Nr. 17. N.ZchMg. 1. KcilU i>cs.Awiirls" Knlim MM lrMg. 2t. Illnmr IM Keickstag. ?1. Sitzung. Donnerstag, den 20. Januar, nachmittags 1 Uhr. Slm DundeSratstische: v. S ch o e n. L i S c o. Der Freundschafts » und Handelsvertrag zwischen dem Deutschen Reiche und Bolivien wird m dritter Beratung nach einigen Bemerkungen des Abg. Manz(frf. Vp.>, der gegen die in Frankreich geplanten Zollerhvhungen eventuell Re- v r e s s a l i e n verlangt, vor allem im Interesse der württembergischen Metallwarenindustrie, angenommen. Es folgt die zweite Beratung deS Etats für die Reichsjustizverwaltung. Beim Titel„Gehalt des Staatssekretärs" 44 MV M. beginnt die allgemeine Besprechung. Abg. Dr. Bclzer(Z.): Die Reform des Strafrechts wünschen »vir mit allem Nachdruck gefördert. Weiter teilen wir den im Antrage Ablaß ausgesprochenen Wunsch nach einer Sicherung der Ausbildung der Tarifgemeinschaften zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Sehr notwendig ist, wie auch ein Antrag von uns verlangt, daß bei Ausschluß der Oeffentlichkeit auch die Presse ausgeschlossen wird; gerade die Sensationspresse bemächtigt sich der Stoffe, die dort verhandelt werden, und deshalb ist es dahin gekommen, daß heute selbst in Dörfern über Laster gesprochen wird, die früher höchstens in Großstädten bekannt waren. (Sehr richtig! im Zentrum.) Wiederholen will ich, was von unserer Seite schon im vorigen Jahre ausgeführt ist, daß bei der Frage, ob etwas künstlerisch oder sittlich ist, der Künstler durchaus kein be- rufener Sachverständiger ist. Ebenso mutz bei objektiv unsitt- lichen Darstellungen eine Bestrafung eintreten, gleichgültig ob der Täter das subjektive Bewußtsein von der Unsittlichkeit gehabt hat. Die Sozialdemokraten haben einen Antrag eingebracht: das nicht pfändbare Einkommen auf 2SM M. zu erhöhen. Das ist für uns ganz undiskutabel; man soll nicht nur an den Schuldner denken, sondern auch an den Gläubiger.(Sehr richtig! im Zentrum.)— Ueber den freisinnigen Anirag, die Zuständigkeit der Gewerbe- gerichte auszudehnen, will ich mich nicht auslaffen, aber der Schaffung von neuen Sondergerichten werden wir nicht zustimmen. Die neue Auflage des Prozesses Eulenburg gibt zu Einwendungen nicht Anlaß. Mit Recht erregte es Empörung, daß dem Angeklagten gestattet wurde, nach Gastein zu gehen. Vielleicht infolge dieser Empörung fand dann die Verhandlung statt, in der einwand- frei festgestellt wurde, daß die Durchführung deS Prozesses nicht möglich war. Aber die Mahnung müssen wir aus dem Prozeß entnehmen, daß die Aufdeckung der sittlichen Fäulnis höherer Schichten vergiftend auf die niederen Volkskreise wirkt. sSehr richtig I im Zentrum.) Deshalb hoffe ich, daß unser Antrag auf Ausschluß der Presse bei Ausschluß der Oeffentlichkeit angenommen wird. Bei dem Automobilgesetz nahmen wir im vorigen Jahre eine Resolution an, daß der Automobilsport auf öffentlichen Wegen auf- hören soll. Gleich darauf ging die Prinz Heinrich- Fahrt los. Ich bitte den Staatssekretär, den Wünschen des Reichstages bester Geltung zu verschaffen.(Bravo I im Zentrum.) Abg. Dr. Giese(I.): Unbedingt notwendig ist eine Entlastung oeS Reichsgerichts. Aber durch eine Vermehrung der Senate könnte leicht die Einheitlichkeit der Rechtsprechung leiden. Deshalb sollte lieber die Möglichkeit der Revision und der Berufung ans Reichs- gericht eingeschränkt werden; z. B. sollte sie nicht möglich sein, wenn gleichlautende Urteile in den Vorinstanzen ergangen sind. Abg. Dr. Junck(natl.): Auf dem Gebiete der Sozialpolitik harren unser große und schwierige Aufgaben in der Regelung der Rechtsfähigkeit der Berufsvereine und der Regelung des Tarifvertragswesens. Diese populären Forderungen sollte die Regierung recht bald zu erfüllen suchen. Ich möchte dem Herrn Staatssekretär diese junge Blüte des Tarifvertragswesens besonders ans Herz legen. sHeilerkeit.) Die Richter sollten aus der Beamtenhierarchie heraus- genommen werden, damit ihre Unabhängigkeit auch dem Staate gegenüber voll gewahrt ist. Es sollte nicht vorkommen, daß deutsche Richlersprüche von hohen Staats- oder Reichsbehörden, noch dazu von politischen Behörden, kritisiert werden. Ich erinnere an den Fall der Beschlagnahme von Geldern der russtichen Regierung kleines Feuilleton. Theater. Deutsches Theater:»Der gute König Dagobert', Lustspiel von Andrö Rivoire. Die Märchenkomödie vom guten König Dagobert, der sich in Paris als Held eines vielgesungenen Chansons ausgedehnter Popularität erfreuen soll, hat es dort zu starken Kasseneriolgen gebracht. Die Mode hat eben unberechenbare Launen. Wie Reinhardt diese Ware zum Import nach Deutschland übernehmen konnte, ist schwer verständlich. Ihr fehlen alle küust- lerischen Qualitäten, ja auch jene elegante Leichtigkeit, die im raschen Vorübergleiten der Szenen flüchtige Unterhaltung schafft. DaS Märchenkostüm dient nicht einem Spiel des Witzes und der Phantasie, sondern gibt nur den Vorwand, um einige raffiniert ausgeklügelte Pikantericn, ohne den Zwang einer auch nur halbwegs glaubhaften Motivierung, an den Mann zu bringen. Der Dialog, der in den besseren französischen Schwänken oft so hurtig virtuos von Pointe zu Pointe huscht, versandet hier in leerer Breite. Die Verse, die der Wiener Kritiker Felix Sölten gewiß in recht gewandter Weise übertragen hat, sind nur ein Mittel, um das Nichts, das die Personen sagen, zu dehnen und zu strecken. Die Ungewöhniichkeit, der Wortwitz der Reime soll da ein Surrogat des wirklichen Witzes sein. Zu irgend welcher lustigen Verspottung des Gottesgnaden-Königtums, woran der Titel denken läßt, findet sich kaum irgendwo ein schwacher Ansatz. Was der Geschmacklosigkeit die Krone aufsetzt ist die Art, wie der Auior jene Pilanterien, auf die es ihm ankommt, mit einer süßlich falschen, augenverdrehenden Sensiinentalität versetzt. Die parfümierte Schwüle nächtlicher Alkovenszenen wechselt mit bengalisch oraiorischer Feuerwerksbeleuchtung des Opfermuts wahrer Liebe ab, die zu guterletzt auch den verdienten Lohn erhält. Eine bereits anderweitig verliebte Prinzessin, die dem jungen Nichts nutz und Schürzenjäger Dagobert als Gemahlin zugeführt wird, hat gegen die vorteilhafte Ehe nichts einzuwenden, wofern sich nur für die ersten drei Nächte— länger hält es der angenehme junge Mann bei keiner Fra» aus— eine Stell vertreierin für sie finde. Ihre Helfershelfer fabrizieren zu dem Zwecke eine Prophezeiung, daß Dagobert sofort sterben müsse, wenn er seine Galiin anöers als im Dunkel der Nacht berühre. Auch eine Sklavin ist sofort zur Stelle, die die gewünschte Rolle übernehmen will. Aber nicht um schnöde» Geldlohn noch aus weiblicher Eitelkeit, sondern weil sie durch eine andere Version der Prophezeiung zu dem Glauben gebracht wird, nur durch einen solchen Betrug könne der gute König, den sie verschwiegen und gar herzinniglich liebt, gerettet werden. So düpiert sie ihn aus lauter Hingebung und Edelmut— das brave Kind. Und ihre Zärtlichkeiten wirken so enthusiasmierend auf den Jüngling, daß, wie vorauszusehen war, die legitime Gattin in helle Eifersucht verfällt. Der Clou besteht darin, daß Dagobert in der zweiten Nacht im dunklen Zimmer von beiden Frauen empfangen wird und abwechselnd von der und jener einen Kuß bekommt, bis er den Unterschied entdeckt und Fackeln kommen läßt.� Er rast höchst niajestätisch, verbannt die Prinzessin, gibt Order, die Sklavin aufzuknüpfen, präsentiert sie aber schließlich den jubelnden Untertanen als neue Königin. Denn erst durch sie er- fuhr er: was Liebe»st. bei dem Bankhause Mendelssohn . Der Einspruch Rnßlands war verspätet, nachdem Rußland sich einmal dem deutschen Gericht unterworfen halte. Vom Auswärtigen Amt ist ein deutsches Ge- richtsurteil in dieser Angelegenheit als nichtig und Wirkung»- l o s bezeichnet worden! Das ist außerordentlich bedauerlich. Das Echo im Ausland auf die Kritik eines deutschen Urteils durch das preußische Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten, vertreten durch Freiherrn von Schoen, war wenig erfreulich. Dazu kommt, daß das Reichsgericht und die Mehrheit der Völkerrechtslehrer anderer Meinung sind als Freiherr von Schoen! Solche Fälle müßten völkerrechtlich geregelt werden. Ich hoffe, daß der Herr Staatssekretär, dem lmr alle Vertrauen entgegenbringen, stets für die deutsche Justiz eintreten wird.(Bravo I bei den National- liberalen.) Staatssekretär Dr. Lisro: Der Entwurf betr. die Entlastung des Reichsgerichts wird, wie ich hoffe, Mitte Februar dem Sieichstage zugehen. Die Angelegenheit deS Tarifvertragswesens, soweit sie das Privatrecht betrifft, behalte ich im Auge, aber das führende Ressort in dieser Frage ist das Reichsamt des Innern. Ueber das inter - nationale Recht wird im Juni im Haag eine Konferenz tagen, die Konferenz zur Bekämpfung der Pornographie wahrscheinlich im März in Paris . Was den Zentrumsantrag betrifft auf Ausschluß der Preste bei Prozessen, bei welchen wegen Gefährdung der Sittlichkeit die Oeffentlichkeit ausgeschlossen ist, so ist eS Sache jedes einzelnen Gerichts, darüber zu befinden, welche Berichterstattung und in welchem Umfange zuzulassen ist. Auf dem Verwaltungswege könnte nur insofern etwas getan werden, als die Staatsanwälte angewiesen werden, vor Gericht Anträge in dieser Richtung zu stellen. Ueber eine etwaige Gesetzesänderung wird sich schon bei der Strafprozeß- ordnung verhandeln lassen. Was die Gebührenordnung für Rechtsanwälte betrifft, so ist an- zuerkennen, daß die Gebühren dey gegenwärtigen Verhältnissen nicht mehr entsprechen. Dasselbe gilt für die Gebühren von Zeugen und Sachverständigen. Aber ihre Erhöhung würde Millionen erfordern, und deshalb wird ein in Preußen bereits ausgearbeiteter Entwurf, durch, welchen die Gebühren für Zeugen und Sachverständige erhöht werden, vorläufig nicht vorgelegt werden. Abg. Dove(frs. Vg.): Die Sparsamkeit bei der Frage der Er- höhung der Sachverständigengebühren halte ich für wenig angebracht. Auf die paar Millionen sollte es nicht ankommen, die können viel leichter beim Militär- und Marineamt gespart werden. (Sehr richtig I links.) Bei den heurigen Zuständen sind Gut- achten von Autoritäten kaum zu bekommen.(Sehr richtig I links.) Die Frage der Entlastung des Reichsgerichts ist durch daS Notaesetz über Erhöhung der Revisionssumme nicht gelöst worden. Die Lösung durch die Formel„duae conkormes"(Ausschluß der Revision, wenn beide Vorinstanzen übereinstimmen) ist sehr bedenklich und stößt bei den Praktikern und Theoretikern, die davon eine Gefährdung der Rechtseinheitlichkeit fürchten, auf entschiedenen Widerstand. Im Kampfe gegen die Schmutzliteratur sind wir alle einig. ES fragt sich aber, ob hier mit Gesetzen etwaS zu erreichen ist.(Sehr wahr! links.) Bester ist die Schaffung einer wertvollen Volksliteratur und Volkskunst. Mit Gesetzesbestimmungen schafft man die Möglich- keit arger Mißgriffe, zumal da bekanntlich die Ansichten über das Wesen der Kunst, über das, was anstößig ist und nicht, weit auseinander gehen.(Sehr wahr l links.) Abg. Heine(Soz.): Der erste der Herren Redner begann mit der Anerkennung der Verdienste des Herrn Nieberding. Auch wir verkennen nicht die Ver- dienste des Herrn Nieberding um das Zustandekommen des Bürger- lichen Gesetzbuches. Ebensowenig haben wir zu verschweigen, daß wir Jahre hindurch die allerschärssten Kämpfe mit Herrn Nieberding aus- zufechten hatten. Trotzdem haben wir manchen Kampf mit dem Vorgänger des Herrn Staatssekretärs auskämpfen müssen, Kämpfe, von denen ich in Anerkennung der Persönlichkeit des Herrn Staats- sekretärs Dr. Nieberding gern zugeben will, daß sie ihn oft auf- genötigt waren, nicht durch uns, sondern durch die Verhältnisse. Für einen Staatssekretär liegen die Dinge ja nicht so wie für einen Rechtsanwalt. Ich brauche schlechte Sachen als Rechtsanwalt nicht zu verteidigen. Ein Beamter sieht sich aber bei uns zu Lande häufig auch gezwungen, schlechte Dinge zu vertreten, und man darf das daher einem so trefflichen Herrn und Juristen wie Dr. Nieberding Harry Wal den deklamierte die Titelrolle mit jugendlichem Feuer. Ausgezeichnet in ihrer dekorativen Wirkung und dabei voll feiner Ironie war Tilla D u r i e u x als hochmütig steife nase- rümpfende Prinzessin. Waßmann bemühte sich, soweit der öde Text es irgend zuließ, dem Kanzler humoristische Finessen abzu- gewinnen. Der Applaus galt hoffentlich weniger dem Stücke als den Darstellern. dt. Schiller-Theater Charlottenburg :„Geschäft ist Geschäft', von Octave Mirbeau . DieS sozialkritische Schauspiel hat vor sieben Jahren in Paris seine französische und gleich danach am Wiener Hosburgtheater seine deutsche Uraufführung erlebt. Ein preußischer Hoskuustleutnant würde es nie gewagt haben, solch' Stück aufzuführen, in dem die Geburtsaristokratie von heule in all' ihrer Hilflosigkeit und Kläglichkeit beleuchtet wird. Sie zehn bei Mirbeau bloß noch von den Traditionen ihrer Vergangenheit. Fetzen um Fetzen fällt von ihrem Gewände ab; und mehr und mehr ist sie in die fatale Lage gebracht, ihre abgestandenen„Grundsätze" von„Ehre",„Ritterlichkeit" und der- gleichen an die kapitalistische Gesellschaft zu veräußern. Maupastant hat diesen Aufsaugungsprozeß zuerst in verschiedenen seiner Novellen und Romane darzustellen unternommen. MirbeauS Kämpfer- natur folgt Maupastant auf ähnlichen Bahnen. Vwlleicht ist er der schärfste Angreifer der gegenwärtigen Gesellschaft. Der kapitalistische Grundsatz:„Geschäft ist Geschäft" wird hier mit brutaler Schärfe beleuchtet. Fransois Lcchat, die Bestie von einem Geldmenschen, dem als einziges und ausschließliches Machtmittel nur das„Geschäft" gilt, der von sich selbst, halb ärgerlich, halb stolz sagt. daß man ihn eine Tigerkatze nennt, bildet den Mittelpunkt dieser bis zur Kraßheit emporgesteigerten Tragikomödie. Lechat verwandelt alles, was da ist, in ein Geschäft; selbst die Tochter will er verhandeln. An der alles ausgleichenden, höheren Gerechtig- keit scheitert aber auch er; denn letzten EndeS bricht sein Lebenswerk zernichtet in sich zusammen. Die Tochter geht mit ihrem Geliebten, einem armen, Lechat zu Dank verpflichteten Chemiker in dem Augenblicke, da er sie an den entgleisten Sohn eines Grafen zu verheiraten hofft, auf und davon. Der Sohn— ein„Früchil"— an dem Lechat mit Affenliebe hängt, verliert bei einem Automobilunfall das Leben. Zum erste» Male rührt sich in seiner Seele ein menschliches Gefühl; er stöhnt auf in echtem Schmerz. Und diese Gebrocheuheit des Mannes wollen zwei geriebene Ingenieure ausnutzen; in seiner zerrütteten, halb irren Verfassting, so kalkulieren sie, wird er einen gefälschten Vertrag blindlings unterschreiben. Aber sie irren sich: der brutale Geschäflsmami erwacht doch im rechten Moment. Lechat durchschaut den Betrug und, während die Leiche des Sohnes ins HanS gebracht wird, diktiert er den Gaunern seine eigenen, sie nun selbst zur Ohne macht verurteilenden Bedingungen. Dann erst geht er wankend zu seiuen» toten Sohne... Namentlich in diesem Akt, dem letzten, zeigt sich Mirbeau als Dramatiker und ätzender Sozialkritiker von unwiderstehlicher Gewalt. Hier setzten die Hauptdarsteller aber aud> alle schau- spielerischen Mittel ein. Paul B i l d t(Lechat), Else W a s a(Ger - maine ), Maria Gundra(Frau Lechat) gaben ganz vorzügliche Leistungen: zum Teil auch Harry Fo erster(Garraud). sowie Otto Rembe und Max Kirjchner. die die beiden Gauner darstellten. Die ganze Aufführung verdient durchweg Lob und Anerkennung. 9. it. nicht übelnehmen. Ich danke aber dem Staatssekretär, daß er seine erste Rede gehalten hat mit der Versicherung, daß er immer ein- treten werde für daS, was recht sei. Wir werden Gelegenheit nehmen, ihn daran zu erinnern, ich fürchte, öfter als ihm lieb ist. Angeschnitten ist dann die Frage der Entlastung des Reichsgerichts. Wir werden auf's entschiedenste dagegen kämpfen, daß die Pro« zeste mit kleinen Objekten, die Prozesse des Volkes, der oberen In» stanz entzogen werden. Ebenso werden wir uns dagegen wenden, daß das Reichsgericht nicht anzurufen ist, wenn bereits zwei gleiche Urteile ergangen sind. Darin liegt eine Gefahr für den Richter selbst. In jedem Menschen liegt ein Hang zur Bequemlichkeit und wenn der Richter weiß: wenn ich so urteile wie der Vorderrichter, so kann mir keiner lvas— dann ist das eine Anreizung, es sich be» quem zu machen und das Pflichtbeivnßtsein einzuschläfern. Durchaus verwerflich ist jeder Versuch, die Oeffentlichkeit in Strafsache» noch mehr einzuschränken, und durchaus unbedenklich ist es, wenn in taktvoller Weise über Verhandlungen berichtet wird, bei denen die Oeffentlichkeit ausgeschlossen lvird. Man spricht vom Sckutz der heranwachsenden Jugend. Gewiß, ich möchte der heranwachsenden Jugend überhaupt nicht jede Tageszeitung ohne Unterschied in die Hände geben, namentlich die Sensationspresse, die gerade svlhe Sachen in der unangenehmsten Weise breittritt.(Sehr richtig I � bei den Sozialdemokraten.) Durch Gesetze kann man aber hier nichts erreichen, sondern durch gute Erziehung, durch gute Volksbildung. Man vermittele der Jugend die gute Literatur, die wir haben I Aber was tun unsere offiziellen Behörden, unsere Schulen in dieser Richtung, was tun namentlich die Behörden, die sich eine Aufsicht anmaßen über die Literatur, die in die Hände der jungen Leute des Volkes kommt? Ich erinnere Sie an das Vorgehen gegen den Verein für Volks» bildung. Man will die heranlvachseude Jugend auf das Niveau einer Traktätchenliteratur bringen, aber die Traktätchen auf der einen Seite haben auf der anderen Seite die Pornographie zur Folge; denn etwas will Phantasie und Geist zur Anregung haben, und gibt man ihm nicht die männliche starke kräftige Nahrung; dann stubt die heranwachsende Jugend daS, was sie für männlich stark hält: das sexuell Aufregende.(Sehr gut! links.) Wie treten die Behörden auf gegen die Bestrebungen, die unter der Jugend wirkliche Bildung, wissenschaftliches Interesse verbreiten wollen! Es ist gestern schon davon gesprochen worden, wie die Be- sirebungen für Jugendbildung, wenn sie wirklich vom Bolke, wenn sie von meinen Parteigenossen, von den Bildungsausschüsscn usw. aus- gehen, auf alle Weise als politisch verfolgt werden. Wenn man den jungen Leuten alles verschließen will, was heute alle Welt inter » essiert, was die Politik ein bißchen berührt, dann bleibt nichts übrig, dann greifen sie zur pornographischen Literatur.(Sehr wahr! links.) Ich erinnere an das vom.Simplicissimus" hinreichend charakte» risierte Urteil über den„Decameron " von Boccaccio . Ein Meister» werk von ewigem Ruhm wird hier durch eine subalterne Kammer in irgend einem subalternen preußischen Städtchen für Porno» graphisch erklärt I Dadurch erreicht man nur, daß die preußische Justiz lächerlich gemacht wird.(Sehr wahr I links.) Es gibt gewisse Dinge, die man durch die Augen des Sachverständigen an- sehen muß, um auf den richtigen Gesichtspunkt zu kommen. So gibt es zum Beispiel ein Urteil, wodurch ein Bild als unzüchtig bezeichnet wurde, weil die Teile eines nackten menschlichen Körpers, die nun einnial jeder menschliche Körper hat, in die Mitte des BildcS gekommen seien!(Hört I hört l links.) Darin wurde daS Kriterium der„Unzüchtigkeit" erblickt I Ein Maler als gerichtlicher Such- verständiger würde haben bestätigen können, daß lediglich Rück» sicksten aus die Komposition des Bildes dafür maßgebend gewesen sind, daß diese gefährliche Stelle des Körpers(Heiterkeit) in dre Mitte des Bildes kam. Solange Laien auf Grund ihres angeblich gesunden Menschenverstandes solche Dummheiten machen, muß man eben Sach- verständige heranziehen, die entscheiden, was wirklich künstlerisch und was pornographisch ist.(Sehr richtig! links.) Den Vorentwurs zu einem Strafgesetzbuch bezeichnete der Staats» sekretär neulich als Privatarbeit und verwahrte sich dagegen, daß man das ReichSjustizamt dafür verantwortlich macht. Aber es haben doch Mitglieder des ReichSjustizamts in der Kommission mitgewirkt, und auf dem Titel des Entwurfs steht: Veröffentlicht auf An» Berliner Theater: Macbeth von Shakespeare . Man spielte das ganze Drama(ohne Kürzungen, die es in der Bilderbogenfolge der Begebenheiten so gut verträgt), aber man spielte es nicht ganz. Macbeth und Lady Macbeth ließen sich ver- treten, aber waren nicht selber zugegen. Macbeth ist ein Held auch bei Shakespeare , wenn er auch von Skrupeln und Gewissensbissen erfüllt ist, die dem urlvüchstgen Recken einer barbarischen Zeit so fremd sein mußten wie einem Renaissanceusurpator. In diesem Rembrandtschen Gemälde, in dem Licht und Schatten kämpfen, darf der Zug der Größe und des Sieghaften nicht fehlen. Herr Heine aber blieb ihn schuldig und bot uns dafür unverbundenen Wechsel erregter Beweglichkeit und brutaler Kraft» pose. Er war in keiner Fiber der selbstherrliche Held, der unter dem dämonischen Einwirken des Ehrgeizes und der Anstachelung der ihn beherrschenden Frau, zum Verbrecher wird. Und auch in der äußere» Erscheinung war er es nicht. Diesen Grundmangel konnten alle klug berechneten Einzelheiten nicht ersetzen. Die Lady Macbeth, so mannigfach sie im einzelnen ausgefaßt werden mag, ist ohne leiden- schastliche Größe, die uns mitreißt und erschreckt zugleich, nicht denkbar. Die Macbeth der Frau Louise D u m o n t(vom Düsseldorfer Stadt-Theater) aber ließ kalt, sie hatte nichts Ueberragendes, obwohl sie manchmal akademisch stelzte und schön stilisierte(wodurch die Nachtwandlerszene ein Experiment statt eines erschütternden Erlebnisses wurde). Bester gelangen die kleineren Besetzungen. Herr C l e w i n g bringt den einfachen, kraftvollen Macduff sehr sympathisch heraus, auch der Banquo des Herrn Klein und der Duncan des Herrn B o tz ließen sich sehen. Etwas jugendlich, aber doch auch temperamentvoll gab Herr Bergen den Köniassohn Malcolm. Der Pförtner Meinhards war gut shakespearifch. Die Mörder waren vor lauter Sucht nach Charakteristik total parodistisch ge» raten. In der Inszenierung war man zu puritanisch verfahren. Bernauer wollte offenbar große Rauinivirkungen erzielen, wurde aber in den Höfen und Zimmern kahl und dürstig und farblo». Die Schrecken der Mordnacht wurden z. B. unter den stiminungS» losen Bogengängen nicht lebendig und das Schloß Dunsinan bestand aus einigen rupfenbespannten spanischen Wänden. Wirkliche Stimmung hatten nur die ersten Hexenszeucn. Im ganzen: ein Experiment, an das redliche Mühe gewandt war, aber dem das Gelingen versagt blieb.—t. Notizen. — Im Hebbel-Theater ist ein neues Provisorium ge» schaffen worden, da eine neue Vermietung in der laufenden Sastou unausführbar erscheint. Vom 1. Februar ab übeniinimt Dr. Karl Schwarz(zuletzt Oberregissenr am Kleinen Theater) im Einvernehmen mit dem Hauseigentümer Dr. Reiß bis Ende Mai die Leitung. Die Mitglieder sollen sichergestellt werden. Vom t. September ab soll dann das Theater neu verpachtet werden. — Nichts Neues von Gook. Die Kopenhagener Professoren haben jetzt auch Cooks Originalnotizen geprüft und gefunden, daß sie genau so wenig beweisen, daß er am Nordpol war, wie die Ab» schriften, die ihnen zuerst vorlagen. Eine direkte Verbindung mit Eopk war nicht herzustellen.
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