber in Erwägungen eintreten. Nun wurde der Militarismus, der alte Gaul aus den echsziger Jahren, wieder aus dem Stall hervorgeholt. neu aufgezäumt, und so lahm er war, uns vorgeritten. Er wurde als kulturfeindlich, als antiparlamentarisch bezeichnet. Die Sozialdemokraten schmückten ihn mit dem Beiwort: Der Moloch! Zur Zeit der Militärresorm in Preußen ging das Wort Militarismus einher mit dem Soldatenheer. Wenn Deutschland seine Kulturaufgabe erfüllen soll, muß es doch erst da sein, muß es doch erhalten werden! Jeder Mensch würde es doch vorziehen, Ausgaben für Kunst, Wissenschaft. Schule und Landesmelioration zu machen, das ist selbstverständlich. Aber wo sitzt in der Vorlage der Militarismus? Die Vorlage ist auf das mindeste Maß zugeschnitten, es ist keine vermeidliche Ausgabe darin enthalten. Bei allem Bemühen kann ich also diesen Ein- wand nicht als gerechtfertigt anerkennen. Ich glaube im Gegen- theil, daß man an der Armee Deutschlands manche gute Seite erkennen kann. Für die Anglie. erung der neuen Provinzen, für das Zusammenschweißen Deutschlands ist der Kitt die Armee gewesen. Man beruft sich auf die Volksstimme. Gewiß, es ist Verstimmung in vielen Landestheilen da, man wünscht Ver- schiedenes anders. Ich will nicht darauf eingehen, wie weit diese Verstimmung eine Folge unserer ganzen modernen Geistesrichtung ist, welche keine Befriedigung aufkommen läßt. Ich gebe auch zu, daß die Verstimmung zunehmen kann, wenn es nicht glückt, der Nation klar zu machen, daß diese Vorlage nothwendig ist. Man sagt: Warum aber im jetzigen Augenblicke eine solche Vorlage? Wir können nicht warten, bis wir die Probe vor dem Feinde machen müssen. Oder sollen wir warten, bis das Verlangen nach der Vorlage aus den Wahlkreisen kommt?(Heiterkeit links.) Wenn man aus Stimmungen Rücksicht nimmt, dann liegt es nahe, auch auf die Stimmung Rücksicht zu nehmen, welche im Lande vorhanden sein wird am ersten Mobilmachungstage. Dann brauchen wir die herzliche Theilnahme, das entschlossene Eintreten der ganzen Nation. Unser Auftreten wird bedingt von dem Gefühl, welches wir selbst von unserer Stärke dem Feinde gegenüber haben. Die Stimmung wird nur dann eine gute und mulhige sein, wenn die Sicherheit vorhanden ist, daß alles geschehen ist, was geschehen konnte. Dann wird es sich nicht um Geldopfer blos handeln, sondern auch um Blutopfer, die dann nicht inehr geringer ge- macht werden können. Wir werden aber an Blut sparen, weun zur rechten Zeit die Aenderungen vorgenommmen werden, die erforderlich sind, wenn unsere Armee verjüngt wird. Wir dürfen nicht das Gefühl, die Schwächeren zu sein, in der Nation auf- kommen lassen. Wenn die Militärvorlage nicht zu stände känie, würde im Volk und in der Armee etwas von dem Gefühl zurück- bleiben, wir sind nicht mehr so stark wie früher. Es wird die Zeit kommen, wo eine volle Patronentasche mehr werth ist, als ein volles Portemonnaie. Zu dieser Zeit soll uns nicht der Vor- wurf treffen, daß wir den richtigen Augenblick versäumt haben, Die verbündeten Regierungen wollen das Ihrige thun, um das Bewußtsein zu haben, daß sie nichts ver- säumt haben. Wir wollen nicht, daß das Volk und die Armee eine Einbuße an Selbstgefühl erleidet. Wir würden es schmerzlich empfinden, wenn die Militärvorlage abgelehnt wird. Handel und Wandel wollen mit Zuversicht darauf rechnen können, daß sie für längere Zeit nicht gestört werden. Wenn die Militärvorlage nicht durchgeht, wird auch für die Landwirthschaft eine Beunruhigung eintreten; bei jedem politischen Wölkchen wird man nach dem Wetterglase laufen, um zu sehen, wie es steht. Wir würden die zweijährige Dienstzeit nicht einführen können, und den verheirathelen Mann, den Familienvater nicht an die Stelle bringen können, die ihm in Kriegsfällen zukommt. Ein patriotischer Mann, der lange im Auslands gelebt hat, sagt, daß er niemals ein so peinliches Ge- fühl gehabt habe, als jetzt während der Verhandlungen über die Militärvorlage. Wie wird es in der Presse des Auslandes aus- sehen, wenn die Militärvorlage fällt. Noch hält sich diese Presse zurück. Aber was nachher zu lesen sein wird, wird sehr peinlich sein. Man hat Gegenvorschläge gemacht: zunächst die Miliz. Im Reichstage wird sich wohl dafür keine Mehrheit finden. Aber es giebt Richtungen, welche der Miliz vorarbeiten, wie es Parteien giebt, welche der Sozialdemokratie vorarbeiten. Denn wenn man uns zumuthet, die zweijährige Dienstzeit ohne Ver- stärkung der Präsenz anzunehmen, so ist das der erste Schritt auf der Bahn zur Miliz. Der Antrag Althaus wiederholt euren Antrag aus der Kommission; er ist heute den verbündeten Re- gierungen ebenso unannehmbar, wie er es früher war. Auch der Antrag des Grafen Preysing, der früher Lieber hieß, trägt die Spuren des beginnenden Milizsystems an sich. In seinem Wahlkreise hat Herr Lieber eine Rede gehalten, in welcher er sagte: Mögen auch die Forderungen der Regierung vollkommen berechtigt sein, so ist das Bestehen einer Partei, wie das Zentrum, doch noch wichtiger. Vielleicht wird Herr Lieber in der Lage sein, mir das Körnchen von Patriotismus, welches in dieser Rede enthalten ist, nachzuweisen(Zustimmung rechts). Herr Bebel hielt in der Kommission eine Rede über die politische Lage, wie kein Regierungskommissar sie besser halten konnte. Ich hoffte, er würde schließen mit der Forderung: Also be- willigen wir die Militärvorlage(Heiterkeit), aber er verlangte eine Herabminderung der Präsenzstärke(Heiterkeit). Der„Vor- wärts" brachte eine Reihe von Artikeln über die Frage:„Kann Europa abrüsten?" Darin wurde die Jugenderziehung verlangt; Unteroffiziere sollten bei den Schulen angestellt werden. Und was denkt sich der Verfasser? Er schreibt: Wenn die Unter- offiziere aus der Heimlichkeit der Kaserne und entrückt dem ge- Heimen Prozeßversahren an die Oeffentlichkeit des Schulhoses kommen, dann wird die rebellische Jugend sie schon rnonm lehren. Also den Vorgesetzten sollen mores gelehrt werden! Ich begreife das bei den Sozialdemokraten, aber ich bedauere, daß andere ihnen dabei vorarbeiten. Der Antrag von Huene ist dankenswerth, aber ich kann mich darüber noch nichs äußern, denn der Antrag ist den Regierungen nicht früher zugegangen als den Abgeordneten. Es muß erst Rückfrage gehalten werden. Ich zweifle nicht, daß die verbündeten Regierungen dieVorlage vorziehen. Bei den Erwägungen über den Antrag Huene wird auch die Rücksicht auf die Möglichkeit der Neuwahl mitsprechen. Die Regierungen verkennen den Ernst der Sachlage nicht. Für Preußen und das Reich bin ich zu der Erklärung ermächtigt, daß sie eine annehmbare Lösung der Frage in dem Antrage er- blicken. Wir behalten uns vor, wenn doch Neuwahlen kommen �ollien, die Konzessionen wieder zurückzunehmen. Wir treten auf zen Boden des Quinquennats, zu weiterem haben wir uns nicht verpflichtet. Wir sind bei der Zustimmung zum Antrag Huene bis an die äußerste Grenze gegangen. Ich bitte, kommen Sie mit uns und bewilligen Sie das, was für die Ehre und Sicher- heit Deutschlands und Europas nothwendig ist.(Beifall rechts.) Kriegsminister v. Kaltenborn : In der Kommission ist den Ausführungen der Militärverwaltung Widerspruch von ver- chiedenen Seiten entgegengestellt worden, aber eine Widerlegung haben ihre Gründe nicht gefunden. Die Vorlage bildet ein ab- geschlossenes Ganzes, aus welchem einzelne Theile nicht heraus- genommen werden können- deshalb mußte die Heeresverwaltung alle einzelnen Theile vertheidigen. Die Heeresverwaltung hat auch die Genugthuung gehabt, daß z. B. bezüglich der vierten Bataillone selbst Gegner dieser Einrichtung sich schließlich für dieselben erklärten. Es war eine falsche Auffassung, daß man immer die zweijähnge Dienstzeit als die Hauptsache, das übrige nur als den Kaufpreis betrachtete, während gerade die zweijährige Dienstzeit nur ein Mittel zur Ver- inehrung der Truppen aus dem finanziell günstigsten Wege ist. Bezüglich der Zahl der Tauglichen hat die letzte Aushebung er- geben, daß noch eine große Anzahl von Tauglichen selbst bei Ver- stärkung der Aushebung übrig bleiben wird. Auch das Manque- ment von Unteroffizieren wird gedeckt werden können, und wir hoffen, daß dies in noch kürzerer Zeit der Fall sein wird als in den sechziger Jahren. Damit sind die Bedenken wohl widerlegt, welche in der Kommisston geltend gemacht sind. Ich möchte das Haus bitten, noch in letzter Stunde seine Zustimmung zu dem Vorschlage zu geben, der das erstrebte Ziel auf die billigst« Weise zu erreichen sucht. Abg. v. Huene(Z.): Es war für mich ein ernster und chwerer Entschluß, mit diesem Antrage vor den Reichstag zu treten, weil ich es thun mußte mit der Erkennlniß, daß nur eine kleine Minorität aus den Reihen meiner Freunde sich aus den Boden meines Antrages stellen würde. Wenn ich es trotzdem ge- lhan habe, so war für mich maßgebend die Erwägung der großen vaterländischen Interessen, welche hier auf dem Spiele stehen. Der Referent hat betont, daß der Feind uns nicht uneinig finden würde. Was nützt uns die Einigkeit gegenüber dem Feinde, der Patriotismus mit dem Stocke in der Hand, wenn wir nicht die Wehrhafligkeit haben, den Feind zurückzuschlagen.(Sehr richtig! rechts.) Bei der ersten Berathung theilte ich die Punkte mit, über welche meine politischen Freunde sich damals geeinigt halten: ivir konnten nicht die volle Bewilligung aussprechen, wir wollten bewilligen, was zur Durchführung der 2jähr. Dienstzeit nothwendig war. Ich war damals bereits der Ansicht, daß wir innerhalb der jetzigen Präsenz nicht die zweijährige Dienstzeit durchführen können. Wenn ich mit dieser Ansicht nicht hervorgetreten bin, so geschah es aus Rücksicht auf meine politischen Freunde. Ich labe damals auch nicht geglaubt, daß ich so weit entgegen- kommen müßte, wie es in dem Antrag steht. Aber wenn man die Sache drei Monate lang erwägt und sachlich behandelt, so kann man auf grund sachlicher Erwägungen weiter kommen als auf Grund einer vorher gefaßten Meinung. Wenn man die Blätter liest, sollte man glauben, wir hätten in Deutschland nicht die allgemeine Wehrpflicht, sondern sollten sie erst einführen. Jeder Deutsche ist wehrpflichtig; es kommt blos daraus an, wie weit will man diese allgemeine Wehrpflicht verwirklichen. Dabei kommen auch die wirthschaftljchen Verhältnisse in Betracht und
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